laut.de-Kritik

Dieses Pathos bitte nur in kleiner Dosis konsumieren!

Review von

Wie intensiv die Masse ein Album erwartet, lässt sich heute problemlos aus den Internet-Strömungen heraus filtern. Und wenn wir Adeles digitalen Spuren der vergangenen Wochen folgen, so lässt sich erahnen, dass deren neue Platte "25" vermutlich wie ein Blitz, ach, wie ein Komet im Ödland des Mainstreams einschlagen wird.

Bereits zum einsamen Vorboten "Hello", der praktisch im Vorbeigehen sämtliche Streamingrekorde pulverisierte, wurden seitenlange Reviews und Pamphlete verfasst, und selbst die eigentliche Null-Meldung, Adele spiele mit dem Gedanken, ihr Album nicht auf den gängigen, freien Streamingportalen zu veröffentlichen, sorgte für eine Artikelflut auf beinahe jedem News-Portal. Jetzt ist "25" endlich da. Dass sich Adeles Drittwerk gut verkaufen wird, steht eigentlich außer Frage. Aber hat das Ding tatsächlich das Zeug zum Popalbum des Jahres?

Das elf Songs umfassende Werk beginnt selbstredend mit "Hello". Die Single ist auf verschiedenen Ebenen ein Statement, das für den Rest des Albums den Ton angibt. Im Vorfeld hatte Adele erklärt, "25" werde eine neue Tonalität ansteuern: Während sich der Vorgänger "21" am Thema Trennung abarbeitete, soll das neue Werk die Wiedergutmachung ins Zentrum rücken.

Doch "Hello" zerschmetterte die Hoffnung auf Experimente oder gar neue, lockerleichte Stimmungen und präsentierte in seiner Eigenart als "Someone Like You"-Klon das altbekannte Adele-Erfolgsrezept. Der Song beginnt extrem zurück genommen. Nur ein wenig Pianogeklimper begleitet die zunächst zerbrechliche Stimme der Sängerin, die sich dann aber zum unaufhaltsamen Klangpanzer aufschwingt, auch den letzten Millimeter Klangraum ausfüllt und dem Hörer direkt ins Herz und Trommelfell sticht. "They say that time's supposed to heal ya / But I ain't done much healing / Hello, can you hear me? / I'm in California dreaming about who we used to be", klingt im Übrigen auch nicht besonders hoffnungsvoll, die Liebeskaterstimmung hält an.

Der Titel von "Send My Love (To Your New Lover)" entpuppt sich dann als falsche Fährte. Der Song präsentiert echte Leichtigkeit, ein wenig Beat, ein wenig Bongo und eine Adele, die kaum wiederzuerkennen ist. Da ist er, der erhoffte Stilbruch, die Graustufen, die sich aus dem ewigen, tränenverlaufenen Schwarz herausschälen. Der Song klingt ein wenig so, als wäre er im Laufe eines Mädelsabend zusammen mit Taylor Swift entstanden und dementsprechend fast schon generisch, weil schonungslos glattgebügelt. Was so ein wenig kalifornische Sonne nicht alles ausmachen kann ...

Mit "I Miss You" folgt das stärkste Stück der Scheibe. Der Titel entzieht sich ab den ersten Sekunden, in denen mysteriös verkratzte Horrorsound-Partikel durch das Album schaben, den gängigen Strukturen, die Adele ansonsten so gekonnt bedient. Es folgt ein dunkles Schnaufen, ein intensives Einatmen und rhythmische, tiefe Trommelschläge. Dazu singt Adele außergewöhnlich smooth und unprätentiös, beinahe wie Amy Winehouse, ehe der reduzierte Aufbau mit angedeuteten Chorelementen und einem herum kreisenden Beat aufgeschichtet wird.

Das ist beinahe unerhört experimentell (im Adele-Universum) und ein echt aufregender Popsong. Doch die alten Fans können Sekunden später wieder aufatmen: Mit "When We Were Young", "Remedy" und "Water Under The Bridge" kehrt die Sängerin schnellstmöglich wieder in die abgesicherten Balladen-Regionen zurück, die sie auch schon auf "19" und "21" beackert hatte.

Angesichts dieser strikten Albumbetitelung wird einem der Satz "Adele klingt insgesamt erwachsener und reifer" ja förmlich aufgezwungen. In der Tat ist hier alles noch ein wenig größer (die Gefühle), pompöser (der Sound), überlegter (die Texte), gewichtiger (das Stimmvolumen) als auf den Vorgängern. Die zweite Hälfte des Albums wirkt insgesamt ein wenig unspektakulärer, was definitiv der Tatsache geschuldet sein dürfte, dass die Machart und das Songwriting nur noch partiell variiert und man sich selbst als aufmerksamer Hörer irgendwann in einem wohligen Nebel der mitreißenden Pophymnen verliert, in dem sich Formen und Farben Stück für Stück angleichen und in einem einzigen Loop zergehen.

Vielleicht sind Adele-Songs aufgrund ihrer schieren Wucht und des triefenden Pathos am besten in kleinen Dosen zu genießen. Hervorzuheben wäre wohl noch "River Lea", das insgesamt ein wenig dunkler und brachialer klingt und speziell im Refrain packende und verschleppte Bluesfragmente offenbart. Auch textlich markiert der Titel einen Ausreißer: Adele benutzt das Bild des Flusses, der ihren Herkunftsort Tottenham durchzieht, als Heimatmetapher. "But it's in my roots, it's in my veins / It's my blood and I stain every heart that I use to heal the pain". In der finalen, fast euphorischen Komposition "Sweetest Devotion" fällt der über die vorangegangen zehn Songs aufgebaute Druck in einer beinahe optimistischen Pop-Implosion ab.

Unterm Strich ist "25" eine blitzsaubere Pop-Platte, getragen von der wuchtigen Stimme ihrer Protagonistin und der punktgenauen, hyperpräzisen Produktion. Die angedeuteten und fast schüchtern ausformulierten Experimente und Variationen in Sachen Komposition, Text und auch Stimmung verlaufen recht schnell im Nichts. Offensichtlich weiß Adele, die sich nach ihrem Oscar-Gewinn und der Geburt ihrer Tochter für drei Jahre von der Bildfläche radierte, ganz genau, wonach sich ihr wartendes Publikum sehnt und setzt der quengelnden Meute dann auch genau diesen schmackhaften Eintopf vor. Raumgreifende Powerballaden, emotionale Abrissbirnen, die nichts zurücklassen, als von Tränen verkrustete Taschentücher, Einträge in sämtliche Rekordbücher und das Gefühl, dass mit dieser Stimme und diesem Production Value noch so viel mehr drin gewesen wäre.

Trackliste

  1. 1. Hello
  2. 2. Send My Love (To Your New Lover)
  3. 3. I Miss You
  4. 4. When We Were Young
  5. 5. Remedy
  6. 6. Water Under the Bridge
  7. 7. River Lea
  8. 8. Love in the Dark
  9. 9. Million Years Ago
  10. 10. All I Ask
  11. 11. Sweetest Devotion

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22 Kommentare mit 62 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    War ja klar, dass die Rezi eher durchschnittlich ausfällt. Die Erwartungen waren ja auch überzogen hoch. Da wird dann hochqualitative Musik gerne mal untern Teppich gekehrt. Warum soll Adele denn unbedingt was anderes machen als "Pathos", wenn sie das nun mal am besten kann? Warum müssen Musiker immer "ausgetretene Pfade" verlassen, damit sie weiter respektiert werden? Gerade Pop-Musik soll doch in erster Linie "der Masse" gefallen; genau das haben aber die beiden Vorgänger-Alben geschafft. Warum dann also das Konzept ändern? Ich bin froh, dass Adele sich mit 25 nicht neu erfindet, sondern in gewohnt solider Weise die Pop-Welt um richtig gute Musik bereichert.

    Im Übrigen ist es eine Schande, diesem Album weniger Sterne zu geben als einem Justin Bieber oder einer Miley Cyrus. Wo sind wir denn...?!

    • Vor 3 Jahren

      Bin da bei Dir, Idnier, Bieber und Cyrus 4 und hier 3? Geht nicht. Aber das Kritiken sehr oft recht daneben sind hat wohl jeder Musikfan ab einem gewissen Alter als Konsens abgespeichert. Die meisten "Kritiker" sind halt nur gescheiterte richtige Journalisten hüstel..

    • Vor 3 Jahren

      Auf Kritiken gebe ich gar nichts! MIR muss es doch gefallen! Mich würde nur einmal interessieren, wie viele der Laut Rezensenten ein Instrument spielen oder sonst irgendwie musikalisch tätig sind? Ansonsten ist es nämlich wie wenn der Papst von Familie spricht...;-)

    • Vor 3 Jahren

      @Beltane63

      Ich muss nun wirklich kein Profifußballer sein, um zu wissen, das Hannover 96 zurzeit eine schlechte Saison abliefert. Worauf ich hinaus will: Nein, man muss kein Instrument spielen können um Musik "richtig" zu beurteilen. Abgsehen davon haben die Rezensenten bestimmt schon viel Musik gehört, sodass sie über die Zeit viele Vergleichsbilder gesammelt haben werden. Am Ende ist die Kritik subjektiv und es steht jedem frei der Meinung des Autors zuzustimmen oder eben nicht.

    • Vor 3 Jahren

      Achja kleiner Nachtrag: Auch der Papst hat eine Familie! ;)

    • Vor 3 Jahren

      @elbowBilly
      Es hilft aber ungemein, wenn man sich mit intensiver mit einer Sache auskennt! Klar muss man kein Profifußballer sein, man weiß dann aber auch nicht was in der Kabine besprochen wird. Leute, die von Komposition keine Schimmer haben, sollten sie nicht beurteilen dürfen! Wo würde denn sonst der Unterschied von "Profi-Rezensenten" zu Lieschen Müller sein, die doch den ganzen Tag Musik im Radio hört? Ob einem die Musik eines Künstlers gefällt, ist letztendlich Geschmacksache. ABER: Ein guter Rezensent sollte auch gute Musik erkennen und würdigen auch wenn sie ihm persönlich nicht gefällt. Und da sehe ich (auch hier) manchmal Diskrepanzen. Manchmal wird sich hier auch gerne mal über die Produktion von CDs ausgelassen, und dann sollte man schon genau wissen, wovon man spricht.
      Was den Papst angeht: Eigentlich wollte ich "ficken" schreiben...:-D

    • Vor 3 Jahren

      Nur weil man sich diesen Scheiß immer wieder einredet, wird er nicht richtiger...

    • Vor 3 Jahren

      Bieber und Cyrus haben sich halt weiterentwickelt. Die bekamen ja nicht nur hier ordentliche Kritiken. Bei ner Poprezi muss ich nicht unbedingt etwas über die kompositorischen Mittel erfahren - gerade die Mukke von Adele ist da eher simpel gehalten. Guck Dir doch mal die verwendeten Akkorde an - nichts Besonderes.

    • Vor 3 Jahren

      Bass, Gitarre, Ukulele, Theremin, Okarina, Otamatone, Panflöte und ein wenig Schlagzeug und Klavier. Zudem habe ich in mehreren Bands gespielt, Songs aufgenommen und abgemischt. Und nun?

    • Vor 3 Jahren

      Und tatsächlich finde ich Miley Cyrus & Her Dead Petz deutlich spannender und interessanter als "25".

    • Vor 3 Jahren

      @SK Und das ist ja auch Dein gutes Recht! :-)

    • Vor 3 Jahren

      @c452h Es ging mir bei meinem Posting nur um Kritiken im Allgemeinen. Die Musik von Adele ist ziemlich simpel - darum gefällt es ja auch der Masse :-) Vielleicht schreibt sie ja mal was in 7/8, das wird aber mit Sicherheit dann nicht in den Charts zu finden sein ;-)

    • Vor 3 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 3 Jahren durch den Autor entfernt.

    • Vor 3 Jahren

      ja, ich würde es auch sehr begrüßen, hier zu jeder scheibe xy ein musiktheoretisches traktat zu lesen, um auch die gutheit angemessen nachvollziehen zu können...

    • Vor 3 Jahren

      Die objektive Rezension, Pt. 564674863279687429647942574857324758942754

    • Vor 3 Jahren

      @molten

      :D

      @Beltane63

      Musik ist für mich erst dann gut, wenn sie mir gefällt, ob nun simpel oder schwer zugänglich ist ganz gleich. Ein kompliziertes Stück ist ein kompliziertes Stück, das muss aber nicht automatisch heißen, das es besser ist als ein simples. In Adeles Fall: Ihre Musik gibt mir wenig und sie ist simpel, es ist dieses simple, was mir bei ihr mitunter nicht gefällt, wobei das bei anderen Interpreten genau das sein kann, was ich als gut empfinde. Ein Rezensent ist kein Musikprofessor und muss daher keine punktgenauen Analysen schreiben. Oder drehen wir den Spieß ganz einfach um: Da du kein Rezensent bist, solltest du Kritiken nicht bewerten dürfen. Klingt dämlich oder? Vielleicht weißt du aber wirklich was dort in den Kabinen von Konstanz vor sich geht, man weiß es nicht. :D

    • Vor 3 Jahren

      Mariah Carey Rezi, anyone?

    • Vor 3 Jahren

      @elbowBilly
      Ich bin eben der Meinung, das Hintergrundwissen nicht schadet, wenn man eine Kritik schreibt. Vor allem, wenn man damit die Meinung der lesenden Öffentlichkeit beeinflusst. Einfach nur "hören" kann jeder :-)
      Ansonsten hast Du völlig recht: Einfach oder kompliziert sind keine Eigenschaften, die gute Musik ausmachen. Und ob es einem nun gefällt oder nicht hängt ja auch von vielen Faktoren ab. Stimmung oder generelle Tagesform, um nur 2 zu nennen. Unter anderem sind es eher die Kabinen von Hamburg :-D

    • Vor 3 Jahren

      Ob groß, ob klein, hoch lebe er, der HSV! :lol:

    • Vor 3 Jahren

      Ihr immer mit eurem Kompetenz-Gelaber.
      Ich sage es mal mit Money Boy:
      Das steht nicht zur Debatte so wie Wolfgang Schäuble.

    • Vor 3 Jahren

      Lass' uns doch spielen!

    • Vor 3 Jahren

      Wichtig ist nur, dass die Musik einem gefällt und gefallen kann einem selbst Helene Fischer im 4/4-Takt. Ist ja auch nicht so weit von Adele entfernt.

    • Vor 3 Jahren

      @c452h
      Meine Rede!

    • Vor 3 Jahren

      Ich hätte eine schlechtere Rezi erwartet. Und im Gegensatz zu machen anderen Reviews scheint der Autor zumindest im Ansatz praktische und theoretische Erfahrung in Sachen Musik zu haben - die man wie ich auch finde, schon haben sollte, wenn man sich anschickt, ne professionelle Rezension zu schreiben.
      Ich hätte nach "Hello" aber auch ein schlechteres Album erwartet, von daher bin ich positiv überrascht und werds mir vielleicht sogar anschaffen.

    • Vor 3 Jahren

      @Frane Hey, wir sind schon 2! :-D

  • Vor 3 Jahren

    ich weis auch nicht so Recht.
    bei den ersten Durchläufen war ich auch ein bisschen enttäuscht. Wuchs aber mit jedem weiteren ein Stück mehr. (und wächst noch immer)Nach 20 Durchgängen bin ich nun ziemlich begeistert.
    Vielleicht ist die Review einfach zu voreilig geschrieben.

    21 hat auch nur 3 Punkte bekommen, von daher geht das klar, ist ja nicht das erste Mal, dass sich Laut.de irrt *LOL*

    4-5/5 von mir, wobei ich 21 mit 5/5 bewertet hätte.
    und eigentlich verdient das 7/5 wenn der Bieber 4 bekommt.
    vermutlich meine liebste Platte des Jahres, nicht weils musikalisch die Beste ist, aber weil ich noch sehr lange Freude an ihr haben werde.

  • Vor 3 Jahren

    Je öfter ich das Album höre, um so mehr begeistert es mich. Dieses Gefühl in dieser einmalig schönen Stimme haut mich immer wieder um. Manchmal, ganz manchmal, wünsche ich mir, sie würde ihr Stimmvolumen nicht immer bis zur Grenze ausreizen, ich wünschte mir ein paar mehr Songs wie der Anfang von Hello...dunkel, warm und voll. Selbst da hört man die Wucht, zu der diese Stimme fähig ist. Ein großartiges Album für mich und ganz sicher bin ich in Amsterdam live dabei.
    PS. Der Autor ist schlecht informiert, Adele hat einen Sohn, keine Tochter ;)