laut.de-Kritik

... und es hat BUMM gemacht.

Review von

*BUMM* Hart donnert David A. Stewarts Faust auf einen Bürotisch. Ein Faustschlag, der sein Leben und das von Annie Lennox für immer verändert. *BUMM* Auf der anderen Tischseite antwortet Lennox mit einem weiteren Schlag, leicht aus dem Takt. Der Kopf der Sängerin mit dem kurzen, karottenfarbenem Haar folgt zuerst ihrer Hand, blickt dann langsam in die Kamera und ...

"Sweet dreams are made of this / Who am I to disagree? / I travel the world and the seven seas / Everybody's looking for something." ("Sweet Dreams (Are Made Of This)")

*BUMM* Der härteste Hieb ging jedoch dem Hit voraus. Er traf die beiden in dem Moment, in dem Lennox die Beziehung mit Stewart beendete. In dem Moment, in dem aus einem Paar nur noch eine Band wurde. Während er sich schnurstracks an seinen Drumcomputer begab, brach Annie unter den Erfahrungen der voran gegangenen Monate zusammen. Die The Tourists-Trennung, das gefloppte Debüt "In The Garden", die Tournee, die kräftezehrende Beziehung mit Dave, alles kam in diesem Moment hoch. Weinend lag sie in der Fötusstellung auf dem Boden, als sie vom Nebenzimmer den Rhythmus hörte, den ihr brandneuer Ex trotzköpfig zusammengebastelt hatte.

*BUMM* "Was zur Hölle ist das?", fragte sie, raffte sich auf, ging zu ihm und begann am Synthesizer zu spielen. Innerhalb von Minuten entstand eine der prägendsten Synth-Lines der 1980er, über die die traurige Lennox die Worte legte, die all ihre geplatzten Träume der letzten Jahre in einem Satz zusammenfassten: "Sweet dreams are made of this." Der Songs stand innerhalb von dreißig Minuten. Dabei spielte, wie so oft, der Zufall eine große Rolle, da der Rhythmus nur entstand, weil Stewart einen falschen Knopf erwischte.

"Love is a stranger / In an open car / To tempt you in / And drive you far away / … / It's savage and it's cruel / And it shines like destruction / Comes in like the flood / And it seems like religion / It's noble and it's brutal / It distorts and deranges / And it wrenches you up / And you're left like a zombie." ("Love Is A Stranger")

Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden zumindest in England keine Unbekannten mehr. Bereits Ende der Siebziger hatten sie mit der fünfköpfigen Band The Tourists drei Alben veröffentlicht. Der sorglose Power-Pop des Dusty Springfield-Covers "I Only Want To Be With You" brachte sie sogar in die englischen Top Ten. Nach der Trennung blieb das Paar zusammen, nahm mit "In The Garden" ein verschrobenen New Wave-Longplayer, den trotz großartiger Songs wie "Never Gonna Cry Again" und "English Summer" niemand hören wollte.

Für "Sweet Dreams (Are Made Of This)" standen die Zeichen auf Neustart. Ihren Vorschuss gaben die Eurythmics für ein eigenes Studio, das sie später The Curch nannten, Synthesizer und Drumcomputer aus. Gemeinsam verbanden sie unterkühlten Synth-Pop mit Soul. Kraftwerk meets Motown. In der bis auf Alison Moyet (Yazoo) von Männern dominierten Synth-Pop-Welt wirkte Lennox mit ihrem androgynen Auftreten wie ein Außerirdische.

Ihre herausragende Stimme konnte in einem Moment noch kalt und abweisend klingen, im nächsten schon herzlich und warm. Ihre Songs minimierten sie auf das Wesentliche, auf das Konzentrat. Wenn fünf Textzeilen, ein monotoner Synth-Bass im John Carpenter-Stil, eine kleine Melodie und etwas Meeresrauschen weitestgehend ausreichen, um eine Gänsehaut-Atmosphäre zu erzeugen, dann braucht es eben auch nicht mehr.

"Jennifer with your orange hair / Jennifer with your green eyes / Jennifer in your dress of deepest purple / Jennifer, where are you tonight? / Underneath the water." ("Jennifer")

Das schummrige "I've Got An Angel" braucht noch weniger, lebt von seiner dringlichen Bassline, geschickt eingesetzten Flöten und der Textzeile "Time is time is time to kill". Hätte Róisín Murphy bereits 1983 Platten veröffentlicht, hätten sie so geklungen. Zu den stärksten Stücken zählt "This City Never Sleeps", diesem von Neonlichtern durchzogenen Song noir, der sich später im "9 ½ Wochen"-Soundtrack wiederfand. Unwirklich und abgestumpft zeigt er mit wenigen Worten und einer monoton voranschreitenden Gitarre den Schmerz der Einsamkeit in der Großstadt. Das Leben zwischen Wolkenkratzern und gesichtslosen Stadtmenschen. Die London Underground rauscht durch den Track, als wohne man in Paddigton in direkter Nähe des Bahnhofs.

"You know there's so many people / Living in this house / And I don't even know their names / ... / Walls so thin, I can almost hear them breathing." ("This City Never Sleeps")

Der Start ließ für "Sweet Dreams (Are Made Of This)" jedoch nichts Gutes vermuten, lief er doch ähnlich schleppend wie bei "In The Garden" an. Die ersten beiden Singles floppten. "This Is The House" sah die Charts nicht einmal vom Weiten, "The Walk" schaffte es immerhin auf Platz 89. Das Letztgenannte schlurft geheimnisvoll durch die Nacht. Lennox' zärtliches, an Mike Garson erinnerndes Pianospiel und Dick Cuthells Jazz-Trompetensolo hätten mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt.

Hartnäckig biss sich "Sweet Dreams (Are Made Of This)" von Auskopplung zu Auskoppelung weiter die Charts hinauf. Erstmals etwas Schwung in die Bude brachte "Love Is A Stranger", das bis auf Platz 54 kletterte. Anstatt als Händchenhalten wie in den süßen Hollywoodfilmen zeichnet der Song die Liebe von ihrer düsteren Seite. Eine Obsession, fremd, gefährlich und brutal. Während im Hintergrund der Inhaber eines Restaurants aus der Nachbarschaft fleißig vor sich hin stöhnt und die Synthesizer wogen, zeigt Lennox in zwei Gesangsspuren eindrucksvoll ihr Talent. Die erste, zu Beginn noch allein stehende, bleibt sachlich und geordnet, die zweite zieht es schrill in höchste Höhen. Ein Song, der den damals noch als Musikjournalist arbeitenden Neil Tennant (Pet Shop Boys) für Smash Hits zu dem Urteil "perveses Synth-Duo" kommen ließ.

Im Video gibt Annie mit langer Lockenperücke die Edel-Prostituierte, Dave ihren Chauffeur, der sie durch die Nacht fährt. Im weiterem Verlauf zieht sie die falschen aber ab und zeigt ihre kurzen Haare. Das Spiel mit der Zweitfrisur zieht sich lange Zeit durch Lennox' Karriere. "Perücken tragen und sie wieder abnehmen, dabei ging es um das Gewese, das Frauen veranstalten, damit Männer sie für akzeptabel oder schön halten, darum, Masken abzulegen und wie nichts von alldem real ist", erzählte sie später dem Guardian.

Für wie viel mehr Aufsehen und Verwunderung Frauen mit kurzen Haaren noch Anfang der 1980er sorgten und wie unaufgeschlossen die Welt damals noch war, zeigte die Reaktion des MTV-Sendeleiters bei der Erstausstrahlung des Videos. Er schaltete den Clip in dem Moment ab, in dem die Sängerin ihre falschen Haare vom Kopf reißt, da er sie für einen Transvestiten hielt.

Doch dann hats *BUMM* gemacht. Mit "Sweet Dreams (Are Made Of This)", der vierten und letzten Single des Albums, starteten die Eurythmics durch. Einem Song, den die Plattenfirma zuerst aufgrund des fehlenden Refrains als Single ablehnte und der nur dank eines hartnäckigem Radio-DJs in Cleveland, der das Stück hoch und runter laufen ließ, letztendlich doch seine Chance bekam.

Ein Startschuss, in dessen Folge aus den Eurythmics eine der erfolgreichsten Bands der 1980er wurde. Mit dem Nachfolgealbum "Touch" schufen sie "Sweet Dreams (Are Made Of This)" eine Zwillingsschwester auf gleich hohem Niveau, die mit "Here Comes The Rain Again" eines ihrer besten Lieder enthält. Ein weiterer Song übrigens, der aus einem Streit der beiden hervorging. Im Mayflower Hotel am Central Park zofften sie sich um den Platz am neu gekauften Keyboard, den Stewart gewann. Lennox blickte aus dem Fenster in den prasselnden Regen, und der Songtitel kam von selbst.

Bevor mit "We Too Are One" 1989 die Lichter ausgingen, folgten der experimentelle Soundtrack zur Orwell-Verfilmung "1984 (For The Love Big Brother)", die mit Aretha Franklin gesungene Feminismus-Hymne "Sisters Are Doin' It for Themselves" oder Zucker-Pop wie "There Must Be An Angel (Playing With My Heart)". 1999 fanden sich Eurythmics noch einmal für "Peace" zusammen.

Nach dem Aus veröffentlichte Dave A. Stewart weiter fleißig Alben und hatte mit "Heart Of Stone" noch einen kleinen Hit. Dazu schrieb er das "Ghost"-Musical und arbeitete als Songwriter und Produzent mit Mick Jagger, Stevie Nicks, No Doubt, Bryan Ferry, Nina Hagen oder Shakespears Sister, der Band seiner Ex-Frau Siobhan Fahey.

Annie Lennox brach auf, um jedes Jahr eine noch bessere Sängerin zu werden. Mit ihrem Solo-Debüt "Diva" schloss sie direkt an den Erfolg der Eurythmics an. Ihren größten Auftritt legte sie 2005 bei Live 8 mit "Why" hin. Leider beschränkt sie sich selbst zu oft auf Cover-Versionen ("Medusa", "Nostalgia"). Wenn es so etwas wie würdevolles Altern überhaupt gibt, dann verkörpert Lennox das Role Model dafür. Ganz in dem Bewusstsein, dass Falten und Narben die cooleren Tattoos sind, weil sie deine wirkliche Geschichte erzählen.

Letztendlich ging es Lennox und Stewart jedoch wie den meisten Songwriter-Duos. Um ihre eigentliche Größe zu erreichen, um ihre Sweet Dreams zu verwirklichen, brauchten sie aneinander.

PS: Das Marilyn Manson-Cover von "Sweet Dreams (Are Made Of This)" ist kacke.

PS II: Apropos Kacke: Der eigentliche Star im Video zu "Sweet Dreams (Are Made Of This)" war die Kuh, die allerdings bei den Dreharbeiten alles vollgeschifft und zugekackt hat.

PS III: *BUMM*

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Love Is A Stranger
  2. 2. I've Got An Angel
  3. 3. Wrap It Up
  4. 4. I Could Give You (A Mirror)
  5. 5. The Walk
  6. 6. Sweet Dreams (Are Made Of This)
  7. 7. Jennifer
  8. 8. This Is The House
  9. 9. Somebody Told Me
  10. 10. The City Never Sleeps

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