laut.de-Kritik

Auch Alicia Keys greift zur Diskurskanone.

Review von

Ein bisschen braucht es schon, bis man sich an die gepickte Gitarrensounds zu Beginn von "Holy War" gewöhnt hat. Kein Piano, keine Streicher. Aber dann: Alicia, gewohnt geschmeidig, aber ungewohnt dunkel und direkt: "If war is holy and sex is obscene / We've got it twisted in this lucid dream / Baptized in boundaries, schooled in sin / Divided by difference, sexuality and skin".

Das sind schon grundsolide Protest-Pop-Zeilen, die uns Frau Keys aka Everybodys Darling vor die Ohren knallt. In jedem Fall unterstreichen sie einen konkreten Wandel im System, weg vom spielerischen, aber auch harmlosen, entleerten R&B hin zu Inhalt respektive Sinn. Und zur Sünde. Und zum Parental Advisorys–Explict Content-Aufkleber. Beinahe metaphorisch schlägt der Song selbst im Refrain einen unerwarteten Haken, und Keys tönt plötzlich aus einer countryesken Lo-Fi-Parallelwelt. Strange!

Auch eine weitere Vorabsingle rückt die Gitarre ins Zentrum, und das muss man dann fast als Statement werten. "Blended Family (What You Do For Love)", das sich den thematischen Komplex Stiefeltern und Patchwork-Familien zur Brust nimmt, entscheidet sich darüber hinaus aber für einen ziemlich harmlosen 90er-Jahre-Black-Music-Balladen-Sound. Alicias Stimme zeigt zwar die übliche Durchschlagskraft, nur gelingt es der finalen Abmischung nicht so richtig, diese schiere Power abzubilden. Auch Featuregast A$AP Rocky versandet im Soundmatsch.

So klingt die Protagonistin beinahe durchgehend gehemmt, fast so als würde sie durch eine Nebelwand zu uns sprechen, das übrige musikalische Gewand klingt dazu irgendwie roh und unfertig. Diese offensichtlich bewusste Entscheidung zur heruntergelassenen Hose (das Phänomen ist auf dem gesamten Album zu bestaunen) verdirbt ein wenig den Hörspaß, weckt aber auch Interesse: Berechenbaren Pop sollten wir an dieser Stelle nicht erwarten. In diese Platte muss man sich ein wenig reinfuchsen.

Der ein oder andere wird sicherlich die Augen verdrehen: Aber es führt absolut kein Weg dran vorbei, Alicia Keys neue Platte "Here" mit "Lemonade" und auch "A Seat At The Table" von Beyoncé respektive Solange Knowles zu vergleichen. So präsentierte Keys ähnlich wie Beyoncé einen Großteil ihrer neu komponierten Musik bereits vorab in einem Kurzfilm. "The Gospel" beschäftigt sich mit ihrer Heimat New York und diskutiert auch das Thema Polizeigewalt.

Zudem steht im Albumdiskurs die aktive Verhandlung der eigenen Rolle als schwarze Frau im Amerika der Gegenwart im Zentrum, immer wieder aufgearbeitet durch narrative Interludes. So gesehen bilden die drei Alben eine dreiköpfige Hydra. Anders als die beiden Knowles-Schwestern, die in ihren monumentalen Werken den extrovertierten und ausufernden Weg nach vorne suchten, zeichnet Alicia Keys aber eine feinere Skizze.

Ihr markantester Move der vergangenen Monate war das schlichte Verzicht auf Schminke. Kleine Geste, große Wirkung. Ganz ähnlich soll nun auch "Here" wirken, eine Platte, die auf alle verhüllenden Schichten verzichtet. "Es ist diese schöne Mischung aus allem, was mich inspiriert und beeinflusst hat beim Erwachsenwerden – und von mir, wie ich mich finde, meine Rohheit, meine Wahrheit, meine Verletzlichkeit – von mir als Frau, als Person. Damit spreche ich hoffentlich für alle. Also ich bin zuversichtlich, ihr werdet es lieben.", sagte die Sängerin im Interview mit der Welt. Diese Zuversicht ist in jedem Fall berechtigt: "Here" entfaltet sich als angenehmes und ambivalentes Blues-Popalbum, das vermutlich für intensivere Wellen sorgen würde, hätten wir nicht noch die Knowles-Bretter im Ohr.

Doch Keys spricht ohnehin ein anderes Publikum an. "Kill Your Mama" überzeugt mit Roughness und Härte und klingt so ein wenig nach 70er-Jahre Protest-Hymne mit Link zu Bob Dylan. "Girl Can't Be Herself No More" verwirrt, weil der Text ein wenig plump daher kommt ("I just wanna cry for the world") und weil sich Keys, anbiedernd an gegenwärtige Soundtrends und Latin-Gedudel, eindeutig der eigenen Stärken beraubt. In "Illusion Of Bliss" bekommt Keys' Stimme dann endlich den Raum, den sie verdient.

Die neu gewonnene Freiheit, auf einem extrem zurückhaltenden Soundgewebe, nutzt sie dann auch markant und singt sich souverän und vielschichtig durch den über fünf Minuten langen Track. Der stärkste Song des Werks: "I don't wanna be a fallen angel!"

Insgesamt muss man mit Blick auf das vier Jahre zurückliegende Album "Girl On Fire" einen bemerkenswerten Wandel attestieren. "Here" passt punktgenau zum Hier und Jetzt, in eine Zeit, in der sich die vermeintlich eindimensionalen Popdiven plötzlich zu Diskurskanonen erheben und hochmoderne Frauenbilder zeichnen. Gut so!

Das Album selbst, so vielschichtig und kurzweilig es ist, wird dem Drumherum aber nicht ganz gerecht. Viele Produktionsentscheidungen sind nicht wirklich nachzuvollziehen. Es fehlt ein wenig am richtigen Timing: "Here" tönt an den falschen Stellen experimentell und an den falschen Stellen generisch. Das bringt Sand ins Getriebe, der dann sozusagen immer wieder von gelungenen Textsequenzen ausgewaschen werden muss.

Trackliste

  1. 1. The Beginning (Interlude)
  2. 2. The Gospel
  3. 3. Pawn It All
  4. 4. Elaine Brown (Interlude)
  5. 5. Kill Your Mama
  6. 6. She Don’t Really Care_1 Luv
  7. 7. Elevate (Interlude)
  8. 8. Illusion Of Bliss
  9. 9. Blended Family (What You Do For Love)
  10. 10. Work On It
  11. 11. Cocoa Butter (Cross & Pic Interlude
  12. 12. Girl Can't Be Herself
  13. 13. You Glow (Interlude)
  14. 14. More Than We Know
  15. 15. Where Do We Begin Now
  16. 16. Holy War

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8 Kommentare mit 18 Antworten

  • Vor 4 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 4 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 4 Jahren

    Ein grundsolides Album das seine absoluten Qualitäten hat. Doch Esprit und Innovation ist nicht zu entdecken. 3/5

  • Vor 4 Jahren

    Nachdem ich das Album jetzt auch oft genug gehört habe und es Zeit hatte (gehabt hätte besser), zu wachsen, kann ich die Kritik nur unterschreiben, die trifft es auf den Punkt: Alicia will sich experimentell zeigen, bringt natürlich auch gute Akzente rein, aber es wirkt an vielen Stellen einfach unstimmig und unausgereift. Von daher insgesamt doch leider eine kleine Enttäuschung, auch wenn das Album etwas besser ist als ihre letzten beiden, aber eben noch lange nicht die heiß erwartete Rückkehr der großartigen Songschreiberin, wie sie es früher noch war. Trotzdem hat vor allem die erste Albumhälfte paar sehr gute Songs zu bieten ("The Gospel", "One Love", "Illusion of Bliss"). Und ich liebe "Hallelujah", richtig richtig toller Song, bei dem alles stimmt. Nur passt der leider gar nicht in den Albumkontext.
    3 von 5 total gerechtfertigt.