8. August 2018

"Ein Track, ein Tag, ein Hit"

Interview geführt von

Galv und S. Fidelity reden im Interview über ihr gemeinsames Album "Shigeo", Vibes und warum es okay ist, "Ich bums deine Alte" zu sagen.

Wer hätte gedacht, dass es so kompliziert ist, ein Interview auf die Beine zu stellen? Nach unzähligen Terminabsprachen und mehreren Anläufen habe ich endlich Rapper Galv und Beat-Frickler S.Fidelity auf meinem Computer-Bildschirm vereint. Fidelity springt dafür extra aus einer Studiosession mit Freunden in eine dunkle Ecke, Galv sitzt leicht verkatert und nur mit Handtuch bekleidet im mondänen Hotelzimmer am anderen Ende der Welt. Na, dann kanns ja losgehen.

Galv, du bist gerade in Equador. Was machst du da eigentlich?

Galv: Ich habe tatsächlich Urlaub, zur Zeit.

Wann kommst du wieder zurück nach Deutschland?

G: Zur Tour, Ende Oktober.

Wie ist das so: Urlaub machen und gleichzeitig Interview-Termine organisieren und wahrnehmen?

G: Das ist ... relativ. Unseres war jetzt aber auch das komplizierteste, glaube ich.

Tim, du warst gerade auf dem Splash, wie war es da?

Fidelity: Ein bisschen anstrengend, aber okay. Wir hatten am Freitag die Jakarta-Stage, das war ziemlich nice. Alle kamen zusammen, das war wie ein Klassentreffen. Ich bin aber eigentlich nicht so der Partygänger.

Gab es etwas, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

F: Nichts, was du jetzt quoten kannst [beide lachen]. Die Splash-Deutschrap-Welt ist nicht so meine Welt. Aber wir hatten 'ne nice Bühne, dieses Jahr. Das war cool.

Reden wir doch mal über eure Musik. Woher kommt der Name "Shigeo"?

F: Das ist eine Hommage an einen japanischen Musiker.

G: Der heißt Shigeo. Der letzte Track [mit dem Titel "Shigeo", im Original "The Word II", Anm. d. Red.] ist eigentlich von ihm. Fidel hat noch sein Gerüst drumherum gebaut. Und weil wir den Song so gefeiert haben und auch die andere Musik, die wir von ihm gefunden haben, über den Typ selber aber nicht so viel, haben wir uns gedacht, diesen Mythos auch nach außen zu tragen. Und wenn wir uns schon an seiner Musik bereichern, warum ihm dann nicht auch Tribut zollen?

F: Es gibt viele derartige Gestalten im Jazz-Umfeld, die unfassbar geniale Menschen waren, so wie Shigeo Sekito. Ich finde es nice, so Namen auch mal nach außen zu tragen und ein anderes Genre reinzuholen. Ich bin einfach ein Studiohund und ich finde es geil, anderen Studiohunden Tribut zu zollen. Ich bin auch bis heute nicht sicher, ob der überhaupt noch lebt.

Wie habt ihr beide überhaupt zusammengefunden?

G: Ich weiß immer noch nicht, wann genau das erste Mal war. Entweder haben wir bei Tim im Studio zusammen Mukke gemacht, als er gerade einen Rino Mandingo-Track gemacht hat. Oder aber in Tuttlingen bei einem Projekt von Figub Brazlevic, da hatte er viele verschiedene Künstler eingeladen. Dort haben wir auf jeden Fall den ersten Track für unser Album gemacht.

Wie ist euer Album entstanden? Habt ihr immer zusammen gejammt oder habt ihr euch auch gegenseitig einfach mal ein paar Skizzen zugeschickt?

F: Nein, wir waren immer physikalisch anwesend. Wir haben immer zusammen, "from scratch" sozusagen, angefangen.

G: Jeder Track ist eine Session.

Wie lang saßt ihr insgesamt im Studio zusammen?

G: Insgesamt werden es zwei Wochen gewesen sein, maximal.

F: Ein Track, ein Tag, ein Hit. Es gab zwei Phasen. Das eine ist die Entstehung. Das war so - wie viel Tracks gibt es? Zehn, glaube ich?

G: Ja. Elf haben wir gemacht. Also elf Tage.

F: Und alles danach war eigentlich nur noch Nachbearbeitung. Das ging dann nochmal länger. Die Songstrukturen und die ganze richtige "Kreativarbeit" sind eigentlich immer am Abend selber passiert.

War von Anfang an klar, dass ihr euch nicht limitieren wollt oder hattet ihr zuerst eine Idee im Kopf?

G: Nein, das war von Anfang an klar, dass wir das frei machen.

F: Ich glaube, wir haben einen ziemlich speziellen Vibe, wenn wir zusammen im Studio sind. Wir haben vor einer Weile wieder einen Track gemacht, und das ist ein komplett anderes Ding geworden. Trotzdem haben wir einfach einen bestimmen Vibe zusammen, der so passiert.

Dass das Album so aus einem Guss klingt, liegt also an eurem Vibe? Oder habt ihr das im Nachhinein ein bisschen "verschärft"?

G: Nein, das ist eigentlich alles entstanden wie ein langer Track. Das ist auch das Feeling, das wir nach den ersten paar Tracks hatten. Die sind alle unterschiedlich, aber trotzdem aus einem Guss. Das waren immer zwei dieselben Dudes, die da irgendwie zusammen gevibet haben. Ist halt auch alles S. Fidelity-Schmiede.

F: "Careschaufel" war der erste Track, den wir gemacht haben. Und da haben wir schon gemerkt, dass wir beide auch gar keinen Bock auf so 16 Bars Verse - 8 Bars Hook haben. Das hat sich dann, glaube ich, auch bei vielen Tracks wiedergespiegelt, dass wir die Songs strukturell anders aufbauen wollten, als man das vielleicht erwartet. Es gibt auch einen Verse, da hat Galv sieben Bars gerappt oder so. Also es gibt so weirde Zahlen, die einfach nicht aufgehen. Und es sollte ja trotzdem logisch wirken, heißt, man soll ja nicht merken, dass es nur sieben Bars sind.

"Ist halt Rap. Gehört einfach dazu, ab und zu zu sagen: Ich bums deine Alte."

Ihr habt die ersten Tracks vor gut zwei Jahren aufgenommen. Warum hat es so lange gedauert, bis "Shigeo" rauskam?

G: Ich habe ein Album gemacht, dann hat Fidel ein Album gemacht, dann habe ich die "50/50"-EP mit DJ Crypt dazwischen geschoben, und dann haben wir noch geschaut, wie wir es rausbringen.

F: [Lacht] Extrem gut runtergebrochen. Das dauert auch einfach, das ist leider die traurige Wahrheit. Besonders, wenn man Vinyl macht.

Apropos Vinyl, es gibt eine Special Edition vom Album, bei der ihr die Acapella- und Instrumentalversionen nochmal auf Platte rausgehauen habt. Warum? Das ist für die heutige Zeit ja eine eher ungewöhnliche Entscheidung.

G: Gerade deswegen, wahrscheinlich.

Läuft man da nicht auch Gefahr, das Album zu entzaubern? "Shigeo" lebt ja auch davon, dass Vocals und Instrumentals eben nicht immer voneinander zu trennen sind.

G: Finde ich nicht. Gerade bei unseren Hörern sind viele dabei, die selber produktiv sind, und die freuen sich jetzt einfach riesig. Die können Remixe machen. Und es gibt auch genug Leute, die gar keinen Bock haben mir zuzuhören, aber die Beats feiern. Dann sind die auch happy. Und die, die richtig ausgefuchst sind, hören sich das an, um rauszufinden, wie es gemacht wurde. Dass es so klingt, wie's klingt.

[Beide kommen ins Gespräch, sehen sich zur Zeit ja auch nur wenig und nutzen die Zeit, die sie gemeinsam in Interviews haben, um Neuigkeiten auszutauschen. Darüber verliert man als Fragende auch mal schnell den Faden. Galv nutzt die Zwischenzeit, um Komplimente zu verteilen:]

G: Übrigens hast du eigentlich mit Abstand die beste Review geschrieben, für mich persönlich zumindest.

F: Das war sehr cool! Danke!

Danke. Bei "Shigeo" kam bei mir einfach eine einzige kreative Welle an, das habe ich versucht, festzuhalten. Ich finde, dass Shigeo sehr zeitlos klingt und dass dieser Aspekt auch eine sehr große Rolle dabei spielt.

F: Das haben wir selber auch schon gemerkt. Natürlich denkt man immer selbst, dass man die krasseste Musik gemacht hat. Man hat ja schon den Anspruch, dass eine Platte zeitlos ist. Als ich die Testpressung gekriegt habe und das Album mal wieder am Stück gehört habe, hab ich gemerkt, dass das auch bei mir noch nichts verloren hat. Auch wenn ich mir meine eigene Mukke nicht anhöre, fand ich das schon noch ziemlich geil.

War auch nach den zwei Jahren wirklich gar nichts dabei, wo ihr gedacht habt, da müssen wir eventuell nochmal ran?

F: Ich wollte im Mixing soundmäßig einfach noch viel verändern. Das habe ich ja auch exzessiv gemacht [lacht]. Danach hat sich bei mir nicht wirklich viel verändert.

Galv, wie war das bei dir?

G: Ich hab eigentlich nie regrets.

Da würde ich jetzt gerne nochmal auf die Lines zurückkommen, die ich ja auch in der Review angesprochen habe. Du hast auf Facebook schon kommentiert "Sorry für den Sexpart, Olli Banjo ist einer meiner Rapväter". Was hat der damit zu tun?

G: Ich habe Banjos perverse Sachen immer hardcore gefeiert. Er hat früher eigentlich nur Perversitäten gerappt, aber immer brutal lustig. Und ich weiß noch, als ich den Part gemacht hab, stand das auch kurz im Raum. Ich hab dann zu Tim gesagt: "Das kann man schon durchgehen lassen, das ist halt Rap." Ich bereu das auch nicht, das kann man auch einfach mal mit Humor sehen.

Das ist die Frage: Ist das lustig? Wie stehst du denn zu der ... ich komm jetzt mal mit der Keule: Feminismus-Debatte?

G: [Lacht] Keine Ahnung. Du bist die Erste, die mich fragt. Also, wenn du das im Kontext siehst und siehst, was da sonst noch so abgeht, ist es ja auch wirklich banal. Ein paar Lines auf einem Album. Aber es fällt dir wahrscheinlich gerade deswegen dann auf.

Ich bewege mich musikalisch gerade in einem internationalen Kontext, und wenn ich mir das zum Beispiel hier in Südamerika ansehe, gibt es keinen Song, in dem nicht die Sexyness der Frau hervorgehoben wird. Und dem Selbstbewusstsein der Frau schadet das überhaupt nicht, im Gegenteil. Die sind teilweise viel happier in ihrem Frauen-Dasein als bei uns, gefühlt.

Ist halt Rap. Gehört einfach dazu, ab und zu zu sagen "Ich bums deine Alte." Hab ich kein Problem mit.

Beschäftigst du dich mit der Debatte?

G: Nicht, wenn ich Texte schreibe. Abseits davon, behandele ich Frauen einfach respektvoll [lacht]. Das ist jetzt eigentlich perfekt, weil ich auf nem Hotelzimmer mit Morlockk bin, während du mir die Frage stellst. Ich würde sie gerne an ihn weitergeben. [Morlockk Dilemma besuchte Galv zum Zeitpunkt des Interviews in Equador, Anm. d. Red.]

Wenn du sagst, du behandelst Frauen abseits davon nicht anders als Männer, warum machst du es im Rap?

G: Ich behandele sie ja auch nicht schlecht. Ich behandele sie symbolisch sozusagen sogar besser, um quasi einen vermeintlich imaginären Konkurrenten auszuschalten. Wie auch immer. Rap-Battle, halt.

Du findest also, dass das schon irgendwie dazu gehört?

G: Ja, auf jeden Fall. Ich finde, gerade Frauen, die feministische Ansichten haben, schlüpfen im Nachhinein, wenn es um Sex geht, in die Rolle der unterwürfigen Frau. Und andersrum agieren Frauen, die kein Problem damit haben, sich sowas in der Musik anzuhören, selbstbewusst und selbstbestimmt. Ich finde, das ist manchmal auch ein bisschen eine scheinheilige Debatte. Ich beschäftige mich aber bestimmt nicht genug damit, um das so generell sagen zu können.

Was es bräuchte, um Gleichstellung herzustellen, wären mehr krasse female MCs. Wenn die sowas droppen würden, würde ich mich auch totlachen. Ist einfach ein bisschen so Sex-Game. Das findet in Deutschland allgemein wenig in der Mitte der Gesellschaft statt.

F: Und Rap hat ja auch eine fiktionale Komponente, auf eine Art und Weise.

G: Ich tu mich da wirklich schwer zu sagen, es geht nicht in Ordnung. Ich habe viel so Zeug gehört und ich denke nicht, dass ich Frauen deswegen schlechter behandelt habe oder dass Frauen deswegen schlechter behandelt wurden. Ich glaube halt, dass Rap da nichts mit zu tun hat.

Ich hatte dahingehend ein ziemlich interessantes Gespräch mit form, der meinte, dass dieses Miteinander auch der Grund ist, warum so wenige Frauen zu den Battles kommen. Weil sie eben das Gefühl haben, von vornherein nicht ernstgenommen zu werden.

G: Quatsch. Das liegt einfach daran, dass es noch nicht genug dope Frauen gibt, die inspirieren. Es ist halt noch ne Männersache. Ich glaube eben nicht, dass jede Frau wirklich das Bedürfnis dazu hat.

"Das Album ist das beste Beispiel dafür, was da passiert, wenn man mit jemandem im Studio ist."

Ihr habt vorhin gesagt, ihr habt wieder einen Track gemacht. Kann man sich auf mehr freuen?

G: Fidel hat mir einen Hit geschenkt, für meine nächste eigene Platte. Ich hab jetzt nochmal ein Album mit einem Komplettproduzenten, mit Fuzl, das kommt als nächstes, und danach kommt mein eigenes, darauf versammele ich verschiedene Produzenten. Dafür hat Fidel den Eröffner-Banger produziert. Dazu drehen wir gerade das Video hier in Equador. Also, Morlockk dreht das. Natürlich nur nackte Frauen. Er peitscht nackte Frauen vor der Kamera [lacht].

Habt ihr sonst noch eine weitere Zusammenarbeit geplant?

G: Wir sind friends for life!

F: Das Album ist ja auch einfach passiert. Und es kann auch sein, dass es wieder passiert. Aber jetzt sind wir beide erstmal ziemlich busy. Jetzt ist ja auch gerade ein bisschen geografische Distanz da. Wir müssen auf jeden Fall zusammen an einem Ort sein, wenn wir was machen. Anders funktioniert das nicht.

Das klingt ein bisschen romantisch.

F: Ja, schon.

G: Sag ich doch, Bromance.

F: Das ist bei mir aber allgemein so. Ich verschicke keine Beats. Das finde ich scheiße. Ich will mit Leuten im Studio sein und mit denen zusammen was machen. Das Album ist das beste Beispiel dafür, was da passiert, wenn man mit jemandem im Studio ist. Das ist einfach natürlicher, glaube ich.

Tim, ich habe es in meiner Review auch schon angemerkt: Ich finde es total schwer, deinen Sound einzuordnen. Wenn du dir eine Schublade aussuchen müsstest, für welche würdest du dich entscheiden?

F: Das ist die alte Frage. Das ist ein Thema, dass mich schon auf eine Art und Weise beschäftigt, aber eigentlich auch nicht. Jetzt bei der Platte ist Rap drauf, da kann man schon noch sagen: "Das ist Rap." Aber bei meiner alten Platte war das ein Thema. Es ist eben eine Mischform von sehr vielen verschiedenen Sachen, die es so in dieser Kombination nicht direkt gibt. Es gibt nicht so einen Pool von Fans, in den ich einfach so meine Platte reinwerfen kann und dann wird das gefressen. Ich wurde teilweise unter Leftfield eigeordnet und unter so komischen Begriffen. Also ich mein, die Ästhetik kommt ja schon ganz klar aus dem Hip Hop- und Jazz-Bereich. Aber mir ist es schon wichtig, nicht das zu machen, was ich selbst immer höre. Es gibt viele Momente, in denen ich Tracks nicht mache, weil ich denke: "Das gibts schon so."

Das ist wahrscheinlich Musikbusiness-mäßig eher schlecht, aber ich nehme das schon als Kompliment, wenn du sagst, du kannst das nirgends einordnen. Ich habe im letzten Jahr viel mit Musikern gearbeitet, mit Sängern und Songwritern. Ich habe extrem rumexperimentiert und es wird auch alles sehr viel unklassicher gerade bei mir. Aber bei meiner neuen Platte ist viel mehr Jazz dabei. Ich lerne gerade, Piano und Bass spielen. Es gibt also noch tausend Ecken, die ausgereizt werden können.

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