laut.de-Kritik

"My 15 minutes started an hour ago."

Review von

Auf "Thank Me Later" geht es um Erfolg, um die Höhen und Tiefen des süßen Lebens an der Spitze. Es handelt von den Ängsten und Enttäuschungen, die sich mit dem Erfolg einstellen. Es erzählt von den verrückten Episoden auf der Sonnenseite und dem einen Quäntchen Rest-Verstand, das man im Rampenlicht nicht verlieren will.

"Thank Me Later" stellt sich immer wieder die Frage, wie Erfolg einen verändert und wie man sein muss, um sich diese Frage überhaupt stellen zu können. Den Grund dafür liefert die Geschichte dieses Aubrey Drake Graham: Vom belächelten Teenie-Schauspieler avancierte er in den letzten anderthalb Jahren zum nächsten großen internationalen Rap-Superstar.

Er genießt den Respekt der respektiertesten Kollegen, verzeichnet eine Grammy-Nominierung noch bevor er überhaupt ein Album veröffentlichte, den Dawsons Creek-Appeal für die Masse, das Lächeln, das ihn auf die Covers von Szene-Magazinen und Leitmedien bringt, und er hat die Motivation, das alles noch zu toppen:

"Shit been goin' good but good could turn to better" - so etwas muss einem nach ausverkaufter Tournee, Rihanna-Affäre, "Best I Ever Had"-Chartswahnsinn, Universal/Motown-Deal und Eminem/Lil Wayne/Kanye West-Kollaboration erstmal einfallen.

Trotzdem gerät das meist antizipierte Debütalbum des neuen Jahrzehnts nicht übertrieben, überladen oder fernab jeglicher Normal-Realität. Drake emotionalisiert an den richtigen Stellen und lässt die Hörer so an seiner Geschichte teilhaben. Er gibt selbst erlebte Gefühle preis, hält sich aber dann zurück, um sie auch für die Hörer erlebbar zu machen.

Drake teilt seinen "rise to fame" mit seinen Zuhörern. Er nimmt sie mit in seine Welt des Blitzlicht-Hollywoods, aber versteckt dabei sein emotional überfordertes Inneres nicht hinter Protzerei und lautem Tamtam. Eine Formel, die den Massen-Appeal und die Nachvollziehbarkeit von Rap in ein recht ungewohntes Licht rückt. Eine neue Realness für jedermann, sozusagen. So wird das eigene Konzept von Erfolg zum Erfolgskonzept.

Auf der ersten Single-Auskopplung "Over" kulminieren Drakes inhärenter Drang zur Selbstreflexion, seine überzeugte Eigenwahrnehmung und überambitionierte Motivation auf herrlich orchestraler Spielwiese von Boi-1da: "What am I doin'? Oh yeah, that's right. I'm doin' me. I'm livin' life right now. And this what I'ma do 'til it's over. But it's far from over."

Auch, wenn sich die restliche Spielzeit von "Thank Me Later" musikalisch selten so pompös präsentiert, bringt "Over" die Tonalität des Albums perfekt auf den Punkt: freigelegte Drums für die Strophen, auf denen Drake sein nicht perfektes, aber unterhaltsam fesselndes Rap-Talent ausbreiten kann, und eine daraufhin damit brechende Instrumentierung für die Entertainment-Hooks, auf denen Drake seinen bereits patentierten Refrain-SingSang präsentiert.

Trotz einer breiten Auswahl an Produzenten (Timbaland, Crada, 40, Francis and the Lights, Kanye West, No I.D., Swizz Beatz und Boi-1da) und der letztendlich überraschend kurz geratenen Liste namhafter Kollaborateure (Alicia Keys, T.I., Lil Wayne, Jay-Z, Nicki Minaj, The-Dream, Young Jeezy) besitzt "Thank Me Later" Stringenz und Kohärenz "Illmatic"scher Ausmaße. Im Zentrum steht Drakes Auseinandersetzung mit seiner direkten Umgebung.

Klar gibt es die Groupies, den Champagner und die Bentleys, dementsprechend auch die Hand im Schritt und die ausladenden Gesten. Aber es gibt eben auch die moralischen Zweifel an sich selbst, die Gedanken eines erwachsen gewordenen Scheidungskinds, die Schmachtseiten aus dem Poesie-Album und die Respektsbekundungen an den Underground-Rap. Auf diese Weise verfügt Drake über ein Selbstbewusstsein im tatsächlichen Sinne von Bewusstsein seiner Selbst, das ihn nicht einmal neben einem Jay-Z oder Lil Wayne untergehen lässt.

Auf "Light Up" überschreitet Drake mit Jay-Z auf satten Drums und subliminal-sphärischen Keys ohne Rücksicht auf Radiotauglichkeit die 16-Bars-Grenze. Allgemein akzeptierter Rap-Gott mit allgemein akzeptiertem Super-Newcomer - auch mit der typisch Drake'schen Weichspülhook eine tödliche Kombination. Zitat Drake: "Yeah, I gotta feel alive, even if it kills me. I promise to always give you me, the real me."

Genauso überzeugend ist der 32-Bars-Direktvergleich "Miss Me" auf erneut superbem Boi-1da-Brett: Drake mimt den kokett verständnisvollen Lover und Weezy gibt dem "krank" in liebeskrank einmal mehr eine neue Bedeutung. Es gab lange keinen Nachwuchsrapper, der auf seinem Debüt bereits so eloquent neben den Großen des Spiels seinen eigenen Mann stehen konnte. Dazu erneut Drake: "Yeah we want it all, half was never the agreement. Who'd thought the route we chose would ever end up this scenic."

Man könnte sich an dieser Stelle fragen, wann diesem 23-Jährigen sein Erfolg zu Kopf steigt. Oder ob es überhaupt dazu kommt. Immerhin ist er von einem überzeugt: "My 15 minutes started an hour ago." Wahrscheinlich hat Drake bereits ganz neue Ufer im Visier. Da markiert ein Debütalbum eben nur eine kurze Zwischenstation.

Trackliste

  1. 1. Fireworks feat. Alicia Keys
  2. 2. Karaoke
  3. 3. The Resistance
  4. 4. Over
  5. 5. Show Me A Good Time
  6. 6. Up All Night feat. Nicki Minaj
  7. 7. Fancy feat. T.I. and Swizz Beatz
  8. 8. Shut It Down feat. The-Dream
  9. 9. Unforgettable feat. Young Jeezy
  10. 10. Light Up feat. Jay-Z
  11. 11. Miss Me feat. Lil Wayne
  12. 12. Cece's Interlude
  13. 13. Find Your Love
  14. 14. Thank Me Now
  15. 15. Best I Ever Had

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8 Kommentare

  • Vor 9 Jahren

    Drake nervt inzwischen eigentlich nur noch. 'So Far Gone' hatte ein paar schoene Lieder, sein Rapstil strapaziert die Nerven aber irgendwann doch arg. Album interessiert mich nicht.

  • Vor 9 Jahren

    Wundert mich auch das er mit seinem Gesang nicht auf Kritik stößt. Gerade in so einem Hater-Genre wie Hip-Hop. Finde das Album top.
    Denke der Mainstream wird damit nichts anfangen können, da wenig radiotaugliches darunter ist. Ist auf jeden Fall n colles Album...

  • Vor 9 Jahren

    "Denke der Mainstream wird damit nichts anfangen können, da wenig radiotaugliches darunter ist."

    haahaaahaaa du willst mich doch verarschen oder? 3 Singles gingen bisher Top 20 aber Hauptsache hurrhurr ich find das Album gut aber für den Mainstream isses zu deep.

  • Vor 9 Jahren

    hab das album in den letzten tagen auch 1-2 durhclaufen lassen.
    erster eindruck: positiv überrascht. ich kannte davor nur die singles "best i ever had" und "over". naja die haben es ja nicht besonders in sich. aber das album scheint mir wirklich ein konzept zu haben.
    die tunes erinnern mich hie und da an kid cudis letztes album was imho für mich ein sehr gutes zeichen ist.

    werde mir in den nächsten tage die scheibe sicherlich noch paar mal geben. die stimme von drake find ich zwar ab und zu etwas nervig .. aber ja das gesamtpaket stimmt für einfach irgendwie..

    deshalb gibt es von mir auch 4 punkte

  • Vor 8 Jahren

    Musste meine Bewertung nach mehr als 6 Monaten von 4 auf 5 Sterne verbessern, einfach unfassbar langlebiges Album, was ich nun seit einer Woche wieder auf Dauerrotation laufen habe. Sehr langsame, fast schon kitschige und HipHop-untypische Songs wechseln sich mit tollen Raptracks ab. Gäste sind ausnahmslos passend gewählt, die Songs werden einfach nie langweilig.
    Two Thumps up, Drizzy!

  • Vor 8 Jahren

    arahf
    word aber iwie geb ich trotzdem nur 4