20. Oktober 2011

"Es gab Momente, in denen alles auf der Kippe stand"

Interview geführt von

Seit fast zwanzig Jahren sorgen Machine Head für härteste Beschallung in den Gemächern tausender Metalisten rund um den Globus. Was mit "Burn Your Eyes" 1994 begann, findet 2011 mit "Unto The Locust" seinen vorläufigen Höhepunkt.Die Mannen um Ober-Maschinenkopf Rob Flynn präsentieren sich im Zeichen der Heuschrecke härter, ausgereifter und vor allem komplexer als je zuvor. Was sich auf dem Vorgänger "The Blackening" bereits ankündigte, bauen Machine Head auf "Unto The Locust" weiter aus. Der Spirit vergangener Rock-Dekaden trifft auf zeitgemäßen Ultra-Thrash und bildet so eine musikalische Melange aus Wurzel und Krone. Frontmann Rob Flynn zeigt sich im Gespräch schwer begeistert vom neuen Material und plaudert zudem über unsichtbare Kollegen, seine Verbindung zu Lady Gaga und Kindheitserinnerungen.

Hi Rob, ihr habt gerade die "Rockstar-Mayhem-Tour" zusammen mit Disturbed, Godsmack und Megadeth beendet. Wie war's?

Rob: Es war fantastisch. Wir hatten alle eine tolle Zeit. Es war für uns eine super Gelegenheit kurz vor dem neuen Album auf uns aufmerksam zu machen. Gerade hier in den Staaten ist es als Metal-Band dieser Tage nicht immer einfach; insofern waren wir glücklich und happy, Teil dieser Tour zu sein.

Wie hat sich der Ablauf für euch dargestellt? Habt ihr allabendlich eröffnet?

Das war ganz unterschiedlich. Es gab oftmals zwei Bühnen. Wir haben teilweise die Main-Stage eröffnet oder als Headliner auf der Side-Stage gespielt. Das hat aber alles keine wirklich große Rolle gespielt, denn die Kids sind durchgehend ausgeflippt, egal, wer wann gespielt hat. Wir hatten im Durchschnitt zehntausend Fans pro Abend. Fucking Hell, yeah, es war richtig geil.

Das glaube ich dir gerne. Verlief denn hinter der Bühne auch alles reibungslos? Ich kann mir vorstellen, dass es hin und wieder auch zu Komplikationen kommt, wenn dermaßen viele Metal-Alpha-Tiere für eine ziemlich lange Zeit rund um die Uhr zusammenhocken, oder?

(lacht) Nein, nein. Alle haben sich lieb. Das ist kein Scherz. Wir haben uns alle bestens verstanden und es gab keinerlei Reibereien, wie man es vielleicht hätte erwarten können.

Es ist bestimmt auch von Vorteil, wenn der eine oder andere etwas schwierigere Charakter dann auch noch die Gabe hat, sich "unsichtbar" zu machen, oder?

Oh, du meinst Dave Mustaine?

Richtig.

Ja, der war schon auf unserer letzten Tour mit Megadeth nicht zu sehen. Diesmal habe ich ihn auch nicht zu Gesicht bekommen. Das ist schon etwas bizarr. Wahrscheinlich kann er sich wirklich "unsichtbar" machen, wer weiß?

Hättest du ihm nicht gerne ein paar deiner legendären "Skullbites" verpasst?

(lacht) Wo hast du das denn her? Shit, manche Dinge sollten einfach intern bleiben. Ich hatte diesmal leider kaum Zeit, mich in anderen Köpfen festzubeißen, da ich zwischen den Gigs immer wieder ins Studio zurückfliegen musste, um mich mit Juan Urteaga um den Mix des neuen Albums zu kümmern. Unser Langzeit-Produzent Colin Richardson war aufgrund eines familiären Todesfalls unabkömmlich.

Blickst du während einer so großen Tour eigentlich manchmal zurück und erinnerst dich an eure erste Tour im Jahr 1994 mit Napalm Death und Obituary? Und wenn ja, was hat sich deiner Meinung nach verändert?

Das ist schwer zu sagen. Die Erinnerungen sind natürlich noch vorhanden, schließlich war es unsere erste Tour seinerzeit. Ich denke, dass der größte Unterschied wohl ist, dass die Leute uns mittlerweile zuhören (lacht). Wir waren damals noch total unbekannt und taten uns vor allem in unserer Heimat sehr schwer, während "Burn My Eyes" in Europa sogar in den Charts landete.

Ich glaube, in der ersten Woche haben wir in Amerika ganze tausend Kopien verkauft. Das ist natürlich mehr als dünn. Insofern war die Tour immens wichtig, um uns und unsere Musik vorzustellen, auch wenn wir auf diesem Death Metal-Grindcore-Billing vielleicht etwas fehl am Platze wirkten (lacht).

Mittlerweile gehört das Touren zum Alltag. Ihr seid bekannt dafür, dass euch die Live-Präsenz immens wichtig ist. Bei anderen Bands fragt man sich vier Jahre nach dem letzten Album, was die denn die ganze Zeit getrieben haben, während man bei euch davon ausgehen kann, dass ihr wahrscheinlich öfter auf der Bühne als zuhause wart, oder?

Ja, exakt. Wir definieren uns vor allem live, ganz klar. So war es schon immer bei Machine Head. Wir haben seit "The Blackening" mehr als 380 Shows gespielt. Das deckte dann auch in etwa den Zeitrahmen der ersten drei Jahre nach dem Album. Wir haben dann einige Monate verschnauft, bevor Dave (Dave McClain, Drummer, Anm. d. Red.) und ich wieder an neuen Song-Ideen saßen.

"'Unto The Locust' birgt am meisten Hoffnung in sich"


In diesem Prozess spielte ja die Band Rush eine große Rolle. Eine Band, die man auf den ersten Blick nicht zwingend mit dem Schaffen von Machine Head verbindet, oder?

Ja, da gebe ich dir oberflächlich gesehen natürlich Recht. Wir sind bereits auf "The Blackening" wesentlich komplexer zu Werke gegangen und wollten auf "Unto The Locust" noch einen weiteren Schritt in diese Richtung gehen. Besonders inspiriert hat uns dabei das Rush-Album "Moving Pictures". Die Art und Weise wie die Band auf diesem Album Verbindungen zwischen unterschiedlichsten musikalischen Elementen geschaffen hat, diente uns als Ideal. All die Arrangements auf "Moving Pictures" und das dazugehörige Songwriting haben uns schwer beeindruckt und waren vom Ablauf und von der Arbeitsweise her sehr inspirierend für unsere Arbeit auf "Unto The Locust".

Ich sehe da vor allem den Song "This Is The End" auf eurem neuen Album, der sehr vielschichtig und komplex ist, als Eckpfeiler dieser Inspiration. Stimmst du mir da zu?

Auf jeden Fall.

Auch diesmal beschäftigt ihr euch lyrisch wieder eher mit den düsteren Seiten des Lebens. Besonders beeindruckt hat mich dabei der Inhalt von "Who We Are". Man könnte meinen, du legst mit deinen Vorwürfen und deiner Wut in diesem Text die Arme schützend um deine Band.

Das hast du schön gesagt, und das würde ich auch so stehenlassen. Ich denke, dass auf "Unto The Locust" viel Helles und Hoffnungsvolles zu hören ist. Natürlich ist die Platte düster, aber sie birgt definitiv am meisten Hoffnung von allen bisher erschienenen Machine Head-Alben in sich.

Ihr habt für das neue Album besonders hart an euch gearbeitet. Das ging sogar soweit, dass es mittlerweile Artikel zu lesen gibt, in denen Rob Flynn mit Lady Gaga in einem Atemzug genannt wird. Ist dir das peinlich?

Nein, die Leute vergessen nur, dass der Vocal-Coach mit dem ich für das neue Album zusammengearbeitet habe, neben Lady Gaga auch mit Mick Jagger und vielen anderen Rocksängern zu Gange war. Leider bleibt bei den Leuten aber nur der Name Lady Gaga haften.

Warum hast du überhaupt einen Lehrer in Anspruch genommen?

Nun, ich mache schon seit Jahren Warm Up-Übungen, die auf der Arbeitsweise von Don Lawrence basieren, aber ich habe ihn selbst nie getroffen. Also kontaktierte ich ihn und wir arbeiteten einige Stunden zusammen. Es war eine sehr wertvolle Erfahrung für mich und hat mich gesanglich weitergebracht. Es ging dabei aber weniger um den Klang meiner Stimme, sondern eher darum, einige schlechte Atem- und Gesangs-Gewohnheiten abzulegen, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hatten.

Das neue Album wurde in den Jingletown-Studios in Oakland produziert, das bekanntermaßen der Band Green Day gehört. Warum habt ihr euch für diese Studio entschieden?

Zunächst mal ist das Studio auf höchstem Niveau eingerichtet. Was die Technik anbelangt, zählt es zur Weltklasse. Was uns aber am meisten imponiert hat, war der Vibe des Studios. Neben all der hochmodernen Technik steht dort auch unheimlich viel analoges Equipment. Du hast überall Poster und Fotos von Leuten an den Wänden, die für Green Day eine Bedeutung haben. The Beatles, The Clash und viele andere Künstler in sehr intimen Momenten. Das hat schon eine besondere Atmosphäre, wenn dich beispielsweise auf dem Klo Martin Luther King angrinst.

Waren die Jungs von Green Day bei euren Aufnahmen zugegen?

Sie kamen ab und zu vorbei. Hier und da gibt es auch Verbindungen. Unser Basser Adam war zusammen mit Green Day-Drummer Tré Cool auf einer Schule und auch die Road-Crews beider Bands kennen sich ganz gut. Das sind sehr nette Zeitgenossen. Ich mag Green Day.

"Wir waren vom Glück gesegnet mit Metallica auf Tour gehen zu dürfen"


Wer hat diesmal Hand an euer Artwork gelegt? Man könnte fast meinen, da hatte ein gewisser H. R. Giger seine Finger im Spiel.

(lacht) Nein, der war es nicht. Als wir uns darüber Gedanken machten, stolperte ich über die Arbeiten von Paul Gerrard, der in Hollywood arbeitet und eher im CGI-Geschäft tätig ist. Nebenbei agiert er aber auch als Künstler. Er hatte noch nie mit irgendeiner Band zutun und ich fand es aufregend, so jemanden zu involvieren, zumal ich sehr beeindruckt von seinen Bildern war. Ich bat ihn also, uns eine kleine Vorauswahl zu schicken und kurz darauf lieferte er uns ein Paket voller Bilder und Vorschläge, die uns die Sprache verschlugen.

Machine Head hatten über die Jahre nicht immer nur Glück und Sonnenschein auf ihrer Seite. Es gab auch durchaus düstere Zeiten, vor allem was die personelle Situation in der Band betrifft. Wie würdest du die heutige Verfassung der Band beschreiben?

Ich denke, wir sind eine starke Gemeinschaft. Wir sind stolz auf die Arbeit der Vergangenheit und froh, dass wir es unserer Meinung nach geschafft haben, einen würdigen Nachfolger von "The Blackening" aufzunehmen. Wir werden sehen, was die Fans da draußen sagen werden, aber ich bin bester Dinge.

Es gab nicht immer Zeiten, wo man sicher sein konnte, das es die Band im Jahr 2011 noch geben wird. Erinnerst du dich an euer vielleicht düsterstes Kapitel?

Es gab einige Momente, wo alles auf der Kippe stand. Wir waren beispielsweise 2003 auf Label-Suche und hatten die Hoffnung fast schon aufgegeben. Dann gab es natürlich die Geschichte mit Logan (Logan Mader, Ex-Gitarrist), der uns verlassen musste; es kam so einiges zusammen, aber die schlimmste Zeit für mich persönlich waren die drei Monate als Phils (Phil Demmel, Gitarrist) Vater und Daves Mutter verstarben. Das war eine verdammt harte Zeit. Letztlich können wir uns, glaube ich, glücklich schätzen, immer noch am Start zu sein.

Um der neuen Metal-Generation ein weiteres Mal zu zeigen wo der Hammer hängt?

Yeah, genau.

Gibt es momentan eine Combo, die dich besonders beeindruckt?

Das letzte Album, das mich wirklich weggeblasen hat, war das Debüt von Times Of Grace, das Nebenprojekt von Adam Dutkiewicz und Jesse Leach, die beide sonst bei Killswitch Engage spielen. Klasse-Album. Kann ich nur empfehlen.

Wenn du mit neuen Bands konfrontiert wirst, erinnerst du dich dabei noch, wann du das erste Mal Bekanntschaft mit härterer Musik gemacht hast?

Oh, das ist schon eine ganze Weile her. Ich erinnere mich an einen Schulfreund, der mir "Heaven & Hell" von Black Sabbath vorspielte. Das war, glaube ich, der Beginn meiner Obsession für Rockmusik. Das Album hat mich damals umgehauen.

Deine Karriere ist mittlerweile gepflastert mit vielen Highlights. Einer der größten davon, war zu lesen, sei die Tour mit Metallica gewesen. Ärgert es dich rückblickend ein bisschen, dass die Jungs aus der zurückliegenden "Big Four-Tour" keine "Big Five-Tour" gemacht haben?

(lacht) Nein, nein. Wir waren vom Glück gesegnet mit Metallica auf Tour gehen zu dürfen. Das war eine unglaubliche Erfahrung für uns und ich will keine Sekunde davon missen, aber die "Big Four-Tour" hieß schon zu Recht so. Alle Beteiligten haben es verdient Teil dieses "Monstrums" gewesen zu sein.

Ihr macht jetzt erst einmal Südamerika unsicher, bevor ihr im November nach Europa kommt. Was können die Fans hier von euch erwarten?

Wir werden eine derbe Show bieten, keine Frage. Macht euch auf was gefasst, wir können es kaum erwarten euch die neuen Songs um die Ohren zu hauen.

Wir freuen uns drauf.

Ich bitte darum.

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