Porträt

laut.de-Biographie

Donald Byrd

Donald Byrd zählt zu den wichtigsten Trompetern des Hard-Bops. Doch ruht er sich nicht alleine auf diesem Stil aus. Als Musiker und als Lehrmeister öffnet er sich im Laufe seiner langen Karriere stets neuen Einflüssen und stößt dadurch Jazz-Puristen vor den Kopf. Er beeinflusst mit seinem kraftvoll-melodischen, aber überaus virtuosen Spiel und seinem tanzbar-groovigen Sound maßgeblich die Hip Hop-Kultur, die seine Alben zu Beginn der Neunzigerjahre wiederentdeckt. Sein 1973 erschienenes Werk "Black Byrd", gekennzeichnet durch dominante Funk- und R'n'B-Einflüsse, setzt mehr Einheiten ab als jede weitere Scheibe in der Geschichte des Traditionslabels Blue Note.

Donaldson Toussaint L'Ouverture Byrd II, so sein vollständiger Name, kommt am 9. Dezember 1932 in Detroit als Sohn eines Methodistenpfarrers und Musikers auf die Welt. Schon im Kindergarten taucht er in die Klassik ein. Zunächst möchte er in die Fußstapfen seines Onkels treten, der als Schlagzeuger sein Geld verdient. Er wählt aber eine Laufbahn als Trompeter und wirkt mit nur 15 Jahren als Mitglied des Sextetts des Tenorsaxofonisten Robert Barnes erstmalig an einer Platteneinspielung mit. Von Barnes schaut er sich vor allem die melodische Phrasierung ab.

Noch vor dem Ende seiner Highschool-Zeit bestreitet Donald Byrd gemeinsam mit Lionel Hampton seinen ersten Auftritt als Profi-Musiker. Während seines anschließenden Militärdienstes bei der Air Force zu Beginn der Fünfzigerjahre schließt er sich einer Big Band an. Danach studiert er an der Wayne State University in seiner Heimatstadt und an der Manhattan School of Music in New York Musikpädagogik.

Im August 1955 spielt er mit den Detroitern Musikern Yusef Lateef und Bernard McKinney sein Debüt "First Flight" ein. Wenig später folgt er der Bitte von Art Blakey, der ohnehin ein gutes Händchen für junge, aufstrebende Talente besitzt, die Nachfolge von Kenny Dorham bei seinen Jazz Messengers anzutreten. Von nun an gehört der Trompeter zum festen Bestandteil der New Yorker Hard-Bop-Szene.

1958 landet er bei Blue Note. Im selben Jahr gründet er sein erstes eigenes Quintett, das bis 1961 besteht und für das er unter anderem Baritonsaxofonist Pepper Adams gewinnt. Außerdem nehmen bis Ende der Fünfziger so gut wie alle prägenden Figuren der damaligen modernen Jazz-Szene, etwa John Coltrane, Thelonious Monk und Cannonball Adderley, seine Dienste als Sideman in Anspruch. Überdies fasst er in Europa durch seine leidenschaftlichen Live-Shows immer weiter Fuß.

Trotzdem ruht sich Byrd in den Sechzigerjahren nicht auf seinen Erfolgen aus. Er hebt für "Royal Flush", aufgenommen am 21. September 1961 in den berühmten Van Gelder Studios in New Yersey, ein weiteres Quintett aus der Taufe. Auf der Platte hört man den Pianisten Herbie Hancock. Der befindet sich noch ganz am Anfang seiner Solokarriere. Dementsprechend spricht er über seinen Bandleader in höchsten Tönen: "Donald lässt sich am Besten durch sein Verlangen charakterisieren, immer geradeaus zu denken. Man merkt das beispielsweise an seinen Scheiben. Mit jeder bewegt er sich ein Stück weiter."

So wendet sich der Trompeter auf "Free Form", das am 11. Dezember 1961 entsteht, den Möglichkeiten der freien Improvisation zu, ohne die rhythmischen Qualitäten seiner Musik zu vernachlässigen. Darüber hinaus bereichert Hancock das Album immer wieder mit lebendigen Einschüben, ohne seinem Mentor zu übertönen. Byrd, der über die Jahre eine individuelle Klangsprache zwischen der Energie von Freddie Hubbard und der Coolness von Miles Davis entwickelt, verliert nie die Kontrolle über sein Werk. Demnach bricht er mit "A New Perspective", das im Frühjahr 1964 erscheint, musikalisch zu ganz neuen Ufern auf.

Für die Platte schreibt er zusammen mit dem Arrangeur Duke Pearson hymnenhafte, spirituell motivierte Stücke, durchzogen von swingend-federnden Rhythmen ("Cristo Redentor"), erdigem Blues ("Beast Of Burden") und wilden Improvisationen ("Black Disciple"), die für Jazz-Verhältnisse eine kaum gekannte Tiefgründigkeit aufweisen. Dabei vertraut er nicht nur auf die virtuosen Fähigkeiten Herbie Hancocks, sondern bekommt Unterstützung von einem ganzen Chor und weiteren hervorragenden Solisten wie Drummer Lex Humphries und Vibrafonist Donald Best. Weiterhin versprüht das Werk wegen der optimalen Klangbedingungen in den Van Gelder Studios eine zeitlose Ästhetik.

Dass Byrd zuvor am Amerikanischen Konservatorium in Fontainebleau ein Studium der Komposition erfolgreich absolviert, schlägt sich deutlich auf das Album nieder, das einer in sich geschlossenen Suite gleicht. Nebenher unterrichtet er an der Music & Arts High School in New York. 1968 macht er bei einen Aufenthalt in Afrika seinen Abschluss in afrikanischer Musik und übernimmt im Anschluss sieben Jahre lang an der Howard University in Washington den Fachbereich 'Schwarze Musik'. Dafür beschränkt er seine Live-Aktivitäten auf ein Minimum, veröffentlicht allerdings als Bandleader regelmäßig neue Platten.

Seinen Formationen gehören in den Sechzigerjahren Jazz-Größen wie McCoy Tyner und Julian Priester an. Zusätzlich intensiviert er seine Arbeit mit Pepper Adams und Herbie Hancock. Letztgenannter profitiert stark von der Fusion-Welle, die zu Beginn Siebziger Musikern wie Miles Davis zu neuer Relevanz verhilft. Ebenso Donald Byrd, der auf mehreren Werken diesem Stil frönt, wovon das 1970 veröffentlichte "Electric Byrd" aufgrund des einfallsreichen E-Piano-Spiels von Duke Pearson besonders heraus sticht.

Nach und nach schälen sich, bedingt durch seine afrikanischen Studien, Funk- und R'n'B-Einflüsse in seiner Musik heraus. Doch erst mit dem Produzenten-Team Larry und 'Fonce' Mizell, Hitgaranten für Motown, avancieren seine Scheiben zu Kassenschlagern. Die bringen auf "Black Byrd", am 3. und 4. April 1972 im The Sound Factory in Hollywood eingespielt, die infizierenden Grooves und die eingängige Melodik des Trompeters an die Oberfläche und somit in die Charts. Die traditionelle Jazz-Gemeinde wendet sich entsetzt ab. Für das lässige Selbstverständnis der schwarzen Bevölkerung in Amerika in den Siebzigern liefert Byrd dagegen den passenden Soundtrack. Gerade deshalb erweist sich das Album für Blue Note als Bestseller.

Daneben ruft der Trompeter mit seinen Studenten die Band The Blackbyrds ins Leben, für die er so manch erfolgreichen Song schreibt. Mit seiner folgenden Platte, "Street Lady" (1973), bleibt er seiner funkigen Linie treu. 1976 verlässt er Blue Note aber.

Im Laufe der nächsten Jahrzehnte wendet sich Byrd wieder traditionelleren Formen des Jazz' zu, verschließt sich aber nicht dem Zeitgeist. In den frühen Neunzigern beteiligt er sich an den ersten "Jazzmatazz"-Alben des Rappers Guru. Dadurch erleben seine Werke im Hip Hop eine Renaissance und er seinen dritten Frühling. Künstler und Acts wie Nas, Public Enemy, The Pharcyde, Madlib und J Dilla samplen seine Platten. Am 4. Februar 2003 schließt der Trompeter in Dover in Delaware seine Augen für immer. Ohne seine grandiose Vorarbeit wäre die heutige schwarze Musikkultur wahrscheinlich eine ganz andere.

Alben

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    Künstlerprofil auf Blue Note.

    http://www.bluenote.com/artists/donald-byrd