Porträt

laut.de-Biographie

Alyona Alyona

Ein Bild sagt mehr als Worte. Platte Aussage, vielfältiger Verwendungszweck. Zum Beispiel bräuchte es mehr als einen guten osteuropäischen Rapper, um außerhalb des eigenen Sprachraums Aufmerksamkeit zu wecken. Klar gibt es hier und da die IC3P3AKs und die Oxxxymorons, aber um international in Europa abzustauben, bedarf es schon eines Clues, der sich auch nonverbal kommunizieren lässt.

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Funktionierte für den estnischen Weirdo Tommy Cash, funktioniert für Italiens Chef-Exzentriker Salmo und funktionierte für das Songwriter-Wunderkind Stromae aus Belgien. Zu diesen wenigen internationalen Acts auf dem europäischen Parkett gesellt sich Alyona Alyona aus der Ukraine. Ihr Ding ist emanzipatorisches, zelebrierendes Selbstbewusstsein. Diese Marke kommunizieren ihre Stimme, ihr Auftreten und ihre Aura, auch ohne dass man eine Silbe Ukrainisch versteht.

Zwei Tracks aus ihrem Repertoire erscheinen essentiell, auch wenn seit 2018 eine ganze Reihe Nummern von Alyona viral gegangen sind: "Ripki" ist ein briesiger, zweiminütiger Trap-Song mit stabilem Tune, "Salischaju Swij Dim" heißt der Banger mit der immensen Hook, der sie endgültig als mehr als nur eine Viralsensation auf die Karte gesetzt hat. Dabei kommt eine Sache unmissverständlich an: Alyona schämt sich nicht zu sein, wer sie ist.

Das bedeutet zweierlei. Zum einen zelebriert sie die ukrainische Dorf-Realness in vollen Zügen. Die etwas fragwürdigen Klamotten, die Kaufhaus-Ästhetik, die Eltern im Kabuff. Dann mit dem Jetski über den Baggersee fahren. Es ist ein kleiner Coup, in der Ukraine die Landessprache für ein Kulturprodukt zu verwenden. Im sonst so russisch geprägten Land hat sich für literarische Fragen stets auch das Russische als Amtssprache durchgesetzt. Alyona Alyona findet dagegen das Ukrainische cool und solidarisiert sich so mit einem Land, das sich an manchen Stellen, gerade den urbaneren Regionen mit Schwerpunkt Kiew, neu und selbstbewusst nach Europa ausrichtet – in voller Dorf-Ästhetik.

Die andere Sache ist dabei die, die vielen Leuten wohl als erstes ins Auge fällt: Alyona lässt sich nicht von irgendwelchen Idealen vorschreiben, was schön zu sein hat und wer sich zeigen darf. Man hätte eigentlich meinen sollen, dass das 2018 nicht mehr zu so einem Aufruhr führen sollte. Wir haben ja wohl alle schon einmal eine dicke Frau rappen gesehen. Aber die Menge an Entfremdung, die Alyona bei vielen auslöst, ist wohl Beweis genug, dass es Mut beweist, sich einer potentiell hundsgemeinen Öffentlichkeit zu stellen, wenn man keine Modelmaße hat.

Alyona Alyona - Galas
Alyona Alyona Galas
Nicht nur Wu-Tang is for the children.
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Umso schöner dann zu sehen, dass Alyona über den Lauf ihrer Karriere einfach überhaupt nicht interessiert, was die Leute in dieser Hinsicht von ihr denken. 2018 erscheint zunächst "Pushka", 2019 legt sie mit dem Projekt "B XATI MA" nach. Sie fühlt sich scheinbar pudelwohl damit, sich über arschige Öffentlichkeitserwartungen hinweg ins Rampenlicht zu stellen, bockstarke Flows und schmissige Hooks aufs Parkett zu legen und dabei noch eine bestärkende Message zu verbreiten.

2018 beginnt ihr internationaler Höhenflug. Im Jahr darauf arbeitet Alyona Alyona längst nicht mehr als Kindergärtnerin. Sie wohnt auch nicht mehr auf dem Kaff, sondern ist in die Hauptstadt Kiew umgezogen. Dort hält sie sich jedoch nur wenig auf. Ausgedehnte Touren führen sie kreuz und quer durch ganz Europa und weiter bis nach Bali.

Beim Hamburger Reeperbahn Festival reißt sie 2019 zusammen mit ihrer Backup-Rapperin und ihrem DJ alles ab. "Wir haben uns für einen Act entschieden, angesichts dessen wir uns alle eingeschissen haben, und zwar in der Minute, in der sie angefangen haben, zu performen", fasst die sonst so gesittete Produzenten-Legende Tony Visconti in Worte, was wirklich alle dachten, die das miterlebt haben. Keine Frage, wer den Anchor Award mit nach Hause nehmen darf.

Auf ihren ausgedehnten Reisen sammelt Alyona Sounds, aber vor allem Bekanntschaften, die sich zahlreich auf ihrem zweiten Album "Galas" wiederfinden lassen. Das erscheint im Frühjahr 2021, während seine Urheberin ausnahmsweise zu Hause sitzen muss: Die Corona-Pandemie hat auch ihre Pläne vorläufig auf Eis gelegt.

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Von Untätigkeit jedoch keine Spur: "Ich arbeite momentan an zwei Alben", erzählt sie im Interview. Eins solle sich auf ukrainische Lyrik konzentrieren, "weil das meine Seele ist". Auf dem zweiten geplanten Werk bemühe sie sich um leichtere Zugänglich- und Verständlichkeit, damit sich ihre Botschaft auch Kindern erschließt.

Einmal Kindergärtnerin, immer Kindergärtnerin? "Kindergarten macht einfach einen riesigen Teil von mir aus", lacht sie. "Ich kann nicht darüber nachdenken, mir Gedanken um Kinder zu machen. Kinder sind mein Leben."

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Alyona Alyona - Galas: Album-Cover
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2021 Galas

Kritik von Dani Fromm

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