laut.de-Kritik

Musik zum Kuscheln unter Wolldecken mit heißer Schokolade.

Review von

Was macht man an einem kalten Sonntagnachmittag im Herbst? Spaziergänge im Laubwald? Joggen am Fluss entlang? Der gemütliche Mensch entscheidet sich für die Couch mit heißer Schokolade unter warmen Wolldecken, am besten mit dem Partner zusammen und guter Musik. Vielleicht "Walls", die neue Scheibe der Kings Of Leon - steht der Titel immerhin für "We Are Like Love Songs". Dann mal los!

"Waste A Moment" könnte das Album nicht besser beginnen als mit schnittig-typischem Kings Of Leon-Sound. Da fühlt man sich wohl. "Reverend" lässt schon mal die Milch für den Kakao erwärmen, indem es das Tempo drosselt und anschmiegsame Klänge à la "Come Around Sundown" spielt. Für nachdenkliches Aus-Dem-Fenster-Gucken eignet sich "Around The World" mit seinem coolem Südstaaten-Flair, einem verträumten Refrain und schwelgerischem Ende.

Jetzt ist die Zeit reif für die kuschelige Wolldecke auf dem Sofa und eine heiße Schokolade. Gleich drei Songs in Folge sorgen für große Herzenswärme, den Anfang macht "Find Me". Ein straighter Rocksong, der einen mit hypnotischen Riffs der Marke Bloc Party und dezenten Synthies näher an seinen Partner auf der Couch rücken lässt. Der unerwartet energetische Chorus samt Rhythmuswechsel sorgt für Abwechslung und die melancholischen Bridges bringen langsam innewohnende Emotionen zum Vorschein.

Die volle Ladung Gänsehaut kulminiert im bezaubernden "Over". Sechs Minuten lang schmiegt sich der Song mit düsterer Atmosphäre und Dampflok-artigen Riffs an den Hörer, bis der elegisch vorgetragene Refrain Calebs alle Wände einreißt. Dazukommende Gitarren-Melodien und sanfte Streicher vergolden das Prunkstück des Albums.

Nach solch einem Höhepunkt glättet das zuckersüße "Muchacho" die emotionalen Wogen mit einem Intro, das an "You Make It Easy" von Air erinnert. Ruhig, betulich und sogar mit gepfiffener Melodie tänzelt das Lied fröhlich vor sich hin, auch wenn Calebs wehmütige Lyrics über einen verlorenen Freund im Tiefsten berühren: "My old muchacho / Love to dress for each occasion / Without that rocket shell taking me in the right direction / Those crooked eyes that knew it all / Was my favorite friend of all / He was my favorite friend of all."

Diesem grandiosen Gefühlstrio steht ein eher blümeranter Dreier aus schwächelnden Songs gegenüber. Das einlullende "Conversation Piece" bleibt ohne Höhen und Tiefen und zieht Richtung Mittagsschlaf bevor "Eyes On You" mit deutlich mehr Tempo und kraftvollem Gesang wachrüttelt. Trotzdem bleibt es nur ein passabler Rocksong mit unnötigen "Ooohs" im Hintergrund. "Wild" spielt mit großen Gesten und leicht verschleppendem Schlagzeugspiel, überquert jedoch nicht mediokren Indie-Rock.

Die Sitzposition auf der Couch ist mittlerweile ein wenig unbequem und man ist geneigt aufzustehen, doch die vier Männer aus Tennessee haben ja noch den Titeltrack parat und ziehen einen doch wieder unter die Decke. "Walls" beendet das Album auf unfassbar sanfte Weise: sensible Drums, eine wehmütige Pianomelodie, feine Akustikgitarre und gesprenkelte Kings Of Leon-Trademark-Gitarrenlicks ergeben das richtige Gerüst für die tragische Geschichte einer Liebschaft, die kein gutes Ende nimmt, weil die Partnerin sich anderweitig orientiert: "You tore out my heart / And you threw it away / The Western girl with Eastern eyes / Took a wrong turn and found surprise awaits / Now there's nothing in the way." Ab der Mitte öffnet sich der Song ein wenig, ohne die Zerbrechlichkeit zu zerstören. Vielmehr schafft er Raum für Calebs eindringlichen Gesang.

"Walls" ist somit ein romantischer Longplayer wie aus einem Guss, vor allem weil manche Songs fließend ineinander übergehen. Die kleine Schwächephase gegen Ende hin sei den Königen verziehen, dafür besitzt der Rest einfach zu viel pittoresken Charme. So, ich muss mir jetzt noch ein weiteres Heißgetränk zubereiten und denke als die Platte langsam verklingt: "Oh, don't say it's over / Don't say is over, anymore."

Trackliste

  1. 1. Waste A Moment
  2. 2. Reverend
  3. 3. Around The World
  4. 4. Find Me
  5. 5. Over
  6. 6. Muchacho
  7. 7. Conversation Piece
  8. 8. Eyes On You
  9. 9. Wild
  10. 10. Walls

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12 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Hab sie Freitag einmal beim Kumpel ganz durchgehört. Dieser bereute den Blindkauf schon am ersten Tag. Konnte mich noch nicht zum Kauf durchringen, wird vermutlich die erste von denen, die ich im Laden lasse.

    Fand die Stücke zu einfach gestrickt, um sie sich so glatt produzieren zu lassen und die gesamte Platte klingt nach "Nummer sicher" mit schielenden Blick gen Formatradio-Airplay.

    Und das Artwork... Top 5 der skrupellosesten Kunstverbrechen 2016.

  • Vor 2 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 2 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 2 Jahren

    Verstehe nicht, warum sie immer für ihre "Sanftheit" in den neueren Alben kritisiert werden! Mag sein, dass die neuen Alben etwas softer und gefühlvoller daherkommen als die ersten Alben. Aber genau aus diesem Grund ist "Come around sundown" mein Lieblingsalbum. Klar hat man mittlerweise viel an ihnen zu kritisieren, wenn man sie immer wieder auf ihren ursprünglichen "Southern-, Indie-Rock" festnagelt. Aber wer sagt denn, dass die Kings von damals die "wahren Kings" sind? Für mich haben sie trotz der krassen Veränderungen immer noch ihren unverwechselbaren "KoL-Sound", der sie für mich nachwievor zur BESTEN BAND ALLER ZEITEN macht!