laut.de-Kritik

Die Speerspitze des Latin Trap-Hypes.

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Wie ernst ist jemand zu nehmen, der sich den Künstlernamen Bad Bunny gibt und vor allem mit Gastplätzen bei Cardi B und J Balvin in den Mainstream gehievt wurde? Latin Trap nennt sich das Genre, für das Bad Bunny das Paradebeispiel sein will. Mit vier Milliarden Views auf YouTube, aber bisher ohne offizielles Studioalbum.

Es wäre leicht, diesen Trend nicht weiter ernst zu nehmen, doch dann würde man übersehen, dass Bad Bunnys Debüt "X 100PRE" ein vielseitiges, ambitioniertes Manifest über die Möglichkeiten und klanglichen Facetten der lateinamerikanischen Hip-Hop-Welt darstellt. Das fängt bei seinem eigenwilligen Vocal-Stil an. Eine tiefe Stimme, melodisch aber casual in Szene gesetzt und zumeist mitsamt leichtem Slur in verschwommenes Autotune getränkt. Ein Sound, wie man ihn von Future oder den älteren Young Thug-Projekten kennt, aber doch in der Intonation und Verwendung einzigartig. Vielleicht leistet hier die Sprachbarriere ihren Beitrag, aber es fühlt sich in den dynamischen Pattern sehr lebhaft an, ansteckend und catchy.

So mancher Titel klingt in der 15 Anspielstationen langen Tracklist zwar doch ein bisschen generisch, wie die recht austauschbaren Reggaeton-Crooner "Si Estuviésemos Juntos" oder "¿Quién tú eres?". Dennoch: Gerade im Vergleich zu zeitgenössischen Artists wie J Balvin oder Ozuna zeigt sich Bad Bunny vermehrt von einer experimentierfreudigen Seite. Auf "200 MPH" lässt er sich von Diplo einen Trap-Beat nach Florida-Art schrauben, "Otra Noche En Miami" spielt mit Synthwave-Produktionstricks, "Tenemos Que Hablar" integriert eine (zugegeben etwas kitschige) Pop-Punk-Gitarrenline und "Caro" wagt es doch tatsächlich, ein Vocal-Sample von Enrique Iglesias zu einem überraschend ruppigen Reggaeton-Banger zu flippen.

Doch die wahren Highlights lauern in der zweiten Albumhälfte, in der Bad Bunny die Intensität mit einem tiefen Griff in die Trickkiste noch mal zwei Stufen hochdreht. "Solo De Mi" fährt eine griffige Dancehall-Drumline und melancholische Synthesizer auf, doch der Beatbreak im letzten Drittel kommt so abrupt und eindringlich, dass es so manchen Club in Ekstase versetzen dürfte. In der zweiten Hälfte von "La Romana" treffen Flöten und Ambient-Sounds auf eine der treibendsten Drumlines in jüngerer Vergangenheit.

Und so albern der Fakt auch ist, dass da gerade Drake auf spanisch singt, fühlt sich "MIA" als Album-Closer trotzdem wie ein triumphaler Moment der Anerkennung lateinamerikanischer Musik im internationalen Mainstream an. "X 100PRE" ist ein Mood-Album mit vielseitigen, treibenden Beats, einem hungrigen und dynamischen Performer und einem bestechend eingängigen Sound.

Trackliste

  1. 1. Ni Bien Ni Mal
  2. 2. 200 MPH (feat. Diplo)
  3. 3. ¿Quién Tú Eres?
  4. 4. Caro
  5. 5. Tenemos Que Hablar
  6. 6. Otra Noche En Miami
  7. 7. Ser Bichote
  8. 8. Si Estuviésemos Juntos
  9. 9. Solo De Mi
  10. 10. Cuando Perriabas
  11. 11. La Romana (feat. El Alfa)
  12. 12. Como Antes
  13. 13. RLNDT
  14. 14. Estamos Bien
  15. 15. MIA (feat. Drake)

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