laut.de-Kritik

Packendes Konzert mit Botschaft.

Review von

"Here in the black it comes for me." Ein wuchtiges Synthie-Riff symbolisiert hämmernde Kopfschmerzattacken. Depression und Verlorenheit gesellen sich dazu. Der Mann auf der Bühne zieht alle Register von Wispern bis Sirene. Punktgenau unterfüttert das Schlagzeug jede stimmliche Nuance in vollendetem Timing. Ein hymnischer Refrain bietet keine Erlösung und schlägt dennoch in fesselnden Bann. "Here in the black I'm lost!"

"Here In The Black" ist nur ein Highlight unter vielen an diesem grandiosen Konzertabend in der Londoner Brixton Academy. Gary Numan befindet sich inmitten der Tour zum gefeierten "Savage – Songs From A Brolen World". Der Studiotüftler war schon immer auch ein großes Bühnentier. Zahlreiche gelungene Liveplatten dokumentieren dies. Doch besonders diese Veröffentlichung sollte man sich nicht entgehen lassen. Alle scheinbaren Widersprüche im Wirken eines der letzten Titanen des Golden Showbiz verschmelzen hier zur künstlerisch unschlagbaren Einheit.

Die Musik vermittelt Heavyness simultan zu filmmusikalischer Zartheit. Numan selbst spielt einerseits dazu die Theaterkarte aus bis zur Pathosgrenze. Gleichzeitig verhindert er mögliche Überladung durch oft ungerührtes Vortragen von Katastrophen, Horror und Verblendung. Nüchterne Bestandsaufnahme trifft auf heftige Leidenschaft. Verbunden mit jenem speziellen Charisma, dass ihn immer ein wenig fremdartig, bisweilen gar außerirdisch und stets alterslos wirken lässt, ergibt sich ein hochgradig intensives Erlebnis.

Sein Publikum entlässt Numan nicht ohne eine Handvoll erwarteter Kulthits ganz früher Jahre. Sei es "Down In The Park", "Cars" oder das unvermeidliche "Are Friends Electric". Dabei fällt auf, wie vergleichsweise simpel diese mit Anfang 20 komponierten Stücke im Gegensatz zur komplexen, vielschichtigen Gegenwart wirken. Zwecks Vermeidung unpassende Brüche hüllt er alte Klopper dezent, aber bestimmt in den aktuellen Klangmantel. Besonders Percussion und Drums hauchen ihnen Leben ein, mehr als eine Fußnote billigt Numan der Nostalgie gleichwohl nicht zu.

Die restlichen drei Viertel dieser Show stehen ganz und gar im Zeichen seines passionierten Kampfes für eine konsequent atheistische Weltsicht. Hierzu bedient das Set sich seiner letzten vier hervorragenden Alben. Jeder einzelne Track hadert mit Anschauungen, die er als gewalttätigen, intoleranten, erkenntnisfeindlichen und aggressiven Aberglauben abkanzelt. Dabei nutzt er beißenden Spott ebenso wie dystopischen Endzeitszenarien. Am Ende kriegen alle Adressaten - von Inquisition über Myanmar bis hin zu IS/Teheran/Riad usw. - ihr Fett weg, ohne je namentlich Erwähnung zu finden. "If you are my Glory then I'm sick and no one can cure me./If you light my darkness then I'm blind an no one can see me."

Dabei ist die Reihenfolge der Lieder kein Zufall, sondern Ergebnis einer von Numan musikalisch wie textlich stets ausgeklügelten Kombination. Des Briten dramaturgisches Talent – das er intensiv an bedeutenden Filmscores schulte – garantiert dem Hörer ein konstantes, unentrinnbares Hochgefühl anhaltender Spannung und Entladung. Hierbei profitiert das Material zusätzlich von Numans songwriterischer Stärke.

"The Fall" vom famosen "Dead Son Rising" verkörpert einen seiner perfektesten Ohrwürmer und mauserte sich verdient zum Fanliebling sowie regelmäßigem Live-Bestandteil. Der Song eignet sich ebenso hervorragend als Anspieltipp für Einsteiger. In eine ähnliche Kerbe schlägt das von "Splinter" stammende "Love Hurt Bleed". Zum fast unverschämt eingängigen Chorus mit prägnanter Synthie-Hook tanzt er auf den Gräbern menschlicher Irrationalität und singt der Vernunft ein Hohelied; auch wenn "everything bleeds."

Während man Numans geballte Verachtung für Glaubenskrieger und Gottesstaatler bereits nach wenigen Stücken als untopbar einstuft, packt er zur ultimativen Krönung den sarkastische Bihänder "My Name Is Ruin" aus. Binnen kürzester Zeit avancierte dieser Feger zum totalen Abräumer. Auf der Beliebtheitsskala macht er sogar "Are Friends Electric" Konkurrenz. Der Track kommt besonders bei jungen Fans an, von denen Numan trotz seines Veteranenstatus' exorbitant viele rekrutiert. Erstmals überhaupt schlüpft er selbst in die Rolle der austauschbaren Gottesfigur. "My name is ruin, my name is vengeance./My name is no one. And no one is calling."

Trackliste

  1. 1. Hide (Intro)
  2. 2. Ghost Nation
  3. 3. Metal
  4. 4. The Fall
  5. 5. I'm An Agent
  6. 6. Bed Of Thorns
  7. 7. Dead Sun Rising
  8. 8. Down In The Park
  9. 9. Pray For The Pain You Serve
  10. 10. Here In The Black
  11. 11. Mercy
  12. 12. Love Hurt Bleed
  13. 13. My Name Is Ruin
  14. 14. Cars
  15. 15. When The World Comes Apart
  16. 16. Prayer For the Unborn
  17. 17. Films
  18. 18. Are 'Friends' Electric?

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2 Kommentare mit 3 Antworten

  • Vor 3 Monaten

    Hört sich gut an. --> Was fürs Fest.

    Insgesamt absolut unpeinlicher Altmeister. Während so viele nach ihrem Sturm und Drang abflachen, wird Numan irgendwie immer besser... Verrückt.

    Ist bei "my name is ruin" auch wieder seine Tochter auf der Bühne? Fand die Chemie zwischen den beiden bei einem Konzertausschnitt, den ich mal gesehen hatte, ziemlich herzerweichend :)

  • Vor 3 Monaten

    Der alte Mann ist Live ne richtige Erscheinung hab ihn noch vor wenigen Wochen Live gesehen (mit Tochter) und es war wirklich bemerkenswert wie viel Energie er noch rüber bringt und wie viel Spaß er doch auf der Bühne hat.
    Da können sich andere Bands Künstler mal ne Scheibe von abschneiden bei Gary wünscht man sich er würde nie aufhören Musik zu machen:)

    PS: Anwalt hast du seine Fallen EP immer noch erfolgreich ignoriert oder zumindest mal rein gehört?;)

    • Vor 3 Monaten

      geordert aber noch nicht reingehört. EPs machen wir ja eh selten. und momentan ist das textaufkommen einfach zu hoch, um privat in sachen rein zu hören. und platten wie asf, byrne, ferry oder glaston-bowie kann man ja nicht nebenbei verarzten. "fallen" wird also eher was für die feiertage oder den ruhigen januar.

      hast du dir die asf schon gegeben?
      https://www.laut.de/Alien-Sex-Fiend/Alben/…

    • Vor 3 Monaten

      Ich muss zugeben in gewisser weise versteh ich gothic nicht:/
      Wenns wie bei numan, paradise lost, Beastmilk, deren neuen Ableger oder cult of luna, anathema etc. geht finde ich das ne stimmungsvolle geschichte.
      Aber bei der Asf wie auch bei peter murphy und den älteren führen die songs für mich irgendwie ins nichts auch wenn ich die künstlerische Leistung dahinter durchaus nachvollziehen kann.
      Vielleicht geht mir ja bei längerem hören irgendwann ein licht auf:)