laut.de-Kritik

Gefälliger Einheitsbrei fürs Formatradio.

Review von

Die Briten von Deaf Havana haben bisher mit ihrer Mixtur aus knackigen Gitarrenriffs und eingängigen Songstrukturen regelmäßig die Top 10 der UK-Charts erreicht. Dabei stand die Formation nach einer zermürbenden US-Tour 2014 im Vorprogramm von Ash kurz vor dem Ende. Hinzu kamen finanzielle Probleme, weswegen bis zur Fertigstellung ihres letzten Albums "All These Countless Nights" von 2017 ganze vier Jahre ins Land zogen. "Rituals" war dagegen innerhalb von knapp drei Monaten im Kasten. Für die Platte wählte Lead-Sänger und Band-Leader James Veck-Gilodi auch eine völlig neue Herangehensweise.

Die Songs schrieb er statt an der Akustikgitarre am Computer ganz für sich alleine. Erst später steuerten die restlichen Bandmitglieder im Studio ihre Parts bei. Danach unterzogen Veck-Gilodi und Co-Produzent Phil Gornell den Tracks eine Feinpolitur.

In seinen Texten setzt sich der Sänger, mittlerweile glücklich verheiratet, unter anderem mit seiner letzten Trennung auseinander. Gleichzeitig sagt er sich von seiner dunklen Vergangenheit aus Alkohol, Gewalt und Depressionen los, um inneren Frieden zu finden. Darüber hinaus weist jedes einzelne Stück auf dem Werk eine übergeordnete religiöse Metapher auf.

Letzten Endes folgen jedoch fast alle Songs auf dem Album dem selben generischen Pop-Schema: Strophe-Refrain-Strophe-Refrain. Demgemäß kann bei Veck-Gilodi von einem "superben Songwriter", wie es die deutschsprachige Rolling Stone betont, längst nicht die Rede sein. Zudem degradiert er die restlichen Band-Mitglieder auf der Platte zu Statisten.

Schon "Sinner" verdeutlicht dies auf schauderhafte Art und Weise. Drummer Tom Ogden treibt das Stück lustlos voran. Zwischendurch blinzelt vereinzelt ein lebloses Funk-Riff von Matthew Veck-Gilodi auf. Dazu steuert James mit seiner jauligen Stimme unaufhaltsam auf ein dramatisches und all zu kitschiges Finale zu, das der London Contemporary Voices Choir zusätzlich mit souligen Backgroundgesängen akzentuiert. Mit ihrer schablonenhaften Melodieführung eignet sich die Nummer ohnehin hervorragend für das Formatradio. Von musikalischer Eigenleistung dagegen keine Spur.

So reiht sich auf dem Album ein substanzloser Track nach dem anderen. Mit "Ritual" und "Fear" driften Deaf Havana in schlagereske Gefilde vor, für die sich The Killers längst zu schade wären. Demgegenüber versucht die Formation mit "Holy" bemüht, auf dem aktuellen EDM-Zug aufzuspringen.

Der Gipfel der Peinlichkeit dürfte dann endgültig erreicht sein, wenn James in "Evil" sein Organ durch eine Vielzahl von Verzerrern jagt und dadurch in pathetischen Scheingefühlen ersäuft. Das Gegenstück heißt im Anschluss "Heaven". Mehr als ausgelutschte religiöse Vergleiche hat der Song allerdings nicht zu bieten, wenn der London Contemporary Voices Choir im Refrain verlautbaren lässt: "If this is heaven, if this is heaven / Then hell comes from within." Musikalisch rückt der Track auf jeden Fall keinen Millimeter vom festgefahrenen 8/15-Songwriting-Schema Veck-Gilodis ab.

Trotzdem lässt "Saint" zumindest im Ansatz noch erkennen, dass bei Deaf Havana vielleicht noch nicht ganz Hopfen und Malz verloren zu sein scheinen. Der leicht postrockige Aufbau und der emotionale, mit Autotune unterlegte Refrain, der gelungen moderne R'n'B-Versatzstücke à la James Blake aufgreift, heben sich wohltuend vom gefälligen Einheitsbrei auf der Scheibe ab. Etwas mehr Mut zum Experiment hätte ihr sicherlich keineswegs geschadet. Seele besitzt "Rituals" nämlich so gut wie überhaupt nicht.

Trackliste

  1. 1. Wake
  2. 2. Sinner
  3. 3. Ritual
  4. 4. Hell
  5. 5. Holy
  6. 6. Saviour
  7. 7. Fear
  8. 8. Pure
  9. 9. Evil
  10. 10. Heaven
  11. 11. Worship
  12. 12. Saint
  13. 13. Epiphany

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