laut.de-Kritik

Tech-Death, so spektakulär und unberechenbar wie eine Lawine.

Review von

Was sind schon zehn Jahre? Für Job For A Cowboy nix. Eine Dekade nach dem letzten Album und weitgehender Funkstille schwingen sich die Mannen aus den Staaten wieder in den Sattel. Die Begründung: Es sei halt noch nicht alles gesagt. "Moon Healer" ist daher nicht nur konzeptuell mit dem Vorgänger "Sun Eater" verbunden, auch musikalisch setzt es am damaligen Schaffensstand an.

Es gibt also modernen und technisch anspruchsvollen Death Metal auf die Ohren. Die einstigen Deathcore-Kids folgen unbeirrt dem Pfad ihrer musikalischen Reifung. Einfach stumpf durchzuknüppeln, das war einmal, heute steht ihnen der Sinn nach Progressivem.

Die gute Nachricht: Von einer Opeth-isierung findet sich dennoch keine Spur, denn auch das Schädelspalter-Material wird auf "Moon Healer" nicht vergessen. Nur reduzieren JFAC dieses auf bewusst platzierte Passagen. Im Allgemeinen aber toben sie sich lieber mit komplexen, teils kopflastigen Arrangements aus. Und angesichts ihres schieren musikalischen Könnens mag man dies den fünf auch nicht verdenken.

Schon Bassist Nick Schendzielos spielt die Mehrheit seiner Zunft gleich mal an die Wand: Wie seine Finger über die Saiten grätschen, slappen und flitzen, ist schlicht spektakulär. Im Verbund mit dem explosiven Neuzugang am Schlagzeug, Navene Koperweis (u.a. Animals As Leaders und Entheos) drückt die Rhythmussektion dem Album ihren Stempel auf. Gerade der Drummer verändert die Dynamik eines Songs oftmals im Alleingang, etwa, wenn er Blastbeats ein- oder ausknipst.

Man nehme den Song "Grinding Wheels Of Ophanim": Der Einstieg gehört dem wild slappenden Bassisten und dem nicht minder furios ackernden Drummer. Das Gitarrenduo Tony Sannicandro und Al Glassman muss in diesem Sperrfeuer gar nicht groß mitmischen, ein paar offene Akkorde reichen vollauf. Wenn die Gitarristen und Shouter Jonny Davy mit seinen kräftigen Growls später voll einsteigen, bleibt in der massiven Soundwand keine Lücke mehr offen. Doch auf "Moon Healer" hat so gut wie nichts länger Bestand, deshalb weicht auch dieser Part bald einem ruhigen Intermezzo, in dem die Leadgitarre ein neues Fundament legt.

Dass auch die Gitarristen das ganze Spektrum abdecken, dürfte wenig überraschen: Rasante Presslufthammer-Riffs (u. a. in "The Agony Seeping Storm") wechseln sich mit messerscharfen Soli und bittersüßen Melodeath-Melodien ab, die ein wenig Harmonie einbringen. Besonders schön kommt dies im Melancholie-durchtränkten "A Sorrow-Filled Moon" zum Ausdruck.

Da den Heavyness- und Groove-Grundpegel schon Bassist und Drummer besorgen, können es sich die Gitarristen leisten, sich in dissonanten, trippy Klängen zu verlieren – passend zum lyrischen Konzept der Platte. "Moon Healer" ist wie der Vorgänger ein Konzeptalbum, das sich dem Einfluss bewusstseinserweiternder Substanzen widmet. Aber will man wirklich wissen, wie sich dieser Wahnsinn auf Drogen anhört? Schon nüchtern sind diese knapp 40 Minuten eine heftige Erfahrung.

Doublebass-Geratter hier, Breakdown dort, klassische Gitarrenmelodie da, hier noch ein Tempowechsel und da ein sphärisches Intermezzo – mühelos packen die fünf Musiker alles zusammen, wonach ihnen gerade der Sinn steht. Death-Jazz à la Voivod auf einem schlechten Trip? Gibt es auch ("Etched In Oblivion"), denn der Basser kann ja nicht nur Rhythmus. Als Fixpunkt dient in den anhaltenden Kapriolen Shouter Jonny Davy. Der Mann bleibt seinem erprobten Stil treu: tiefe Growls, die er mit gepresstem Keifen variiert.

Das Album macht Laune: Geile Riffs, Bassspuren und Drumparts fliegen einem permanent um die Ohren. Ganz zu schweigen davon, dass alles schön heavy kommt. Doch wer weder fließend Cookie-Monster spricht, noch in Tech Death-Takten träumt, wird Mühe haben, sich an einzelne Passagen zu erinnern, geschweige denn, sie einem Song zuzuordnen.

Vom Opener "Beyond The Chemical Doorway" bis zu "The Agony Seeping Storm" bricht das Album einer Lawine gleich über die Hörerschaft ein, mit steten Twists als einziger Konstante. Gerade komplexere Songs wie "Into The Crystalline Crypts" erfordern einiges an Aufmerksamkeit und Ausdauer, um sich in die irren Strukturen einzugrooven. Der finale Track "The Forever Rot" erhält etwas mehr Luft zum Atmen, der Aufbau geht hier einmal weniger sprunghaft vonstatten.

Unterm Strich halten die Amerikaner aber die Balance: Trotz der Vorliebe für Vertracktes achten sie darauf, Headbanger-Parts nicht zu kurz kommen zu lassen. Ein Goodie für die simpleren Gemüter. Schade nur, dass sich der Mix nicht so variabel wie die Songs präsentiert – im Zweifel werden sämtliche Regler auf 10 gedreht, was zu einer gewissen Ermüdung führt. Eine hohe Intensität-Verträglichkeit hilft definitiv.

Wie es mit der Band weitergeht, ist offenbar noch nicht geklärt. Sollte "Moon Healer" tatsächlich das letzte Hurra sein, hätten Job For A Cowboy aber ein fettes Ausrufezeichen unter ihre Bandhistorie gesetzt.

Trackliste

  1. 1. Beyond The Chemical Doorway
  2. 2. Etched In Oblivion
  3. 3. Grinding Wheels Of Ophanim
  4. 4. The Sun Gave Me Ashes So I Sought Out The Moon
  5. 5. Into The Crystalline Crypts
  6. 6. A Sorrow-Filled Moon
  7. 7. The Agony Seeping Storm
  8. 8. The Forever Rot

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3 Kommentare mit 7 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    Starkes Album, wer ein bisschen was mit technischem Metal anfangen kann, sollte diesem hier mal eine Chance geben.

  • Vor 2 Monaten

    Hab die Basslines auf Sun Eater schon geliebt, hier wieder sehr geil.

  • Vor 2 Monaten

    Bisserl off-topic... Ich empfinde es irgendwie als Holzweg des Metal, nachdem die Musikrichtung alle Außenstehenden eher langweilte als schockierte, in die immer extremere, schnellere, blastbeatigere, growlige Richtung gegangen zu sein. Das wirkt auf mich etwas kindisch und trotzig, wenn viele Bands dort verharren, ohne den Pionieren dieser "extremeren" Metal-Ableger der 80er und 90er ernsthaft etwas hinzuzufügen.

    Auf der anderen Seite gibt es dann die lahme Anbiederung und Imitation dessen, was unter den etwas langsameren Zeitgenossen als "relevant" gilt - Sleep Token und ähnlicher Emokitsch.

    Will sagen: Mir fehlen die klassischen Aus-dem-Bauch-Brecher, die trotz gemütlicheren Tempos mehr Punch, Wut und Energie haben als die extremeren, vertechnischten Varianten. Wie z.B. die erste Scheibe von "The Sword", manches von Gojira oder Mastodon. Wäre über Empfehlungen sehr dankbar, denn gefühlt jede Metalplatte auf laut.de ist so cringiger, saftloser Nischenschmonz.