laut.de-Kritik

Gegen das Vergessen, damals wie heute.

Review von

Das erste, das einem an "Hannes Wader Singt Arbeiterlieder" auffällt, ist, dass er auf dem Cover nicht gerade so schaut, als erwarte er das unmittelbare Kommen der Weltrevolution. Eher so, als suche er nach Alternativen zu diesem vermaledeiten Linkssein, wissend, dass es keine gibt. Na dann, die Klampfe gestimmt, kurz geräuspert. "Dem Karl Liebknecht / dem haben wir's geschworen". Was will man machen? Den Charlie kannste nicht hängen lassen. Ach, scheiße. Zwo, drei, vier, "Auf, Auf Zum Kampf" angestimmt.

Denn so, wie es ist, kann es das nicht sein, soll es nicht bleiben, lautet die zentrale Botschaft, die alle Lieder der Platte gemein haben. Wader vertont hier im Speziellen 13 Klassiker der linken Arbeiterbewegung. Wiewohl dieses Album offensichtlich politisch ist, darf man sich den Urheber nicht als dogmatischen Volkserzieher vorstellen. Auf Hannes Waders frühen Werken findet sich mancher scharfer Spott nicht nur gegen den Adenauer-Spießbürger, der sich die Konzentrationslager zurück und die langhaarigen Lümmels hinein wünschte, sondern mitunter auch gegen Ernesto Guevara.

Schließlich gibt es auch Spaßigeres, als nach zweistündiger Diskussion im Plenum um Haupt- und Nebenwidersprüche marxscher Theorie zum Schluss zu kommen, das sei doch so alles fruchtlos, man müsse erst einmal die Begrifflichkeiten klären, am besten in einem separaten Plenum. Das Freudlose, das Dogmatische war Wader in seiner Musik immer fremd. Bei aller Liebe zum Klassenkampf, mit den Klassenkämpfern hat man eben so seine Probleme.

Die waren in Waders Fall teils sehr handfester Natur: Einen ähnlichen Gesichtsausdruck wie auf dem Cover der "Arbeiterlieder" hatte er wohl drauf, als er fünf Jahre zuvor in seine Wohnung zurückkehrte, 1972 nach erfolgreicher Tour zu seinem ebenfalls großartigem Album "7 Lieder". Die Wohnung hatte leider unterdessen jemand in die Luft gesprengt. Was will man machen?

Diesem Jemand, einer gewissen Hella Utesch, hatte er während seiner Abwesenheit die Schlüssel überlassen, man ist ja solidarisch, zudem war sie intelligent, wortgewandt, hübsch noch dazu. "Hella Utesch, so heißt doch kein Mensch!", möchte man ihm durch die Zeit zurück zurufen. Selten hat ein Deckname so sehr nach Deckname geklungen. Hella hieß tatsächlich in Wahrheit nicht Hella, sondern Gudrun Ensslin, war führendes Mitglied der Roten Armee Fraktion und im Bombenbau offensichtlich ausbaufähig bewandert, was in der Detonation der Waderschen Wohnung resultiert.

Sie erfolgte im Rahmen der Vorbereitungen zur sogenannten "Mai-Offensive" der RAF 1972, die die linken Terroristen um Ensslin, Meinhof und Baader auch innerhalb der Linken massiv Sympathien kostete und endgültig isolierte. Am 19. Mai explodierten, diesmal an vorgesehener Stelle, mehrere Sprengsätze im Axel Springer-Hochhaus in Hamburg. Die Bomben behelligten aber mitnichten Axel Springer oder wenigstens seine Produktionsmittel, sondern verletzten, nach unterschiedlichen Angaben, bis zu mehrere Dutzend einfache Arbeiter teils schwer.

Wader brachte das alles eine Verdächtigung als Komplize und damit eine Menge Ärger bis hin zu Strafverfolgung und medialer Vorverurteilung ein. "Ausgeliefert sein, das Gefühl der Schwäche, die nackte Angst und das Gefühl der Scham", nennt er viele Jahre Später im Lied "Alptraum" von 1989 seine Empfindungen gegenüber Justiz und Gesellschaft angesichts der Ereignisse, die Hella Utesch versehentlich herbeisprengte.

Das bisschen Dynamit im Wohnzimmer hat die Grundüberzeugung jedoch nicht angekratzt, eher haben die Repressalien Waders Glauben an den Klassenkampf noch bestärkt. Mitte der 70er zieht er sich zunächst aufs Land zurück, desillusioniert auch vom Musikgeschäft. "Ich wollte mich wieder erden, angebunden sein, etwas vertreten.", sagt er 2010 im Interview mit der FAZ im Rückblick auf diese Zeit.

Die Suche nach sich Selbst mündet im kompromisslosen politischen Engagement, seinem Eintritt in die Deutsche Kommunistische Partei 1977 - und in diesem Album, live vor Publikum aufgenommen auf einem Parteifest im Sommer dieses Jahres.

Es ist ein in mehrerer Hinsicht bedeutendes Dokument, zum einen ein zeitgeschichtliches. Ein Nachhall jener heißen Sommer Ende der 60er, als mit einem Mal alles wie unmittelbar greifbar möglich erschienen sein muss. Die höchste, die wahre Freiheit, in allem, überall, jetzt sofort.

So ist es nicht gekommen. Gleichzeitig ist das Album der Fortklang der politischen Ideen dieser Zeit, Zeugnis davon, dass viele, wie Wader, schlicht zu stur waren, um im Angesicht der weiter bestehenden Verhältnisse nachzugeben. Denn so, wie sie sind, kann es das nicht gewesen sein. Was will man machen?

Andererseits prägen die Platte nicht nur im Rückblick historische Umwälzungen, bereits in ihrer Entstehung zeugt sie vom Willen, zu dokumentieren, zu erinnern, Nein zu sagen zum Vergessen, zum Schlussstrich, zum "Das geht mich doch alles nichts mehr an". Die Vergangenheit ist Teil der Realität. Wer Erstere ignoriert, verschließt vor Letzterer die Augen. Erinnert euch an Chile unter Pinochet ("El Pueblo Unido"), an Spanien unter Franco ("Die Thälmann-Kolonne (Spaniens Himmel)"), an den Kampf der Freien Europas gegen Hitler ("Bella Ciao (Lied Der Italienischen Partisanen)"), an die ganze Scheiße, die passiert ist, fordert dieses Album.

Dass es den Zusatz "Live" nicht im Namen führen muss, liegt daran, dass es in seiner Wirkung anders gar nicht denkbar wäre. Üblicherweise bemängeln Kritiker Livealben, wenn die Versionen bekannter Songs nicht über das Original hinausgehen, sondern lediglich durch beigemischtes Gejohle getrübt werden. Hier ist es das Publikum, dass diese Lieder, mit Wader als stimmgewaltigem Dirigenten, erst so zum Leben erweckt, wie sie gedacht sind. Allesamt sind sie nicht dafür geschrieben worden, um allein zu Hause gehört, sondern gesungen zu werden, und gesungen werden sie auf diesem Album, aus vielfacher, voller Kehle.

Man kann auch nur neidlos anerkennen, wie perfekt die Truppe hier mit Wader zusammenspielt, so als tourten sie seit Monaten zusammen. Wenn Wader zu spielen beginnt, ist das Zelt "Die Thälmann-Kolonne". "Die Heimat ist weit (Publikum: so weit) / doch wir sind bereit (ja) / wir kämpfen und wir siegen für dich (für Spaniens)/", und dann alle zusammen: "Frei-heit!" Besser kann man es nun wirklich nicht machen.

Hat er sich zwei Stunden vorher hingestellt und gesagt, okay, Band läuft mit, wir machen das gleich so und so und so? Eher hört es sich so an, als ob da gerade etwas passiert. Viele verschiedene schmieden sich in einem Gefühl zu einer Stimme. Sie feiern nicht Wader selbst, sondern die Sache, die er vertritt. So intensiv, dass man es sogar auf der Aufnahme noch spürt. So etwas kann man nicht im Studio produzieren.

"Doch nun ist es kalt / trotz alledem / trotz SPD und alledem", da bricht die Menge so sehr in spontanen Applaus aus, dass die Musik im Lärm untergeht. "Noch einmal den Refrain", kommentiert Wader darauf trocken. Sie lachen, aber sie folgen ihm auch. Er ist ein Master of Ceremony im wahrsten Sinne des Wortes, auch sonst ist "Hannes Wader Singt Arbeiterlieder" das Rapalbum unter seinen Aufnahmen: Es geht darum, in der Scheiße zu stecken und da wieder rauszuwollen.

In "Trotz Alledem (Dass Sich Die Furcht In Widerstand Wandeln Wird)" hört man die ganze Misere aus Text und Stimme heraus: den Traum von '68, von einer Gesellschaft, einem Leben frei von Herrschaft des Einen über den Anderen, und wie er zum Trauma geworden ist. Die Hoffnungen in eine Regierung links der Mitte, die seit 1969 die SPD in Koalition mit der FDP stellt, haben sich für ihn, dem diese Regierung jahrelang "mit Berufsverbot die Gurgel zu"drückte, nicht bewahrheitet. Immerhin, der Trotz dagegen, das einfach hinzunehmen, er ist groß in diesem Zelt, wie man hört.

Wader hat eben auch einfach die Stimme für das Material, klar, kraftvoll, auf Streiks und Demonstrationen geschult, und er weiß, wie man sie zum Zweck benutzt. So einer kann "Die Moorsoldaten" singen, geschrieben von Insassen des Konzentrationslagers Börgermoor. "Hier in dieser öden Heide / ist das Lager aufgebaut / wo wir fern von jeder Freude / hinter Stacheldraht verhaut." Waders Stimme findet einen Weg hinein, kann eine Ahnung vermitteln, wie sie unterm Joch der Nazis fühlten, und weist gleichzeitig einen hinaus, wenn sie sich zur letzten Strophe aufbäumt: "Doch für uns gibt es kein Klagen / ewig kann nicht Winter sein / einmal werden froh wir sagen / Heimat du bist wieder mein."

Auch wenn als Zugabe "Die Internationale" erschallt: In der Tat muss man weder die Taz lesen noch generell links sein, was auch immer das im Einzelfall bedeuten mag, um die urtümliche Kraft dieser Musik zu begreifen. Diese Platte namens "Hannes Wader Singt Arbeiterlieder" von ihrer politischen Ebene zu trennen, läuft ihrer Intention elementar entgegen, andererseits wächst sie eben auch über das Politische hinaus. Rein musikhistorisch ist ihr der Rang nämlich ebenfalls nicht abzusprechen.

Solche Musik macht heute in Deutschland keiner mehr, wiewohl sie wahrscheinlich nur damals in dieser Form in Deutschland möglich war. Diese Platte ist Dokument einer Liedermacherbewegung, die in den 60ern und 70ern nach Frankreich und Amerika schaute, wo jeder die großen Chansons und Folksongs kennt. Ihre Tradition lässt sich bis zu Woody Guthrie zurückverfolgen, dem großen Dylan-Einfluss und Urvater des politischen Protestsongs.

Wader machte sich in den 70ern daran, das Volkslied von seiner Vereinnahmung durch die nationalsozialistische "Volksgemeinschaft" zu befreien, nahm Alben mit volkstümlichen Liedern, Shanties oder auf Plattdeutsch auf. "Hannes Wader Singt Arbeiterlieder" führt diese Entwicklung fort und ist auch als Ausdruck der Suche nach einem kulturellen Erbe zu verstehen.

Sie erinnert daran, dass diese Form des Liedermachertums nicht mehr existiert. Wird es heute hierzulande in der Musik "akustisch", resultiert das bestenfalls in gefälligem Kleinkünstlertum, öfter in nett gemachter Belanglosigkeit, oft aber im kreativen Bankrott oder "Baby, für dich bring ich den Müll raus", den großen Themen der Generation Kopf-im-Arsch. Irgendwas über Beziehung, zwischendurch mal einen ironischen Witz gemacht. Dem Sarkasten und Zyniker Wader ist die Ironie auf diesem Album so fremd wie nichts anderes. Es ist zu hundert Prozent so gemeint, wie es klingt.

Diese Eindeutigkeit hat es damals gebraucht, und es braucht sie wieder: "Doch nun ist es kalt, trotz alledem", trotz der Vergangenheit sitzen wieder Faschisten in den Parlamenten. Da hat ein bisschen "Internationale Solidarität", egal wo man sich politisch verortet, noch nie geschadet. Auch wenn Waders Antworten von damals nicht die Heutigen sein können (seine kommunistische Überzeugung wird den Zusammenbruch der UdSSR nicht überleben), sein Aufruf zum Beziehen einer klaren Position bleibt zeitlos. Er mahnt, er peitscht auf, er motiviert, er schenkt dem Hörer Glauben, dass die Tage einst bessere sein werden, wenn wir alle zusammen nur wollen.

"Trotz Misstrauen, Angst und alledem / es kommt dazu, trotz alledem / das sich die Furcht in Widerstand / verwandeln wird / trotz alledem."

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Dem Morgenrot Entgegen (Lied Der Jugend)
  2. 2. Auf, Auf Zum Kampf
  3. 3. Der Kleine Trompeter
  4. 4. Bella Ciao (Lied Der Italienischen Partisanen)
  5. 5. Mamita Mia (De Las Cuatro Muleros)
  6. 6. Die Thälmann-Kolonne (Spaniens Himmel)
  7. 7. El Pueblo Unido
  8. 8. Trotz Alledem (Dass Sich Die Furcht In Widerstand Wandeln Wird)
  9. 9. Das Einheitsfrontlied
  10. 10. Solidaritätslied
  11. 11. Die Moorsoldaten
  12. 12. Lied Vom Knüppelchen
  13. 13. Die Internationale

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