laut.de-Kritik

Altersmilde Musik in seichtem Südstaaten-Gewässer.

Review von

Die wachsende Altersmilde der Kings Of Leon ist nicht mehr von der Hand zu weisen. Auf dem feinen "Walls" trugen sie diese noch mit Eleganz, Einfallsreichtum und pittoreskem Charme vor, doch wenn man sich ihr neues Album anhört, bleibt davon leider nicht viel übrig.

"When You See Yourself" drückt konsequent auf die Bremse und verliert sich mit zunehmender Spieldauer in seichtem Südstaaten-Gewässer. Acht der elf Songs nehmen sehr viel Zeit in Anspruch und gehen weit über vier Minuten lang, getreu dem Motto 'Ein alter Mann ist kein D-Zug'. Dabei gerät der Anfang sogar noch recht ausgeklügelt.

"When You See Yourself, Are You Far Away" besticht mit mäandernden Melodien, vergnügtem Bass und atmosphärischen Keyboard-Interludes. Ein schöner, weicher Einstieg. "The Bandit" erhöht im Anschluss die Frequenz als klassischer Rocksong der Leon-Familie und mündet im sechsminütigen "100,000 People". Ein ruhiger Cowboy-Song mit schüchternen Synthies, poppigem Anstrich und im Mittelteil stark an Metronomy erinnernd. Das hätte auch auf den Soundtrack von "Red Dead Redemption II" gepasst. "Stormy Weather" geht auch noch klar, dank cheesy Gitarren, freudigem Schlagzeug und Filter-verzerrter Stimme.

Fortan nimmt das Dilemma seinen Lauf. Zähe, auf Romantik gepresste Hymnen geben sich die Klinke in die Hand und unterscheiden sich nur im Detail. Das kratzige "A Wave" bleibt in den Strophen schwachbrüstig und repetitiv, "Time In Disguise" gerät zuweilen weinerlich, "Supermarket" verkommt trotz neblig-verruchter Aura zum lieblichen Südstaaten-Schunkler und mündet in der schmalzigen Ballade "Claire and Eddie". Das Harmonie süchtige "Golden Restless Age" tut keinem weh, beherbergt aber wenigstens mal ein Gitarrensolo. Der Song, der wahrscheinlich am ehesten den Status Quo der Kings Of Leon beschreibt.

"Echoing" durchbricht dieses betagte Rocker-Klimpern und entpuppt sich als lang ersehnter Wachmacher. Direkte E-Gitarren und ein stampfender Beat samt emotionalem Refrain erzeugen eine dichte Klangkulisse. Damit hätte man mit einem Knall enden können, doch die Könige haben eine andere Idee und gönnen sich eine ordentliche Portion Kitsch bei "Fairytale": sehr viel Hall, Shoegaze/Pedal-Einsatz sowie getragene Streicher sorgen für einen vor sich hin tröpfelnden Ausstieg.

Während es sich Cowboys im Ruhestand auf der Veranda gemütlich und ein Bier auf machen und in Erinnerungen schwelgen, pluckert "When You See Yourself" im Hintergrund. Ein Album voller Reminiszenzen und vagen Erzählungen im Sepia-Filter, das betulich alte Seelen umarmt und hin und wieder ein wenig rüttelt, um nicht einzurosten. Ein friedliche Szenerie, die die aufbrausenden Anfangstage hinter sich lässt und nun den Lebensabend einläutet.

Das mag furchtbar öde klingen, doch altern die Followills in Würde und das bedeutet beileibe nichts Schlechtes. Sie strecken konziliant die Hand in Richtung Vergangenheit und eigener Wurzeln. Sie verstehen nach wie vor ihr Handwerk, die Produktion ist spürbar wertig und der markante Vortrag Calebs verpasst auch dem achten Studioalbum den typischen Charakter. Man weiß einfach, dass man gerade den Kings Of Leon zuhört. Nichtsdestotrotz gerät "When You See Yourself" zu lang und gestreckt. Aber im Alter hat man eh keine Eile.

Trackliste

  1. 1. When You See Yourself, Are You Far Away
  2. 2. The Bandit
  3. 3. 100,000 People
  4. 4. Stormy Weather
  5. 5. A Wave
  6. 6. Golden Restless Age
  7. 7. Time In Disguise
  8. 8. Supermarket
  9. 9. Claire and Eddie
  10. 10. Echoing
  11. 11. Fairytale

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8 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor einem Monat

    Tja, ich habe das Album jetzt dreimal durchgehört und es bleibt wirklich nicht recht viel hängen...
    Die Tracks sind ja cool und layed back, nett nebenbei anzuhören. Die ersten Tracks kommen einem auch stärker vor, aber je weiter man hört, desto langweiliger wird es, und das schon so ab Track 5...

    Muss jetzt nur noch verstehen ob das daran liegt, dass ich die Songs immer von vorne bis hinten in der festgelegten Reihenfolge höre, und das einfach langweilig werden muss, wenn sich so viel Unaufgeregtheit wiederholt, oder ob wirklich nur die ersten 4 Songs halbwegs taugen...

    An "Come Around Sundown" und "Mechanical Bull" kommt es jedenfalls bei weitem nicht ran, finde ich.

    Es hätte wohl ein zweites "Because Of The Times" werden sollen, aber auch dagegen verliert das Album.

    Trotzdem immer noch besser als so vieles was heut sonst so veröffentlicht wird...

    • Vor 26 Tagen

      muss da selbst noch ein Update dazu schreiben: Nach jedem hören bleibt weniger hängen, inzwischen nur mehr 2 Tracks, der Titeltrack und "Stormy Weather", und selbst bei denen bin ich mir nicht recht sicher, ob ich die noch öfter hören will...

      Schade!

  • Vor einem Monat

    Grundsolide. Gibt's nix zu meckern. ****

  • Vor 4 Tagen

    Ich muss mich einigen wenigen Vorkommentatoren (und -innen) anschließen: Ich find's auch nicht schlecht. Leicht, unaufdringlich, sanft, unaufgeregt. Für mich zur Abwechslung mal das Richtige. Und Musik hat ja auch immer etwas sehr situatives und individuelles. Klar, es gibt definitiv "bessere" und hitlastigere KoL-Songs. Und scharfe Kritiker sehen das Album aus einer Gegenperspektive nicht zu Unrecht als seicht und schlaff. Aber vielleicht ist das ja gerade der Animus des aktuellen Werks? Entspannt statt aufregend? Für mich macht die Musik hier die Musik: kein Song sticht hervor, keiner geht unter. Alles ist einem Konzept der Ruhe und Entschleunigung untergeordnet. Was Nettes zum Abschalten und Treibenlassen, das sich nicht in den Vordergrund drängt. Ein Ort der Ruhe in einer außergewöhnlichen Zeit.