laut.de-Kritik

Auf der Suche nach dem egalsten aller Popsongs.

Review von

Immer mehr deutsche Singer/Songwriter (hust) überschwemmen den Markt. Alles verschwimmt, alles wird zu Brei. Musik, Wörter werden zunehmend austauschbar. Bis wir bald nur noch einen Song haben werden, der dann von Mark Forster zu Max Giesinger zu Sarah Connor zu wem auch immer gereicht wird. Wenn sich in naher Zukunft nur noch die Stimmen, die Gesichter, die Klamotten und die Farben auf dem Cover ändern, dann haben wir es endlich: Das ökologisch perfekte Secondhand-Lied, das man unter Garantie sofort mitsingen kann.

Daran arbeitet Lotte mit ihrem zweiten Album "Glück". Mit ihren zwölf Tracks beteiligt sie sich an der Suche der deutschen Musikindustrie nicht etwa nach dem besten, sondern dem egalsten aller Pop-Songs. Man muss ihr zugestehen, sie ist diesbezüglich auf einem sehr guten Weg.

Bei dem Unterfangen hilft es, dass sie mehrere Stücke mit ähnlichen Akkordfolgen ausstattet. Einfach ausgedrückt: Mittig anfangen, nach oben, nach unten und zack, zurück in die Mitte. Spätestens bei "Zu Jung" sollte einem dieser Kniff trotz kleiner Veränderungen in den Arrangements auffallen.

Dass Lotte aber in Wirklichkeit total rebellisch ist, zeigt die 24-Jährige in "1995". Ein Rückblick auf ihre Jugend, den sie mit "Blick' zurück, weißt du noch? Wir war'n / Immer freihändig Fahrrad fahr'n" beginnt. Ja, was seid ihr doch für verrückte Vögel, mit denen man Pferde stehlen kann. So lange man die Erlaubnis des Pferdebesitzers hat. Überhaupt, was soll man mit einem Pferd! "Wenn wir mit grauen Haaren / Die Farben kaum mehr seh'n", singt sie weiter. Ich nutze zum Sehen ja immer noch diese zwei Glubschdinger unterhalb der Brauen, aber was weiß ich denn schon. Offenbar sieht man nur mit den Haaren gut.

Die Musik? Ist da. In "1995" eine schnell vergessene Mischung aus austauschbarem Radio-Pop, New Order und The Cure. Was wohl mehr über die heutige Position der einstigen Außenseiter-Bands aussagt, als über Lottes Musik. Die Essenz des meuterischen Sounds der Helden von einst hat sich mittlerweile längst im Mainstream verankert, steht mehr für Spießigkeit als für Revolte.

In "Ruf Einfach An" zeigt sich Lotte beunruhigt über das Schicksal einer ihr nachstehenden Person. Ihre Sorge gipfelt im Refrain: "Hey! Ich mach' alle Lichter an / Auch wenn du sie nicht sehen kannst / Ich warte, ruf einfach an / ... / Ich schrei' es zehnmal um die Welt / Solang, bis du es hörst." Es gibt da eine ganz einfache Lösung für dieses Dilemma: Selbst anrufen! Es ist gar nicht so schwer, echt nicht.

Ernsthaft: Gerade wenn die Gegenseite dann unter einer Depression oder ähnlichem leidet, sollte man ihr nicht auch noch die Initiative zuschieben. Sagt nicht "Du kannst mich jederzeit anrufen", sondern macht gezielte Vorschläge wie "Ich kaufe jetzt ein, kann ich dir etwas mitbringen". Hilft weitaus mehr. Überhaupt: Wer telefoniert heute noch?

"Auf Das, Was Da Noch Kommt" ist in seiner Produktion und Platzierung schlichtweg ein ärgerlicher, ekelhafter Track. Hier ist nicht Max Giesinger der Gast auf Lottes Album, sondern Lotte darf ihn freundlicherweise begleiten. Sie verkommt zum Feature auf ihrem eigenen Album. Schaut man dazu das Video, verstärkt sich das Gefühl nur noch. Mädchen, geh zur Seite und lass den Max ran. Auf die Frage, warum das Lied abseits von Namedropping und der Hoffnung, durch den bekannteren Act mehr Käufer anzulocken, überhaupt ein Duett sein muss, findet der Text keine Antwort. Wie so oft.

Wenn Lotte in "Schau Mich Nicht So An" "Ich gehe neue Wege" singt, entbehrt das nicht einer gewissen Ironie. Die Liebeserklärung "Und wieder mal fall' ich in deine Augen / Will mich darin verlaufen", klingt hingegen eher schmerzhaft als romantisch. Aber wir wissen ja: "Liebe ist ein Chaos, und sie kostet Mut / Wie ein Abenteuer, doch ich fühl' mich gut." ("Wenn Liebe Kommt") Überhaupt, diese Texte. Von "Ich geh' mit dir, wohin du willst / Baby, mehr brauch' ich nicht / Ich will, dass es jeder weiß / Du bist das Größte für mich" in "Zuhause Für Mich" zu "Ich hoff', du verbringst deine Zeit / Mit wem, der dich glücklicher macht." in "Zu Jung". JEMANDEM! Jesses.

"Neonlicht" ist dann das eine Lied, das alles anders machen will. Das Mysteriöse, das abseits von all den Ichs, den Dus und den Wirs, all den Gänseblümchen-Abzählreimen, plötzlich eine Geschichte erzählen mag. Passend zu dem abgelatschten Bild des Song-Titels gibt es eine abgelatschte Geschichte von der einsamen Karrierefrau, die in der versoffenen Partynacht nach Glück sucht. Die Beats werden schummriger, Lotte spricht mehr, als das sie singt. "Sie taucht ab in die dunkle Nacht / Sucht, was sie lange schon verloren hat / Ganz alleine." Doch auch dieses alternative Konzept bleibt oberflächlich und nur ein weiterer Abklatsch, nimmt sich mit dem "Lila Wolken"-Konzept nur eben ein anderes Vorbild. Ein anderer Ansatz, doch ebenso wie der Rest von "Glück" ohne eigene Identität.

Trackliste

  1. 1. 1995
  2. 2. Schau Mich Nicht So An
  3. 3. Irgendwann Vermissen
  4. 4. Auf Das, Was Da Noch Kommt
  5. 5. Was Du Nicht Sagst
  6. 6. Zu Jung
  7. 7. Wenn Liebe Kommt
  8. 8. Neonlicht
  9. 9. Zuhause Für Mich
  10. 10. Ruf Einfach An
  11. 11. Alles Zieht Vorbei
  12. 12. Nur Bei Dir

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