3. August 2020

"Manche Leute wollen einfach angepisst sein"

Interview geführt von

Frank Turners musikalische Wurzeln reichen tief in den Punk-Untergrund hinein. Deswegen kommt das neue Split-Album zusammen mit NOFX für den Songwriter einem Ritterschlag gleich. Hasskommentare im Internet kratzen ihn da nicht.

Wer Frank Turner Anfang der Neunziger prophezeit hätte, er würde mal ein gemeinsames Album mit seinen Idolen NOFX produzieren, dem hätte der damalige Teenager wohl den Vogel gezeigt. Damals zierten die Punk-Ikonen noch die Wände seines Jugendzimmers - heute ist der britische Songwriter selbst zusammen mit Fat Mike auf dem Cover des Split-Albums "West Coast vs. Wessex" zu sehen.

Obwohl sich die Musik Turners im Laufe seines Schaffens immer weiter in zugänglichere Pop-Folk-Richtungen bewegte, blieb der 38-Jährige eng mit der Musik und der Szene verbunden, die seine Liebe zu der Subkultur nicht immer nur erwiderte. Warum er über Anfeindungen aus der Punk-Welt heute nur noch lachen kann, was das Covern eines Songs ausmacht und warum er lieber nicht in einen echten Boxring steigen würde, erzählte Turner nun hörbar zufrieden im Telefoninterview.

Zusammen mit NOFX bringst du mit "West Coast vs. Wessex" bereits das dritte Album in drei Jahren heraus. Wie stemmst du diesen Output?

Naja, es gab Zeiten, in denen zwischen den Alben drei Jahre lagen und dann mal eins. Es kommt auf viele Dinge an. In diesem Fall erschien "Be More Kind" drei Jahre nach "Positive Songs For Negative People". Tatsächlich habe ich "Be More Kind" vor "No Man's Land" geschrieben, aber dann kam das Jahr 2016 und ich dachte mir, ich muss darauf reagieren. Also habe ich "No Man's Land" zunächst eine Weile beiseite gelegt, während ich Songs für "Be More Kind" geschrieben habe. Es war dann einfach für mich, ins Studio zu gehen, weil die Songs für "No Man's Land" schon fertig waren. Ich musste sie neu arrangieren, was ungefähr einen Monat gebraucht hat.

Jetzt teilst du dir ein Cover-Album zusammen mit NOFX, zu dem dich Fat Mike überredet hat. Was war deine erste Reaktion auf seinen Vorschlag?

Ich konnte es nicht wirklich glauben. Mike und ich sind Freunde und wir respektieren uns gegenseitig als Songwriter und Musiker. Aber im Endeffekt sind wir doch unterschiedlich, da ich mit NOFX-Alben aufgewachsen bin. Sie waren eine meiner Lieblingsbands in meiner Jugend und sind es noch heute. Das letzte Mal, dass NOFX ein Split-Album aufgenommen haben, war 2002 zusammen mit Rancid. Jetzt in dieser Riege zu spielen ... Mein Kumpel Ben, der früher Schlagzeug bei A Million Dead gespielt hat, schickte mir eine Nachricht mit: "Wir können keine Freunde mehr sein. Fick dich, Mann." (lacht) Es ist verrückt. Wenn man das erst mal verarbeitet hat, ist es echt klasse. Ich denke, wir haben uns gegenseitig vertraut, dass wir unsere Songs gut behandeln. Es gab für keinen von uns Bedenken.

Dass jemand den Song des anderen verhunzt?

Jemand hat uns mal gefragt, ob wir besorgt darüber wären, was der andere machen würde, aber die Frage stellte sich keinem von uns. Mike ist ein großartiger Musiker. Ich vertraute ihm und so ging es ihm mit mir auch. So war es sehr einfach.

Weißt du, wie Mike die Idee für die Zusammenarbeit kam?

Im vergangenen Sommer spielten wir ein paar Festivals in Europa zusammen, eins davon in Italien. Ich kenne Mike mittlerweile seit zehn Jahren und wir sind Freunde und gegenseitige Fans. Er sah meine Show und hatte die Idee, als er da neben der Bühne stand. Während Pennywises Show hing ich mit Mike rum und er meinte: "Hey, willst du eine Split machen?" Und ich: "Was zur Hölle? Natürlich will ich ein Album machen!" Als unsere Tourbusse später in zwei verschiedene Richtungen davon fuhren, telefonierte ich noch mit Mike und er sagte: "Weißt du, das habe ich vorhin ernst gemeint." Und ich: "Ich meinte es auch ernst, lass' uns das verdammt nochmal machen." So fing das alles an.

Und jetzt hast du ein Album mit deinen Idolen gemacht. Das passiert auch nicht jedem.

Ja, das ist eine abgefahrene Sache. Ich habe mal auf Twitter oder so geschrieben, dass das wohl der Höhepunkt meiner Karriere ist und das war nicht nur im Scherz gemeint. Ich kann das nicht sagen, ohne etwas verteidigend rüberzukommen, aber ich bin mit Punk aufgewachsen. Punk ist mein Hinterland, er ist meine Heimat. Als meine Karriere voranschritt, sind einige meiner Songs erfolgreich geworden, die keine Punk-Songs sind. Manche Leute, die mich über die Art von Musik kennengelernt haben, hören mich über Punk reden und denken sich: "Worüber zum Teufel redet der?" Aber das ist eine tolle Bestätigung für mich. Ich mache verdammt nochmal eine Split mit NOFX und die letzte Band, die das gemacht hat, war Rancid. Es fühlt sich gut an, jemand zu sein, der in der Punk-Welt akzeptiert wird.

Du kehrst damit zu deinen Wurzeln zurück?

Ja, auf jeden Fall. Ideologisch war Punk schon immer der Kern von dem, was ich mache. Das hier ist eine Akzeptanz von denen, die ich für die Könige der Szene halte. Das ist mir wichtig.

In unserem letzten Interview kam das Thema auf, dass Punk nicht nur aus verzerrten Gitarren besteht. Punk kann alles sein.

Ja, ganz bestimmt. NOFX haben meine Songs "punkiger" gemacht. Mit einigen Songs, die ich ausgesucht habe, habe ich ihr Zeug mehr in die Folk- oder Country-Richtung gebracht. Wir sind aber auch in andere Wege gegangen. Mike und ich stimmen darin überein, dass es keinen Sinn ergibt, ein Cover zu machen, wenn man es genau wie das Original spielt. Dann kann man auch einfach das Original hören.

Wie bist du dann an die NOFX-Songs herangegangen? "Bob" hast du beispielsweise von einem geradlinigen Punk-Song in eine luftige Country-Ballade verwandelt.

Ich habe Mike schon lange für einen großartigen Songwriter gehalten und ich glaube, dass viele Leute in der Punk-Welt wegen ihres stilistischen Ansatzes übersehen werden. "Bob" war einer der Songs, die ich von Anfang an machen wollte. Und ich habe mir schon ewig gedacht, dass "Bob" eigentlich ein geheimer Old-School-Country-Song ist, so wie einer von Merle Haggett. Für mich hat er diese Stimmung. Und mein erster Gedanke war: "Scheiße, ich werde 'Bob' als Country-Song spielen." Das hat wunderbar funktioniert.

"Es ist ein Merkmal eines guten Songs, wenn man ihn verändern kann"

Wie hat es sich angefühlt, das eigene Material im NOFX-Stil zu hören?

Als ich es das erste Mal hörte, habe ich nur gelacht. Aber in positiver Art und Weise. Es hat mich einfach vom Boden gerissen. Sie haben einen sehr bestimmten Gitarren- und Schlagzeugsound, ebenso wie die Harmonien im Gesang. Dafür sind sie auch eine so tolle Band. Als mir Mike ihre Version von "Substitute" geschickt hat, konnte ich gar nicht glauben, was ich hörte. Das ist mein Song als NOFX-Song. Wie verdammt abgefahren ist das denn?

Wie haben du und Mike auf Distanz zusammengearbeitet?

Wir haben an unseren Teilen der Split so ziemlich ohne Kontakt gearbeitet. Das war ganz cool. Ich habe keine Vorschauen davon erhalten, was sie mit den Songs machen und ich wusste auch nicht, welche Songs sie ausgesucht haben, bis sie fertiggestellt waren. Mike wusste ebenso wenig. Das hat Spaß gemacht. Wir haben schon im Vorfeld besprochen, dass das die richtige Herangehensweise ist, weil wir das gegenseitige Vertrauen haben. Ich wusste einfach, dass sie großartige Arbeit leisten würden und ich denke, dass tat Mike auch. Wir haben uns einen Spaß daraus gemacht. In etwa wie: "Wart's nur ab, du Penner." (lacht) Meine Leute und ich haben das Schlagzeug in unserem Proberaum aufgenommen. Den Rest haben wir auf Tour mit den Dropkick Murphys eingespielt. Wir haben während der Soundchecks oder im Hotelzimmer aufgenommen. Die Technologie ist mittlerweile so weit, dass man solche Sachen machen kann, was ziemlich aufregend ist.

Es gab also kein "Work In Progress", nur die finale Version?

Ja, schon. Das war cool und aufregend. Wir haben alle Songs von derselben Person mastern lassen, um dem Album eine gewisse Kontinuität zu geben. Aber ansonsten waren es zwei verschiedene Projekte. Es war aufregend, die Songs zu hören, als sie fertig waren. Mein Erlebnis mit der NOFX-Seite war das eines Hörers.

Du hast größtenteils NOFX-Songs aus der frühen Zeit der Band gewählt. Was waren deine Kriterien?

Als erstes habe ich mich durch ihre gesamte Diskographie gehört. Das hat einige Zeit in Anspruch genommen, da sie eine Menge Material haben. Ich glaube nicht, dass die Qualität von NOFX mit der Zeit abgenommen hat. Aber es gibt Alben, die für mich als Teenager sehr wichtig waren. Und offensichtlich sind das Songs, die mir besonders viel bedeuten. Außerdem wollte ich ich zwar meine Lieblingssongs wählen, aber auch Songs, bei denen ich das Gefühl hatte, damit was komplett anderes machen zu können. Mit ein paar Songs haben wir dann herumgespielt. Wir versuchten uns etwa an "Seeing Double At The Triple Rock" und "Dinosaurs Must Die". Ich hatte da Schwierigkeiten, etwas zu finden, das sich interessant und berechtigt anhört. Am schwierigsten gestaltete sich für mich aber "Eat The Meek". Wir haben für den Song so viele musikalische Ansätze probiert. Am Anfang fielen wir aus Versehen immer wieder in das originale Arrangement zurück, was nur ein Zeichen für einen gut geschriebenen Song ist. Am Ende half mir ein Wort dabei, den Song zu verstehen. Das Wort war "Fugazi". Eine meiner absoluten Lieblingsbands. Ich habe meinen Bassisten Tarrant und meinen Schlagzeuger Nigel gefragt, ob sie so eine Rhythmussektion zusammenstellen können, wie sie Brendan Canty und Joe Lally spielen würden. In dem Moment, wo sie das umsetzten, wusste ich, dass wir die Lösung haben.

Der Rhythmus hebt den Song tatsächlich sehr vom Original ab.

An einer Stelle haben wir versucht, daraus eine Dub-Version zu machen und es klang wie das Original, was ja eh ein Reggae-Song ist. (lacht) Also was soll es bringen, wenn es am Ende gleich klingt. Wir haben da fast aufgegeben, es am Ende aber doch noch hinbekommen.

Stand dir der Respekt vor den Originalen mal im Weg?

Ich arrangiere viele meiner eigenen Songs neu. Es war sogar sehr hilfreich, dass wir im vergangenen Jahr eine Tour gespielt haben, auf der wir ein ganzes Set mit neuen Versionen meiner Songs spielten. Es ist ein Merkmal eines guten Songs, wenn man ihn verändern kann. Mit dieser Einstellung im Hinterkopf wollte ich aber nicht die Lyrics oder die Hauptmelodie ändern. Ansonsten dachte ich mir aber: "Darum geht es hier. Ich verändere verdammt nochmal das, was ich will." Ich denke, Mike hatte den gleichen Ansatz.

"Die Menschen benutzen die sozialen Medien nicht, um nett zu sein"

In unserem letzten Interview von 2013 hast du erzählt, dass dich in England einige eingefleischte Punk-Fans hassen würden. Glaubst du, die NOFX-Platte wird dich bei denen rehabilitieren?

Da gibt es manche Leute, die ebenso angepisst sein werden. Manche Leute wollen auch einfach angepisst sein und das Vergnügen will ich ihnen nicht nehmen. Meine Version von "Bob" ist ziemlich downbeat, entspannt und Country und nicht Punk. Das war ganz lustig, denn viele Leute sind NOFX-Fans, weil sie Punkrock mögen. Manche von denen hassen es und das belustigt mich. Die sind wirklich wütend. Es ist aber keinesfalls die Mehrheit. Und die Leute werden vielleicht wenigstens mal ein paar andere Songs der Split hören, wie beispielsweise "Scavenger Type", das ja ziemlich energiegeladen ist. Letztendlich interessiert es mich nicht, ob ich alle umstimme. Wie schon gesagt: Für mich persönlich fühlt sich das wie eine starke Wertschätzung als Musiker bezüglich Punk an. Manche Menschen denken das eine, manche das Gegenteil und "Fick dich". Das ist mir egal.

Solche Leute wird es immer geben.

Die Menschen besuchen die sozialen Medien nicht, um nett zu sein. Sie wollen Aufmerksamkeit haben und wütend sein. Deshalb sollte man ihnen nicht so viel Aufmerksamkeit schenken.

Die Reaktionen auf das Video zu "Bob" fallen aber positiv aus. Es ist auch verdammt lustig.

Ja, finde ich auch. Mike und ich hatten da dieses Ding am laufen, wo wir uns gegenseitig auf Instagram verarscht haben. Das hat Laune gemacht, aber wir haben viel zu früh damit angefangen. Wir starteten damit drei Monate bevor wir die Split überhaupt angekündigt haben. Wir hatten einige Schlagabtausche und ich schrieb ihm irgendwann: "Alter, wir können das nicht drei Monate so weiter machen." Vor allem, weil wir immer versucht haben, noch einen drauf zu setzen. Dann hat sich Mike die Haare so gefärbt wie ich und ich meinte: "Du Arschloch, du hast mich erwischt." Dann hat er mir das Video geschickt und ich konnte nicht mehr aufhören, zu lachen. Das war saulustig.

Wenn Festivals und Konzerte irgendwann endlich wieder möglich sein werden, wird es dann auch eine Split-Tour geben?

Wir hatten ursprünglich die Punk-In-Drublic-Tour für dieses Jahr geplant. Die ist natürlich wegen der Pandemie abgesagt worden. Wir haben sie jetzt auf nächstes Jahr verlegt. Wie gesagt, es ist verdammt cool, im selben Lineup wie NOFX zu stehen.

Wie beschäftigst du dich in dieser Zeit ohne Touren und Festivals?

Es ist eine schwierige Zeit. Am Anfang des Lockdowns habe ich realisiert, dass ich meinen Lebensunterhalt und meine Karriere auf zwei Dingen aufgebaut habe: Reisen und Menschen in engen Räumen zu versammeln. Beide Dinge kann ich nicht mehr machen - oder zumindest jetzt gerade nicht. Das ist eine schwere und besorgniserregende Zeit, da ich so mein Geld verdiene. Es kann beängstigend sein, darüber nachzudenken und darüber, was ich mittelfristig machen werde. Außerdem ist mir aufgefallen, dass ich jetzt die längste Zeit an einem Ort verbracht habe, seit ich sieben Jahre alt war, was verrückt klingt, aber wahr ist. Aber momentan beschäftigt mich das Schreiben. Entweder das Schreiben von Musik oder von Büchern. Ich habe bereits zwei Bücher geschrieben und vielleicht kommt bald das dritte. Außerdem habe ich ein paar Online-Kurse über Musikproduktion belegt. Ich wollte schon immer mal besser in der Aufnahme und im Mixing von Musik werden. Das gehe ich jetzt an, was richtig geil ist. Also verbringe ich viele Tage damit, über Kompressoren und Equalizer nachzudenken. (lacht)

Das Albumcover zeigt dich und Mike in einem Boxkampf. Wer hat deiner Meinung nach gewonnen?

Sehr gute Frage. Ich werde immer NOFX sagen, weil ich diese Band so sehr liebe. Aber wenn es wirklich ein echter Boxkampf zwischen Mike und mir wäre, muss ich mal nachdenken. Ich bin jünger und größer als Mike, aber ich bin ein beschissener Kämpfer. Ich habe auch keine Ahnung, ob Mike kämpfen kann. Ich hoffe wirklich, dass es nicht dazu kommt. Das wäre traurig.

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1 Kommentar mit 3 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    Ganz ehrlich tut er mir schon etwas leid - hab ihn live beim Lakeside Festival gesehen und er geht gut ab. Aber es fehlt ihm leider an Authentizität - so sehr er es auch versucht, man nimmt ihm die Punk-Attitude einfach nicht ab. Den eleganten Spagat zwischen softem Acoustic Geschrammel und gnadenlosem Punk schaffen mMn nur diejenigen die als Punkband groß geworden sind und es ruhiger angehen wollen (bzw ihr Set akkustisch vertonen).