laut.de-Kritik

Der alte Mann und das Meer.

Review von

Apathy gehört einer sehr spezifischen Rapper-Riege an, in die man sich schnell vergucken – und an der man sich noch schneller sattsehen kann. Vinnie Paz, Celph Titled, Necro, Madchild, R.A. The Rugged Man, all das sind Rapper mit einem etwas unterschwelligen Lyrical-Miracle-Chic, die im einen Moment wie die Reinkarnation echten Hip Hops wirken und im nächsten wie ein blökender Haufen verbitterter alter Männer.

Von diesen hat sich Apathy als derjenige mit der längsten Halbwertszeit entpuppt - ein Meister seines Handwerks, der sich nie in den Vordergrund drängte, aber durch sein Rapper-Produzenten-Tandem über das ganze Jahrzehnt unterschwellige und liebevolle Alben aufgenommen hat, die bis heute fantastisch bleiben. "Where The River Meets The Sea" zeigt nicht nur, dass er mit diesem Ansatz bis heute glücklich ist, sondern auch, dass er nie müde war, sich weiter zu entwickeln.

Die Platte fügt sich in Apathys Kanon nostalgischer Rap-Schmöker ein. Wie seine anderen besten Alben spielt diese in Connecticuts Küstenregionen, zwischen Tennisplätzen und Trailerparks, wo sich ein Protagonist vom White Trash-Krawallmacher zum rappenden Freimaurer hochgearbeitet hat. Ap erzählt essentiell dieselbe Geschichte, kreiert aber jedes Mal einen weiteren kleinen Roman, ausstaffiert mit komplett neuen Charakteren, Sagen und neuer Folklore. Es klingt nicht nach einer Aufstiegs-Geschichte, Wohlstand ist weder Ziel noch Objekt von Prahlerei. Eher erzählt Ap von sich stetig verschiebenden Träumen und Sehnsüchten, vom Ansporn, ein großer Rapper zu sein, vom Ansporn der Verantwortung in seiner Community bis hin zum Ansporn, ein guter und verlässlicher Vater zu sein.

Der übergeordnete Mythos seines Meisterwerk "Connecticut Casual" war noch das Abarbeiten an der politischen Kaste und absurden Zwischenfällen in der Oberschicht. Inzwischen klingt er versöhnlicher. Wer selbst halbtags Immobilien verkauft, wenn er gerade nicht Samplebeats zusammenschraubt, rappt und zeitgleich in einer Freimaurer-Loge chillt, der kann nicht mehr ziellos gegen 'die da oben' wettern. Stattdessen verhandeln Songs wie "Jonathan Livingston Seagull" oder "Where The River Meats The Sea" die Distanz zwischen nie ganz erfülltem künstlerischen Hunger und einem amerikanischen Traum. Aps Perspektive auf diesen kommt selten in Rapmusik vor. Flippt er Sounds wie aus den Salons des White Americas der Fünfziger, hat er Biss und Autorität, diese Nostalgie und deren Erbe zu kommentieren.

Am Ende geht es um Zugehörigkeit oder deren Fehlen: "I never learned shit on the path of least resistance", postuliert er im Titeltrack. Apathy ist Stolz auf seine Errungenschaften, stolz auf seine Familie, stolz auf sein Handwerk - und diese Position so klar darzustellen, macht ihn weniger verwundbar. Er wirkt wie ein Mann, der seinen Platz in der Gesellschaft genauso wie sich selbst gut kennt, weswegen er sowohl Prahlerei wie auch Wehmut stets geschmackvoll und nachvollziehbar aufbringt. Die vereinzelten Battle-Tracks kommen dann mit sehr viel Heldenverehrung um die Ecke, weil er neben all dem anderen Kram halt einfach auch nur seit Jahrzehnten ein Hip Hop-Nerd ist, sei es ein erweiterter Riff über den X-Clan oder ein prominentes Biggie-Sample auf "P.S.E.".

Was "Where The River Meets The Sea" aber am Ende wirklich großartig macht, ist die Arbeit als Sound-Kurator. Apathy ist einer der großen Sample-Flipper, der vielleicht nicht die rhythmische Finesse eines Madlibs, die Chop-Virtuosität eines Dillas oder die atmosphärische Tiefe eines Alchemists mitbringt, aber darin brilliert, kohärente und einzigartige Sound-Landschaften aufzubauen. Ähnlich wie "Weekend At The Cape" findet das Album, wie gesagt, in einer Kleinstadt in Küstenlage statt, die mit angemessen nautischer Atmosphäre untermalt wird.

Im Gegensatz zu seinen bisherigen Arbeiten mit diesem Motiv fällt diese Platte verträumter, fast psychedelischer aus. Der Protagonist hat sich spürbar mit seinem Alter abgefunden, das in Rapper-Jahren gerechnet gut und gerne als alter Mann durchgeht. Die ambivalent ausfallende Lebensreflektion findet in Songs wie "Underwater" oder dem instrumentalen Interlude "The Ocean" schnaubend an grauem Gewässer statt. Das gibt der Platte nicht nur atmosphärische Stringenz, sondern macht sie in ihren besten Momenten schlicht sehr schön in der Darstellung von Erinnerung und Melancholie.

Besonders hervorheben muss man den abschließenden Vier-Track-Run. "A Rainy Day In Connecticut" und "Remember The Night" nehmen die altbewährte Formel auf, ein trübseliges Vocal-Sample gegen ein jazziges Klavier zu stellen. Klingt schnarchig, wird hier aber ausgeführt, als wäre die frischeste Idee der Welt. Beide Songs tragen jene Bittersüße, die Apathy den perfekten Unterton für seine Selbstreflektion liefern. Lines wie "I got more rainy days than suny ones / that's where I get my money from" lassen dann aber doch subtilem Humor den Vortritt vor dem Pathos, während Lines wie "I'm a tortured soul, still trying to write it's best verse" den ewig perfektionistischen Handwerks-Ansatz schmucklos auf den Punkt bringen.

"Mermaid Music" erzählt ein Märchen in zwei Verses nach, erzählt die Geschichte eines Seemanns, der von einer Nixe in die Tiefe verführt wird, wo sie sich ineinander verlieben und Geschichten ihrer jeweiligen Welten erzählen, bis seine Geschichten vom Walfang sie so sehr verstören, dass sie ihn zurück an die Oberfläche verbannt. Garniert wird dies mit einem unglaublich gelungenen Flip von Bonnie Beechers "Come Wander With Me" (die übrigens auch schon in einem Prezident-Song verbraut war, da aber nicht so traumhaft klang wie hier), deren Stimme dem Bann der Sirenen fast zu nahe kommt. "Dream Sequence" taucht mit progressiver Songstruktur rückwärts durch das Unterbewusstsein von Ap und Snak The Ripper.

Jeder Song hat sein eigenes Konzept, eine klangliche und inhaltliche Idee, die originell für sich selbst steht, und am Ende fügen sich die einzelnen Songs zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen. Nein, Apathy war nie der lauteste oder aufdringlichste MC seiner Garde, aber seine Diskographie zementiert ihn als den komplettesten Musiker. Jedes Album lädt für eine neue Episode in seine eigene, halb-mystische Welt in Connecticut ein, genauso wie Stephen King den Leser immer wieder nach Maine oder Murakami den Leser immer wieder in Tokyos Vorstadt oder Umland mitnehmen.

Auch "Where The River Meets The Sea" ist so ein Rap-Schmöker, eine kleine Welt voller einzigartiger Sound-Designs, Hip Hop-Priestertum, Sample-Magie und zahlloser Erzählungen und Gedanken geworden, die es zu wertschätzen lohnt. Seine ganze Karriere arbeitete Apathy mit dem Ethos eines virtuosen Jazz-Sidemans, der auf seinen eigenen Projekten nichts erreichen will, außer seiner eigenen Vorstellung Raum zu geben. Wie – und verzeiht mir das große Wort – wunderschön doch dieses Genre klingen kann.

Trackliste

  1. 1. Headwater
  2. 2. Where The River Meets The Sea (feat. Bennett)
  3. 3. The Ocean
  4. 4. Jonathan Livingston Seagull (feat. Brevi)
  5. 5. We Don't Fuck Around
  6. 6. P.S.E. (feat. Styles P & Lil Fame)
  7. 7. Underwater (feat. Anoyd, Chris Webby & Brevi)
  8. 8. River Of Light
  9. 9. Force Fields (feat. Pep Love & Tajai)
  10. 10. A Rainy Day In Connecticut
  11. 11. Mermaid Music
  12. 12. Dream Sequence (feat. Snak The Ripper & Bennett)
  13. 13. Remember The Night (feat. Haze)
  14. 14. The Mouth

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3 Kommentare mit 16 Antworten

  • Vor 11 Tagen

    Bitter mehr von Apathy,Vinnie Paz,Necro und co...indie hardcore szene in den usa ist so dope :) mit den reviews für die insane clown posse habt ihr ja auch wieder aufgehört..

  • Vor 11 Tagen

    Rugged Man bitte aus der Aufzählung rausnehmen, Yannik. Einfach weil er schon technisch jeden und seine Mudder in die Schranken weist. Inhaltlich gehe ich allerdings auch bei ihm damit teils konform.

    • Vor 10 Tagen

      ach, finde ihn tatsächlich ganz gut aufgehoben darin. War als Legends Never Die auf dem selben Hypetrain wie wir alle aber irgendwie finde ich ihn inzwischen trotz aller Virtuosität sehr ermüdend. Sachen wie Daddys Halo sind zeitlos und der Kerl wirkt sehr cool, aber darauf kommen halt voll oft sehr viele klanglich total weißbrotige rappity-rap-tracks, die sich sofort tothören. Außerdem ist mir irgendwann klargeworden, dass der kerl selbst in jede seiner social-media-bios gegangen sein muss um über sich zu schreiben, was ein "legendary mc" er ist, und irgendwie seh ich ihn seitdem nicht mehr mit den selben augen like im sorry aber das ist zu witzig. Ne echte Legende müsste nicht so vehement darauf beharren, eine zu sein.

    • Vor 10 Tagen

      Bin da bei Yannik. Der letzte Verse, der mich von inm wirklich gekickt hat, war auf dem 2015er Jedi Mind Tricks Albung.
      Auf der Bühner allerdings immer der komplette Abriss.

    • Vor 10 Tagen

      Wirfst du da gerade einem Rapper vor, er habe Beschreibungen seiner Person in eigenen Texten beschönigt bzw. fremd verfasste Texte zum Zwecke der Übersteigerung solcher Beschönigungen nachträglich selbst verändert?

      Das kommt mir nämlich insbesondere im besagten Genre högschd abwegig vor, bedenke z.B. die sehr reflektierten Reaktionen von Fler oder Mateo auf diejenigen eurer Beschreibungen von deren Werken, welche auf derlei künstliche Überhöhungen von Produkt und Erschaffern gänzlich verzichten.

    • Vor 10 Tagen

      Habt doch völlig Recht. Ich sag ja nur, dass an die Übertracks dafür niemand rankommt, da er steht er über den von dir mitgenannten. Konnte bis heute nicht seine Atemtechnik dechiffrieren. Das 2014er Album war ne Granate, fast ohne Ausfälle, danach nur noch punktuell genießbar und auch gerne mal peinlich.

    • Vor 10 Tagen

      Allerdings konnte ich seit 2014 auch kein anderes Album am Stück durchhören, was dieses Genre betrifft. Dennoch ist sogar mir dieses Altherrengebabbel manchmal zu abgehangen (und teils noch eklig homophob), ja.

    • Vor 10 Tagen

      Och menno, jetzt lass doch diesen Yannik bitte erst mal argumentieren, wie er in DEM Genre, dessen letzte 30 internationale Chartjahre lyrisch praktisch auf künstlicher Selbsterhöhung von Person, Fähigkeiten und eigenem Werk gebaut sind, ernsthaft jemandem ankreiden will, dass er/sie/es fremd verfasste Texte über sich nachträglich beschönigte und mit künstlichen Überhöhungen spickte, als sich offensichtlich eine Gelegenheit dafür ergab?!

    • Vor 10 Tagen

      Vielleicht ist deine Wahrnehmung des Genres auch einfach nur sehr eindimensional?

    • Vor 10 Tagen

      Der Punkt ist ja auch diskutabel in einem Genre, in dem seit jeher jeder Lurch selbst oder durch seine Back Ups unangenehm auf seinen Status insistiert.

    • Vor 10 Tagen

      Ich denke, das können wir nach meiner Ausbildung zu Multidimesnionalität und meinem exquisiten Wahlloshöri-Geschmack wohl ausschließen, hm? Danke. :)

    • Vor 10 Tagen

      Puh, erster und letzter Buchstabe stehen korrekt, den Rest sollte das durchschnittliche Humanhirn für mich richten. Wieder so ein heimliches Argument gegen die Aufnahme von Edith in unserem erlauchten Kreis. :(

    • Vor 10 Tagen

      @Chris: Legends Never Die war in der Tat ziemlich gut, ja. Muss ma wieder hören.

    • Vor 10 Tagen

      Rugged Man hat hier ja auch Geschichte und wurde von einem legendären User hier Ionen als Ava-Bild hochgehalten. ;)

      Legends never die fand ich auch geil, mit dem neuen Machwerk habe ich mich noch gar nicht beschäftigt, hab ihn 2021 ein wenig über, tbh. Aber technisch sägt er natürlich alles ab, keine Frage.

    • Vor 10 Tagen

      Bei dem hier eingebetteten Song "The mist and the ocean" hab ich übrigens vergeblich auf nen Non Phixion mäßigen Metalraptrack gehofft, war dann aber doch nur was für dich :D :P

  • Vor 11 Tagen

    Celph Titled ist der unterschätzteste Rapper aller Zeiten und Apathy kommt dem ganzen nahe.
    AOTP/JMT von 2004 - 2010 war geisteskrank guter Amirap. Leider hierzulande nie wirklich bekannt zu werden.