2. März 2007

"Madonna zahlt einen hohen Preis"

Interview geführt von

Einst eine der erfolgreichsten Pop-Sängerinnen der Welt, gab die heutige Gartenbau-Expertin Kim Wilde neulich ein Radiokonzert in Zürich, als Warm Up für ihre an diesem Sonntag beginnende Deutschland-Tournee in München. Wir trafen eine sympathische und vornehme Britin, die mit ihrem Leben und ihrer Karriere absolut ins Reine gekommen ist.Kim Wilde sitzt in ihrer Garderobe, erklärt ihr Manager, während er mich am späten Nachmittag über die bereits von ihren Musikern bevölkerte Bühne des Zürcher Kaufleuten führt. Dort finden wir sie dann auch, auf einem Stuhl neben einem einnehmend großen Spiegel, vor dem sich allerlei Schminkutensilien tummeln. Kim Wilde ist bereits hübsch zurecht gemacht und sieht sympathischerweise keinen Sinn darin, zu verbergen, was im Tourgepäck einer 46-jährigen Popsängerin ohnehin zum Standard gehört.

Sie trägt ein legeres T-Shirt, das sie später gegen eine Bluse samt Bühnenjacket eintauschen wird sowie eine schwarze Lederhose mit aufgenähtem Silber-Paillettenschriftzug "Wilde". Die Brücke zur Kim Wilde von 1981, die, gerade mal 20-jährig, aus dem Westlondoner Stadtteil Chiswick mit "Kids In America" gleich zu Beginn die Pop-Hymne des gesamten Jahrzehnts ablieferte. Bis heute steht Kim Wilde der Komponist dieses und vieler weiterer Songs, ihr Bruder Ricky Wilde, treu zur Seite und freut sich seinerseits, für sein Gitarrenspiel auf der Bühne bejubelt zu werden. Mittlerweile ist Kim glückliche Mutter, sie mag die Musik von Elliott Smith und Rufus Wainwright und nur ab und zu zieht es sie selbst wieder auf die große Bühne zurück.

Kim, ich bin mit deiner Musik und der von Samantha Fox in den Charts sowie Poster-Starschnitte in der Jugendzeitschrift "Bravo" aufgewachsen. Wie sind deine Erinnerungen an diese Zeit?

Kim Wilde: Das waren sehr turbulente Zeiten, viele Reisen, gerade in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Das war schon klasse, ich meine, ich war 20 damals, hatte erfolgreiche Platten und wuchs in der Öffentlichkeit auf. Ich war also die meiste Zeit damit beschäftigt, in diesem verrückten Business einigermaßen gesund zu bleiben. Da ich meine Familie immer dabei hatte, war das nicht so schwierig. Es war wundervoll, ich habe fantastische Erinnerungen an diese Zeit.

Hast du dich nicht manchmal geärgert, dass die Presse dich mit reinen Postergirls wie eben Samantha Fox in einen Topf geschmissen hat?

Eigentlich nicht, wir haben eben beide unser Ding gemacht. Ich musste damals ja mit so einigen Vergleichen leben, aber das störte mich nicht wirklich. So ist eben die Natur des Journalismus, sonst gäbe es ja keine Story (lacht). Die Öffentlichkeit hatte schließlich ihr eigenes Bild, kaufte Millionen von meinen Platten und das war großartig.

Als Samantha Fox dann in den 90er Jahren in den Boxring stieg, hast du dir das Thema Gartenbau zu Eigen gemacht und sogar eine TV-Serie namens "Garden Invaders" moderiert. Wie siehst du diesen Karriereschritt heute?

Ich begann mit der Musik, als ich 20 war und ich wagte diesen Schritt mit 36, als ich geheiratet hatte und wir gerade eine Familie gründen wollten. Ich fand schon immer dass die Kombination Musikindustrie und Familie zwei unbequeme, nicht zu vereinbare Komponenten darstellt. Außerdem hatte ich das Musikbusiness satt, ich war ihm entwachsen und musste etwas Neues machen, wie wir es alle mal tun müssen. Und da wir keinen Garten für die Kinder hatten, machte ich mir dahingehend einige Gedanken.

Ich ging zurück aufs College und studierte Gartenbau und Bepflanzung. Sobald ich im Thema drin war, fesselte mich das ziemlich und als dann die TV-Serie noch durchstartete, dachte ich: "Hey, vielleicht habe ich einen neuen Job". Denn das war mir sehr wichtig. Ich wollte nicht einfach meine Stiefel aufhängen, Kinder kriegen und nur noch rumhängen. Ich brauche immer Herausforderungen. So fand ich die Gartenarbeit. Manche Menschen finden zu Gott, ich fand zu den Pflanzen. (lacht)

Hast du dieses TV-Ding damals forciert?

Nein, die kamen zu mir und sie bezahlten auch nicht schlecht. Es passte einfach gerade sehr gut. Außerdem hielt mich das thematisch ziemlich fit. Wenn du eine Gartenbau-Sendung im Fernsehen machst, musst du wirklich wissen, wovon du sprichst. Ich wurde also gezwungen, mich in das jeweilige Thema ordentlich rein zu arbeiten. Letztendlich machte mir die Fernsehsache dann aber keinen Spaß mehr, und ich begann, mich dem Schreiben und Design anzunähern.

Du hast eben das Geld als zusätzlichen Anreiz für die TV-Show erwähnt. Du warst aber Ende der 90er Jahre doch sicher nicht darauf angewiesen.

Nun, ich wurde nach einer strengen Arbeitsmoral erzogen, die sich nicht damit vereinbaren lässt, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen und die Füße hoch zu legen. So ist das bis heute. Ich will Geld verdienen, um Dinge bezahlen zu können. Das macht mich zufrieden, wie wohl die meisten Menschen.

"Ich bin ein großer Charlotte Heatherly-Fan"


2005 hast du für deine mit Kindern entworfene Gartenkreation von der königlichen Gartengesellschaft die Goldmedaille gewonnen. Was ist befriedigender, vor gealterten Pop-Fans auf verrauchten Bühnen zu spielen oder die Arbeit mit Kindern?

Hmm, das macht beides viel Spaß. Wie soll man es vergleichen? Der Tag, an dem ich diese Medaille gewonnen habe, gehört sicherlich zu den schönsten meines Lebens. Aber im Leben geht es nicht nur um Goldmedaillen und es gibt nicht nur wunderschöne Tage, es geht um das dazwischen. Gut, der Rauch auf der Bühne kann einen irritieren, aber davon abgesehen, ist es großartig, vor einer Menschenmenge zu stehen, die sich freut, dich zu sehen. Das verleiht dir eine Menge Energie. Andererseits habe ich zehn Jahre sehr gut ohne diesen Popstar-Zirkus gelebt und ich könnte es auch weitere zehn Jahre. Im Moment genieße ich es.

Okay. Wirst du dein neues Buch "Gartenbau mit Kindern" auch am Merchandise-Stand deiner Konzerte anbieten?

(lacht) Nein, kein Merchandise. Du bekommst es in jeder guten Buchhandlung oder bei amazon.com.

Auf deinem neuen Album ist eine neue Version von "Kids In America" mit Charlotte Heatherly. Ist das als eine Art Tribut an deine eigenen Punkrock-Wurzeln zu verstehen?

Absolut, auch als Tribut an sie, denn ich bin ein großer Fan von Charlotte. Es war toll, sie zu treffen. Ursprünglich kam sie ins Studio, um ein paar Gitarren einzuspielen, doch dann überfiel ich sie mit der Forderung, den Song mit mir zu singen. Ich war mir anfangs auch nicht ganz sicher, ob es so eine gute Idee ist, diesen Song nach so langer Zeit nochmal zu singen und dann auch noch alleine. Aber mit Charlotte machte es einfach Sinn, denn sie liebt den Song und spielt ihn auch ab und zu auf Konzerten. Sie versuchte sogar mal, "Kids In America" selbst zu schreiben und hatte am Ende einen Song namens "Kim Wilde" fertig, durch den wir uns überhaupt erst kennen lernten. Ich finde, unsere Stimmen klingen auch sehr ähnlich.

Gibt es sonst noch Gemeinsamkeiten zwischen euch?

Ich glaube nicht allzu viel, aber wir kommen gut miteinander klar. Sie ist in erster Linie Gitarristin und Songwriterin. Ich sehe sie mehr als meine kleine Schwester, denn sie ist genau im selben Alter wie Roxanne, meine kleine Schwester.

Die neuen Songs "Forgive Me" und "View From A Bridge" sind mit den gängigen, modernen Four-to-the-floor-
Beats ausgestattet. Ist das ein Sound, der dir persönlich gefällt, oder dürfen die Produzenten da ein Wörtchen mitreden?

Ich liebe den Song "Forgive Me", andernfalls hätte ich ihn nicht aufgenommen.

Ich wollte eigentlich auf den deutlichen Dance-Bezug hinaus, der diese beiden Songs im Vergleich zu den übrigen kennzeichnet.

Nun, ich denke, ich kann mir erlauben, auch solche Songs aufzunehmen, nein? Ich finde, in meinem Alter und in meiner Position darf ich mir alles erlauben.

Der Kontakt zu Uwe Fahrenkrog-Petersen, dem Produzenten deiner Platte, kam sicher durch Nena zustande, oder?

Ja, ich traf ihn, als ich Nenas (sagt: Nai-na) Single promotete. Wir unterhielten uns, verstanden uns auf Anhieb und hatten dann eine lange Diskussion darüber, ob und warum es ein neues Kim Wilde-Album geben sollte. Zunächst war ich sehr skeptisch, aber nach und nach fand auch ich, dass es eine gute Idee wäre. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Er hat fantastische Arbeit geleistet. Ich weiß nicht, ob es auch jemand anders in der Form und mit so viel Herzblut hinbekommen hätte.

"Ich habe heute vor nichts mehr Angst"


Bananarama versuchten sich letztes Jahr auch an einem Comeback. Bleibt man mit alten Kollegen über die Jahre in Kontakt?

Ich kenne die Bananas nicht gut, wir waren nie befreundet. Allzu oft haben wir uns auch nicht getroffen. Das letzte Mal war auf einem dieser "80s-Konzerte" (ca. 2001, Anm. d. Red.), sie kamen in meine Umkleide und waren sturzbetrunken, wirklich voll wie eine Haubitze. Also, nicht dass ich da was dagegen hätte, ich war auch einige Male in ähnlichen Situationen, aber wie gesagt, wir waren nie befreundet. Ihre Popmusik gefällt mir dagegen.

1988 hattest du eine Art Karrierehöhepunkt und bist einige Male als Support von Michael Jackson vor rund 100.000 Menschen aufgetreten. Was fühlt man in solch einem Moment?

Es war überwältigend, aber auch beunruhigend. Es gab damals Momente, an denen ich dachte, mir wächst das alles über den Kopf. Ich weiß noch, wie ich kurz vor der Tour mit meiner Mutter darüber sprach, alles abzublasen. Ich war unsicher, ob ich da hingehörte, ob ich da heil wieder rauskäme bei all diesen Menschenmassen. Im Nachhinein war es sicher ein Highlight meiner Karriere und eine Lektion, mich meinen Ängsten zu stellen. Das hat mir seither einige Male geholfen. Auch wenn du ein Comeback mit 46 wagst, kommen diverse Ängste ins Spiel.

Hast du darüber auch mit Michael Jackson sprechen können?

Nein. Er wurde schon damals weitestgehend abgeschirmt vom wirklichen Leben. Und seither ging es ja immer weiter bergab für ihn. Ich kann mich also glücklich schätzen, aus dieser Sache gesund heraus gekommen bin.

Das Billboard-Magazin behauptete kürzlich, Madonnas "Confessions On A Dance Floor"-Welttournee sei die erfolgreichste Tour eines weiblichen Künstlers in der Geschichte. Du zählst zu Madonnas Vorbildern und hast damit auch ihre Karriere beeinflusst. Wünschst du dir manchmal, deine Karriere wäre noch etwas länger oder noch erfolgreicher verlaufen?

Nein. Ich bin sogar sehr froh, dass es nicht anders gekommen ist. Das hätte nicht zu mir als Person gepasst. Ich freue mich, ganz normal und ohne Bodyguards auf die Straße gehen zu können. Ich bringe meine Kinder zur Schule wie alle anderen Eltern auch, ich hole sie wieder ab und ich kann zum Elternabend gehen. Es ist ein hoher Preis, den Madonna für ihren Erfolg bezahlen muss und auf den bin ich überhaupt nicht scharf.

Was würdest du heute tun, wenn du in den 90ern so viele Platten verkauft hättest, wie in den 80ern?

Darüber habe ich nie nachgedacht. Ich vermute mal, es hätte mir gefallen. Es war damals klasse und ist es noch heute. Nun weiß ich aber, dass ich auch ohne das alles leben kann. Das Leben geht immer voran und es gibt so viel zu tun. Ich habe heute vor nichts mehr Angst. Selbst die Ungewissheit ist heute fast schon beruhigend und das fühlt sich sehr gut an.

Klingt nicht so, als plantest du jetzt schon dein nächstes Album.

Nein, das tue ich nicht. Ich kann es mir vorstellen, aber vielleicht dreht sich alles wieder in eine ganz andere Richtung, wie schon einmal. Aber gut, ich liebe es, Lederhosen mit meinem eingestickten Namen zu tragen. Das ist lustig.

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LAUT.DE-PORTRÄT Kim Wilde

Ihre Hitsingles "Kids In America" und "Cambodia" finden sich heute auf jeder Compilation, die die Anstrengung unternimmt, einen Hauch von New Wave einzufangen.

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