29. Dezember 2009

"Dachau ist kein fröhlicher Ort!"

Interview geführt von

Whitey Ford spricht über "Genrekiller", Mr. White über La Coka Nostra. Zum Schluss stellen wir die Frage aller Fragen an Everlast.Zwei Wochen nach einem unschönen Garderoben-Zwischenfall bei K.I.Z. sind wir zurück im Münchener Backstage – die Mission lautet auch dieses Mal irgendwie Hip Hop, hört in unserem konkreten Fall aber auf den inzwischen sehr erwachsenen Namen Everlast, bzw. Whitey Ford. Nach einem über eine Stunde verlängerten Soundcheck sitze ich dann endlich vor dem ehemaligen House Of Pain-Frontmann, den Kollege Johannesberg zuletzt im Jahr 2004 für laut.de ins Kreuzverhör nahm...


Hallo Everlast – bereit für ein paar Fragen?

Fragen? In einem Interview? (lacht) Leg los!

Dein Tourmanager meinte eben, Du wärst heute nicht so gut drauf, weil ihr tagsüber in Dachau, bei der KZ-Gedenkstätte wart.

Ja stimmt, wir waren dort, aber ich bin nicht schlecht drauf oder so. Klar, das ist kein fröhlicher Ort. Du hörst und lernst zwar darüber in der Highschool, doch ich war niemals dort – also sind wir da heute hin. Ich habe einen Haufen Fotos gemacht... wie gesagt, es war kein lustiger Ausflug. Aber ich denke, jeder sollte sich das mal ansehen. Das hat für mich was mit Respekt zu tun: Hingehen und es verinnerlichen – das ist zumindest mehr, als nur darüber in der Schule zu erfahren. Du siehst die Stockbetten und an einem so schweinekalten Tag wie heute kannst Du Dir dann echt am eigenen Leib vorstellen, wie beschissen es gewesen sein muss, hier im Winter zu schlafen ... ganz abgesehen mal von all dem anderen Zeug. Ich denke mir, man sollte das einmal in seinem Leben gesehen haben.

Auf die Show heute Abend wird dieser Eindruck von Dachau und Deutschland aber keinen Einfluss haben?

Glaub ich nicht. Es sei denn, die Sache macht mich unterbewusst fertig. Aber ich renne jetzt nicht deprimiert rum – wie gesagt: Es ist kein spaßiger Ort, aber das wusste ich schon, während wir auf dem Weg nach Dachau waren. Ich bin da ja nicht hin, um mir Souvenirs zu kaufen und eine gute Zeit zu haben, sondern um das Konzentrationslager zu sehen und zu erfahren, was dort los war. Würden wir in der Nähe von Auschwitz spielen, hätte ich mir Auschwitz angesehen.

In all den Jahren, die ich jetzt nach Europa gekommen bin, habe ich es nie geschafft, mir hier auch mal was anzusehen, was "man sich halt so anschaut". Paris zum Beispiel! Endlich habe ichs auf die Reihe gekriegt und war in Sacré-Cœur und auf dem Eiffelturm! Den Louvre hab ich noch nicht gepackt – der ist einfach zu groß. Jedenfalls versuche ich mich dort, wo ich mich aufhalte, umzusehen und ein bisschen was darüber herauszufinden. Denn normalerweise ist alles, was ich mitkriege, der Veranstaltungsort und der zugehörige Backstage-Bereich.

Gut, dann lass uns mal ein Stück zurückgehen: In den späten 80ern bist Du bei Ice-T durchgestartet, später trennten sich Eure Wege. Hast Du noch – oder wieder – Kontakt zu ihm?

Ich habe Ice vor ... ahm, ungefähr vor sieben oder acht Monaten auf einer Party in Vegas getroffen. Wir haben uns unterhalten, wir sind Kumpels. Wir sehen uns nicht sehr oft, er arbeitet sehr viel und ist ständig unterwegs, macht seine TV-Shows und so weiter. Aber ich habe ihm viele Male gesagt, dass ich ihm dankbar bin – ohne ihn wäre vieles in meinem Leben nicht passiert. Er hat mir verschiedene Türen geöffnet, damit ich mit Musik mein Leben bestreiten kann. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Und als ich Rhyme Syndicate verließ, war das eine Sache auf geschäftlicher Ebene. Ich war obendrein jung und wild – je älter Du wirst, desto mehr kapierst Du, wie der Hase im Business läuft: Du musst auf Dich acht geben. Bisher hat mich niemand beklaut oder verletzt. Und wie ich schon sagte: Hätte er 1988 nicht die Tür für mein erstes Album aufgestoßen, würde ich wohl heute nicht hier sitzen.

Dann springen wir zehn Jahre weiter: Um 1997 bist Du zum Islam konvertiert – allerdings scheint erst Dein jüngstes Solo-Album diesem Umstand Rechnung zu tragen. Vor allem was die Symbolik betrifft ... warum erst jetzt?

Weil man als Künstler zu provozieren hat. Das erste Whitey Ford-Album hatte damit noch nichts zu tun, weil wir genug damit beschäftigt waren, herauszufinden, was wir hier überhaupt machen! Da passte das einfach nicht.

Auf dem neuen Album mache ich konkrete Statements, die die Leute wachrütteln: "Kill The Emperor" oder "Stone In My Hand". Das ist noch nicht einmal gezwungenermaßen vom oder über den Islam. Sie – und wenn ich sage "sie" dann meine ich die Medien und die Mächte dahinter – also sie haben den Islam zum neuen "schwarzen Mann" gemacht, ein neues Monster kreiert. Da ist kein Russland mehr, kein großer Gegner, also ist es heute der Dschihad.

Ich habe mit dem Dschihad aber nichts zu tun, nur dass das klar ist. Diese Leute gehen mir am Arsch vorbei – ich bin Amerikaner. Mein Dasein als Moslem ist ein privates Ding, über das "Warum" rede ich an sich nicht viel, das ist meine Sache. Ich renne jedenfalls nicht rum und predige den Leuten, sie sollen zum Islam konvertieren. Ich sage: Es gibt viele Wege zu Gott – folge deinem. Und auf meinem Weg empfahl sich mir letzten Endes nun mal dieser Pfad. Ich hatte die Wahl und ich habe mich entschieden.

Aber ich lebe dieses Leben bei weitem nicht so streng, wie viele Muslime das tun. Viele, die sehen, wie ich lebe, sagen mir, ich sei kein Moslem. Ich bin tätowiert und trink hie und da mal einen Whisky. Ich habe früher literweise Whisky gesoffen, heute trinke ich nur noch ein kleines bisschen – aber ich tu's. Ich mag Leute nicht, die zu einer anderen Religion wechseln oder einen anderen Glauben annehmen und dann anfangen sich über andere zu stellen. Die behaupten, Gott möge sie nun mehr, weil sie "reiner" sind als Du. So läuft das nicht. Ich bin der gleiche Sünder wie früher, bevor ich mein Schahada (Das Glaubensbekenntnis des Islam) abgelegt habe. Ich bin immer noch der Gleiche. Ich hoffe natürlich, dass ich heute etwas disziplinierter, freundlicher und weiser bin, aber ich bin immer noch die gleiche Person. Wie gesagt: Ich mache viele Sache, für die mich streng orthodoxe Muslime wahrscheinlich nicht besonders mögen würden ...

Vor ein paar Jahren gab es noch jemanden anderen, der Dich nicht besonders mochte: Du und Eminem – hattet Ihr inzwischen Eure Aussprache?

Naja, ich würde nicht sagen, wir sind wieder gut oder Freunde oder so. Wir hatten unseren Beef, jeder hat seine Worte gesprochen, und wir haben alle gesehen, was passiert, wenn dieser Mist zu weit geht. Ich denke, Eminem hat das noch ein bisschen dramatischer miterlebt ... die Sache mit Proof – Gott segne die Toten.

Ich meine, so heiß diese Suppe damals auch gekocht wurde: Ich habe Respekt dafür, was er erreicht hat. Der ganze Stress damals hat ja auch nicht auf ihn als schlechten Rapper abgezielt. Wir hatten da eine kleine, persönliche Angelegenheit, die entstand, als wir uns mal über den Weg liefen. Es wurden ein paar schärfere Worte dazu gewechselt und anschließend war die Sache vom Tisch. Weiter zu gehen wäre ... ich meine, ich bin 39! Ich versuche nicht mehr, auf der Straße sein.

Aber Du könntest, wenn Du wolltest, Straße sein?

Es geht nicht drum, ob ich könnte oder nicht. Die Frage ist: Ist das der Grund, warum ich tue was ich tue? Ich denke mir, dass sich Eminem manchmal dasselbe fragt: Mache ich das hier nur, um ständig Probleme zu haben?

Für mich war das eine persönliche Angelegenheit, die ich angegangen bin, wie Rapper das eben angehen: Ich teile aus, er gibt mir raus. Zwischen uns standen viele beiderseitige Freunde, die dabei vielleicht ... naja, wie auch immer. Irgendwann hieß es jedenfalls: Wir lassen's bleiben.

Die Sache ist also ums Eck?

Ja, das ist sie. So weit es mich betrifft, jedenfalls. Ich habe lange Zeit nichts mehr über mich gehört von ihm.

Niemand hat lange Zeit irgendwas von ihm gehört.

Ich habe gehört, er hat in Kürze ein Album am Start und so ... (grinst)

Ein Abtörn namens Autotune


Dann sind wir schon fast im Hier und Jetzt: Im letzten Interview mit laut.de meintest Du, dass sich Hip Hop dringend verändern müsse, weil jeder versucht, ein 50 Cent zu sein. Du hattest damals Kanye als Hoffnungsträger genannt. Wie siehst Du die Sache heute?

Ich seh es immer noch so. Ganz ehrlich: Ich mag Kanyes neues Album nicht. Aber ich denke nicht, dass ihn das zu einem schlechten Künstler macht. Ich bin mir sicher, dass auch meine Fans das eine oder andere Album von mir nicht mögen. Was ich an der neuen Kanye-Scheibe nicht mag, ist dieses Autotune-Ding. Was ich dagegen mag, ist, dass er ein Risiko eingegangen ist! Er sagte: "Ich will was anderes machen." Leider hat er sich dann dazu entschieden, auf Albumlänge Autotune einzusetzen. Das halte ich für Betrug, denn ich kann die echte Stimme nicht mehr hören.

Aber: Er ist ein interessanter Kerl. Er hat keine Angst, Sachen auszuprobieren – ich mag und respektiere das. Das ist, was Hip Hop heute braucht. Das gilt auch für 50 Cent: Als er hochkam, war das großartig – er war 50 Cent. Plötzlich waren da 500 andere Typen, die versuchten, so zu sein wie er. Genau da ist das Problem gelagert: Bei jeder heißen Nummer im amerikanischen Radio hört man momentan dieses verdammte Autotune – das ist fürchterlich und schlichtweg fake. Da draußen in der Welt gibt es ein paar Leute, die singen können! Gebt denen ein paar Dollar, die können sie brauchen.

Schau mich an: Ich habe keine schöne Stimme, aber ich singe. Ich singe von Herzen. So, wie ich und Du es hören. Ich habe keine Sängerstimme – wenn ich Songs von anderen Leuten singe, dann klingt es vielleicht nicht so toll wie im Original, aber es klingt zumindest okay. Denn es kommt von Herzen und ich stehe dahinter. Deswegen mag ich diesen Autotune-Beschiss nicht. Aber noch mal: Ich mag Kanye dafür, dass er Risiken eingeht und versucht, anders zu sein.

Und Deine Sicht auf das Rapgame insgesamt?

Das Rapgame insgesamt? Ich denke, das stagniert seit ein paar Jahren. Zumindest hat es sich seit längerer Zeit nicht mehr besonders bewegt. Ich glaube, das ist, was Kanye ändern wollte: ein bisschen aufmischen, und irgendwie hat er das ja auch geschafft: Die Leute lieben oder hassen sein Album – und genau das ist es, was gute Kunst ausmacht: Polarisation. Da gibt es keine Mitte. Das war auch mir persönlich immer sehr wichtig: Lieber hasst Du mein Zeug, als dass es Dir egal ist. Denn wenn es den Leuten egal ist, hast Du keinen Erfolg.

Und wer macht es sonst noch richtig? Oder spektakulär falsch? Gib mir ein paar Namen!

Ich bin großer Radiohead-Fan ... (denkt intensiv nach) ... ich habe nicht viel neue Musik gehört in letzter Zeit ... ich liebe das neue Q-Tip Album! Ich habe gehört, das neue Guns N'Roses Album soll gut sein, aber ich hab’s selber noch nicht gehört. Ich werd es mir aber reinziehen! Ich denke ganz einfach, dass jeder, der versucht, etwas Eigenes zu machen und niemand anderen nachahmt, das Richtige tut.

Na dann lege ich mal einen prominenten Namen auf den Tisch: Johnny Cash – ist er immer noch eine Art Vorbild für Dich?

Ja, absolut! Der Mann hat gemacht, was er wollte – ob es falsch war oder richtig. Je älter ich werde, desto klarer wird mir, dass am Ende des Tages nur zählt, ob Du sagen kannst: Ich habe nach besten Kräften gemacht, was ich wollte und wie ich es wollte. Dann ist es auch relativ egal, ob Du damit Erfolg hast, ob Du zehn Millionen oder fünftausend Platten verkauft hast. Wenn Du es mit einem gutem Gewissen, sprich: die Kunst um der Kunst willen machst, wird sich alles andere ergeben. Ich sage den Leuten immer: "Eines Tages werde ich berühmt sein!"

Ich würde mal sagen, Du bist schon berühmt...

Nein, nicht wirklich. Ich kann immer noch rumlaufen und die meisten Menschen wissen nicht, wer ich bin. Deswegen: Wenn ich älter bin, werde ich berühmt sein! (lacht)

Ich glaube, manche berühmten Leute wünschen sich genau das Gegenteil. Aber weiter mit einer Sache, die gerade in der Gegenwart brandaktuell ist: Was ist los mit La Coka Nostra? Wann kommt das Album?

Ich kann Dir das genaue Erscheinungsdatum nicht nennen. Das Album ist fertig gemischt, wir reichen es gerade ein. In der kommenden Woche erscheint ein neues LCN-Video namens "I'm An American" – da geht es um die guten und schlechten Seiten am Dasein als Amerikaner, das Ganze aus amerikanischer Sicht. Mit von der Partie sind B-Real, Ill Bill, Slaine und ich, während Danny Boy Regie geführt und Lethal zusammen mit Sicknature den Beat produziert hat.

Aber das Album ist fertig und ich will nix versprechen, aber ich würde sagen ... oder lass es mich andersrum erklären: Ständig werden wir gefragt, wann das Album kommt. Ich sage dann: Als die Leute von La Coka Nostra erfuhren, gab es die Band gerade mal ein paar Tage. Wir waren im Studio und haben zum Spaß ein paar Sachen aufgenommen. Ill Bill, Slaine und ich fanden die Sachen gut, Danny Boy hatte die Idee mit "La Coka Nostra" ...

Sorry, aber Danny Boy ist schon so eine Art treibende Kraft, richtig?

Die Leute müssen endlich mal folgendes kapieren: Ohne Danny Boy hätte es House Of Pain nie gegeben und es würde auch kein La Coka Nostra geben. Manche sagen: "Danny Boy rappt nie!" Er muss nicht rappen! Er macht die Videos, er macht das Drumherum – er macht das Paket komplett. Er macht, dass es gut aussieht, sich gut anfühlt und er haucht unseren Ideen mit den seinen das Leben ein.

Aber um auf die andere Sache zurück zu kommen: Wir nahmen also die ersten Tracks, die im Studio entstanden sind, entschieden uns dafür, eine Gruppe zu sein und packten die Sachen eines Tages auf MySpace. Dies waren die ersten und einzigen Songs, die es zu diesem Zeitpunkt gab. Es folgte dann ein Haufen Zeug, den wir über das Netz leakten, denn wir wollten die Fans nicht enttäuschen.

Nun muss man aber wissen, dass wir über das ganze Land verstreut wohnen und nicht via E-Mail zusammenarbeiten oder so. Wir müssen zusammen in einen Raum – genau diese Energie, die da entsteht, die hörst Du auch raus. Wir sitzen dann da und schreiben um die Wette, Bill und Slaine in ihre Bücher, ich selbst schreibe mein Zeug nicht auf. Und genau das ist nun der Grund, warum das so lange dauert. Hinzu kam, dass wir viele der neuen Stücke dann immer gleich wieder ins Internet stellten – also mussten wir uns endlich ein paar aufheben, um damit ein Album zu füllen! Und das ist die Situation. Die Leute wollten einerseits mehr – das gaben wir ihnen via MySpace. Andererseits sollten wir ein Album mit neuem und unbekannten Material machen.

Was ich sagen kann: Das Album ist wirklich gut geworden und hat massig Features drauf: Bun B, Snoop Dogg und Immortal Technique sind dabei, B-Real, Sen Dog und Q-Unique sind am Start, Lethal hat rund 80% der Beats gemacht und DJ Muggs hat ebenfalls einen beigesteuert ... (denkt nach) Ich weiß gar nicht alles auswendig ... gut möglich, dass es noch die eine oder andere Überraschung gibt. Aber es ist de facto fertig. Und: Das Zeug, das es im Internet gab, ist nicht das Album! Vielleicht packen wir "Fuck Tony Montana" oder so als Bonus Tracks drauf, denn das sind ja schon fast wieder La Coka Nostra-Klassiker...

Das neue Video geht noch vor Ende des Jahres online. Denn ich habe gerade eben rausgefunden, dass das Video zu "That's Coke" schon über 400.000 Views hat... höchste Zeit für ein neues Video, würde ich sagen! Danny Boy hat das Teil im Kasten – der Typ ist echt krass. Der macht aus nix ein Hammer-Video. Im Ernst! Der ist schwer talentiert. Ich glaube, dass aus ihm mal ein großer Regisseur wird ...

Ist Danny Boy eigentlich wieder mit Dir unterwegs? Ich habe auf seinem Blog gelesen, dass er erst vor ein paar Tagen Deine Tour für seine Geburtstagsparty in L.A. verlassen hat...

Nein, er war nur für eineinhalb Wochen mit dabei, hat Fotos geschossen und so weiter ... aber wenn ich gewusst hätte, wie witzig das mit ihm hier wird, dann hätte ich ihn gerne auf der ganzen Tour dabei gehabt. Er kam gerade aus China – der ist echt schwer unterwegs momentan ...

Die Frage aller Fragen


Damit wären wir in einer Art Quasi-Zukunft angekommen, denn all das mündet nun in die Frage aller Fragen: Du bist wieder down mit Danny Boy und auch DJ Lethal ist zurück an Bord. Ich denke, Du weißt, welche Frage ich meine.

Klar weiß ich das. Und ja – es ist denkbar. Ich habe immer gesagt, dass das wahrscheinlich nie passieren wird, aber unsere Beziehung hat sich stetig verbessert und jetzt, wo wir dieses La Coka Nostra Ding gemeinsam gemacht haben, reden wir auch darüber, möglicherweise ein neues Album zusammen zu machen. Sagen wir so: Wenn es das letzte gemeinsame House Of Pain-Album wäre, dann würde es im Guten enden. Denn es ging ja nicht so toll auseinander damals ... ich habe die Band verlassen, Danny Boy hatte Drogenprobleme – wir hatten den Punkt erreicht, wo wir getrennte Wege gehen mussten. Es hatte wohl so sein sollen.

Also: Wir sprechen darüber und es könnte möglicherweise passieren. Das ist alles, was ich momentan versprechen kann. Denn wir müssen jetzt erst mal La Coka fertig machen ... und selbst wenn wir als House Of Pain wieder was machen, bleibe ich ja weiterhin Everlast als Solo-Künstler. Ich sehe schon ... wir werden irgendwann mal unser eigenes Festival! (lacht)

Cypress Hill, Dilated Peoples, La Coka Nostra, Everlast und House Of Pain! Und Alchemist! Ein echtes Festival!

Aber was denkst Du – wohin wird Dich Deine eigene musikalische Zukunft tragen: Weiter in Richtung Whitey Ford oder wieder näher an den Rapper Everlast?

Puh, das ist schwer zu sagen. Wenn wir von mir als Solo-Artist sprechen, dann ist es mein Ziel, als "Genre-Killer" bekannt zu werden. Ich will dieses gesamte Genre-Konzept zerstören. In meiner eigenen Welt existiert das nicht, dort gibt es keine Art von Musik, die ich nicht machen sollte – wenn ich sie denn mag.

Wenn wir von, sagen wir: House Of Pain und einer möglichen neuen Platte sprechen, kann ich sagen: Ein Grund, diese zu machen, wäre der, herauszufinden, wie das heute wohl klingen würde. Es würde sich nicht anhören wie 1995, dafür hat jeder von uns zu viel erlebt: Lethal war bei Limp Bizkit, ich habe jahrelang diesen Live-Kram durchgezogen ... ich könnte mir vorstellen, dass das eine Verschmelzung all der Sachen wäre, die wir alle jemals gemacht haben. Das ist, warum diese Sache für mich interessant ist. Das ist, warum ich mir selbst sage: "Vielleicht können wir das echt machen."

(grinst) Und wer weiß ... vielleicht haben wir ja auch schon ein paar Songs fertig?

Das dürfte dann aber mindestens eine Doppel-CD werden, wenn ihr all das unter einen Hut kriegen wollt ...

Eigentlich sollten wir darauf achten, dass wir das zu einer Einheit verdichten, anstatt es zu einer Art "Sein Zeug-Sein Zeug-Sein Zeug"-Compilation zu machen ... "Jedermanns Zeug" wäre die Devise. Ich möchte niemals zurückblicken und ein von mir Album erkennen, das genauso klingt wie das davor.

Schau Dir doch mal die großen Erfolge meiner Laufbahn an: Das jeweils Nächste, was ich versuche zu machen, ist nicht das gleiche noch mal. Das Nächste, was ich mache, ist in eine andere Richtung gehen. Wir haben nicht versucht, ein zweites "Jump Around" zu produzieren. Das zweite House Of Pain-Album, das womöglich das beste der drei ist, war viel düsterer ... da hieß es dann "Der Popschund ist ganz cool und wir sind dankbar – aber diesmal zeigen wir Euch: Das hier ist Hip Hop!"

Das war immer mein Ziel – wenn ich mal tot bin, will ich, dass die Leute mein Lebenswerk betrachten und sich denken: "Wow. Das ist ein Haufen unterschiedliches Zeug. Der Typ ging vom Hip Hop zu Was-weiß-ich ..." Ich behaupte: Es kann gut sein, dass ich eines Tages für zehn Jahre von der Bildfläche verschwinde, nach Spanien gehe und als Flamenco-Gitarrist zurückkomme. Kann man ja nie wissen, ich hab jeden Tag verrückte Ideen. Manchmal hätte ich gute Lust, meine sieben Sachen zu packen und irgendwo in Europa bei einem Meister Violine zu studieren.

Schön! Vergiss dabei aber bitte nicht den Reunion-Gedanken ganz ... ich bedanke ich mich bei Dir für das Interview!

Gerne! Ich wünsch Euch viel Spaß bei Show!

Als wir zurück in die Veranstaltungshalle kommen, hat sich dort bunt durchgemischtes Volk eingefunden. Es ist angenehm, weil nicht zum Bersten voll: Vom Hip Hopper jeder Altersklasse über den Casual-Rocker und intellektuellen Bluesfreund bis hin zum Vollblut-Schicki ist alles vertreten, was ein angehender "Genrekiller", bzw. sein Vorab-Mitbringsel Beth Hart eben so anzieht. Es folgen zwölf amtliche Whitey Ford-Vorträge, sowie acht ebenso souveräne Zugaben, denen die Live-Erfahrung eines Erik Schrody samt Band aus jeder Pore perlt. Gespielt wird ein Querschnitt durch die gesamte Solo-Dekade von 1998 bis heute – und das gänzlich ohne Autotune.

Lediglich "Jump Around" stammt vom ersten House Of Pain-Album von 1992 und vereint das gemischte Publikum auf Kommando sinuskurvenartig zwischen Hallen-Boden und -Decke. Zusammen mit den Aussichten, die das Interview hergibt, ist das – zumindest für mich – dann deutlich mehr als eine wehmütige Reminiszenz.

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