6. Februar 2013

"Ich lebe im falschen Jahrzehnt"

Interview geführt von

Standing Ovations bei der renommierten Jools Holland Show, umjubelte Support-Auftritte im Schatten von Noel Gallagher und den Stone Roses, sowie ein Debütalbum, das bereits in der ersten Vö-Woche von der Pole Position der UK-Charts grüßte: Jake Bugg, Englands neuer Singer/Songwriter-Wunderknabe ist derzeit in aller Munde.Britische Laudationen auf Eigengewächse kennt man bereits zur Genüge. Auf der Insel entsteht bisweilen schon einmal ein Hype, noch ehe der Act um den es geht, überhaupt erst einen Fuß ins Studio gesetzt hat.

Im Fall des blutjungen Jake Bugg kommt man allerdings nicht umhin, in die ausufernden Lobgesänge aus dem Norden mit einzustimmen. Denn was der 18-Jährige aus Nottingham auf seinem selbstbetitelten Debütalbum präsentiert, hinterlässt selbst bei eingefleischtesten Singer/Songwriter-Kennern offene Münder und hochgezogene Augenbrauen.

Es gibt derzeit kaum eine Artist-to-watch-Liste, auf der der smarte Barde mit der Akustikgitarre nicht vertreten ist, und so reißen sich die Medien derzeit nur so um Interview-Slots mit dem neuen Wunderkind aus England. Wir trafen Jake Bugg in Berlin und sprachen mit ihm über Gedächtnislücken, Noel Gallagher und seinen ganz persönlichen Schlüssel zum Erfolg.

Hi Jake, du warst vor kurzem in deiner Heimat mit der Band Findlay unterwegs. Besonders in Newcastle soll es ziemlich hoch her gegangen sein. Erinnerst du dich?

Jake: Die Shows waren eigentlich alle gut.

Ich meinte eigentlich eher die Stunden nach dem Gig.

In Newcastle?

Genau.

Ich kann mich nicht mehr erinnern. Was hast du denn gehört (grinst)?

Ich las von einem halbnackten weiblichen Fan, der ziemlich ausgetickt sein soll. Natalie (Sängerin von Findlay) soll wohl dazwischen gegangen sein und erntete zur Belohnung einen Faustschlag von besagtem "Fan", der eigentlich dich treffen sollte.

Wow! Wo hast du das her?

NME, The Sun, The Guardian.

Daran kann ich mich wirklich nicht mehr erinnern.

Es war ja auch schon spät, soll so gegen 5 Uhr morgens passiert sein.

(Lacht)

Mich hat das auch etwas verwundert, denn für mich wirkst du überhaupt nicht wie jemand, der bis in die Puppen feiert.

Das ist sehr unterschiedlich. Eigentlich achte ich momentan sehr auf meinen körperlichen Zustand. Da kommt es eher selten vor, dass ich über die Stränge schlage. Aber manchmal feiert man halt. Mit 18 Jahren praktisch über Nacht drei Gänge runterzuschalten ist eine ziemliche Herausforderung (lacht). Aber ich glaube, ich kriege das ganz gut hin.

"Ich lasse mich nicht verrückt machen."


Du hast auch vor kurzem im Vorprogramm von Noel Gallagher gespielt, der seine wildesten Zeiten zwar bereits hinter sich gelassen hat, der aber trotzdem auch heute noch ganz gerne als "Lebemann" betitelt wird. Wie war das für dich in Bezug auf deine Anstrengungen, möglichst ausufernden Exzessen lieber aus dem Weg zu gehen?

Noel ist ganz anders. Da ist nicht mehr viel übrig von der Vergangenheit. Er arbeitet unheimlich professionell und fokussiert. Viele Leute haben einen völlig falschen Eindruck von ihm. Das ist sehr schade, denn er ist wirklich ein harter Arbeiter. Ich meine, natürlich hatten wir auch ein paar Drinks, aber nichts Weltbewegendes.

Ist Noel so etwas wie ein Mentor für dich?

Natürlich ehrt es mich ungemein, dass er meine Musik mag. Seine Lobgesänge haben sicherlich auch einen Teil dazu beigetragen, dass ich heute hier sitzen darf, aber als Mentor würde ich ihn nicht bezeichnen. Ich war damals großer Oasis-Fan und ich liebe die Musik, die er heute mit den Flying Birds macht. Ich bin aber eher der Typ, der seine eigenen Wege gehen will und nicht so sehr darauf achtet, was andere Leute von einem halten.

Glaubst du, dass diese DIY-Attitüde ein Schlüssel zu deinem derzeitigen Erfolg ist?

Ja, davon bin ich überzeugt. Es gibt so viele junge Künstler da draußen, die auf dem Weg nach oben den Fehler machen, die Türen zu weit zu öffnen. Dann stehen plötzlich Dutzende Leute da, die versuchen, etwas völlig anderes aus einem zu machen. Die Authentizität geht dabei verloren. Die Leute merken sehr schnell, wenn etwas nicht aus dem Herzen kommt. Mir war immer wichtig mein Ding zu machen.

Deine Musik, deine Texte und die Art, wie du darüber redest, erwecken bei vielen Menschen den Eindruck, als stecke da ein erfahrener und selbstbewusster Mann im Körper eines Jugendlichen fest. Empfindest du das manchmal auch so?

(Lacht) Nein, eigentlich nicht. Ich fühle mich manchmal eher wie jemand, der im falschen Jahrzehnt geboren wurde.

Welches Jahrzehnt sollten wir jetzt denn haben, damit du dich rundum wohl fühlst?

Es ist nicht so, dass ich mich unwohl fühle. Aber ich hätte mein Album schon ganz gerne in den den Sechzigern oder Siebzigern veröffentlicht. Aber man kann ja nicht alles haben (grinst).

An der Resonanz kann es aber kaum liegen, oder?

Nein, ganz im Gegenteil. Ich hätte einen derartigen Erfolg nie erwartet. Es geht mir einfach um den Flair dieser Zeit. Vielleicht würden mir einige Songs auf dem Album noch etwas besser gefallen, wenn ich sie zu dieser Zeit geschrieben hätte.

Du hast in den letzten Monaten unheimlich viel erlebt. Du warst mit Noel Gallagher und den Stone Roses auf Tour, du warst zu Gast bei Jools Holland und dein Album ging in deiner Heimat von Null auf Eins. Und das alles mit gerade einmal 18 Jahren. Macht dir das momentane Tempo manchmal auch ein bisschen Angst?

Es ist schon ziemlich überwältigend, was gerade alles um mich herum passiert. Ich lasse mich aber nicht verrückt machen. Für mich zählt nur die Musik. Wenn ich tagsüber ein- oder zweimal irgendwo in der Ecke sitzen kann um mich ein bisschen auf der Gitarre auszutoben, dann bin ich glücklich. Ich brauche diese Aufmerksamkeit nicht, was nicht heißen soll, dass ich sie nicht genießen kann. Ich bin wirklich dankbar für alles, was mir momentan wiederfährt.

Aber wenn ich wählen müsste zwischen dem intimen Moment, wenn ich in irgendeiner Ecke auf meiner Gitarre einen neuen Song schreibe und einem Konzert vor ausverkauftem Haus, dann würde ich mich für die Zweisamkeit entscheiden (grinst). Vielleicht ändert sich das noch, aber momentan ist es einfach so. Ich mache mir auch nichts vor. Wer heute oben ist, kann morgen schon wieder weg vom Fenster sein. Was aber bleibt, ist die Musik. Alles andere ist zweitrangig.

"Ich hatte damals keine Spielekonsole ..."


Das klingt alles ziemlich sachlich und abgeklärt und klingt so gar nicht nach einem 18-jährigen Shootingstar, der praktisch über Nacht in aller Munde ist. Was ist das? Selbstschutz? Oder hat dich Noel Gallagher in einem ruhigen Moment zur Seite genommen um dir Tipps für die Außendarstellung zu geben?

(Lacht) Nein, weder noch. Ich bin einfach so. Ich meine, ich sitze ja heute nicht hier, weil ich ein toller Redner bin oder sonst irgendwas. Das alles habe ich der Musik zu verdanken und dementsprechend fokussiere ich mich auch. Ich bin froh und glücklich, dass die Leute meine Musik mögen. Aber selbst ein 18-Jähriger sollte heutzutage bei all der Informationsflut mitbekommen, dass Übermut, Undankbarkeit und Selbstüberschätzung dazu führen, dass dich die Leute ganz schnell nicht mal mehr mit dem Arsch anschauen. Ich möchte, dass die Musik noch lange mein Lebensmittelpunkt darstellt und das erreiche ich nicht, in dem ich mich aufführe wie ein narzisstischer Gockel.

Ungewohnte Worte, die bei gleichbleibender musikalischer Qualität für ein langes Leben auf der Überholspur sorgen könnten.

Das ist der Plan (grinst).

Du wirkst rein äußerlich völlig up to date und in deinen Videos hängst du mit Kumpels rum, die ebenfalls aussehen, als hätten sie weit mehr moderne Alben als Bob Dylan-Scheiben zu Hause im Schrank zu stehen. Woher kommt dieses Verlangen nach Antikem?

(Lacht) Ich komme aus Clifton, einem ziemlich heruntergewirtschafteten Stadtteil von Nottingham. Ich hatte damals keine Spielekonsole oder einen Flat-TV, ich hatte nur meine Gitarre und die Klänge von McCartney, Hendrix und Cash. Das hat sich halt so entwickelt.

So völlig abgeschottet von neuzeitlichen Beats, Rhymes und anderem Sound-Schnickschnack?

Dieses ehrliche und authentische Schaffen all dieser Leute wie Johnny Cash und Co. hat mich einfach fasziniert. Ich höre zwar auch andere, wesentlich modernere Sounds gerne, aber machen wollen würde ich das nicht. Beim Hören ist es mir einfach nur wichtig, dass mir die Musik gefällt. Das kann was von Mozart sein oder auch brandneuer Hip Hop. Ich bin da ziemlich offen. Wenn es gut ist, höre ich es mir auch an.

Es gibt einige Songs auf deinem Album, auf denen du recht schonungslos mit deiner Heimatstadt ins Gericht gehst. Dennoch sträubst du dich aber noch vor einem Umzug in eine größere Stadt wie beispielsweise London. Woran liegt das?

Im Grunde genommen spielt es doch gar keine Rolle wo ich lebe. Ich habe letztens erst wieder gelesen, dass ich bereits in London wohne würde, was absoluter Quatsch ist. Die Leute parken dich einfach da, wo sie wollen (lacht). Aber im Ernst: was soll ich denn in London? Viele Bands und Künstler gehen nach London, weil sie denken, dass es dort einfacher ist groß rauszukommen. Für mich ist das Schwachsinn. Ich komme aus Clifton und verbringe auch immer noch die meiste Zeit dort. Insofern: Es spielt keine Rolle wo man was macht. Wichtig ist nur, dass man mit dem Herzen dabei ist.

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