laut.de-Kritik

Mood-Piece aus der Quarantäne.

Review von

Not macht bekanntlich erfinderisch. Während viele aufgrund der aktuellen Situation ihre Liebe fürs Backen neu entdecken, tatsächlich mal wieder ein Buch in die Hand nehmen oder zum x-ten Mal vergeblich versuchen, sich Fruity Loops selbst beizubringen, wühlen sich andere durch die verstaubten Kartons ihrer Jugend und entdecken dabei neben jeder Menge peinlicher Memorabilia auch den ein oder anderen vergessenen Schatz.

So auch Kali Uchis, die die Corona-bedingte Verschiebung ihres zweiten Studioalbums mit dem Neuaufnehmen von alten Demos kompensiert. Das Cover der daraus entstandenen EP ziert "the isolation era of me eating the por vida era of me's pussy", so Uchis. Die vier Songs scheinen also einen sinnlichen Schlussstrich unter eine musikalische Ära zu ziehen, bevor die in Virginia geborene Sängerin mit ihrer nächsten LP nach vorne blickt.

Die für ihre Debüt-EP "Por Vida" konzipierten Songs "honey baby (SPOILED!)" und "angel" (ursprünglich "pablo escobar"), erblickten in einer weitaus spärlicheren Trailer-Video-Version bereits 2013 das Licht der Welt. Auch wenn bereits diese kurzen Snippets Kalis Talent für verträumte Melancholie unter Beweis stellten, belegen diese neuen Versionen ihre musikalische Entwicklung. Klang ihre Stimme damals noch dünner als Seidenpapier, so strotzt ihr warmes Timbre nun vor Selbstbewusstsein und festigt ihren Status als Poster-Girl elegischer Summer-Jams, den sie sich mit "Isolation" erarbeitete.

Apropos "Isolation": Das absolute Highlight der EP, "i want war (BUT I NEED PEACE)", das sie bereits live spielte, ist der einzige Song mit einem waschechten Chorus und unterscheidet sich deutlich von den restlichen, auf Hochglanz polierten Demos. Der einzige eigens für die EP geschriebene Song ist passenderweise der Titeltrack. "I miss my family, things will never be the same / To all the people that we lost I'm screamin 'Rest in peace'", singt sie: Es ist eine müde aber nicht minder optimistische Momentaufnahme ihrer eigenen Gefühlswelt, der man, unter den momentanen Umständen, schweren Herzens und kopfnickend beipflichten mag.

Kalis zweite EP ist mehr Mood-Piece und Fan-Service, geboren aus der Langeweile der Quarantäne, als tatsächliche artistische Progression. Dank des qualitativen Levels, das selbst ihren B-Seiten innewohnt, ist das verschmerzbar. "To Feel Alive" löst eher Ungeduld und Vorfreude auf das nächste vollwertige Projekt der Amerikanerin aus. Oder in ihren Worten: "I just wanna grow into my greatness".

Trackliste

  1. 1. honey baby (SPOILED!)
  2. 2. angel
  3. 3. i want war (BUT I NEED PEACE)
  4. 4. TO FEEL ALIVE

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1 Kommentar mit 5 Antworten

  • Vor 8 Monaten

    Das Cover sieht irgendwie aus wie eine Mischung aus E-Rotic, falls die noch jemand kennt, und Kanye Wests MBDTW. Sinnlich? Naja.

    • Vor 8 Monaten

      Ende des letzten Jahrtausends war es eine schulische BWL-Halbjahres-Projektarbeit, einen Saftladen mit eigener Produktlinie zu konzipieren und am Ende auf einer Projektmesse mit eigenem Stand vorzustellen. Wir waren eine reine Jungengruppe und unser Laden hieß "Dr. Dick's", natürlich nur wegen extra dick Fruchtfleisch in jeder Packung. Das Firmen-Emblem war eine Banane, an deren Stengel ein Paar Kirschen baumelte. Es war das professionellste an unserem Konzept, entworfen vom damals am meisten geschätzten Graffiti-Writer der Stadt. Ich war im Marketing und hab erst mal einige super trashige (und selbstverständlich nicht lizensierte) Werbespots mit dem gleichnamigen Eurodance-Song gedreht. Während der Dreharbeiten wurde ordentlich gesoffen und gekifft, nicht so viel am Restkonzept gearbeitet. Wir waren dann die einzige Gruppe, die am Projektmessetag daran dachte, Bildschirme und Boxen in der Halle anzubringen (strange times back then), weil wir halt auch sonst nicht allzu viel für das Projekt vorbereitet hatten und in einem spektakulären Ablenkungsversuch ("Guerilla-Marketing!") ballerten wir das Lied somit sechseinhalb Stunden ununterbrochen als einzige musikalische Untermalung des Tages zu unseren Billo-Werbespots über die Anlage durch die Messehalle.

      3-

      Guantanamo has nothing on this. :D
      https://www.youtube.com/watch?v=19xqnjjaTVk

    • Vor 8 Monaten

      Da hat sich ja einer was getraut back then

    • Vor 8 Monaten

      Junge, ich saß im Bus noch zwei Reihen hinter Flizzy! ;)

    • Vor 8 Monaten

      fred come to bed und das deutschen sailor moon theme sind 2 der besten lieder, welche die 90er hervorgebracht haben. #realtorque