laut.de-Kritik

Gegen Rassisten, Nazis und rechtskonservative Stammtischpolitiker.

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Die Brothers Keepers sind wichtig, enorm wichtig, sogar noch wichtiger als man auf den ersten Blick annehmen würde. Da ist zum einen ihre Wirkung auf die Gesellschaft, die viele Möglichkeiten zur Veränderung bietet. Das Motto lautet: Wir sind hier und wir treten aus dem Schatten, denn wir sind auch Deutsche, Afrodeutsche halt. Unser Leben findet mitten unter euch statt. Und es ist an der Zeit, dass sich das "mitten unter" in ein "mit" euch wandelt. Aber Afrob stellt auf dem energischen Opener "Red, Black And Green" sofort klar, "Warum soll ich mich ändern, denn ich bin nicht wie du". Eine einseitige Anpassung wird es also genauso wenig geben wie stereotype Klischees.

So wehren sich die Brothers Keepers auch, wenn ein Bruder bzw. eine Schwester in Not gerät oder bedroht wird. Bestes Beispiel dafür ist das grandiose, hörspielartige "Zivilcourage", in dem die Frankfurter Veteranen D-Flame und Tone versuchen, ihren Freund vor drei Nazi-Glatzen zu retten. Doch dessen nicht genug, man ist auch nicht mehr länger passiv, sondern greift aktiv in das deutsche Geschehen ein. Denn wie rappt Xavier Naidoo im Refrain des bekannten Megahits "Adriano (Letzte Warnung)" noch: "Dies ist so was wie eine letzte Warnung/Denn unser Rückschlag ist längst in Planung/Wir fallen dort ein, wo ihr auffallt/Gebieten euer Scheiße endlich Aufhalt."

Der Kampf gegen Rassisten, Nazis und rechtskonservative Stammtischpolitiker in Deutschland ist jedoch nur ein Teil des Brothers/Sisters Keepers Projekt. Auf ihrem Debutalbum "Lightkultur", dessen Titel als Gegensatz zur CDU-propagierten Leitkultur zu verstehen ist, zeigt die ca. 40 Mann und Frau starke Gruppe viele verschiedene Facetten des Afrodeutschen-Lebens in ganz Europa auf.

Auf dem straighten Hip Hop-Track "Triple Rois" vereinen sich im Rapkontext die drei Sprachen deutsch, englisch und französisch, um den wichtigen grenzübergreifenden Zusammenhalt zu thematisieren. Unterstützung erfahren die Brothers Keepers auch von ihren Brüdern aus dem UK (u.a. Roots Manuva) und Jamaica (u.a. Ziggy und Damian Marley). Die Afrobriten dürften durchweg die gleichen Probleme haben, man erinnere sich nur an die heftigen rassistisch motivierten Ausschreitungen im Frühjahr 2001. Passenderweise steuern die Brothers Keepers UK einen knarzigen Rap-Song bei, der im Refrain geschickt typische Melodien des englischen Klassenkampfes einfügt. Die Jamaicaner dagegen greifen ihren europäischen Brüdern mit einem zünftigen Reggae unter die Arme.

In den restlichen Stücken spiegeln sich dann die unterschiedlichsten Gefühle, Stimmungen und Gedanken der Afrodeutschen wieder. Patrice wütet auf "It" ungewohnt heftig über einem sägenden Synthie-Raggabeat. Die Sisters Keepers beschwören typisch weibliche Tugenden wie "Liebe und Verstand". Chima und Chichi auf "Das Licht" sowie Germ und Ebony auf "Mensch" preisen den Wert der eigenen kreativen und menschlichen Weiterentwicklung. Tyron Ricketts sorgt mit seinem Mammut-Text "Afro Deutsch" für Information pur, und Samuel Meffire beschwört mit "Nur noch ein flaches Atmen" im expressionistischen Stil eindringlich die Angst der Einsamkeit in der Großstadt.

Soweit die gesellschaftliche und allgemeine Relevanz der Brothers Keepers. Doch auch innerhalb der Hip Hop-Szene sorgt das Projekt für notwendige Diskussionen und Positionierungen. So nimmt Sekou in seinem Text zu "Red, Black And Green" das Thema Rassismus in der Rapszene auf. "But Still Pursuing It The Truth Moving On Your Faggot team, Fuck Gerd Kühn and Fuck That Magazine, Your Whole Staff To Me A Bunch Of Racists in Baggy Jeans/Ask any black MC's in this whole fucked up Rapscene."

Zur Erklärung: Gerd Kühn schreibt für das größte Hip Hop-Magazin Deutschlands, die "Juice". Die Lyriks sind als Antwort auf dessen, nach Sekous Meinung, rassistische Review in der Juice 08-2001 zum Debutalbum des Stuttgarters zu sehen. Dieser Konflikt bildet jedoch im Endeffekt nur die Spitze des Eisbergs, denn im Battle-Rap tauchen auch verstärkt rassistische Verbalattacken auf. Ob es sich nun um lyrische Dummheit handelt oder doch etwas Ernsteres dahintersteckt, wird die Zeit zeigen. Fakt ist aber, dass die Brothers Keepers durch ihren Erfolg zu einer Zielscheibe derart abartiger Diss-Reime aus dem sogenannten Untergrund werden können. Das kann und darf die Hip Hop-Szene nicht mit tragen.

Umso wichtiger ist es jetzt, auch zum Beispiel türkischstämmige Hip Hop-Acts mit ins Boot zu nehmen. Mir fallen da spontan die Berliner Kool Savas und Fuat ein. Das würde doch vielen Deutschrapkids die Luft zum Dissen nehmen. Auch ein Taktloss würde den Brothers Keepers gut zu Gesichte stehen, um auch den letzten Trotteln den wahren Unterschied zwischen künstlerischer Freiheit und bodenloser Dummheit klar zu machen.

Trackliste

  1. 1. Red, Black And Green - Afrob, Maurice, Sekou
  2. 2. Das Licht - Chichi, Chima, Don Dougie
  3. 3. Don't Give Up - Bantu, Xavier Naidoo, Jah Meek
  4. 4. Nur noch ein flaches Atmen - Samuel Meffire
  5. 5. Liebe und Verstand - Sisters Keepers
  6. 6. Triple Rois - Torch, Sekou, Es Afreekanos
  7. 7. Sister - Brooke Russell, Vanessa Mason, Bintia, Mel, Onejiru, Kay And Tesiree
  8. 8. Mensch - Germ, Ebony Prince
  9. 9. Zivilcourage - D-Flame, Tone, Sugarcane
  10. 10. I Know You Don't Care - Damian Marley, Ziggy Marley, Bunny Wailer, Buju Banton, Morgan Heritage, Yami Bolo
  11. 11. Sag mir wie es wär - Brooke Russell, Samy Deluxe, DJ Desue
  12. 12. It - Shashamani
  13. 13. Afrodeutsch - Tyron Ricketts
  14. 14. Fire In The Sky - Akanni, Ono
  15. 15. Rise Up (You Fighters) - Brothers Keepers UK
  16. 16. Adriano (Letzte Warnung) - Brothers Keepers

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