laut.de-Kritik

Mama! Das Funkrockmonster hat den Rapper gefressen!

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Falls jemand sich zu der kühnen Theorie versteigen sollte, Begabungen seien unter den Menschen fair und gleichmäßig verteilt worden: Donald Glover bildet den Gegenbeweis auf zwei Beinen. Als Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur brilliert er gerade wieder in seiner Serie "Atlanta", wo er auch sein komisches Talent auslebt. Dass zudem ein überaus fähiger Rapper in ihm steckt, weiß jeder, der schon einmal mit seinem Alter Ego Childish Gambino in Berührung kam.

Von dem allerdings hatte man schon ziemlich lange nichts gehört. So lange, dass bereits Gerüchte die Runde machten, Glover habe der Musik den Rücken gekehrt, das Mikrofon an den Nagel gehängt. Im November jedoch riss er das darob aufkeimende Bedauern mit der Wurzel aus: Per Tweet kündigte Childish Gambino sein drittes Studioalbum an. Einen Tag später entließ er im Rahmen von Zane Lowes Radioshow den ersten Vorboten in den Äther.

Der Sechseinhalb-Minuten-Track, der den Reigen nun konsequenterweise auch eröffnet, enttäuscht allerhöchstens diejenigen, die von Childish Gambino eine weitere Rap-Platte erwartet hatten. Tatsächlich dürfte Rap so ziemlich das Einzige sein, das "Awaken, My Love!" nicht birgt. Wie man damit nach dieser Vorab-Single allerdings noch ernsthaft rechnen sollte: keine Ahnung. Wie man angesichts dessen irgendetwas vermissen könnte: KEINE AHNUNG!

"Me And Your Mama" hebt mit Glockenspiel-Klingeling wie von einer Spieluhr an. Chöre, Fingerschnippen, fiepende Elektrosounds gesellen sich dazu, und sanft über Saiten gleitende Finger. Nichts, aber auch gar nichts an dem einlullenden Stück deutet zunächst darauf hin, zu was für einem Funkrock-Monster sich das Ding noch auswachsen soll. Doch schon streckt der Bass seine Fühler aus, wird zunehmend bratziger, die Hi-Hats schnarren, die Quittung für die aufkommende Verwunderung: dreckiges Gelächter.

Hölle und Verdammnis, was passiert denn hier, bitte? Es klingt, als habe sich Lenny Kravitz (seine frühe, sich bis über die Schmerzgrenze hinaus verausgabende Version, nicht dieser Dienstleistungsrocker, den er in den letzten Jahren ins Rennen geschickt hat) in ein Videospiel-Setting im "Tron"-Style verlaufen, um dort in Weedschwaden gehüllt abwechselnd Smokey Robinson und Outkast zu zitieren, im Vorübergehen noch schnell einen dreckigen Bastard mit George Clintons "Dr. Funkenstein" zu zeugen und der Chimäre als Schlaflied ein bisschen Pink Floyd vorzuspielen.

Nach diesem Ausbruch in verzweifelte Liebesschwüre kehrt Childish Gambino zum sachten Walzertakt zurück, als sei rein gar nichts geschehen: möglicherweise die größte Frechheit des Tracks. Das war gerade einmal der Opener. Ich kann nicht mehr. Childish Gambino nimmt darauf keine Rücksicht. Mit Schützenhilfe seines Produzenten Ludwig Göransson gibt er zwischen wuchtigen Drums und Chorgesang, zwischen Bass und Blechgedengele und quietschenden Orgeln eine Funkadelic-getränkte Reinkarnation von Prince. "I got the business to make a mind." Ja, wer, wenn nicht der?

Jemandem, der "Zombies" ausbrütet, die zugleich wie 10ccs "Not In Love", "Nightcall" von Kavinsky, Marillions "Kayleigh" und irgendeine halb vergessene Nummer von Stevie Wonder klingen, so einem ist alles zuzutrauen. So einer kann auch Beziehungsthemen dergestalt besingen, dass sie sich zugleich als politische Statements lesen lassen, und umgekehrt. "Don't take my baby boy, don't take my pride and joy": Richtet sich das wirklich an die Kindsmutter? Spricht aus den Worten nicht vielmehr die Angst eines (schwarzen) Vaters um seinen (schwarzen) Sohn, in Zeiten, in denen rassistische Ausbrüche und Polizeigewalt wieder unübersehbar hässliche Blüten treiben?

Wollen dir tatsächlich "Zombies" Herzblut und Hirn auslutschen, oder produziert doch die mitleidlose Unterhaltungsindustrie die Untoten? Oder gleich ... das System? Ich würde nicht wetten. Viel zu doppelbödig gestaltet Childish Gambino seine Texte, wenn er, mit Gruß an KC & The Sunshine Band, den "Boogie Man" beschwört oder zum "Riot" aufruft. Nach diesem brodelnden Ausbruch fällt es wahrlich schwer zu glauben, dass sich "Redbone" lediglich auf Zwischenmenschliches beziehen, "Terrified" tatsächlich nur Einblick in eine angesichts der Flüchtigkeit des Ruhms verängstigte Künstlerseele gestatten soll, ohne tiefergehende, sozial- und gesellschaftskritische Komponente.

Rap, wie gesagt, gibts diesmal nicht. Abgesehen davon zieht Childish Gambino aber alle Register. Er croont und schmachtet, röhrt und schreit, nutzt Vocoder und Effekte, packt in "California" zwischendurch noch jamaikanisch gefärbten Gesang aus. Einzig in "The Night Me And Your Mama Met" überlässt er das Feld Gary Clark Jr. und seiner Gitarreund gebiert ein weiteres Wiegenlied. Eins, das auch neun Monate vorher schon bestens taugt.

"Stand Tall", ein krasses Potpourri, schlägt am Ende wüste Haken zwischen den musikalischen Schubladen und zeigt noch einmal überdeutlich, dass wirklich alles geht. Nein, die Begabungen sind nicht fair verteilt. Childish Gambino hat mehr abbekommen als andere Kinder. Gut so. Wenigstens weiß er, was sich damit anstellen lässt.

Trackliste

  1. 1. Me And Your Mama
  2. 2. Have Some Love
  3. 3. Boogieman
  4. 4. Zombies
  5. 5. Riot
  6. 6. Redbone
  7. 7. California
  8. 8. Terrified
  9. 9. Baby Boy
  10. 10. The Night Me And Your Mama Met
  11. 11. Stand Tall

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8 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor 7 Jahren

    Stellenweise musikalisch wie eine Untermalung eines 70er Jahres Pornos...cooler Sänger.. Redbone geht auch ohne Probleme als besserer Prince Song durch... trotzdem nur 3/5 weil mich die 70er Soul/Disco Sachen noch nie begeistert haben

  • Vor 7 Jahren

    Super Album, das leider trotzdem einen hohen Skip-Faktor hat. Track 1 ist ist fabelhaft. Track 2 ist lame und hat auch inhaltlich nicht so viel zu bieten. Dann kommen Track 3 und 4, welche beide wieder super sind, gefolgt von "Riot", was insgesamt etwas zu gewollt wirkt und auch geskippt wird, gefolgt von "Redbone" (zweifellos der beste Track hier) und danach dann "California", was nur nervt... "Terrified" und "Baby Boy" sind dann wieder echte Bretter wohingegen der Rest dann auch nur mäßig vor sich hin blubbert.

    Wie gesagt, super Album, was aber leider später nur für seine beiden großartigen Vorabsingles erinnert werden wird...

  • Vor 7 Jahren

    Absolute Stoner-Mucke! Perfekt in Kombination mit heftigem Haze!
    Wie m4nic schon sagt, herausragend sind der Introtrack und Redbone (da klingt der total nach Macy Gray, finde ich :D), aber auch den Rest kann man sich gut geben, relativ wenig Ausfälle. Sogar die Autotune-Parts feier ich.