laut.de-Kritik

Mit der Kraft der zwei Herzen gegen die Grenzen des Pop.

Review von

Ellery James Roberts kann seine Geschichte nicht verleugnen, er trägt sie auf den Stimmbändern mit sich. Wenn im bis dahin federleichten Opener "I&I" nach zwanzig Sekunden sein atemloses Krächzen einsetzt, poppt im Kopf des Hörers augenblicklich eine Referenz auf: WU LYF, kurz für World Unite! Lucifer Youth Fundation. Roberts war Vorsteher der massiv gehypten Band, bis er sie 2012 auflöste, gerade mal ein Jahr nach der Veröffentlichung ihres Debüts "Go Tell Fire To The Mountain".

WU LYF verschränkten damals nicht nur gekonnt Postrock, Dream Pop und Indierock, sondern inszenierten sich auch als unnahbares Mysterium, was die Presse natürlich erst recht anlockte. Als die Verweigerungshaltung zur Pose, zum Marketinggag wurde, zog Roberts die Konsequenz in Form eines Schlussstrichs. Desillusioniert stolperte er zu dieser Zeit in die Arme von Ebony Hoorn, mit der ihn seitdem eine emotionale wie kreative Partnerschaft verbindet.

Kind dieses Zusammenstoßes ist das Duo LUH (kurz für Lost Under Heaven), und seine Geschichte klingt eigentlich zu abgedroschen, um wahr zu sein: Talentierte, wunderschöne Kunststudentin rettet abgewrackten, wunderschönen Rockmusiker aus einer Sinnkrise, und die gemeinsame Liebe zelebrieren sie auf einem – natürlich – wunderschönen Album namens "Spiritual Songs For Lovers To Sing". Doch so erstaunlich es ist, diese Pointe entspricht der Wahrheit. Auf ihrem Debüt blenden LUH unterschiedliche Genres wie Folk, Shoegaze, Barock Pop und Electronica zu einem kohärent-komplexen Sound zusammen, der sich nicht zwischen Emotion und Konzept entscheidet. Was Roberts und Hoorn gerade auszeichnet, ist ihre enorme Furchtlosigkeit.

So werfen sich die beiden auf "$oro", dem ohne Frage streitbarsten Song des Albums, mitten in die Fänge des hässlichen Monsters Eurodance. Schlimmer noch, Roberts von Autotune zermarterte Stimme erinnert, eingebettet in krachende Beats und klirrende Synthesizer, an eine bizarre Kombination aus Die Antwoord und dem – igitt! - Crunkcore-Unfall Brokencyde. Doch an eben diesem Punkt tritt LUHs Meisterschaft am deutlichsten hervor: In einem nahezu alchemistischen Akt widerlegen die beiden Adornos Annahme von der Unmöglichkeit des Richtigen im Falschen und finden Schönheit in der absoluten Groteske.

Von solch unwahrscheinlichen Funden berichten auch die Texte, die zudem die Brücke zu den übergeordneten Philosophien und beigefügten Kunstprojekten bauen, die Hoorn und Roberts im Rahmen von LUH pflegen. Da geht es um Kapitalismuskritik, Transhumanismus, das Individuum in den Wirren der Welt, vor allem aber wiederholt um die Liebe, die am Ende den Triumph über all das Elend verspricht. Siegessicher verkündet Roberts etwa in "Lament": "You've fucked up this world / but you won't fuck with me". Man möchte solche Zeilen mit ihm in den Nachthimmel schreien und sich denken "Ja, wir beide gegen den Rest der Welt!".

Bei anderen Sängern würde das womöglich lächerlich wirken, doch Roberts Stimme transportiert nicht nur seine Geschichte, sondern auch glaubhaft das Bild eines Mannes, der sich in einem permanenten Ausnahmezustand befindet, während Hoorn als komplettierendes Gegenstück fungiert. Wenn er mal wieder zu kollabieren droht, steuert sie ruhig und einfühlsam gegen, etwa im getragenen "Loyalty". So wie sich auf dieser Platte akustische Gitarren und opulente Streicher, leichte Pianotupfer und wuchtige Synthesizer ergänzen, so fügen sich auch die beiden Stimmen zu einem schlüssigen Bild zusammen.

Eben diese Kontraste tragen massiv zum Gelingen von "Spiritual Songs For Lovers To Sing" bei. Zwei Songs vor dem markigen "$oro" versucht sich Hoorn etwa zu cleaner Gitarre an ruhigem, leicht moduliertem Alternative-Rock, der ein wenig an Alanis Morissette erinnert. Auf die Spitze treibt den Blick in die 90er später das unerwartet mit verzerrter Gitarre nach vorne peitschende "Lost Under Heaven", das stark mit zweistimmigem Gesang arbeitet und nach einem intensiven Finale in das elegische, erneut von Autotune durchzogene "First Eye To The New Sky" mündet.

Dass sich die einzelnen Teile nicht abstoßen, sondern sich die Songs im Gegenteil passgenau ineinanderfügen, liegt auch an der angemessen pompösen und doch transparenten Produktion, für die Bobby Krlic aka The Haxan Cloak verantwortlich zeichnet. Im Gegensatz zu seinen Arbeiten für Björk und Health schimmert im Sound von LUH zwar zu keiner Zeit seine charakteristische, entschleunigte Brutalität durch, doch Band und Produzent ähneln sich in ihrer Radikalität. Egal, ob "Beneath The Concrete" gerade Synth-Pop aufpumpt und mit Tribal-Drums aussöhnt oder "The Great Longing" sich zu sanfter Akustikgitarre in den Schlaf wiegt, "Spiritual Songs For Lovers To Sing" vermittelt permanent den Eindruck, es bestünde immense Dringlichkeit.

Von der Lässigkeit, die im Indierock der 00er Jahre herrschte, haben sich Roberts und Hoorn vollkommen frei gemacht. In ihren gemeinsamen Songs werfen sie alles in die Waagschale und kreieren einen Stadionrock, dessen Vielfalt nicht beliebig ist, sondern das Resultat aus den vielseitigen Hörgewohnheiten, die Spotify, Soundcloud und Youtube ermöglichen. Hoffentlich sitzt Chris Martin gerade irgendwo und heult, weil zwei Mittzwanziger mühelos vorgeführt haben, woran Coldplay so oft scheitern, nicht obwohl, sondern eben weil sie sich Avicii ins Studio einladen.

Andererseits läuft man mit Avicii im Radio, während LUH zwangsweise polarisieren und unter Umständen im Feuilleton verenden. Ihre Musik kann man mit Blick auf den gedanklichen Überbau und die Exalthiertheit sicher leicht als prätentiöses Emo-Kunststudenten-Geklimper abtun. Doch wer seine Vorurteile hinter sich lässt und den Mut aufbringt, mit Roberts und Hoorn die Gültigkeit der Grenzen innerhalb des zeitgenössischen Pop zu testen, der wird in neue, aufregende Klangwelten entführt. Vielleicht ist das der "Heavy Pop", den WU LYF einst prophezeiten, gerade mit Blick auf die ausufernde Spielzeit von knapp einer Stunde, die das Album zu einer fordernden Angelegenheit macht. Fest steht hingegen, dass Roberts sich mit "Spiritual Songs For Lovers To Sing" von seiner Geschichte emanzipiert hat. Zum zweiten Mal in seinem Leben ist er Frontmann einer der wichtigsten, spannendsten Rockbands der Stunde.

Trackliste

  1. 1. I&I
  2. 2. Unites
  3. 3. Beneath The Concrete
  4. 4. Future Blues
  5. 5. Someday Come
  6. 6. $oro
  7. 7. Here Our Moment Ends
  8. 8. Loyalty
  9. 9. Lost Under Heaven
  10. 10. First Eye To The New Sky
  11. 11. Lament
  12. 12. The Great Longing

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LAUT.DE-PORTRÄT Luh

LUH steht für Lost Under Heaven und bezeichnet das Paar Ellery Roberts und Ebony Hoorn. Seit 2012 publizieren sie gemeinsam Musik, Fotografien, Filme …

2 Kommentare

  • Vor 4 Jahren

    Boah. WU LYF konnte ich schon so manches abgewinnen. Aber wo Arcade Fire eine der ganz wenigen Ausnahmen darstellen, da sind LUH ganz sicher die einhundertste Bestätigung der Regel, dass man mit der Person, in die man verliebt ist, keine Platten aufnimmt.

    Weil die beinahe ausnahmslos scheiße und belanglos werden. So wie diese hier, wo sich der Sänger redlich bemüht, durch Einsatz seiner durchaus eigentümlichen Stimme die egale Instrumentierung, die ausgelutschten Arrangements und den Fistelgesang seiner Muse im Alleingang vergessen zu machen, was aber leider zu keiner Zeit und in keinem Track vollends gelingen mag, denn an jeder Stelle, wo er nicht singt, offenbart sich das Elend dieser Platte (jo, du bist verliebt, aber die Art, wie du/ihr's rüberbring(s)t, juckt kein Schwein...) und an jeder Stelle, wo er's tut, scheint er selber zu merken, dass er hier mehr reinstecken muss als er hat (seine Stimme. Aber keine zündende Song-Idee), um dem Projekt irgendwie auch nur den Hauch von künstlerischer Relevanz zu verleihen.

    Gehört 1/5.

  • Vor 4 Jahren

    Pseudologes Meinung bestätigt auch meinen Ersteindruck. Belanglos bis zum umfallen, wie kann man hier 5 (!) / 5 geben??