laut.de-Kritik

"Haut die Nazischlampen wech!"

Review von

Kaum ein Song gegen Rassismus fand bislang in Deutschland mehr Beachtung als der Song "Adriano" vom ersten BK-Album "Lightkultur". Der Titel erinnerte an Alberto Adriano, der nach einem feigen Neonazi-Angriff am 11. Juni 2001 an den Folgen der Verletzungen erlag. Eben so wichtig wie das Thema Gewalt nahmen die Brothers Keepers das ganz alltägliche Leben in Deutschland. Das Motto lautete: Wir sind hier und wir treten aus dem Schatten, denn wir sind auch Deutsche, Afrodeutsche halt.

So gut die Idee, so zweifelhaft (erneut) die Umsetzung. Wurden schon auf "Lightkultur" geballte Fäuste statt Hände offeriert, geht der Aufruf zur körperlichen Gegengewalt dieses Mal noch etwas weiter. "Ich kämpfe für meine Brüder, geboren, um Nazis zu ficken | ich wollte nie Krieg, doch jetzt werd' ich euch alle vernichten" ist nur eine Textzeile. Bei "So Gerne" geben Denyo und Joachim Deutschland auf einer unerträglichen NDW-Instrumentalisierung allen "süßen und intelligenten Frauen" den Rat, alle "Nazischlampen wegzuhauen". Genau so schafft man Toleranz in der Gesellschaft.

Andere haben es allerdings offensichtlich noch weniger kapiert. Samy DeLuxe zum Beispiel nutzt seinen Solotrack "Peoples" dazu, seine ständigen Dissattacken mit einer schweren Kindheit zu entschuldigen. Gegen Ende kriegt er den Bogen dann doch noch und beschert dem Stück zumindest einen moralischen Abschluss: "Es ist kein Wunder dass die Leute kein Geld in uns investieren | wenn wir uns nicht einmal selbst respektieren"

Von der seltsamen Auffassung, wie der Kampf gegen den Rassismus auszusehen hat, einmal abgesehen, hat das Album allerdings durchaus positive Seiten. "Am I (My Brother's Keeper?)" glänzt nicht nur mit Aussage, sondern auch mit einem Wahnsinnsbeat. Die Hookline könnte ebenso gut von DMX ins Mic gebrüllt worden sein, und besonders die Frankfurter Tone, Jeyz, Sezai und D-Flame geben dem Stück den nötigen Flow. Auch Afrob macht bei der Crossover-Explosion "Bang Bang" gemeinsam mit Such A Surge endlich mal wieder eine gute Figur.

Solche Ausflüge in die Straight-Rap oder Rock-Ecke sind allerdings eher die Ausnahme. Reggae und Dancehall von Gentleman, Patrice, Bantu, D-Flame, Nosliw und UB40 dominieren das Album neben souligen Stücke von Della Miles, Cassandra Steen und natürlich Oberkeeper Xavier Naidoo.

Obwohl Denyo mit "Some Brain In The Storm" einen völlig absurden und gerade deshalb guten Track abliefert und auch Torch gemeinsam mit CNN199 endlich mal wieder auf Platte zu hören ist, gibt es doch auf "Am I My Brothers Keeper?" zu viel Füllstoff. Die Zusammensetzung von englischen, französischen und deutschen Texten, die variierende Vermischung diverser Musikstile und das atemberaubende Starangebot sind zwar interessant, überzeugen können sie nicht alle.

Trackliste

  1. 1. Bereit
  2. 2. Will We Ever Know
  3. 3. One Vibe One Flow
  4. 4. The Global Casino
  5. 5. Peoples
  6. 6. So Gerne
  7. 7. Verirrte Seelen (Interlude)
  8. 8. Bang Bang!
  9. 9. Am I
  10. 10. El Rhouti
  11. 11. Ermias (Krieger)
  12. 12. Opportunity
  13. 13. All Of Us
  14. 14. I Don't Know Why
  15. 15. Tryin' Times
  16. 16. Tierlieb (Interlude)
  17. 17. Some Brain In The Storm
  18. 18. Simmer Down
  19. 19. 4 Minutes
  20. 20. Toni To Lagos (Interlude)

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Brothers Keepers

Von den Fanta 4 stammt die Textzeile "Du redest viel, doch du sagst gar nix!". Vielleicht dachten die Initiatoren des Projektes "Brothers Keepers" ähnlich, …

Noch keine Kommentare