laut.de-Kritik

Play it fucking louder!

Review von

Erstaunlich, dass niemand zuvor auf die Idee gekommen ist, geschichtsträchtige Auftritte an den Originalschauplätzen nachzuspielen. Nina Simone in der Town Hall 1959, zum Beispiel. Die Beatles im Shea Stadium 1966. Die Rolling Stones in Altamont 1969 (diesmal vielleicht ohne die Hells Angels als Ordner). Led Zeppelin in der O2 Arena 2007. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Auf der Bühne sollten dann Künstler stehen, die schon einen Namen haben und auf ein eigenes belastbares Werk zurückblicken. Keine Coverbands also, die das Original reproduzieren, sondern eine Hommage aus dem Herzen, die nicht primär kommerziellen Absichten dient. Bedingungen, die Cat Power erfüllte, als sie im November 2022 Bob Dylans Auftritt in der Manchester Free Trade Hall im Mai 1966 darbot. Warum der irreführende Albumtitel? Schnell kam damals ein Bootleg in Umlauf, das als Auftrittsort die Londoner Royal Albert Hall angab, wo Dylan wenige Tage später spielte. Ein Augenzwinkern wie so viele auf dieser Hommage, und wohl auch dem Umstand geschuldet, dass die Free Trade Hall mittlerweile in ein Luxushotel umgewandelt wurde.

Nicht zu Späßen aufgelegt war damals Dylan. Für ihn war es eine schwierige Zeit, denn von einem Folk-Barden, der Woody Guthrie verehrte, hatte er sich zu einem eigenständigen Künstler entwickelt und den Rock für sich entdeckt. Von Fans und Journalisten zum Sprachrohr seiner Generation, gar zum Messias erkoren, sah sich Dylan als Mensch aus Fleisch und Blut, der einfach nur seine Lieder spielen wollte, ohne Kompromisse einzugehen. Er befand sich in einem Zwiespalt und bot auf dieser Tour beides - einen ersten Abschnitt solo, den zweiten dann mit Bandbegleitung. Womit er bei Teilen seiner Gefolgschaft auf Unverständnis, gar Feindseligkeit stieß.

Damit musste Power nicht rechnen, als sie mit Akustikgitarre und Mundharmonika die ehrwürdige Bühne betrat. Die Ergriffenheit, bei ihr und beim Publikum, lässt sich auch ohne Bilder spüren. Bravourös spielt sie sich durch all die Klassiker. Dabei fällt auf, wie konsequent Dylan damals jene Stücke mied, die eine politische oder sozialkritische Interpretation ermöglichten. Kein "Blowin' In The Wind", "The Times They Are A-Changin'", "Masters Of War" oder "The Lonesome Death Of Hattie Carroll", stattdessen im Wesentlichen Geschichten über verflossene Liebhaberinnen, Beziehungskrisen, Existenzängste und seine grandiose Epik aus der Gosse, "Desolation Row". Mit ihrer rauen Stimme trifft Power genau den richtigen Ton. Bei Dylan klangen die Stücke schnoddrig, bei ihr dagegen bedeutungsschwanger. Selbst eine Stelle mit Cringe-Potential wie "She fakes it, just like a woman" bringt sie nicht aus dem Konzept.

Power bezeichnet den Nobelpreisträger als "God Dylan". "Ich hatte und habe immer noch großen Respekt vor dem Mann, der so viele Lieder geschrieben hat, die dazu beigetragen haben, das Denkvermögen von Millionen von Menschen zu entwickeln. Und die Art und Weise, wie sie die Welt sehen, zu formen", sagt Marshall. "Obwohl meine Hände so sehr zitterten, dass ich sie in den Taschen lassen musste, fühlte ich mich wirklich geehrt". Damit meint sie wohl den schwierigeren zweiten Teil: Powers Begleitband hat die Arrangements von Dylans Combo The Hawks, die sich später als The Band erfolgreich selbstständig machte, sorgfältig einstudiert. Doch fehlen zwei wichtige Elemente: Die ohrenbetäubende Lautstärke von damals, wesentlich dem Umstand geschuldet, dass das Equipment noch keine vernünftige Aussteuerung ermöglichte, und die Entfremdung von Publikum und Künstler.

Bekanntlich schrie damals jemand "Judas", was Dylan mit einem wütenden "I don't believe you ... You're a liar!" konterte. Dann, an seine Band gerichtet, "Play it fucking loud". Die Episode kommt auch bei Power vor. Als jemand auch diesmal "Judas" ruft, antwortet sie mit einem ebenso großen Augenzwinkern "Jesus", bevor die Band mit "Ballad Of A Thin White Man" loslegt. "Play it fucking louder" wäre ein passenderer Zwischenruf gewesen, denn tatsächlich könnte der Abschnitt mit Band etwas mehr Energie vertragen. Aber das ist nur eine Bemerkung am Rand.

"Cat Power Sings Dylan: The 1966 Royal Albert Hall Concert" ist eine tolle Hommage geworden, bei der Dylans Texte besser klingen als im Original. Das übrigens 2016 als "The Real Royal Albert Hall 1966 Concert" offiziell erschienen ist. Den Mitschnitt aus Manchester, "The 'Royal Albert Hall' Concert", gibt es bereits seit 1998. Mal schauen, ob Power damit einen Trend auslöst. Wenn man es sich recht überlegt, könnte sie das gleich selbst übernehmen, denn sie wäre in der Lage und auch glaubwürdig genug, all die aufgezählten Konzerte selbst zu stemmen.

Trackliste

CD 1

  1. 1. She Belongs To Me
  2. 2. Fourth Time Around
  3. 3. Visions Of Johanna
  4. 4. It's All Over Now, Baby Blue
  5. 5. Desolation Row
  6. 6. Just Like A Woman
  7. 7. Mr. Tambourine Man

CD 2

  1. 1. Tell Me, Momma
  2. 2. I Don't Believe You (She Acts Like We Never Have Met)
  3. 3. Baby, Let Me Follow You Down
  4. 4. Just Like Tom Thumb's Blues
  5. 5. Leopard-Skin Pill-Box Hat
  6. 6. One Too Many Mornings
  7. 7. Ballad Of A Thin Man
  8. 8. Like A Rolling Stone

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