laut.de-Kritik

Der einst fatalistische Rapper verpflichtet sich zur Stellungnahme.

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"Verwandel' jedes Studio in Sekunden in ein' Panikraum." Audio88' Musik bildet ein Schwarzes Laune-Loch, das jeden Frohsinn absorbiert. Ein halbes Jahr nach "Schwerer Verlauf" folgen sechs Remixe und zwei neue Stücke - sind sie ein noch "Schwererer Verlauf"?. Schon bei seiner abgründigen "Herrengedecke"-Reihe mit Yassin fuhr er zu alternativen Instrumentals auf "Das Gleiche Wie Immer, Bitte" stimmungstechnisch noch eine Etage tiefer. Das gelingt ihm hier nur bedingt. Vereinzelt abgewandelte Texte und entkräftete Beats verweisen auf einen eher leichten Verlauf.

"Beste Form" klingt etwa wie ein versöhnliches Outro. Dabei macht das Instrumental natürlich nur eine positive Miene zum bitterbösen Spiel des Rappers, der einen Schwerpunkt auf die Abgründe der Online-Welt zwischen Dickpics und Donations legt. "Beste Leben, Reaction auf Enthauptungsvideos. Der Stream geht sofort weiter, muss kurz Kinder aus der Kita holen", fängt das digitale Elend ein, das weder mit den Werten noch der bequem eingerichteten westlichen Welt kompatibel ist, "Mehr Klicks für den Lipsync-Clip als für das Original - ja, fickt euch alle mal!"

In "Grunwalski" bezieht Audio88 auf eine Art und Weise Stellung, wie es dem resignativen Rapper zu Herrengedeck-Zeiten noch fremd war. "Wenn ein Stefan sich als Frau sieht, dann ist das für mich OK", positioniert er sich im rechten Dauerkampf um Transpersonen, "Wollt' nur, dass ihr wisst, wo ich steh'." Deutliche Kritik richtet er auch an jene, die sich auf Twitter meinungsstark geben, in der Öffentlichkeit aber verstummen. "Wir sind nicht im selben Team, spielen nicht dasselbe Spiel." Der einst fatalistische Rapper verpflichtet sich zur Stellungnahme - und überfährt dabei verbal Björn Höcke.

Weniger konsequent geben sich die Remixe. "Gottkomplex" klang schon in seiner ursprünglichen Version mit dem uninspirierten Kamp eher behäbig. Die Neuauflage von Morlockko Plus steigt mit Gitarrensolo ein, um in ein verstaubtes Instrumental mit kurzen Flöten-Loops überzugehen und sich damit den müden Rappern zu ergeben. "Metronom" wiederum behält seinen phlegmatischen Sound bei, ergänzt das Ensemble um Shogoon, Yassin und Mädness aber um kraftlose Parts von Döll und Justus Jonas. Einzig Kaas lässt sich vom offensichtlichen Sauerstoffmangel im Studio nicht lähmen.

Noch bescheidener erklingt "Lust Auf Kampfsport (Fid Mella Remix)". Ein heroisches Instrumental walzte im Original über "Mobbing-Klassenbester" Friedrich Merz und Gaslobbyist Gerhard Schröder. Bei Fid Mella bleibt nur noch ein laues Lüftchen von der Angriffslust übrig. Ähnlich verhält es sich bei "Gar Nicht Mal So Gut (Raedy Remix)". Dessen zwielichtiger Sound passte auf "Schwerer Verlauf" zum missmutigen Vortrag, der von sich behauptet, "kein Misanthropen-Rap" zu sein. Die Neubearbeitung von Raedy verpasst dem Song dank Perkussionsinstrumenten einen Zurück-zur-Natur-Anstrich.

"Dünnes Eis" profitiert hingegen von seiner Neuvertonung. Gegenüber der ohnehin schon gelungenen Urfassung kommt Yassins Gesang mithilfe von verstärktem Hall und retrofuturistischen Synthies noch mehr zur Geltung. Das erneute minutenlange Saxophon-Solo rundet die 80's-Empfindung ab. Und auch "Perfekt" erfährt eine Aufwertung. Fumanschu ersetzt das Pferdegalopp durch einen im Audio88-Kontext völlig fremdartig funkigen Sound, der den Rappern überraschend gut steht. "Wir sind nicht perfekt, doch das Beste, was ihr habt", lautet die nach wie vor gültige Deutschrap-Diagnose.

Trackliste

  1. 1. Beste Form
  2. 2. Gottkomplex (Morlockko Plus Remix) (mit Kamp)
  3. 3. Gar Nicht Mal So Gut (Raedy Remix)
  4. 4. Metronom (Extended Cut) (mit Justus Jonas, Shogoon, Döll, Yassin, Kaas und Mädness)
  5. 5. Grunwalski
  6. 6. Lust Auf Kampfsport (Fid Mella Remix)
  7. 7. Perfekt (Fumanschu Remix) (mit Fumanschu)
  8. 8. Dünnes Eis (Grzegorz Remix) (mit Yassin)

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