laut.de-Kritik

Die heilende Kraft von Ekstase, Erotik und Esoterik.

Review von

Mit ihren schwermütigen Sounds zwischen harscher Industrial-Musik, wuchtigen Arrangements und ausgelassener Experimentierfreude beeinflussten Coil maßgeblich elektronische Acts wie zum Beispiel Autechre. Separat veröffentlichten die Londoner um Sänger John Balance und Keyboarder Peter "Sleazy" Christopherson um die Jahrtausendwende die beiden Teile von "Musick To Play In The Dark".

Damit schlugen sie ein neues Bandkapitel auf. Zuvor fassten sie ihre Werke unter der Kategorie "solar music" zusammen. Coil wollten so ihre Extrovertiertheit zum Ausdruck bringen. Dunkle Klangflächen durchziehen "Are You Shivering?", als Kontrast erzeugen Chorsamples eine ätherische Grundstimmung. Am Ende heißt es: "This is moon music in the light of the moon."

Die meisten Tracks auf "Musick To Play In The Dark Vol. 1 & 2"besitzen eine spirituelle Komponente. Der mysteriösen Ambient-Musik, die sich an Robert Wyatts "Rock Bottom" von 1974 anlehnt, wohnt letzten Endes eine heilende Kraft inne. Die beiden Teile bilden daher eine untrennbar geschlossene Einheit.

Die Songs erweisen sich als intim und unaufdringlich. Die Spoken Words von John Balance erzielen so eine einnehmende Wirkung. Oftmals kreisen seine Lyrics um autobiographische Themen. "Are You Shivering?" etwa handelt von seinen Erfahrungen mit Ecstasy. Nach der Einnahme dieser Droge sah auf einer Tanzfläche eine Engelsgestalt, die eine apokalyptische Vision prophezeite.

Dieses Erlebnis verarbeitet er mit dem instrumentalen "Red Birds Will Fly Out Of The East And Destroy Paris In A Night". Mit den repetitiven Synthesizer-Modulationen verweist die Band hier auf Tangerine Dreams "Rubycon" von 1975. Außerdem versprühen die tanzbaren Acid-House-Grooves ein euphorisches Gefühl. Ihr suchterregendes Potenzial entfaltet die psychedelische Nummer von ganz alleine.

Ekstase, Erotik und Esoterik bilden seit jeher das lyrische Grundgerüst von Coil. Schon auf dem zugleich poetischen und kraftvollen Industrial-Meisterwerk "Horse Rotorvator" aus dem Jahr 1986 griff die Band das Thanatos- und Eros-Prinzip als Symbol für den Tod und die Liebe auf.

Weiterhin bezog sich die Formation in "The Golden Section" auf die geheimen Praktiken von Aleister Crowley. Eine Textpassage des umstrittenen britischen Okkultisten und Schriftstellers rezitiert der Sänger in "Strange Birds". Dazu hört man schräge Sounds, die verstörend und befremdlich wirken. Mit gerade einmal zwölf Jahren versuchte Balance erfolglos, sich einem Hexenzirkel anzuschließen. Seitdem hatte er sich intensiv mit Magie beschäftigt.

"The Dreamer Is Still Asleep", die abschließende Nummer auf "Musick To Play In The Dark Vol. 1", widmet die Band dagegen dem Dichter und Propheten William Blake. Der Schotte Drew McDowall, seit 1994 Mitglied bei Coil, sorgt in diesem Stück mit seinem akzentuierten Keyboardspiel für Melancholie. Er verlässt die Londoner nach dieser Platte. Im Track stößt man wieder einmal auf anmutige Chorsamples. John Balance' sensibler Gesang verleiht dem Song eine meditative Charakteristik. Der Schwere der Musik steht somit eine erlösende Komponente entgegen.

Mit seiner naturnahen Spiritualität kritisierte Blake die Kirche. Seine Ansichten betrachtete man als fortschrittlich. So glaubte er an die Gleichheit aller Menschen, unabhängig von der Hautfarbe und dem Geschlecht. Sleazy gab einst in einem Interview preis: "Coil betreten die selben mystischen Pfade."

So enthält ihre Scheibe "Love's Secret Domain", die 1991 zeitgenössische Dance-Musik prägte, viele Querverweise auf die Werke des Dichters. Er wies oftmals auf die Gefahren der Moderne hin. Balance will dies mit seinen Lyrics ebenfalls. "Red Queen" erzählt davon, wie die Medien falsche Informationen verbreiten. Diese Thematik bleibt nach wie vor aktuell. Der Text warnt davor, dass man Meldungen für politische Zwecke missbrauchen könne, indem man sie subjektiv verfälscht und sensationalisiert.

Im geisterhaften Jazz-Stück beschwören Coil mit Akustikgitarren-Loops und Stimmsamples eine paranoide Stimmung herauf. Am Piano glänzt der Waliser Tim Lewis, besser bekannt unter dem Pseudonym Thighpaulsandra, mit seiner Virtuosität. Dass Coil in den Nullerjahren noch einmal über sich hinauswachsen konnten, war seinen instrumentalen Fähigkeiten geschuldet.

Lewis hatte den Londonern ab "Astral Disaster", das Anfang 1999 erschien, zu mehr Leichtigkeit verholfen. Zusätzlich ermöglichte er der Band, wieder regelmäßig auf Tour zu gehen. Davor war er Live-Keyboarder bei Spiritualized. Sein Talent hatte zu Beginn seiner Karriere der Musiker Julian Cope gefördert. Ab "Musick To Play In The Dark Vol. 2", das exakt ein Jahr nach dem ersten Teil im September 2000 auf dem Markt kam, war Thighpaulsandra aktiv in den kreativen Songwritingprozess von Coil involviert.

Häufig bestehen die Tracks auf dieser Platte nur aus wenigen Loops und Clicks'n'Cuts-Geräuschen. Diese reduzierte Herangehensweise macht "Where Are You?" sehr sinnlich. Die Nummer beinhaltet in den Lyrics Anspielungen auf die Homosexualität von John Balance, er teilt sie mit Sleazy. Die verfremdete Stimme von Rose McDowall, Drews Ex-Frau, heftet dem Song einen eigentümlichen Charakter an. Sie singt das traurige Folk-Stück "An Emergency". "Tiny Golden Books" klingt dem gegenüber so verspielt wie Pink Floyd in den späten 60er-Jahren.

Insgesamt geht es Coil um nach innen gerichtete Musik. In "Paranoid Inlay" setzt sich John Balance zu melodisch-barocken Klängen mit seinem Alkoholproblem auseinander. Er litt zudem sein Leben lang unter Depressionen und beklagt: "Serenity is a problem, such a paranoid inlay." Dabei bezieht er sich auf eine Rehamaßnahme, mit der er negative Erinnerungen verbindet. Allerdings hatte er seine Sucht während der Entstehung von "Musick To Play In The Dark Vol. 1 & 2" bereits erfolgreich überwunden.

Im Londoner Stadtteil Chiswick an der Themse errichteten sich Coil in einem Haus ein eigenes Tonstudio. Dass die Musik ebenso ambitioniert wie fokussiert ausfällt, war der disziplinierten Arbeitsweise des Sängers zu verdanken. Die Aufnahmen begannen meistens schon kurz nach Sonnenaufgang.

Dass man Balance am 13. November 2004 an seinem Wohnort in der Nähe von Bristol nach einem Treppensturz unter Alkoholeinfluss leblos vorfand, bedeutete deswegen einen um so größeren Schock. Er erlag wenig später seinen schweren Kopfverletzungen, mit nur 42 Jahren.

2005 erschien mit "The Ape Of Naples" eine von Sleazy produzierte und gemixte Compilation mit älteren Material und den letzten Aufnahmen des Sängers, die zwischen kühlen Electronica- und warmen Folk-Sounds die ruhige Mondphase Coils würdevoll abrundete. Der fast sieben Jahre ältere Peter Christopherson starb am 24. November 2010 in seinem Haus in Bangkok friedlich im Schlaf.

"Musick To Play In The Dark Vol. 2" beschließt mit "Batwings (A Limnal Hymn)" die Nummer, die man auf der Beerdigung von Balance gespielt hatte. Der Sänger bediene sich in dem Song "einer Sprache, die nur er versteht", so Sleazy in einem Interview. Der Text stammt von Sir Thomas Brownes "Musaeum Clausum" aus dem 17. Jahrhundert. Er konzipierte ein imaginäres Museum, in dem Wissen, Glauben und Einbildungskraft gleichberechtigt nebeneinander existieren.

Der Track beginnt andächtig mit schwirrenden Synthesizer-Klängen und nachdenklichen Spoken Words. Wenn der Song mit den religiösen Chants von Balance in ein Abschlussgebet mündet, sitzt man zutiefst berührt und ergriffen vor den Lautsprechern. Ein schöneres Denkmal hätte er sich kaum setzen können.

Im Grunde genommen geht von den hypnotischen Sounds auf "Musick To Play In The Dark Vol. 1 & 2" ein besonderer und einzigartiger Geist aus, wenn man sie in völliger Dunkelheit genießt. Dann zeigen sich Coil von ihrer introvertierten und reflektierten Seite. Daher fokussiert man sich beim Hören auch auf die Inhalte, die man sicherlich nicht komplett für sich erschließen kann. Trotzdem lässt sich in den Texten über die tiefgründige und komplexe Gedankenwelt von Sänger John Balance immer noch eine ganze Menge herauslesen. Sie beweisen, dass er weitaus mehr war als nur eine exzentrische Persönlichkeit.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Are You Shivering?
  2. 2. Red Birds Will Fly Out Of The East And Destroy Paris In A Night
  3. 3. Red Queen
  4. 4. Broccoli
  5. 5. Strange Birds
  6. 6. The Dreamer Is Still Asleep
  7. 7. Something
  8. 8. Tiny Golden Books
  9. 9. Ether
  10. 10. Paranoid Inlay
  11. 11. An Emergency
  12. 12. Where Are You?
  13. 13. Batwings (A Limnal Hymn)

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LAUT.DE-PORTRÄT Coil

Mit ihren dunklen Sounds, die sich im Grenzbereich von harschem Industrial, langsamen Orchestersounds und experimenteller elektronischer Minimalmusik …

6 Kommentare mit 16 Antworten

  • Vor 5 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 5 Monaten durch den Autor entfernt.

  • Vor 5 Monaten

    In seinem Eklektizismus unverkennbar ein Album der 90er, das Ambient und Industrial mit Tangerine Dream, Minimal music, Eric Satie, Throbbing Gristle, EDM, Musique concrète und Post-Rock-Spoken Word in einen Topf wirft.

    • Vor 5 Monaten

      Dieser Kommentar wurde vor 5 Monaten durch den Autor entfernt.

    • Vor 5 Monaten

      Sehe ich durchaus als ihren Verdienst an, sich den unterschiedlichsten Elementen aus der Musik, der Literatur, der Philosophie und der Religion anzunehmen und daraus wieder etwas Neues entstehen zu lassen. Andererseits ist der Katalog von Coil wahnsinnig umfangreich. Im elektronischen Bereich gibt es fast nichts, was sie in ihrer langen Karriere ausgelassen hätten.

  • Vor 5 Monaten

    Slint und Cardiacs schon in der Mache?

    Fun Fact: Beide Bands haben nicht nur gemeinsam, dass sie ganze Genres geprägt haben und von vielen einflussreichen Musikern wiederum als deren Einflüsse genannt werden, sondern auch, dass sie auf laut.de nicht mal mit einem Portrait vertreten sind.

    Kann man ja vielleicht mal in Angriff nehmen, wenn wir die Saisonhighlights DSDS und Daniele Negronis Auftritt im australischen Dschungel hinter uns gebracht haben.

  • Vor 5 Monaten

    toller stein, toller text!

    nun haben wir hier in der rubrik von derartigen urkombos immerhin cabaret voltaire und coil. fehlen noch current 93,throbbing gristle und/oder psychic tv.

    • Vor 5 Monaten

      Waren allesamt sehr wichtig, zumal Christopherson ein Gründungsmitglied von TG war und Balance ebenso in der Nachfolgecombo Psychic TV mitgewirkt hat. Zu Tibet pflegten sie ja auch bis zum Ende freundschaftlichen Kontakt. Cabaret Voltaire halte ich jedoch genauso für wegweisend. Vor allem, was die Verschiebung von Genregrenzen angeht. "The Crackdown" wäre deshalb aus meiner Sicht auch ein toller Meilenstein gewesen, aber mit "Red Mecca" kann ich ebenfalls sehr gut leben.

    • Vor 5 Monaten

      Und Richard H. Kirk hat mit "Dasein" letztes Jahr erst ein fantastisches Soloalbum veröffentlicht.

    • Vor 5 Monaten

      Dieser Kommentar wurde vor 5 Monaten durch den Autor entfernt.

    • Vor 5 Monaten

      guter punkt, para!

    • Vor 5 Monaten

      Da müsste man sich zwischen der Post-Punk- und der EBM-/Industrial-Phase der Band entscheiden. Mit der EBM-/Industrial-Phase kenn ich mich leider nicht so gut aus, aber "Buried Dreams" möchte ich den Meilensteinstatus deswegen keineswegs absprechen. Mein Favorit ist übrigens "Thirst".

    • Vor 5 Monaten

      die burried dreams habe ich letztes jahr nach dekaden mal wieder ausgepackt. hat in meinen augen nichts verloren, klingt eher noch besser als damals.
      dass die lyrics von "The Hacker" (habe beim durchschauen meines alten, überschaubaren vinylbestandes die maxi davon entdeckt. war mir völlig entfallen.) von 1989 sind, erscheint heutzutage als wahrgewordene zukunftsvison.

      A digital murder
      Programmed by mathematical terrorists
      Outside of mortal bounds
      Silently hacking
      A binary plague
      Serving information
      This is the time of the hacker
      This is the code of the hacker
      This is the hacker
      An algebra of fear

      Within the language of machines
      Uninfringed my human emotions
      Within global systems
      Silently moving
      A digital maze
      Cutting information
      This is the way of the hacker
      This is the extremity of the hacker
      This is the hacker
      Protect now or be erased forever

      A binary virus
      Unleashed by subversive programmers
      Inside corporate systems
      Silently eating
      The endemic wave
      Erasing information
      This is the sign of the hacker
      This is the genius of the hacker
      This is the hacker
      Learn now
      Or be cut down forever

    • Vor 5 Monaten

      Übrigens würde ich mich bei Coil nicht ubedingt auf das Genre Industrial fixieren. Die meisten der späteren Alben zähle ich eher zur (experimentellen) Elektronik. Eventuell wäre auch mal Autechre dran.

    • Vor 5 Monaten

      Sehe gerade die "Buried Dreams" in voller Länge. Führe ich mir gleich mal zu Gemüte.

    • Vor 5 Monaten

      die habe ich mir angeschafft, nachdem sie von ecki stieg bei den grenzwellen vorgestellt wurde. dba sollten die worte "ecki stieg" und "grenzwellen" ein lächeln ins gesicht zaubern. :smug:
      hach, das waren noch zeiten wo es sich gelohnt hat, das radio einzuschalten. wie viele bands ich durch diese sendung kennengelernt habe.

    • Vor 5 Monaten

      ecki ist da ja auch ein echter überzeugungstäter gewesen. der brannte und brennt 24/7 für musik. den damaligen cabaret voltaire-meilenstein (bzw überhaupt deren katalog) habe ich kurz vor dem schreiben ehrlich gesagt auch nur durch ihn - recht spät, ich weiß - so richtig kennengelernt. im gegenzug habe ich ihm dann ulver und sunn o))) nahegebracht. der ist noch immert offen für neues. und ja: ohne die grenzwellen wäre etliches gar nicht erst so richtig in deutschland angekommen. den verdienst kann man ihm nicht nehmen.

      bei coil mag ich ja auch die gastvokalisten-stücke sehr. wenn marc almond oder ganz besonders gavin "virgin prunes" friday dort loslegten war das aus meiner sicht erst so richtig perfekt. die beiden haben sich sehr gut ins konzept eingefügt.

    • Vor 5 Monaten

      Wenn man zu den Anfängen von Industrial will, müsste hier "Metal Machine Music" von Lou Reed auftauchen, aber das ist kein richtiges Musikalbum und sollte auch retrospektiv keine 5 Sterne bekommen. Ferner hat Industrial seine Wurzeln in der Avantgarde der 50er und 60er.

      Throbbing Gristle, This Heat und Cluster sind in meinen Ohren würdige Kandidaten (weil einflussreich) für Meilensteine in dieser Richtung.

    • Vor 5 Monaten

      Absolute Zustimmung. Man könnte die musique concrète eines Pierre Schaeffer anfügen, die Elektronik von Karl-Heinz Stockhausen oder die Experimente von Steve Reich. Völlig unterschlagen wird jedoch auch der Einfluss von Delia Derbyshire beziehungsweise ihrer Band White Noise. "An Electric Storm" (1969) ist ein unheimlich einflussreiches Werk, weil es als einer der ersten popkulturellen Alben die spätere Sample-Technik nachhaltig geprägt hatte.

  • Vor 5 Monaten

    absolut verdienter meilenstein natürlich! lese schon seit jahren laut.de und habe damit 0 gerechnet und bin total positiv überrascht! von coil hätte ich aber wahrscheinlich "ape of naples" ausgesucht. kann mir niemanden vorstellen der davon nicht angefixt wird. "musick to play in the dark vol. 1+2" sind schon ganz schöne brocken!