6. Mai 2021

"Ohne Klaus Schulze wäre die Band zerbrochen"

Interview geführt von

Mit "Afternoons In Utopia" und "The Breathtaking Blue" erscheinen nun Album Nummer zwei und drei als Remaster mit ordentlich viel Bonusmaterial.

Eine gute Gelegenheit, mit den Alphaville-Gründungsmitgliedern Marian Gold und Bernhard Lloyd mal nicht über "Forever Young", sondern über die Zeit danach zu reden. Zum Beispiel über die Zusammenarbeit mit Klaus Schulze, den Druck auf "Afternoons In Utopia" (1986) von Seiten der Plattenfirma nach dem großen Erfolg des Debüts, den Zoff während der Arbeiten an "The Breathtaking Blue" (1989) und die Bassdrum in "Romeos".

Ihr veröffentlicht nun Remasters von "Afternoons In Utopia" und "The Breathtaking Blue". Zu welchem dieser beiden Alben würdet ihr gern einen Text sehen? Eine Meinung hören? Kritik lesen? Nicht, dass ich mich danach richten würde. Nur so: Das würde mich freuen, wenn da nochmal was drüber geschrieben würde.

Bernhard Lloyd: Dann würde ich sagen "The Breathtaking Blue". Ganz eindeutig.

Marian Gold: Ja, ich hab da auch so eine leichte Tendenz.

Warum dieses Album?

MG: Das kann Bernd, glaube ich, am besten erklären. Ich weiß es auch, aber er weiß es besser.

BL: Weil das für unsere Verhältnisse zum damaligen Zeitpunkt viel ungewöhnliche Musik beinhaltet, die wir zum ersten Mal im eigenen Studio produziert haben. Darüber eine Kritik zu lesen, wäre dann noch interessanter als bei "Afternoons In Utopia". Allein aus diesem Grund. Weil es eine ziemlich große musikalische Bandbreite mit vielen Stilen beinhaltet und weil die Produktion halt so gelaufen ist, dass wir uns zum ersten Mal von allem Druck befreit haben und das so produziert haben, wie wir uns das vorgestellt haben. Außerdem gibt es dazu dieses "Songlines"-Projekt mit den Kurzfilmen, was die Sache irgendwie auch noch mal interessanter macht.

"Songlines" ist jetzt komplett überarbeitet worden. Ich konnte es daher auch zum ersten Mal sehen. 1989 hatte ich als 13-jähriger Bub gar nicht die Möglichkeiten und die Technik dazu. Damals war es ja auf der CD mit drauf.

BL: Also die Video-CD, die damals erschienen ist, dafür gab es damals kaum Player. Es sind auch, glaube ich, wenig Player gebaut worden. Heutzutage muss man ganz ganz toll suchen, damit man überhaupt einen findet. Damals war das revolutionäre Technik. Gleichzeitig hat sich aber herausgestellt, dass die Qualität nicht so besonders gut war. Die Alternative wäre eine VHS gewesen, was halt noch schlechter ist. Wir haben jetzt wirklich das Glück gehabt, die alten 35-mm-Filme zu finden, vom Schimmel zu befreien und neu zu digitalisieren. Für mich war es das erste Mal so, dass dieser "Songlines"-Film in einer wirklich amtlichen Qualität zu sehen war. Damals war das irgendwie alles zu dunkel digitalisiert worden. Vieles kam da auch gar nicht rüber.

MG: Der Unterschied ist einfach phänomenal. Als wäre das gerade erst abgedreht worden. Wahnsinn. Der Sound von dem Album war beim Remaster nicht so ein großer Schritt wie bei "Afternoons In Utopia". Dieses Album war eigentlich so der Freischwimmer. Wir waren tatsächlich komplett autark. Obwohl wir selbst das Album zusammen mit Klaus Schulze produziert haben, hatten wir eigentlich zum ersten Mal sowohl in technischer wie auch in ästhetischer Hinsicht die komplette Kontrolle über alles. Wir hatten uns dazu entschieden, diesmal keine Demos zu machen und Songs zu sammeln, sondern wir schrieben einen Song vom scratch bis zum Ende der Produktion, und dann gingen wir erst auf den nächsten. Das bedeutete, dass wir eigentlich nicht wussten, wie sich dieses Album entwickeln würde. Das war erst klar, als wir praktisch mit der Produktion fertig waren. Das war für uns dann auch ein total neues Erlebnis, das Album komplett zu hören und zu verstehen, was wir da eigentlich gemacht hatten. Das war tatsächlich ein riesiger Unterschied zu dem, was wir vorher gemacht hatten.

Es ist auf jeden Fall ein großer Unterschied. Der ganze Kram davor ... oh, nicht "Kram" sagen. Die ganzen sehr schönen Alben davor ...

(Beide lachen. Glück gehabt.)

MG: Sagen wir auch immer.

"The Breathtaking Blue" ist kein auf den Massengeschmack zugeschnittenes Album. Sagen wir es mal so. Ihr habt beispielsweise mit "Heaven Or Hell" Elemente aus dem Jazz drin, oder das sehr seltsame "Middle Of The Riddle".

MG: Das lag einfach daran, dass wir unseren eigenen Pfaden gefolgt sind, unserer Intuition. Die Intuition war wie so ein Leuchtfeuer für uns. Wir wussten selber nicht, wo uns das jetzt hinführt. Du hast "Middle Of The Riddle" erwähnt. Ich kann mich noch genau erinnern, wie wir dieses Stück komponiert haben. Das beruht eigentlich auf einer Gitarrenphase von Echolette. (Ricky Echolette war der damalige Gitarrist und Keyboarder der Band, d. Red.) Dann kam dieser Bläsersatz dazu. Das war eigentlich nichts, aus dem man ein Stück machen könnte. Das war ein Bruchstück. Was Resterampe-mäßig bei so einer Produktion anfällt. Irgendwann hatten wir aber eine bestimmte Idee, was man damit machen könnte, und dann ist da ein ganz eigenartiges Stück draus entstanden. Normalerweise würde man so was in einer Produktion nicht berücksichtigen, weil man sagt: Komm, wir schreiben jetzt mal richtige Songs, die man auf einem Klavier oder Sequenzer laufen lassen kann, und dann entwickeln wir eine Melodie darauf. Das sind so die ausgetretenen Pfade. Die wollten wir verlassen.

"The Mysteries Of Love" und "For A Million" beruhen auf ein und demselben Ausgangsmaterial. Da sind aber zwei vollkommen unterschiedliche Nummern draus entstanden. Wir hatten auf einmal zwei Ideen, wie man das Stück machen könnte, und haben uns dann gesagt: Wir entscheiden uns nicht und machen daraus dies oder jenes. Sondern: Okay, wir machen einfach beide Stücke. Das lag an dieser sehr eigentümlichen Art und Weise, wie wir das Ding produziert haben. Ich muss sagen, eine ziemlich gewagte Art und Weise, weil wir wirklich ins kalte Wasser gesprungen sind. Wir wussten nicht, wo uns das hinführt. Wir hatten nicht den Plan insofern, dass wir das Ziel kannten oder eine Richtung hatten. Deswegen hat es auch so ein Stück wie "Patricia's Park".

Auch eher ungewöhnlich. Ich glaube, das einzige Instrumental, das es von euch gibt.

BL: Auf den regulären Alben ist das so. Ja.

MG: Ich hatte mit der Komposition der Nummer überhaupt nichts zu tun. Bernd und Echolette kamen vorbei und sagten: Schau mal, hier. Und mich hat das umgeblasen, als ich das hörte. "Können wir das denn so auf das Album machen?" Da haben wir hin und her überlegt, aber ganz schnell war klar: Das muss genau so aufs Album. Das ist einfach eine total spannende Facette. So unterschiedlich diese Stücke auch alle sein mögen, ergeben sie doch ein zusammenhängendes Bild wie in einem Glasfenster oder in einem Mosaik.

"Du magst das Stück aus dem falschen Grund"

Obwohl so viele unterschiedliche Stile auf dem Album sind, finde ich es trotzdem recht stimmig.

MG: Ja, genau. Merkwürdig, oder?

BL: Das ist das Verrückte. Das hing natürlich ein ganz kleines bisschen damit zusammen, dass das Ganze in einem Studio in einem Setting gemacht wurde. Obwohl die Stilistiken so unterschiedlich sind, gibt es so eine übergeordnete Klang-Ästhetik, die das Ganze zusammenklebt. Dieses Trash-Rock-Stück "Ariana" und "Patricia's Park" haben natürlich nichts miteinander zu tun. Absolut gar nichts. Trotzdem passt das irgendwie in den Gesamtrahmen rein. Das ist verrückt. Das Ganze hängt natürlich auch mit Klaus zusammen, der sich uns gegenüber nicht wie ein normaler Produzent verhalten hat. Ein Produzent, der darauf achtet, dass das alles seinen geregelten Gang geht. Dass man die Singles hat und der die Band anleitet: "Nun macht mal so und macht mal so." Klaus hat sich ja an diesem Free-Flow komplett beteiligt. Er hat natürlich Einfluss genommen, aber eher in inspirierender, Mut machender Hinsicht. Er hat nicht irgendwie versucht, uns in irgendeine Kiste zu kriegen.

MG: Er hatte viel Geduld mit uns.

Wie kam es denn zu der Zusammenarbeit mit ihm?

BL: Unser Studio-Equipment-Dealer rief eines Tages an und wollte uns ein altes Neumann Röhren-Mikrofon zum Testen bringen. Er fragte, ob er einen alten Freund mitbringen könne. Der Freund war Klaus Schulze. Wir haben uns auf Anhieb sehr gut verstanden. Klaus hat dann angeboten, ich glaube es war eher scherzhaft gemeint, einen Song von uns zu mischen. Daraus wurden dann fast zwei Jahre Produktionszeit mit ihm.

Ich habe gelesen, dass die Arbeiten an "The Breathtaking Blue“" nicht so harmonisch verliefen.

MG: Ich glaube, dass die Band während dieser Zeit unter Umständen auseinander gebrochen wäre, wenn es Klaus nicht gegeben hätte. Es kam da zu sehr starken Meinungsverschiedenheiten. Hauptsächlich zwischen Bernd und mir. Wenn man das so rückblickend betrachtet, vollkommen lächerlich. Aber wie das halt so ist, wie in einer Ehe, die schon längere Zeit gedauert hat: Der Anlass als solcher ist das Entscheidende, nicht der Inhalt. Gar nicht, um was es da geht. Da muss einfach hin und wieder mal ein Gewitter passieren, damit sich die Luft klärt. Wir haben uns über Sachen gestritten, die wirklich bagatellhaft waren. Das hatte schon extreme Ausmaße. Der Echolette hat sich da zwischen uns geworfen, und Bernd wollte alle 24 Spuren löschen, von einem bestimmten Track. Ich glaub, das war "Romoes". Ich muss noch eins sagen: "Romoes" ist das einzige Stück, das tatsächlich nicht so in das Album reinpasst. Das wurde dann die erste Single. Wenn ich das so durch das Remaster im Nachhinein höre, ist das die einzige Nummer, bei der ich sagen würde, da hätte man auch ein anderes Stück nehmen können. Zum Beispiel "Ariana" und "Patricia's Park", kann sein, dass die stilistisch vollkommen unterschiedlich sind, aber das ist eine oberflächliche Feststellung. Ich finde, die Stücke passen trotzdem irgendwie zusammen. Die sind auch aus einem ähnlichen Momentum heraus entstanden, aus einem kreativen Zufall heraus. "Ariana" ist ein Stück, das wir mal nur so nebenbei geschrieben haben, weil wir eben jemandem namens Ariana ein Geburtstagständchen schenken wollten. Das haben wir innerhalb von einer halben Stunde im Hansa-Studio aufgenommen, das ist wie die anderen Stücke in einem "go" entstanden.

BL: "Romeos" war der einzige Song, bei dem wir nicht einfach alles laufen ließen, weil irgendwie klar war, dass das eine Single ist. Das ist aber der einzige Song, bei dem wir so gedacht haben. Deswegen sind da Sachen ein bisschen anders gelaufen als bei allen anderen Stücken. An "Romeos" haben wir extrem viel herumprobiert, extrem viel verändert. Es gibt so viele "Romeos"-Versionen als Demos und als fertige Produktion. Das unterscheidet sich da schon von allen anderen Stücken. Von allen anderen Songs gab es nur eine Version.

MG: Von den anderen Stücken gabs überhaupt keine Demos. Nur von "Romeos" gibt es extrem viele.

BL: Weil irgendwie da dieses Denken war, was vorher auf unseren beiden ersten Alben ein bisschen selbstverständlich war. Dieser Beifall im Kopf, den man hört, wenn man einen Song schreibt und irgendwie weiß: Der gefällt nicht nur mir, der ist einfach geil, den werden ganz viele mögen. Das hat mit kommerziellem Denken erst einmal gar nichts zu tun, sondern einfach nur mit: Wow! Das ist ein Ding, das möglichst vielen gefallen könnte. "Romeos" war der einzige Song auf "The Breathtaking Blue", der ein wenig so behandelt wurde. Deswegen gab es da natürlich auch Streitereien, wie man es denn machen oder nicht machen sollte. Ob die Bassdrum auf der Vier nun da sein muss oder nicht da sein muss. Worüber Marian und ich durchaus drei Stunden streiten konnten.

MG: Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass die da nicht hingehört.

(Munteres Lachen von allen Seiten)

BL: Das ist das, was Marian mit Bagatellen meint. Das ging wirklich so ans Eingemachte, aber eben auch in den Bagatellfall hinein, wo man heutzutage denkt: Oh Gott, ey!

MG: Oder wie man Stücke mögen muss! Du magst das Stück aus dem falschen Grund. Wir haben uns darüber gestritten, wie man ein Stück richtig mag.

Aber schön, dass ihr heute darüber lachen könnt.

BL: Da kann man nach über dreißig Jahren auch wirklich nur noch lachen. Es ist aber ja gleichzeitig auch ein Zeichen dafür, wie ernst wir das genommen haben. Das ist ja wiederum das Schöne. Dass man sich dann irgendwie zerstritten hat wie in einer doofen Ehe ist die eine Sache, aber gleichzeitig zeigt das ja auch die Ernsthaftigkeit, mit der man da rangegangen ist.

"Punk war wie der Zünder an einer Bombe"

Jetzt müssen wir aber trotzdem auch mal über "Afternoons In Utopia" reden. Ihr hattet davor mit "Big In Japan" und "Forever Young" diese riesigen Hits. Wie groß war da der Druck, den ihr euch selbst gemacht habt, und wie groß der seitens der Plattenfirma für den Nachfolger?

BL: Von der Plattenfirma war er sehr groß. Wir haben das eigentlich erstmal nicht an uns herangelassen. Wir hatten ja auch ein neues drittes Mitglied, dem das ziemlich egal war. Der ging da relativ naiv dran. Marian und ich haben jeder für sich so im stillen Kämmerlein versucht, zu verarbeiten. Mit dem Druck, der dann von der Plattenfirma logischerweise kam, hatten wir nicht gerechnet. Bei "Forever Young" war ja alles super gelaufen. Da gab es ja nicht die geringsten Druck-Geschichten. Wir haben ja zur vollen Zufriedenheit der Plattenfirma von der ersten Sekunde an alles gemacht, was die sich vorgestellt haben. Ohne, dass wir das wussten. Unser Ansinnen war ja nicht, die zufrieden zu stellen. Das war nur ein Nebenprodukt. Mit "Afternoon In Utopia" kamen da schon so ein paar Sachen, die irritierend waren.

MG: Eigentlich war unser Plan, als erste Single "Lassie Come Home" zu veröffentlichen.

Wohl der schönste Song auf dem Album.

MG: Da brach dann bei Warner in Hamburg die Panik aus. "Ist das das Stück mit dem Instrumental-Intro, das eineinhalb Minuten dauert?" Das wäre jetzt nicht unser Ansinnen gewesen. Wir hätten das dann irgendwie kürzer gemacht. Vielleicht auf eine halbe Minute (lacht). Wir hätten da schon eine gute Version draus gemacht. Das steht eigentlich immer noch aus. Man könnte sich echt nochmal dransetzen und versuchen, aus "Lassie Come Home" eine Single-Version zu machen. Einfach nur aus musikalischen Interesse heraus. Bis dahin waren wir uns immer einig. Das ist die erste Single, das die zweite, und so weiter. Da gab es jetzt die ersten Konflikte, die eigentlich ganz normal sind, zwischen Künstler und Plattenfirma. Das hatten wir aber beim ersten Album nicht. Da stimmte einfach von unserer Seite alles, und für die Plattenfirma auch. Man musste gar nicht diskutieren. Jetzt war es auf einmal so, das wir mit der Platte ankamen, und es kam: "Hör mal, ihr müsst das so und so machen, ihr seid ja ein bisschen naiv. Ihr kennt euch nicht aus, mit dem ganzen Rock'n' Roll-Zirkus und dem Business. Lasst euch das mal jetzt von uns erklären, wie man das alles richtig macht." Die waren nervös und hatten Angst, dass es jetzt den Bach runtergeht. Dass es nach einem Album vorbei ist mit Alphaville. Bis zuletzt wusste, glaube ich, keiner aus der Plattenfirma so richtig, was auf dem Album drauf ist.

BL: Es gab die Single "Dance With Me". Die war da schon erschienen. Da waren sie auch ganz happy mit. Den Rest des Albums haben die erst in Gänze gehört, als schon 250.000 Stück gepresst waren. Der tatsächliche ökonomische Druck, dass dieses Album zu einem bestimmten Zeitpunkt in allen europäischen Plattenläden stehen muss, dass der so unfassbar hoch war, das konnte ich überhaupt gar nicht fassen. Ich fand damals wirklich absolut absurd. Dann haben die tatsächlich darauf verzichtet, das komplette Album zu hören, bevor sie das gepresst haben. Fand ich ziemlich mutig.

MG: Es war jetzt auch nicht direkt ein Fehler. Ist ja ein super Album. Es ist ja das, was Alphaville auszeichnet und auch der Grund, warum es die Band bis heute nach 40 Jahren immer noch gibt. Dass nicht versucht wurde, ein Album nochmal zu wiederholen. Dass jedes Album ein neuer Spielplatz und ein neues Experimentierfeld ist. Natürlich gibt es, stilistisch gesehen, einen roten Faden, der alle diese Alben miteinander verbindet. Es ist von unserer Seite jedes Mal der Versuch unternommen worden, dass wir uns neue Felder und neue Gebiete erschließen. Jedes Album ist eine weiße Landkarte gewesen, die wir dann mit der Erfahrung der Produktion ausgefüllt haben.

Frank Mertens verließ euch bereits vor der Veröffentlichung von "Jet Set". An seine Stelle trat Ricky Echolette. Wie groß war sein Einfluss auf "Afternoons In Utopia"?

BL: Eine Zusammenarbeit ist immer eine Frage der Chemie. Man kann nicht einfach jemanden austauschen. Eine veränderte Konstellation hat größere Folgen, als man im ersten Moment denkt. Rickys Einfluss war groß, genauso groß wie Franks Einfluss beim "Forever Young" Album. Aber das Entscheidende ist eben, dass sich die Gesamtchemie ändert, wenn jemand neues in die Band kommt. Ich meine, dass sich durch den Wechsel eben auch das Verhältnis zwischen Marian und mir geändert hat.

Ihr habt "Afternoons In Utopia" als Konzeptalbum bezeichnet. Aber so ganz will es nicht zusammenfinden. Auf der einen Seite stehen verträumte und experimentelle Songs wie "Lassie Come Home" und "20th Century", auf der anderen die energischen Singles "Dance With Me" und "Universal Daddy". Die Songs kollidieren und finden im Gegensatz zu "The Breathtaking Blue" nicht so zueinander.

MG: Ich verstehe total, was du meinst. "Dance With Me" ist ganz klar die Verbindung zwischen "Forever Young" und "Afternoons In Utopia". Das ist sozusagen der missing link. Das ist in gewisser Hinsicht ein Hybrid: Das war ja ursprünglich eine Ballade, die wir dann irgendwie aufgepimpt haben zu einem Uptempo-Song.

Also das Gegenteil von "Forever Young".

MG: Genau. Wenn man die Texte einbezieht, auch von Stücken wie "Sensations", dann finde ich schon, dass das alles zusammenpasst. "Forever Young" ist im Prinzip eine Singles-Collection, ein fiktives Best Of-Album. Im Prinzip sind alle Songs, die da drauf sind, Single-Kandidaten, wir waren von dem Konzept einer Single fasziniert. Wir fandens toll, alles in dreieinhalb oder vier Minuten reinzupacken, schlagzeilenmäßig. Bei "Afternoons In Utopia" ging es mehr darum, Geschichten zu erzählen. Es war auch für uns selber eine Rückbesinnung darauf, wer wir eigentlich wirklich sind. Dass wir eine Art Märchenland erfunden haben in "Afternoons", liegt daran, dass wir tatsächlich von diesem Märchenland aus in den ganzen Pop-Zirkus eingestiegen sind. Sozusagen aus dem Wolkenkuckucksheim vom Regen in die Traufe. So große Unterschiede sind zwischen diesen beiden Welten teilweise gar nicht da. Auf der anderen Seite war es so, dass wir diese Rückbesinnung brauchten. Das ist das, was "Afternoons In Utopia" eigentlich ausmacht. In der Tat sind es sehr viele Utopien, um die es da geht. Aber das sind die inneren Überzeugungen, die uns damals beseelten. Im Vergleich dazu ist "Forever Young" ein unheimlich an der Realität orientiertes Album.

Ein kurzer Schritt zurück: Marian, du warst vor dem Erfolg zeitweise wohnungslos und Punk. Ihr konntet damals im Grunde keine Instrumente spielen, aber die zunehmend günstiger werdenden elektronischen Instrumente gaben euch dazu die Chance, die Songs zu schreiben, die ihr im Kopf hattet. Eigentlich ein typisches Punk-Argument. Wie viel Punk steckt also im Synth-Pop und in "Forever Young"?

MG: Durch Punk konnte ich mir zum ersten Mal ernsthaft vorstellen, selber Musik zu machen. Das war für mich der entscheidende Auslöser. Aber geprägt war ich eher von melodiösem Pop und von psychedelischer Musik, Beatles, Pink Floyd, später war Bowie noch ein sehr wichtiger Einfluss. Hinzu kam, dass wir mit Keyboards anfingen, nicht mit Gitarren. Wenn du mit einem Keyboard Stücke schreibst, kommen da ganz andere Sachen raus, als mit einer Gitarre. Eine Gitarre ist ein ganzes Orchester, Rhythmus, Bass, Akkorde, alles passiert gleichzeitig. Mit einem Keyboard erfindest du alles hintereinander, so war das jedenfalls bei uns, das ist ein viel analytischerer Vorgang, oder besser, Vorgänge, die du dann im besten Fall mit einer Hammermelodie verknüpfst. Diese Gleichzeitigkeit wie bei einer Gitarre, die fällt weg. Das haben wir durch Träume und Spinnereien ersetzt, weil wir Träumer waren, keine Rebellen.

BL: Punk war für mich wie der Zünder an einer Bombe.

Heute ist Alphaville eine ganz andere Band als damals. Marian ist als einziger übrig. Wie war es für euch, dann für die Remasters wieder miteinander zu arbeiten und auf diese über dreißig Jahre alten Alben zurück zu blicken?

BL: Uns verbindet eine tiefe Freundschaft. Und es ist genug Zeit ins Land gegangen um sämtliche kindischen Animositäten und Meinungsunterschiede beiseite zu lassen. Wir haben da zusammen eine paar Babys in die Welt gesetzt, um die wir uns gemeinsam kümmern. Das funktioniert seit zig Jahren wunderbar. Wir kennen uns beide ziemlich gut. Und wenn man aufgibt, die Ecken des anderen zu schleifen, sondern genau auf den Ecken aufbaut, dann entsteht etwas.

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Alphaville

Ja, es gibt sie noch und es hat sie immer gegeben. Wer kennt nicht "Forever Young", mittlerweile verhunzt von etlichen Ich-Will-Auch-Mal-In-Die-Charts-Hüpfern?

4 Kommentare

  • Vor einem Monat

    Vor ein paar Jahren habe ich mir nach 2 Durchläufen auf Spotify "The Breathtaking Blue" gekauft und höre es heute immer noch gern. Schön, hier ein paar Statements von der Band zu diesem vielseitigen Album zu lesen.

  • Vor einem Monat

    Danke für das ausführliche und interessante Interview. Fühlte sich ein bisschen an wie Weihnachten, als die beiden Alben mit der Post kamen. Afternoons find ich persönlich (siehe Nick) immer noch ihr bestes und ein ganz großes Stück 80er. Hoffentlich gibt's das ähnlich der Forever Young-Tour auch mal live.

  • Vor einem Monat

    Beide Alben haben gezeigt, dass man Alphaville nicht nur auf das Label "Synthy-Pop-Band" beschränken darf. Vor allem The Breathtaking Blue hat die Zeit sehr gut überstanden. Die Musik auf diesem Album ist einfach zeitlos. Für mich nach wie vor das mit Abstand beste Album der Band überhaupt!

  • Vor einem Monat

    Dieser Kommentar wurde wegen eines Verstoßes gegen die Hausordnung durch einen laut.de-Moderator entfernt.