laut.de-Kritik

Männer in der Krise.

Review von

"Deutscher Traum, deutsche Autos, deutsche Disziplin. Ich bleib' weiterhin aktiv, mein drittes Release." Wenn sich die Unzahl hiesiger Straßenrapper eins nicht gefallen lassen muss, dann den Vorwurf, über mangelnde Arbeitsmoral zu verfügen. Getaktet wie die Filme des Marvel Cinematic Universe veröffentlicht King Khalil exakt ein Jahr nach "B-TK" sein drittes Werk. Mit "King Kong" setzt er erneut auf seine Geschichten über hochpreisige Markenprodukte und hochdosierte Rauschmittel, wobei er sich absolut selbstsicher gibt: "Alles, was ich mache, mach' ich next level."

Dabei vermittelt King Khalil bis auf wenige Verse keinerlei Freude an der Disziplin des Rap. Umso unverständlicher, für wie wichtig er Gastrapper mit nachgewiesener Leidenschaft für das Genre erachtet. Nachdem bereits sein Debütalbum "Kuku Effekt" mit Kool Savas eröffnete, legt er nun mit weiteren Hochkarätern wie Azad und Fler nach. Letzterer bringt gleich noch seinen Hausproduzenten Simes Branxons für einen diskreten Trap-Beat mit. Hobbyzoologe PA Sports lässt für "All Black" von seinem Hauptforschungsobjekt, den marodierenden Hyänen, ab, um sich den Rodentia zu widmen.

Selbst Kollegah schaut für eine Strophe vorbei, wobei bereits der Titel "Kuku X Alpha" den Beweis liefert, dass es King Khalil vor allem um das Branding geht. Die zu Marken erhobenen Labels helfen dabei, den Song an den Mann zu bringen, und dieser verweist stumpf auf die etablierten Plattformen zurück. "Bell' mal leiser, kleine Drake-Kopie", kritisiert das Berliner Original dann auch recht hohl, nur um im anschließenden "Nachts Im AMG" sowie in "Real Life", "Vay Vay" und "Kokain" zu Olexesh auf den Trap-Zug in Richtung Mittel- und Südamerika zu springen.

Prima schlägt sich Maestro, der in "System" mit energiegeladenem Flow feststellt: "Ich würde gerne wieder mal so flowen wie Biggie, Pac und Dr. Dre. Doch verstehe, gelbe Scheine fliegen nur mit Le-le-le." Erfreulicherweise bedient er diese kapitalistischen Vorgaben nicht. Auf der anderen Seite schlägt King Khalil mit einer Systemkritik den Holzpfad ein: "Scheiß mal auf die Politik. Sie wollen unsere Stimmen haben. Profit schlagen, aber keiner soll was hinterfragen." Obwohl er sich mustergültig an den Anforderungen der freien Marktwirtschaft orientiert, täuscht er einen kritischen Blick vor.

Stimmig fällt auch "Moon" aus. Zu einem unauffällig vor sich hin gleitenden Instrumental drehen sich der Hauptakteur und Lil Lano um die altbekannte Drogenthematik. Der humorlos abgehackte Flow King Khalils harmoniert dabei überraschenderweise mit dem verträumten Leier-Vortrag des YouTubers. Textlich herrscht für beide qua Thema sowieso Narrenfreiheit: "Habibi, ich bin viel zu stoned." Die überschaubare inhaltliche Dichte wächst sich in "Killa" zur Wüste aus. Dennoch beißt sich der musikalisch am Strand liegende Song auch dank 2Tons Refrain im Gehörgang fest.

"Killa" offenbart auch eine gewisse Männlichkeitskrise, die sich durch das Album zieht: "Was für Männer? Ihr seid Hunde, die nur bellen." Ständig vergewissert sich der Berliner seiner Maskulinität, die er anderen abspricht. "Ihr seid keine Männer, ihr seid Fotzen in Berlin", klingt nach einer Verunsicherung, die auch aus der pflichtschuldigen Kopplung "echte Männer, trotzdem Trendsetter" in "Bundesweit" hervorgeht. Möglicherweise hängt es damit zusammen, dass sich auch King Khalil nicht in jeder Beziehung traditionell verhält: "Ich geh' dreimal in der Woche meine Haare schneiden."

So verwundert es auch nicht weiter, wenn der kraftstrotzende Rapper im abschließenden "Allein" seinen sensiblen Kern offenbart und damit doch noch das King-Kong-Motiv des missverstandenen Monstrums auf der Suche nach Liebe bedient: "Weißt du, wie es ist, ganz allein zu sein?" Doch die Bestie hat den Point of no Return bereits hinter sich gelassen: "Ich geh' mein' Weg, zum Umkehren viel zu spät." King Khalil setzt seinen Aufstieg weiter fort, der ohne die überzogene Attitüde und die Genre-Klischees qualitativ weniger kopflos erschiene: "Ich brauche keine Hilfe, trag' die Last allein."

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Bundesweit (mit Fler)
  3. 3. Kuku X Alpha (mit Kollegah)
  4. 4. Nachts Im AMG
  5. 5. Hollanda (mit Mert)
  6. 6. Ahu
  7. 7. Moon (mit Lil Lano)
  8. 8. Real Life (mit Edin)
  9. 9. Killa (mit 2Ton)
  10. 10. System (mit Maestro)
  11. 11. All Black (mit PA Sports)
  12. 12. Vay Vay
  13. 13. Kokain (mit Azan und Kay Ay)
  14. 14. Babylon (mit Azad)
  15. 15. Allein (mit Mois)

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LAUT.DE-PORTRÄT King Khalil

"Messer rein, Platte raus, Schlagstock im Handschuhfach / Alles Gute kommt von unten wie ein Uppercut / Ein Leben ohne Aussicht, ich komm aus Kreuzberg …

11 Kommentare mit 12 Antworten

  • Vor 7 Tagen

    1/5 wäre wohl die richtige Wertung gewesen.

  • Vor 7 Tagen

    ehm. bei aller sympathie für die interpretation "männlichkeitskrise." da wird der einfluss von sophie paßmann und twitter wohl etwas übeschätzt. ich glaube nicht, dass der kollege hier irgendwie "verunsichert" ist von irgendwelchen "*/-in/m/w/d" diskursen oder weil so eine "behaarte alman feministin plakate hochhält oder empörte tweets schreibt." er ist vielmehr ein beliebiges beispiel für typ macho, wie es ihn schon immer gegeben hat und immer noch gibt, egal ob im oval office oder im rap. können wir ja gerne was gegen unternehmen, aber dieses "ja der fähr tnur son dickes auto weil kleiner pimmel und verunsichert" ist eher traurige selbstvergewisserung von leuten, die aufm schulhof immer schläge bekommen haben.

    • Vor 7 Tagen

      Jemand, der sich in seiner Männlichkeit sicher fühlt, hat auch kein ernsthaftes Bedürfnus einen auf dicken Macker zu machen. Das ist aber tatsächlich nicht erst seit Twitterfeminismus so, sondern war schon immer so. Insofern gebe ich dir da dann Recht.

    • Vor 7 Tagen

      So ist das. Aber das ist eben ein ungewollter Nadelstich in die eigene Bubble,die Hinweise darauf, dass dieses ganze Gender-Gekasper und Woke-Gefasel in der realen Welt, also abseits vom gegenseitigen Twitter-Schwanzlecken oder Tofu mit Löwenzahn-Restaurants, überhaupt kein Thema ist.

    • Vor 7 Tagen

      uff, kann in einzelfällen sicherlich so sein. ist jetzt so ein bisschen axiomatisch, aber ich glaube nicht, dass jede form toxischer männlichkeit auf bewusste oder unbewusste unsicherheit zurückzuführen ist. ich denke da so an den idealtyp verhätschelter mama sohn, der von kleinauf schon damit aufgewachsen ist, dass er als junge und später mann der allergeilste ist und das dann verständlicherweise für sein leben auch itnernalisier hat. und die haben mit ihrem oft überbordenden selbstbewusstsein, das häufig auch aggressiv ist, nicht wenig erfolg. ich habe bzw hatte dann häufig eher das gefühl, dass die sprachlos neben diesen machos stehenden typen (und frauen), wozu ich auch gehörte, dann irgendwie verzweifelt da eine form von "jaja der ist eigentlich tief drinnen ein ganz sensibler und auch total unsicher und ich bin hier eigentlich der überlegene zurückhaltende typ" reininterpretiert haben, während wir die abgase des im kickdown vorbeifahrenden weißen mercedes einatmen mussten, in dem "unsere" angebetete mit einem typen saß, bei dem ich nicht das gefühl hatte, dass der überhaupt über irgendwas groß nachgedacht hat, geschweige denn über seine männlichkeit. klingt halt ales nach klischee, aber ich behaupte, dass es solche wendler, trump und khalil typen zuhaufe gibt. amen.

    • Vor 7 Tagen

      Naja, dass diese Personen darüber nicht nachdenken, schließt ja nicht aus, dass das nicht trotzdem innere Triebfeder ist. Trump ist da für mich sogar ein absolutes Paradebeispiel für. Niemand, der sich seiner selbst sicher ist, muss sich die Realität so zu seinen Wunschvorstellungen zurecht biegen, wie es Trump tut. Trump kann es ja nicht einmal anerkennen, wenn er sich bei einer Rede verspricht und tut dann so, als wäre das genau, dass, was er gemeint hat oder als ob er sich nie versprochen hätte. Selbst wenn er mit seinem Fehlverhalten direkt und unabstreitbar konfrontiert wird, lügt er dann einfach stumpf weiter, als ob es nicht für jeden offensichtlich wäre, dass das nicht stimmen kann.
      So verhalten kann sich eigentlich nur jemand, der ein riesiges Problem damit hat, mit den eigenen Unzulänglichkeiten konfronfiert zu werden und der Angst davor hat, was dabei rauskommen würde, wenn er mal ganz ehrlich einen Blick in den Spiegel werfen würde.

    • Vor 7 Tagen

      Du hast mit allem Recht, allerdings muss man hier (also bei Khalil und Co.) auch unterschiedliche kulturelle Hintergründe berücksichtigen. Patricharlische Gesellschaft, andere Vorstellung davon, wie ein Mann zu sein hat usw. Das ist nicht alles einer tiefen Unsicherheit geschuldet, sondern vielfach soziale Prägung.

    • Vor 7 Tagen

      Ich verstehe schon, was ihr meint. Ist halt immer sehr schwierig, da zu konkreten Ergebnissen zu kommen, da wir alle nicht wissen, was bei wem jetzt WIRKLICH den Anlass für irgendein Verhalten gegeben hat bzw. was er oder sie EIGENTLICH denkt, ob Machotum also letztlich aus innerer Angst und Unsicherheit (möglich), schlichter Dummheit gepaart mit schlechter Sozialisation (ebenfalls möglich) oder halt einem Mix aus beidem herrührt (immer die bequemste Argumentation, mit der alle glücklich sind). Zu kulturellen Hintergründen: bin ja echt ein Freund von kulturellen Unterschieden, die ich für empirisch ziemlich gut belegbar halte, aber im Falle von toxischer Männlichkeit macht man es sich echt zu einfach, auf Kollege Khalil und Konsorten zu zeigen. Die sind vielleicht am lautesten toxisch, aber das Label "alte weiße Männer," so polemisch es auch gebraucht wird, hat schon irgendwie auch einen wahren Kern. Und auch im Falle von überheblichen dicken alten weißen Männern mit Gymnasium und vermeintlich aufgeklärtem bürgerlichen background, die meinen, sich alles, von Häusern bis zu 17 jährigen Weißrussinnen, kaufen zu können, gilt meine obige Hypothese: ich glaube NICHT, dass die alle tief im innern ganz dolle verunsichert sind... man, da hab ich hier aber einige KLischees bedient heude.^^

    • Vor 6 Tagen

      uff, linke-feministische Twitter-Blase und King Khalil vom Cringe-Level ungefähr gleichauf. Weiß nicht, was mehr nervt. Halte es für empirisch ebenfalls nicht belegbar, dass toxische Männlichkeit auf innere Unsicherheit zurückzuführen ist. Bitte, sofern ich mich täusche, um die Studie.