Porträt

laut.de-Biographie

Gaahl

Die 2007 veröffentlichte Vice-Kurzdokumentation "True Norwegian Black Metal" endet mit einem denkwürdigen Stück Interview-Geschichte: Gaahl, zentraler Protagonist des Films, beschwert sich über die dummen Fragen seines Gegenüber und straft ihn anschließend mit Ignoranz. Minutenlang starrt er bewegungslos in die Leere. Vor dem Fade-Out nimmt er demonstrativ noch einen Schluck Rotwein. Schon zwei Jahre zuvor tauchte im Film "Metal: A Headbanger's Journey" eine ganz ähnliche Szene auf: Gaahl, gefragt nach dem Hauptantrieb seiner Band Gorgoroth, schweigt lange. Dann murmelt er leise, aber prägnant: "Satan" und greift zum Rotwein.

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Kristian Eivind Espedal, später bekannt unter seinem Bühnennamen Gaahl, ist eine der undurchsichtigsten und gleichzeitig schillerndsten Figuren der Black Metal-Szene. Das Licht – oder besser gesagt: die Dunkelheit der Welt erblickt er 1975 in einem abgelegenen, nach seiner Familie benannten Tal im Westen Norwegens. Später siedelt er teilweise nach Bergen über, bewahrt sich aber stets einen Rückzugsort mehrere Stunden von der Stadt entfernt, wo er den Hauptteil seiner kreativen Arbeit leistet. Als Musiker, Maler, Denker und, wenn auch nur in helfender Funktion, Modeschöpfer.

Seine erste Band gründet Gaahl 1992: Trelldom. Es bleibt ein Untergrundphänomen, denn auf Live-Auftritte verzichtet der Sänger mit diesem Projekt. Zwischen 1994 und 1998 erscheinen aber das Demo "Disappearing Of The Burning Moon" sowie die Alben "Til Evighet..." und "Til Et Annet…". Nach langer Pause folgt 2007 "Til Minne...". Die Stücke Trelldoms bezeichnet Ghaal später in einem Interview mit der österreichischen Kronenzeitung als "meines Geistes Kinder".

Größeres Aufsehen erregt der hagere Norweger ab 1998, als er neue Engagements in gleich drei Bands annimmt. Neben den kurzlebigen Projekten Sigfader und Gaahlskagg schließt er sich den aufstrebenden Black Metallern Gorgoroth an. Diesen sagt er ursprünglich zwar nur eine gemeinsame Tour zu, die die Band im Mai des Jahres mit Cradle Of Filth durch Deutschland führt. Doch bald wird er festes Mitglied und beeinflusst maßgeblich die öffentliche Wahrnehmung der Band.

Ungleich Trelldom sucht Gaahl bei Gorgoroth gerade auf der Bühne maximalen Ausdruck. Er präsentiert sich mit handlangen Nagelnieten-Armbändern, Corpsepaint, schockiert das Publikum mit intensiven Blicken und variantenreichen Extrem-Vocals. Legendär wird ein Auftritt im polnischen Krakau, als Gorgoroth on stage Schafsköpfe aufspießen, 80 Liter Blut verbrauchen und Aktmodels kreuzigen.

Obwohl der Mann später betont, er habe bei Gorgoroth immer auch eine bestimmte Rolle gespielt, die nicht zwangsläufig mit seiner wahren Identität übereinstimmen würde, sorgt er in dieser Zeit auch privat für Schlagzeilen. 2002 sitzt er einige Monate wegen tätlichen Angriffs im Gefängnis und muss bereits geplante Studioaufnahmen verschieben. 2004 folgt eine weitere Haftstrafe, diesmal wegen schwerer Körperverletzung bzw. Folter. Gaahl plädiert auf Notwehr – er sei angegriffen worden und habe den Täter bestrafen wollen. Das Gericht gibt ihm nur teilweise recht.

Innerhalb der Band kommt es ebenfalls zu Streitigkeiten. Gemeinsam mit Bassist King Ov Hell putscht Gaahl gegen Gründer Infernus, verliert aber den nachfolgenden Prozess um die Namensrechte. Also heben die beiden einfach ein weiteres Black Metal-Projekt aus der Taufe: God Seed. Das Debüt-Album soll eigentlich 2010 erscheinen und ist bereits Ende 2009 instrumental fertig eingespielt. Doch Gaahl ziert sich in der Gesangs-Kabine. "Manchmal ist es ein Albtraum, mit ihm im Studio zu arbeiten", erklärt King Ov Hell später im Interview mit Metal Underground, "wegen des Stolzes, den er in die kleinsten Details steckt. Wenn er nicht in der richtigen Stimmung ist oder nicht die richtigen Worte findet, kriegen wir nichts zustande. Aber ich weiß, dass am Ende das Ergebnis einzigartig und kraftvoll sein wird."

Vorerst verliert Gaahl das Interesse an God Seed. Er vertreibt sich die Zeit mit Malerei und Wardruna, einem gemeinsam mit dem ebenfalls einst bei Gorgoroth aktiven Einar "Kvitrafn" Selvik gegründeten Neofolk-Projekt. Sie veröffentlichen die Alben "Runaljod – Gap Var Ginnunga" und "Runaljod – Yggdrasil".

In der Öffentlichkeit tritt Gaahl zu diesem Zeitpunkt kaum noch auf. Seit 2008 war das Medieninteresse an ihm erneut massiv gestiegen. In einem Interview mit Rock Hard hatte er sich zu seiner Homosexualität und einer Beziehung zum norwegischen Modelagent Dan De Vero bekannt, mit dem er auch eine eigene Modelinie vermarktet.

Gaahls Wyrd - GastiR – Ghosts Invited
Gaahls Wyrd GastiR – Ghosts Invited
Der selbstgekrönte Allmachtsvater schafft seinen eigenen Kosmos.
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Plötzlich wird aus Gaahl, dem abschreckenden Schafs-Pfähler mit dem bösen Blick, ein Vorbild innerhalb der Extreme Metal Szene. Offen ausgelebte Homosexualität ist dort noch immer ein Novum. Eigener Aussage zufolge suchen nach seinem Coming Out zahlreiche Fans in ähnlicher Situation Kontakt zu und Beistand von ihm. Gegenüber Metal Injection sagt er zum Thema: "Es eigentlich ganz einfach: Sei du selbst. Es ist frustrierend, dass das überhaupt jemand anstoßen muss. Es sollte viel entspannter sein."

Dem eigentlich sehr auf Individualität bedachten Black Metal bleibt er dennoch noch einige Jahre fern. Erst 2012 kehrt er mit den wiederbelebten God Seed in die Szene zurück. Je ein Live- und ein Studioalbum – "I Begin" – erscheint, dann ist das Projekt erneut Geschichte.

Nur einen Monat nach dem letzten God Seed-Konzert verkündet er den Start einer neuen Band: Gaahls Wyrd. "Gaahls Wyrd zu starten hatte mitunter auch den Grund, dass ich wieder zurück wollte zu den alten Wegen, Musik zu erschaffen.", erklärt er der Kronenzeitung. "Und ich wollte mir in Erinnerung rufen, warum ich überhaupt mit der Musik begann. In gewisser Weise schließe ich damit meinen persönlichen musikalischen Kreis."

Mit der Band spielt er Stücke aus allen Epochen seiner Karriere und plant ein langfristiges Engagement. Ganz bewusst wartet er vier Jahre reine Live-Aktivität ab, bevor er das erste Studio-Album unter diesem Namen veröffentlicht, um sicherzustellen, dass die Bandmitglieder passen und Mitglieder wie Fans sich "den Fortschritt erarbeiten".

Die Geduld zahlt sich aus: "GastiR – Ghosts Invited" präsentiert Gaahl in neuen Facetten. Zwar verankert im extremen Metal finden sich auch progressive Tendenzen. Der Sänger frönt sowohl seinen harschen wie auch melodisch-klaren stimmlichen Fähigkeiten. Nur mit dem Bandnamen ist der Meister selbst nicht glücklich. "Ich hasse Glorifizierung. Deshalb war der Plan, Gaahl auszulöschen", erklärt er Metal Injection. "Leider existiert bereits eine Band namens Wyrd. Jetzt stecken wir mit dem Namen fest." In der Kronenzeitung lobt er seine Mitsreiter: "Alles, was hier passiert, findet sich in der Band und formt sich aus den Persönlichkeiten, die sich in der Band befinden. Es ist keine Ein-Mann-Show, die hier abgezogen wird."

Zwar hütet Gaahl seine kreativen Erzeugnisse im Entstehungsprozess noch immer wie Satan seinen Dreizack und gewährt beim Schöpfen in der Regel nicht einmal engsten Vertrauten Einblicke. Doch als künstlerischen Egomanen will er sich nicht verstanden wissen. "Ich bin sogar ein guter Teamplayer, aber erst beim finalen Prozess und nicht davor", meint er.

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Wardruna - Skald: Album-Cover
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  • Redaktionswertung: 3 Punkte

2018 Skald

Kritik von Manuel Berger

Tränen vor dem winterlichen Kaminfeuer. (0 Kommentare)

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    http://www.gaahlswyrd.com
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    https://de-de.facebook.com/gaahlswyrd/
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    https://gaahlswyrd.bandcamp.com

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