laut.de-Kritik

Zwei Brüder im Geiste auf Mission Szene-Fick.

Review von

Crack Ignaz mag keine Snitches. Das stellt der junge Salzburger nicht nur auf "Geld Leben" klar, sondern er geht auch noch mit gutem Beispiel voran: In unserem Interview spielte er auf die Frage hin, ob denn ein Kollabo-Album mit seinem brother from another mother LGoony in Planung sei, den Ahnungslosen. "Sollten wir machen, oder?" hieß es da nur.

Ansonsten wäre ja auch die Überraschung dahin gewesen, die das Internet vor gut einer Woche zum Ausrasten brachte. Die Releasetaktik der beiden Brüder im Geiste übertrifft selbst King Kendrick: Ohne jede Ankündigung hauen sie einfach mal das deutsche "What A Time To Be Alive" raus und stopfen damit ganz nebenbei den in Schnappatmung von Freestyle und Cyphern faselnden Realkeepern die Kauluken: "Jedes Release besser als ihr, und das noch for free."

Mit Beats und Textskizzen im Gepäck fahren Goony und Ignazius in die Red Bull Studios Berlin. Drei Tage später, pünktlich zum Start der gemeinsamen "NASA Universe"-Tour, liefern sie mit "Aurora" elf Tracks, die das Durchdreh-Potenzial gen Milchstraße steigern. "Oida Wow"!

"Wir sind verschieden, du und ich, und das ist gut so." "Aurora" vereint trotzdem, die Ingredienzen aus Goonsquad und Hanuschplatzflow, ohne jemanden zu vernachlässigen.

Die größte Herausforderung einer Kollaboration ist meist eine Gratwanderung: Zwei eigenständige Künstler in einem kohärenten Soundbild vereinen, und dabei die Stärken beider bewahren. Das gelingt in den seltensten Fällen. Man erinnere sich nur an Bushidos missglückten Versuch, mit Lieblingszögling Shindy einen Deutschrap-Klassiker aufzunehmen. Die "Cla$$ic"-Protagonisten schienen zu verschieden, um auf Albumlänge zu harmonieren.

"Aurora" klingt dagegen, als hätte Ludwig Langer endlich seinen lang vermissten Zwillingsbruder gefunden. Die Harmonie aus Goonys wieder einmal eindrucksvoll unter Beweis gestelltem Talent für Ohrwurm-Hooks, gepaart mit Ignaz' lässigem Mundart-Rap funktioniert auf jeder Ebene.

"Aurora" belässt es aber nicht bei der simplen Addition der Talente ihrer Hauptdarsteller. Der eigentliche Trumpf ist die Entscheidung, sich nicht zu entscheiden. Die Platte steht weder im Zeichen des fluffigen "Kirsch"-Sounds, noch bedient sie sich an den abgespaceten "Grape Tape"-Synthflächen.

Stattdessen basteln DJ Heroin, Lex Lugner, GEE Futuristic, hnrk, Yung Nikki3000 und padillion unfassbar ballernde Drill-Bretter. Goony und Ignaz K. merkt man an, wie viel Spaß es gemacht haben muss, in der Booth mal so richtig auszurasten. "Baddest motherfucker, ich seh' aus wie 14. 14 mal mehr Swag als du und das mit 14."

Mit aufgedrehtem Dezibelpegel regnet es Ansagen in Richtung all jener realen Heads, die sich am Aldi-Parkplatz im Cypherkreis über MoneyBoy echauffieren: "Ich habe sehr schlechte News für dich und deine Crew-Kollegen: Der Hype ist vorbei."

Auf "Aurora" geht es aber vor allem deutlich aggressiver zu, als auf den bisher veröffentlichten Tapes und Alben. Bei "Oida Wow", "7000", "Tokyo Boys", oder "XN" shoutet Goony die zwar simplen, aber dafür um so effektiveren Zeilen fast schon ins Mikrofon. "Wenn ich will, dann hol' ich mir ein Auto, wenn ich aber sechs will, hole ich mir sechs." In Kombination mit den Auf-die-Fresse-Produktionen von DJ Heroin und Co. verleiht das den Tracks eine enorme Intensität, die einfach mitreißt.

In der zweiten Hälfte geht es mit Titeln wie "Moonwalk" oder "Haname" zwar friedlicher zu, dafür drehen Goony Louie und Pretty Falco das Ohrwurmpotenzial bis auf Anschlag. "Ich will, dass unser Sound die Szene fickt. Ich will machen, einfach machen, Mann, ich rede nicht."

Nicht einmal der sowieso lang überholte Vorwurf mangelnder Realness hält "Aurora" stand. Statt Promophase, stundenlange Interviews und überteuerte Deluxe-Boxen machen LGoony und Crack Ignaz einfach das, worum es wirklich geht: gute Musik. Realer, als in drei Tagen ein kostenloses Album aufzunehmen, das im Vorbeigehen eben jener Szene vormacht, wie frisch Rap auf Deutsch 2016 klingen kann, geht es wirklich nicht mehr.

Trackliste

  1. 1. UFO
  2. 2. Oida Wow
  3. 3. Halloween
  4. 4. 7000
  5. 5. Tokyo Boys
  6. 6. Ich Krieg Es
  7. 7. Haname
  8. 8. Moonwalk
  9. 9. Eis
  10. 10. XN
  11. 11. Alles

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17 Kommentare mit 89 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    "Baddest motherfucker, ich seh' aus wie 14. 14 mal mehr Swag als du und das mit 14."

    Die Line habe ich auch richtig gefeiert, vor allem nach Baudes Kommentar letztens. :D

    Schöne Review und ein Kollabo-Album mit, jawohl, Klassikerpotential.

  • Vor 2 Jahren

    Demonstration von Freshness

    Deutschraps neues Dreamteam liefert ein Album der Spitzenklasse ab, das schon jetzt in den Jahresbestlisten verkehren wird.

    Beide besinnen sich auf ihre jeweiligen Stärken und ergänzen sich perfekt, auch wenn man von Gonnys einprägsamen Hooks gerne noch mehr hätte.
    Der Sound ist abwechslungsreich, mal treibend, mal entspannt und erzeugt jedesmal aufs Neue ein absolut erfrischendes Gefühl beim Hörer.

    Bretter wie "Toyko Boys" stehen hypnotisch-unterkühlten mit sphärischer Hooks unterlegten Tracks wie "Alles" gegenüber. Auch "Eis", ein schwebender Ohrwurm mit viel Dynamik oder das soundtechnisch gänzlich andere "Halloween" mit nächtlicher Grundstimmung sorgen für eine Menge Abwechslung.

    Bei dem melodischen Autotunekleinod "Haname" zeigt Ignaz K seine starken Mix aus modernem Klang gepaart mit Mundart, der funktioniert.

    Das Goony-Solo "Moonwalk" setzt auf atmosphärische, einnehmende Töne, die auch einem Grape Tape gut zugestanden hätten. Zusammen mit dem bewährten Rezept aus Autotunerap, der von normalen, hungrigen Parts abgelöst wird und einer wiedermal grandios guten Hook ergibt das einen weiteren Hit.

    Nach zuletzt so viel sehr gutem Output, der wie eine Frischzellenkur für die in überflüssige Deluxe-Boxen, Fitnessrap und Promophasen (die wichtiger und unterhaltsamer als das Album selbst erscheinen) etwas festgefahrene Szene wirkt, kann man sich natürlich die Frage stellen, wie lange sich ein derart hohes Niveau halten lässt.

    Oder man lässt es bleiben, macht die Tapes an, lehnt sich zurück und genießt.

    5/5

  • Vor 2 Jahren

    FETT! Ultraamnesisch, geil! Essenz der Goony Tapes, explosives Gemisch mit Ignaz Össiflows. UFO glänzt mit brilliant verträumtem Instrumental und Hook grandios eingebettet. Bretter wie 7000 und Tokyo Boys sind genau die Songs die mir von beiden bisher gefehlt haben – feinste trapmonster. Gen Ende wirds richtig trippy.

    Guter Start ins jahr, freu mich schon Goonys Werke käuflich zu erwerben, was da wohl noch kommen mag?

  • Vor 2 Jahren

    Push.

    Höre es gerade wieder und habe kurz Gänsehaut bekommen; bleibe bei meiner Meinung, dass das hier nochmal wesentlich besser ist als Geld Leben.

    Weiß nicht, ob die wirklich nur so kurz im Studio waren dafür, aber da scheint echt alles gepasst zu haben. Supernova.

  • Vor 2 Jahren

    Hab die beiden Jungs letztens live gesehen und man, haben die abgerissen. Minhtendo und DJ Heroin abwechselnd an den Reglern (und dazwischen auch gern mal in der Crowd), war das soundmäßig das beste, was ich im Rap-Bereich je gesehen habe, und ich bin sehr sehr froh, dass sie dieses Album vorher noch rausgehauen haben. Zum Teil verspielter als die Solo-Sachen der beiden, und auch nicht alles geht mir hundertprozentig rein (Grape Tape bisher wohl das kompletteste und zeitgleich mein Lieblingsalbum dieses "Genres"), aber live war das dann auch scheißegal, wenn erstmal der ganze Raum abgerissen hat.

  • Vor einem Jahr

    apropos, das furchtbare Albung Cover ist 1deutig inspired von diesen beiden Amis namengs Drake und Future die da 1 Release hatten wo sie auch nur über Trap-beats rumgestuntet haben.
    gehört 4/5 - Mörderchemie, aber kein einziger Track wälzt mit so unhaltsamem Vibe daher wie "NA$A"