laut.de-Kritik

Die Luft ist raus.

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Nehmen wir das Urteil vorweg: Nach drei modernen Straßenrap-Klassikern ist die Luft bei Kalim raus. "Null Auf Hundert" setzt sich inhaltlich und musikalisch kaum von der Konkurrenz ab. Dank der handwerklichen Qualität macht das alles trotzdem Spaß.

Kalims Biografie kurz zusammengefasst: "Im Klassenzimmer eingeschlafen, aufgewacht mit einer Kilowaage." Der Hamburger berichtet von einem tristen Alltag im 16. Stock. Dass das nicht zu einem Klischee verkommt, sondern ansatzweise "Menace 2 Society"-Gefühle weckt, liegt an den gefeierten Altlasten.

Um das bunte Drumherum scherte sich der 27-Jährige nie. Er war der Liebhaber-Tipp bei einem Label, das eigentlich keinen Platz für Liebhaber-Tipps hatte. Bei Alles Oder Nix überließ er Schwesta Ewa, Ssio und Xatar das Scheinwerferlicht. Umso stärker beeindruckte seine Diskografie, die mit "Sechs Kronen" auf die Westcoast der Neunziger schielte, mit "Odyssee579" einen Mafia-Film der alten Schule schuf und mit "Thronfolger" endgültig an der Straßenrap-Spitze ankam.

"Mir ist mein Leben egal, sag mir, was kann schon passieren?", heißt es nun im "Null Auf Hundert"-Opener "1992". Einer der wenigen Momente, in denen die Raps und der minimalistisch-düstere Beat eine nachhaltige Stimmung erzeugen.

Kalim betont immer wieder, dass er authentisch sei. "Null Auf Hundert" gibt keinen Grund, daran zu zweifeln. Die Beschreibungen vom Leben zwischen missgünstigen Feinden und drohenden Knastaufenthalten fallen anschaulich aus. Dass das nicht verherrlichend, weil Schattenseiten aufzeigend klingt, macht den Kriminellen fast schon sympathisch.

Hängen bleibt allerdings auch nichts. Dafür geht es einmal zu oft um den Traum vom Fiat Punto zum Mercedes-Benz. Musikalisch scheint Kalim erstmals keine eigene Vision zu haben. Es gibt Autotune-durchtränkte "Skurr skurr"-Momente ("Bis Um 3"), eingängigen Gossen-Pop ("Wohin Du Willst") und einen inoffiziellen "38er"-Nachfolger ("Sig Sauer"). Da fühlen sich auch die ähnlich ausgerichteten Kollegen wohl. Luciano, Nimo und Ufo361 füllen die auf Kalim-Alben nie unspektakuläre Feature-Liste.

Völlig ideenlos ging Kalim trotzdem nicht ins Studio. Auf "1 L Henny" klingt seine Zunge, als sei sie tatsächlich von einem Liter Hennessy gelähmt. Das kann man als Hingabe für die Kunst werten. Wobei der Rest des Albums nicht klingt, als wisse Kalim einen guten Schluck Cognac nicht zu schätzen. Wenn betäuben, dann mit Stil – anders ist dieses Leben auch nicht zu ertragen.

"Null Auf Hundert" fällt mit seinen 32 Minuten kompakt aus. Nur ein Stück knackt die Drei-Minuten-Marke. So entsteht zumindest keine Langeweile. Und überhaupt: Als Straßenrap-Album funktioniert "Null Auf Hundert" perfekt. Im direkten Vergleich mit den Vorgängern enttäuscht die Platte allerdings. Kalim scheitert an sich selbst.

Trackliste

  1. 1. 1992
  2. 2. Sig Sauer
  3. 3. Kilo feat. Luciano
  4. 4. Mbappé
  5. 5. Bis Um 3 feat. Nimo
  6. 6. Nie Wieder Broke feat. Ufo361
  7. 7. 63
  8. 8. Null Auf Hundert
  9. 9. Kopfkrieg
  10. 10. Wohin Du Willst feat. Reezy
  11. 11. 1 L Henny feat. Reezy & Lary
  12. 12. Offenes Verdeck

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