laut.de-Kritik

Die souveränste mögliche Antwort auf die titelgebende Frage.

Review von

Seit den verdammten Dreißigern hat Blue Note Records ein paar der wichtigsten Musiker der Musikgeschichte veröffentlicht: Miles Davis, Sonny Rollins, Bud Powell, Art Blakey. Die Jazz-Geschichte und besonders das Hard Bop-Zeitalter wäre ohne das Label mit dem blauen Stempel ganz anders verlaufen. Es hat jedoch bis in die Siebziger gedauert, bis Blue Note die Musik einer Frau veröffentlichte. Marlena Shaw kam gerade vom ebenso prestigeträchtigen Cadet Records, wo sie 1969 bereits das bemerkenswerte "Spices Of Life" veröffentlicht hatte, inklusive einem der besten Soul-Songs aller Zeiten mit "California Soul" und dem späteren Hip Hop-Sample-Klassiker "Woman Of The Ghetto". Zwei Jahre tourt sie als Stimme von Count Basies Ensemble, dann kehrt sie zurück nach New York, um mit aller Macht ihrer musikalischen Stimme die wichtigste Frage von allen zu beantworten: "Who Is That Bitch, Anyway?"

Mehr als unüblich steigt sie ein: "You Me And Ethel/Street Walkin Woman" begrüßt Hörer und Hörerin mit einem dreiminütigen Interlude, auf dem die Protagonistin sich als eine Dienstleisterin von "social services" vorstellt. Ein Mann mit stolzen 25 Dollar in der Tasche möchte mit ihr Hochzeitstag feiern. Es hört sich wie Blaxploitation an, der Humor trifft gnadenlos satirisch ins Schwarze. Und ist keine Sekunde gealtert. Wie souverän und emanzipatorisch Shaw sich hier über Freier-Kultur und Männlichkeit lustig macht, zeigt schon, wie kompromisslos die Frau über das ganze Album auftreten wird.

Das darauf folgende "Street Walkin' Woman" liefert einen absoluten Hitter: Die Frau auf dem Heimweg wimmelt aufdringliche Typen ab, kurze Soul-Passagen, "I gotta get home", singt sie, dann traben Bassgitarre, Piano-Hits und energetische Drums auf und drehen auf verspielten Jazz-Passagen das Tempo auf. Das klingt nicht nur wunderbar abgeklärt nach wuseligem Stadtleben in der Sommernacht, sondern gibt Shaw auch allen Raum, ihre Agilität und ihre Attitüde zu zeigen, die so akut modern klingt, dass man kaum glauben kann, dass dieses Album bereits 50 Jahre auf dem Rücken trägt.

Die große Stärke, die sie von ähnlichen Stimmen wie Roberta Flack oder ihrem Gesangs-Vorbild Al Hibbler abhebt, ist dabei nicht nur diese erfrischen emanzipatorische Durchschlagskraft, sondern ihr ebenso progressives Gefühl für das Verschmelzen von Genres. Die darauf folgenden Balladen nehmen sich Produktions-Ideen von überall und überbrücken die Grenzen von Soul, R'n'B, Gospel und Jazz, wie es zu der Zeit doch eher unüblich war. "Who Is That Bitch, Anyway?" siedelt sich im perfekten Schnittpunkt zwischen Blue Note, MoTown und Soul Train an. Die Produktion kommt indes von Leuten wie Gene McDaniels, die bereits mit Shaws Helden wie Dizzy Gillespie und auch mit Flack arbeitete – und ja, das Sound-Design klingt wie die Zeit eben klingt. Die E-Orgeln und die Streicher-Sektionen erinnern auf Süßholz-Nummern wie "Feel Like Making Love" und "You" an klassische Gassenhauer-Tricks.

Aber welches kalte Herz würde sich über 70er-Produktions-Lametta beschweren, wenn Shaw sich auf den hohen Tönen von "Davy" die Seele aus dem Leib singt? Und trotzdem gibt es diese kleinen Interludes wie das geschichtsbewusste "The Lord Giveth And The Lord Taketh Away", auf dem man die traditionelle Kansas-Schule von Basie heraushört. Wie eine kurze Live-Aufnahme tönt diese Anrufung ein und fädelt wieder aus, ein Interlude, das komplett auf Shaws Idee zurückgeht. Auch die epischen Crescendos am Schluss von "You Been Away Too Long" und die atmosphärische Band-Nummer "A Prelude For Rose Marie" geben manchen Stellen einen cineastischen Touch.

Und dann schließt "Who Is That Bitch, Anyway" mal eben mit einem der besten Soul-Songs aller Zeiten. Wir müssen über das unglaubliche "Loving You Is Like A Party" sprechen: Ein elektrisierendes Riff auf der Hammond-Orgel steigt ein, dann entsteht einer der kopfnickendsten Mid-Tempo-Grooves, den man auf irgendeinem Album hören wird, und Shaw setzt ein, über eine verflossene Liebe zu singen. Langsam, melancholisch am Anfang, bevor der Pre-Chorus die Melodie langsam die Stimmung anhebt. "I know I will heal up in time", hebt sie in den Chorus ab, der nur aus dem titelgebenden Satz besteht. Solo. "Loving You Was Like A Party" baut über die vier Minuten Laufzeit so viel Euphorie auf, dass die Belts der letzten Minute geradezu ekstatisch anfühlt. Es mag vorbei sein, aber Shaw bereut ihre Entscheidungen nicht. Saxophone, Orgeln, ein Groove für die Götter, der Synthesizer hebt ab wie ein Helikopter. "Let's have a party" singt sie dann abschließend, völlig in sich und in ihren Entscheidungen ruhend.

"Rose Marie (Mon Cherie)" geht mit der Beschwingtheit einer Chanson-Nummer ab. Die reine Leichtigkeit, die Shaw auf diesem Stück ausstrahlt, bleibt unerreicht. "Watch the world go by with you" singt sie, wie ein Echo auf die Textzeile "watching winter turn to spring" auf "Feel Like Making Love". Es ist das perfekte Ende dieser Platte, denn es zeigt Marlena Shaw als eine Frau, die genau weiß, was sie tut und was sie will. Sie liefert stimmlich Unglaubliches, aber das Gesamtbild überzeugt nicht weniger: Die Arrangements, die Vielseitigkeit, die Attitüde. Ja, sie hat es nicht ganz in den Kanon der großen Jazz-Sängerinnen geschafft. Aber hört man sich eine Platte wie diese an, fragt man sich, warum. "Who Is This Bitch, Anyway?" ist die souveränste mögliche Antwort auf die titelgebende Frage.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. You Me And Ethel/Street Walkin Woman
  2. 2. You Taught Me How To Speak In Love
  3. 3. Davy
  4. 4. Feel Like Making Love
  5. 5. The Lord Giveth And The Lord Taketh Away
  6. 6. You Been Away Too Long
  7. 7. You
  8. 8. Loving You Was Like A Party
  9. 9. A Prelude For Rose Marie
  10. 10. Rose Marie (Mon Cherie)

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