laut.de-Kritik

Ein Trip der unangenehmeren Sorte, frei von Suchtgefahr.

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Neuer Sänger, neues Label, neue Platte – und zum ersten Mal saß ein Produzent an der Reglern. Alles neu macht der Mai. Das gilt wohl insbesondere für Long Distance Calling, auch wenn ihr fünftes Album dafür zwei Tage zu früh erscheint. Für den ganzen Rest sind sie reichlich spät dran.

Die Münsteraner und ihr von Postrock dominierter Sound-Entwurf haben noch nie mit Vocals gefremdelt. Seit Album eins fand sich irgendwo immer auch Gesang, wenngleich ausufernde Instrumentalpassagen klar die Oberhand besaßen.

Für den Vorgänger "The Flood Inside" stand mit Martin "Marsen" Fischer auch ein fester Sänger hinterm Mikro. Dieser hat jetzt den Dienst quittiert. Aus persönlichen Gründen, wie es heißt. Der ganze Elektrokram, der den Sound auf dem neuen Album artifiziell verwässert, ist trotzdem auf seinem Mist gewachsen.

Auf "Trips" hat nun Petter Carlsen den Posten für die Vocals übernommen. Der Norweger empfahl sich bereits mit dem Song "Welcome Change" vom Vorgängeralbum. Ein Labelwechsel von Superball zu Inside Outmusic und die Verpflichtung von Vincent Sorg als Produzenten, der sich neben den Donots auch schon so fragwürdigen Gestalten wie den Söhne Mannheims oder Böhse Onkelz annahm, zählen zu den weiteren Veränderungen bei Long Distance Calling.

In dieser neuen Aufstellung lässt die Band beinahe kein Fettnäpfchen aus, das in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren in die Rocksuppe geplumpst ist. "Getaway" eröffnet als technoider Postrocker mit kurzen Vocoder-Geschmacksverirrungen. Der Miami-Vice-Theme steht hier unvorteilhaft Pate.

"Reconnect" schlingert mit seinem auf hart getrimmten Pathos die gleichen Irrwege entlang wie Linkin Park und ihr Engtanz um das Formatradio. Die erhoffte Frische, die ein Neubeginn hätte bieten können, entpuppt sich bald als gestrige Angelegenheit. Da passt es auch gut, dass in "Presence" und "Flux" eine künstlich aufgeladene Stimme den Weltraum erklärt, wie man das aus 80er Jahre Dokumentationen kennt.

Noch tiefer in den Schlamassel greift "Lines". Ein breitbeiniges, im Schweinsgalopp dahin hoppelndes Glamrock-Stück mit Elektro-Bruchstücken. Der Refrain ist nah dran an Power-Metal-Abtörnern wie Helloween. Bis mit "Momentum" ein erster kleiner Lichtblick erklingt, kann man das Album bereits völlig über haben.

Sorg hat zwar den Sound entrümpelt, aber dafür auch jeglichen Charme wegproduziert. In der Summe wirkt das ungelenk, unüberlegt aber vor allem überholt. Würden Long Distance Calling es mit "Trips" nicht so verdammt ernst meinen, die Platte könnte beinahe als Persiflage durchgehen.

Von den erfolgreichen Langstreckenläufen der ersten Alben, die dem Bandnamen alle Ehre machten, sind sie mit ihrem Fünften weit entfernt. So ist diese Scheibe vor allem ein Trip der unangenehmeren Sorte, frei von jeder Suchtgefahr.

Trackliste

  1. 1. Getaway
  2. 2. Reconnect
  3. 3. Rewind
  4. 4. Trauma
  5. 5. Lines
  6. 6. Presence
  7. 7. Momentum
  8. 8. Plans
  9. 9. Flux

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9 Kommentare mit 11 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Puh, das letzte Album war sehr stark, die Meinungen zum neuen klingen ja erstmal nicht so toll. Passt zur Single, die bei mir auch gar nicht gezündet hat. Ich hab die Platte noch nicht gehört, ich werde wohl erstmal den Live-Auftritt abwarten.

    • Vor 2 Jahren

      Sind die live immer noch so am Posen? Hab die vor Jahren mal in nem kleinen Club/Keller gesehen und das war auch mit hinzu gedachter ironischer Distanz bis zum Mond nicht erträglich.

      Single haut mich ebenfalls nicht vom Hocker, aber die wahren für mich maximal stückweise mal S-Klasse, auf Albenlänge aber zu häufig eher B-Ware aus dem Postrock-Sumpf, find ich.

    • Vor 2 Jahren

      ich hab sie nur einmal live gesehen. da fand ich sie erträglich, außer den sound... aber das schreibe ich der location zu (mit der ich schon oft so schlechte erfahrungen hatte). keine ahnung. nach der single hab ich gerade auch weniger lust, aber die tickets sind schon gekauft und die location an sich ist diesmal ziemlich cool

    • Vor 2 Jahren

      das letzte Album hat mir sehr gut gefallen, davor durchwachsen. Stellenweise gut, stellenweise langweilig. Post-Rock halt.

    • Vor 2 Jahren

      Habe sie 2014 aufm Summerbreeze gesehen. Sound war top, Performance sympathisch, super Songauswahl und klasse Stimmung für 3 Uhr nachts. Ich kann die vorgenannten Dinge so also nicht bestätigen. Werde sie auch morgen in Leipzig nochmal live sehen und mir mal ein umfängliches Fazit erlauben :)

    • Vor 2 Jahren

      Dieser Kommentar wurde wegen eines Verstoßes gegen die Hausordnung durch einen laut.de-Moderator entfernt.

  • Vor 2 Jahren

    Album des Monats beim Metal Hammer und so eine Kritik bei euch? Wie passt das zusammen? Wer hat Recht? Aber bei mir zu spät, hab die CD schon vorbestellt.

  • Vor 2 Jahren

    Nach einem halben Song bin ich eher bei Laut als bei Metal Hammer. Sorry, mehr hab ich einfach nicht gepackt ;-)

  • Vor einem Jahr

    Ich will gar nicht über Geschmack streiten, aber die Rezension wirkt als wolle man dem Album gar keine Chance geben. Ich hab durch das großartige Lied "Lines" erst LDC entdeckt und mag nun das neue Album sehr sehr gerne, aber auch die Älteren. Veränderung bringt also auch neue Leute.
    Die Argumente, dass sie zu spät dran sind mit dem Miami Vice Vibe und der "Weltraum-Stimme" ist an den Haaren herbeigezogen. In der Musik gibt es kein zu spät dran sein, was einen gerade inspiriert ist gut und ich persönlich mag die Homage an die 80s. Und wenn der Rezensent sich mal durchlesen würde, oder genauer zuhören was die ""Weltraum-Stimme"" sagt, würde er merken, dass das nix mit Weltraum zu tun hat und eigentlich ziemlich schöne, zum nachdenken anregende "Lines" sind: "We all have our Time Machines, don't we? Those which take us back, are memories and those that take us forward are dreams."
    Ich liebe die Vielseitigkeit des Albums und das Fernweh und die Reiselust die durch Flux, Momentum und Getaway produziert werden. Geht für mich teilweise Richtung Drive Soundtrack und/oder Hotline Miami. Und das ist gut!

  • Vor einem Jahr

    Völlig daneben die so genannte Rezi, die in erster Linie deutlich aufzeigt, dass es nicht unbedingt bei den Bands an Qualität fehlt, sondern bei den Leuten, die über diese darüber schreiben.