laut.de-Kritik

Spagat zwischen brachialer Härte und poppiger Melodie.

Review von

Unheilvoll begrüßt ein flüchtiges Synthwave-Intro so ziemlich das Beste, das Metalcore derzeit zu bieten hat. Entfesselt sprüht "Snowblood" nur so vor Tatendrang. Ein Breakdown hier, ein Solo dort: Unentschlossen, auf welche ihrer Fertigkeiten sie sich zuerst stürzen sollen, bringen Erra auf ihrem fünften Langspieler gleich unheimlich viele Facetten ins Spiel. Mit jedem weiteren Song setzen sich die verschiedenen Spielarten zu einem funkelnden Hybrid zusammen, der keine Wünsche offen lässt.

Patronenhülsen fliegen in "Gungrave" durch die Luft. Treffsichere Breaks machen den Kugelhagel spürbar, bis das Quintett aus Alabama gekonnt das Tempo drosselt. Schreie dringen gedämpft aus einer abgeschotteten Zwischenwelt zum Hörer durch. Dann stoßen Jesse Cashs Gesangsmelodien das Tor zur Freiheit auf. Den Vocals des Gitarristen wohnt eine unfassbare Kraft inne, die heller strahlt als je zuvor.

Wer den Spagat zwischen brachialer Härte und poppiger Melodie zu schätzen weiß, bleibt hier wirklich ständig gebannt hängen. Hinter dieser Platte steckt so viel Plan, auf allen Ebenen. Nicht nur das Cover-Artwork oder die Songtitel umgibt eine futuristische Mystik, auch akustisch schafft der subtile Einsatz von Effekt-Schnipseln eine unwirkliche Atmosphäre. Dazu hat es fast schon etwas Spirituelles, wenn Cash die Szenerie mit seinen Gitarren-Tappings beschreibt.

In "Vanish Canvas" schwappt dabei eine ganze Woge von Glücksgefühlen rüber. Kontraste nähren sich gegenseitig, wachsen aneinander und stechen so nur noch markanter heraus: Die Königsdisziplin in diesem Genre. Erst das ausbalancierte Zusammenspiel aus Shouts und gesungenen Vocals bringt die Melodien in "Shadow Autonomous" oder "Remnant" zur vollen Entfaltung.

So wird auch "Divisionary" zu einer Hymne, die in ihrer Klarheit ganze Hallen mitreißen dürfte. "In a world as foreign to us as our own hearts, technology is god and god speaks: 'Humanity is secondary to Me'", lautet die ernüchternde Abrechnung mit einem Zeitgeist, der sich unaufhaltsam auf den technologischen Fortschritt reduzieren lässt. "Small black screens are your only god now!"

Im Sinne einer dystopischen Prophezeiung kann das noch sehr viel radikaler ausfallen. "House of Glass" ballert einfach drauf los. Im Vergleich zu den großen Architects bauschen Erra die wütende Empörung hier aber weniger pompös auf. Das Gespür für Sound und Dynamik bewegt sich schlicht auf einem anderen Level. Dass sich neuerdings auch Brüllmeister JT Cavey an melodische Vocals wagt, bereichert den Track um das fehlende Puzzleteil. Selbst das sitzt.

Wie ein unangekündigter Weckruf reißt "Eidolon" den Hörer heraus aus den Fängen einer verspielten Gitarrenfigur. Was darauf folgt, ist Metalcore vom Feinsten. Da braucht es überhaupt keine Clean-Vocals, um Verletzlichkeit einzustreuen. Ein Solo wie ein Lichstrahl in der Dunkelheit: Spätestens damit baut "Lunar Halo" eine emotionale Verbindung auf.

Als gäbe es nicht genügend kleine Überraschungen zu entdecken, liefern Erra sogar noch den Beweis, dass Balladen auf einem Metalcore-Album Platz finden. Die verkommen ja gerne zum uninspirierten Lückenfüller. Kurzweilig bringt "Memory Fiction" Piano und Gitarren-Tapping zusammen. Fazit: eine unverschämt runde Sache.

Trackliste

  1. 1. Snowblood
  2. 2. Gungrave
  3. 3. Divisionary
  4. 4. House Of Glass
  5. 5. Shadow Autonomous
  6. 6. Electric Twilight
  7. 7. Scorpion Hymn
  8. 8. Lunar Halo
  9. 9. Vanish Canvas
  10. 10. Eidolon
  11. 11. Remnant
  12. 12. Memory Fiction

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