laut.de-Kritik

Max Musterstraßenrapper mit einem Hauch von Fler.

Review von

Manuellsen hat einige Talente: Zum Beispiel ist er fantastisch darin, sich mit Leuten anzulegen. Statements zu anderen Rappern, NRW-Verbote, kontroverse Interviews, N-Wort-Debatten - der Mann weiß, wie man im Gespräch bleibt. So erklärt sich, dass sein Name im Deutschrap-Kosmos weitläufig verbreitet zu sein scheint, ohne dass irgendjemand wirklich einen Track von ihm benennen könnte.

"Der Löwe" erklärt dieses Phänomen eigentlich zutreffend: Musik machen ist einfach nicht die Stärke des Ruhrpotters. Achtzehn Titel lang zeigt er zwar brauchbare Rapflows und authentische Attitüde, aber auch komplette musikalische Orientierungslosigkeit. Und viel zu sagen hat er im Grunde auch nicht.

Es wäre ja nicht mal verkehrt, ein Album über eine derartige Laufzeit zu recorden. Doch irgendjemand hätte dem Löwen flüstern sollen, dass die alleinige Fähigkeit, einen ganz stimmigen Part auf einen Trap-Beat zu rappen kein Album trägt. In seinem Fall trägt es nicht einmal die ersten fünf Tracks, denn nachdem man bei "Plato O Plomo" merkt, erst eine Viertelstunde des durchgehend gleichförmigen Drumbeats abgesessen zu haben, stellt man fest, dass eine weitere Stunde davon wohl ein ziemlicher Krampf werden dürfte.

Manuellsen illustriert indes gekonnt, warum auch Trap ein wenig musikalisches Gespür voraussetzt. Denn statt Atmosphäre und Rhyhtmus klingt das 808-Geschrubbe so inspirationslos, dass das Album sich über die lange Laufzeit geradezu schmerzhaft gleichförmig vor sich hinschleppt. Allein die FL-Preset-Synthesizer oszillieren irgendwo zwischen 'bedrohlich.flp' und 'dramatisch.flp', womit auch die emotionale Reichweite umrissen wäre.

Das wird nicht dadurch besser, dass sein Songwriting scheinbar auf der Ja Rule-Formel Anfang der 2000er festzuhängen scheint. "Thugs Need Love, Too", heißt das Kredo in den emotionaleren Balladen. Auch sonst herrscht bei fast allen Anspielstationen dieselbe Songstruktur: Klare Trennung zwischen Rappart und Gesangshook, die zumeist vor schlecht ausgespieltem Autotune trieft, und statt R'n'B- oder Soul-Anleihen einfach nur Kitsch und Bedeutungslosigkeit hinzufügt.

Entweder grunzt er den Hörer auf Titeln wie "Dschungel" oder "Der Löwe" verbissen an – wobei man ihm zu Gute halten muss, dass er den todernsten Pöbler sehr authentisch verkörpert – oder winselt mimosenhaft irgendetwas über Frauen oder den Islam. Sollte man sich gerade zu Letzterem eine detaillierte und überzeugende Darstellung von gesellschaftlicher Kultur erhoffen, wird man enttäuscht.

Manuellsens Sicht auf die Welt ist zu oberflächlich, schwarz-weiß und seicht, als dass es zu einer ernsthaft interessanten Auseinandersetzung kommen könnte. Um die Rolle des neutralen Beobachters einnehmen zu können, strotzen seine Formulierungen zu sehr vor Bauernschläue und verurteilender Haltung. Gerade sein Frauenbild auf Tracks wie "Immer Für Mich Da" wirkt mehr als fragwürdig und chauvinistisch.

Es kristallisiert sich also über die Laufzeit des Albums heraus, dass es vor allem die Persona und Einstellung von Manuellsen ist, die Fans an den Musiker bindet, denn klanglich fährt "Der Löwe" auf Irrwegen. Es ist nicht mal die Tatsache, dass schlecht gerappt oder schlecht produziert worden wäre. Die Zusammenstellung und die Ideenlosigkeit sprechen vielmehr über den musikalischen Horizont des Rappers. Die 18 Titel strotzen vor Monotonie, fühlen sich an wie Max Musterstraßenrapper mit einer Prise Flers "Vibe" - der Modernität halber.

Fans von authentischem Straßenrap werden sich dementsprechend zumindest mit seinem Charakter und der ein oder anderen Aussage anfreunden können. Doch auch Genrehörer könnte man an dieser Stelle eigentlich eine Menge deutlich genießbarerer Projekte verschreiben. "Der Löwe" kommt nicht über eine monotone, unkreative Pöbelei hinaus, die sich aber zumindest durch Authentizität und handwerkliche Solidität halbwegs rettet.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Dschungel
  3. 3. Der Löwe
  4. 4. Plata o Plomo
  5. 5. Ich will feat. BATO
  6. 6. 5eir inshallah
  7. 7. Damals hatten wir garnichts feat. KEZ
  8. 8. Krieg an zwei Fronten
  9. 9. Immer für mich da
  10. 10. Schönste Lüge feat. Xenia Fatal
  11. 11. Endgegner feat. Capo
  12. 12. On Fk
  13. 13. Farbenblindes Strassenkind feat. Prinz Pi & Animus
  14. 14. Magnet feat. MoTrip
  15. 15. Nachtschicht 4.0
  16. 16. Gerüchte 3.0
  17. 17. Santorini Reflektion
  18. 18. Lüge

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20 Kommentare mit 17 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Jetzt mal was anderes: wann wurden diese Interviews denn dermaßen hochstilisiert? Noch vor Jahren gab es entweder gar keine oder Befragungen im Stile eines Speed-Datings

    Nun werden solche Aktionen ähnlich promoted wie ganze Alben, zu 90+ minütigen Laberfesten zu dann doch wieder nur mittelmäßigen Releases ausgerufen mit keinerlei Mehrwert für den Hörer. Sicher war ein deutlich angetrunkener Fler, der stundenlange Brüll- und Quatschkonversation betrieb erstmalig lustig und irgendwo unterhaltend, aber doch nicht alle paar Tage von D-Rap "Promi" hin zu vertrapten Pseudonewcomer. Es beweist doch eigentlich allein schon der Tatbestand, dass die Leute unter den Videos vermehrt die für Communities wirklich relevanten Infos rausfiltern und sekundengenau verlinken. Einfach weil der ganze Rest oftmals in einem gebetsmühlenartigen Salbaderbrei untergeht

    Es mag ja durchaus mal entspannend sein, sich ein bisschen sinnfrei berieseln zu lassen, nur woher allgemein der Hang zu diesen extra large Portionen daherkommt - gerade unter dem Gesichtspunkt der schnelllebigen Smartphone-Generation, wo niemand mehr Zeit und Sitzfleisch zu haben scheint - erschließt sich mir nicht ganz

    Das mal so als Einwurf zum ironischen Lauti-Zaunpfahl. Gibt wirklich Leute, die argumentieren genau so. Gute Interviews = gute Alben

  • Vor 2 Jahren

    einfach grauenhaft !!!!!!!!!!!!!