laut.de-Kritik

Dieses Album fühlt sich an wie ein neues Zuhause.

Review von

Vorschlag für eine neue laut.de-Liste: Die zwanzig schönsten Häuser auf LP-Hüllen. In die engere Auswahl dürften die Bruchbude von Eminem, die bedrohliche Szenerie von Brand New und das bedrohlich dunkle Haus von The National kommen. Platz 1 geht aber das fast schon ikonische Gebäude der Emo-Rock-Legenden von American Football. Es gibt regelrechte Fan-Wallfahrten zu der eigentlich mal gar nicht so spektakulären Bude, die sich in der Nähe des ehemaligen Studienortes der Bandmitglieder befindet. Im Gegensatz den Vorgängern, die das Haus in der 704 W High Street von der Außen- und Innenperspektive zeigt, sieht man diesmal eine neblige Landschaftsaufnahme von einem Feld in der Nähe des Heimatortes Urbana.

Nichts passt wohl nichts besser zu von American Football als diese verschwommene Langzeitbelichtung. Abläufe und Momente werden über einen längeren Zeitraum eingefroren und erst durch diese Technik erkennbar gemacht. Ähnlich verhält es sich mit der Musik der Emo-Band, die im Gegensatz zu den punkigeren Vertretern dieses Genres immer behutsam und mit einer Nähe zum komplizierten Math-Rock in ihren Songs vorging.

Das letzte Album "LP 2" verharrte doch zu sehr in der sicheren Komfortzone und klang wie Aufwärm-Übungen von ein paar Veteranen, die erst wieder zueinander finden mussten. Die Fans von früher fanden es toll, aber eigentlich wussten auch sie schon: Da geht noch mehr.

Dieses Mal machte die Single "Silhouettes" von Anfang an klar: American Football werden sich diesmal nicht auf eingeübte Standards verlassen und ein neuen Weg in Richtung Shoegaze-Pop gehen. Harte Zeiten für Fans, deren Lieblingsband bisher ein gut gehütetes Geheimnis blieb. Es ist ein leises Glockenspiel zu vernehmen, das natürlich direkt mit Windspiel in Verbindung gebracht wird und das Ende eines festen Zustandes symbolisiert. Die Schwere und das Unnahbare findet nur noch im Songtext statt, der assoziativ über verschwindende Liebe singt.

Die Öffnung zum Pop tut Mike Kinsella und seinen Freunden gut. Denn so schön es war, ein American Football-Album erst einmal zu ergründen und konzentriert den post-rockigen Aufbau zu bleiben, aber der Weg zu (noch) mehr Herz ist ein Glücksgriff für die Band und Musikfans. Die Fenster und Türen stehen für Freunde nun offen, es tut sich ein Gefühl von großer Weite und nicht mehr von einem gespenstisch einengenden Komplex auf.

Und was ist nun mit der mit im Vorfeld skeptisch beäugten Kooperation mit Hayley Williams? Die tut gar nicht so weh. Ihre grellbunte Pop-Punk-Band Paramore ist sicherlich sehr weit von American Football entfernt, aber dass die Frau auch eine sehr gute Stimme besitzt und sich der Stimmung des Songs unterordnet, beweist sie in "Uncomfortably Numb", das zugegebenermaßen wie kaum ein andere Song der Popmusik die Hand entgegen streckt. Es ist der beste Song, den Dashboard Confessional immer schreiben wollten und doch nie diese Magie erschufen.

"Sellout" dürften Fans aus dem Indie-Bereich trotzdem brüllen, als ob sich an den immer noch berührenden Texten von Kinsella wirklich was geändert hätte. So versöhnlich die Melodien klingen, so viel Melancholie steckt in den Texten, die häufig das Älterwerden und dem Abschied von den aufregenden Teenie-Zeiten und der Zeit als erwachsener Mensch behandeln. ""I'm sorry for aging, growing more and more disinterested in celebrity and politic" gibt Mike in "Heir Apparent" konsterniert zu. Die traurigen Kids von früher finden sich auch in der desillusionierten Erwachsenenwelt von Mike Kinsella wieder.

Den Machismo des straighten Rock, dem Emo mit seiner Zerbrechlichkeit immer wieder zuwider war, verabschieden hier auch weibliche Gast-Künstlerinnen wie Rachel Goswell, die mit Slowdive eh ganz genau weiß, wie qualitativ hochwertiger Shoegaze klingen muss. Die Emo-Rock-Grenze waren schon immer valide, hier verwischt sie endgültig mit atmosphärischen Gitarren-Klängen. Der Songtitel "I Can't Feel You" mutet wie Hohn an, so sehr nimmt einen der Song mit seinem Wechsel aus Euphorie und Traurigkeit mit. Midlife Crisis kann so wunderschön klingen.

Elisabeth Powell singt ihrer frank-kanadischen Heimatsprache und rückt "Every Wave To Every Rise" mit ihrem Beitrag fast in Richtung eines Beach House-Songs. Die Frau, die dank Bon Iver und Arcade Fire mal vor ihrem großen Durchbruch stand, zwangen unter anderem familiäre Probleme zum Rückzug aus der Öffentlichkeit. Ein feiner Zug, die einstmals Umjubelte nicht zu vergessen und ihr ein Comeback auf dem eigenem Comeback zu ermöglichen. Das ist das neue American Football-Album nämlich, nachdem "LP2" trotz solidem Songwriting eher "das Reunion-Album bleibt, auf dem wir selber noch nicht genau wussten wohin wir wollten", wie es Mike Kinsella selber treffend formuliert.

Abschied tut weh, im Fall von "American Football (LP3)" sagen wir der ungestümen Energie der Jugendtage Lebewohl und begrüßen ein erwachsenes Album, wie es es in seiner Mischung aus Ehrlichkeit, großer Kunst, mitreißenden Melodie und Empathie nur noch selten gibt. Dieses Album fühlt sie wie ein neues Zuhause an.

Trackliste

  1. 1. Silhouettes
  2. 2. Every Wave to Ever Rise
  3. 3. Uncomfortably Numb
  4. 4. Heir Apparent
  5. 5. Doom in Full Bloom
  6. 6. I Can't Feel You
  7. 7. Mine to Miss
  8. 8. Life Support

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3 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    Sehr schönes Album, gute Gäste, feiner Sound. Könnte auf Dauer etwas eintönig werden, aber jetzt gerade gefällt es äußerst gut. Highlights: Every Wave to Ever Rise; I Can't Feel You

    4/5

  • Vor 2 Jahren

    Album plätschert wunderbar im Hintergrund dahin - und das meine ich positiv. Die einfachen, wässrigen Gitarrenmelodien und der juvenile Gesang erinnern mich an Musik die ich in den 90ern gehört hab.
    Und zu den 20 schönsten Häuser auf LP-Hüllen: das Cover der eben erschienene Foals "Everything Not Saved will be Lost Pt.1" ist für mich reinste Perfektion, was überragenderes muss dieses Jahr erst einmal kommen.

  • Vor 2 Jahren

    Ein wirklich erfreuliches Album, was aber auch nicht anders zu erwarten war. Es erinnert an die goldenen 90er Jahre und wirkt nicht zwanghaft modern und innovativ, sondern organisch und richtig. Die Scheibe wird noch so einige Umdrehungen auf dem Plattenteller machen.

    Und zum Thema schöne Häuser auf Albumcovern, schrecklich schön und herrlich depressiv ist das Artwork zu Cursive's "The Difference between Houses and Homes"