laut.de-Kritik

Bier, Bärte, Bräute und Blues.

Review von

Man schreibt ZZ Top einige Trademarks zu. Rauschebärte, MTV-Clips mit leicht bekleideten Damen, Sonnenbrillen, spacige Gitarrenkonstruktionen, High Tech-Boogie ... und Blues.

Außer Blues war 1973 noch nichts davon am Start, als das Trio sein drittes Album "Tres Hombres" veröffentlichte. Die Grundlage für den kommenden Erfolg mit weltweit ausverkauften Touren und millionenfach verkauften Platten legte aber genau dieses doch eher unscheinbar daher kommende Werk. Unscheinbar treten die drei Herren hier auf, zumindest was das Cover anbelangt. Von stylisher Aufmachung bleibt das Ganze so weit entfernt wie einmal zum Mond und zurück.

"Tres Hombres" entstand in einer Zeit, in der Billy Gibbons mit paillettenbesetzem Anzug und Stetson auftrat und neben ihm Dusty Hill den Hillbilly-Typen in Jeans-Klamotten mimte. Frank Beard im Hintergrund war damals eher der schnauzbärtige Hippie.

Diese völlig uncoole Truppe muckerte bis Anfang der Siebziger durch Texas, außerhalb des Lone Star States nahm man von ihnen kaum Notiz. Wirkliche Hits? Fehlanzeige. Die Tour zum 1972 erschienenen zweiten Longplayer "Rio Grande Mud" fand weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Was tun, sprach Zeus? Aller guten Dinge sind drei. Drei Musiker feilen am dritten Album. Produzent Bill Ham oblag es, den für den Sound so immanent wichtigen Terry Manning an Land zu ziehen. Er verpasst dem Album den knochentrockenen Klang, der auch heute noch völlig zeitlos anmutet. Ham mit seiner Firma Lone Wolf Productions sollte die Geschicke der Band bis 2006 leiten und war auch für den Imagewandel der Band zuständig. Aus den texanischen Provinzmusikern machte er gefeierte Stars der MTV-Generation. Ohne ihn spielte das Trio vielleicht heute noch bei Rodeos zum Tanz auf, statt um die Welt zu touren. Das beste Image ersetzt aber nicht die musikalische Substanz.

Ein Live-Set des Trios ohne "La Grange"? Undenkbar! Um ihren ersten richtigen Hit gab es im Nachhinein noch jede Menge Ärger. John Lee Hookers Kumpel Bernard Besman, der die Rechte am 1948 erschienenen Song "Boogie Chillun" hält, zerrte das Trio vor Gericht und verklagte ZZ Top. Da Besman für das Stück beim Erscheinen aber kein Copyright anmeldete, konnten Gibbons, Hill und Beard auch nicht verurteilt werden.

Wäre auch zu schade gewesen, hätte man das Trio für diese geniale Nummer verknackt. Gibbons legt seine Interpretation des Hooker-Riffs vor, auf dem Beard im Hintergrund munter mit den Sticks klöppelt. Spätestens, wenn der Gitarrist auf den Verzerrer latscht und Frank Beard den unwiderstehlichen Shuffle-Rhythmus spielt, gibt es aber kein Halten mehr. Der Text dreht sich um einen Puff im Kaff La Grange namens Chicken Ranch, dem sogar später ein Musical gewidmet wurde: "The Best Little Whorehouse in Texas". Muss dort wohl ziemlich abgegangen sein, damals.

Den Anfang macht jedoch ein kongeniales Duo, bestehend aus "Waitin' For The Bus" und "Jesus Just Left Chicago". Dass die beiden Songs in der Studio-Version ohne Pause hintereinander weg laufen, ist einem Zufall geschuldet: Soundmann Manning schnibbelte einfach zu viel Tape weg. Heute kann man sich gar nicht vorstellen, dass diese zwei Nummern separat funktionieren. Auch live spielen ZZ Top das Doppelpack nur im Verbund.

Der Beginn zeichnet die Marschrichtung vor. ZZ Top interpretieren den Bluesrock nun um einige Nuancen tighter. Das gipfelt in aggressiveren Ausbrüchen à la "Beerdrinkers And Hellraisers", das mit beiden Beinen tief im Hardrock steht. Der Track lebt neben dem fulminanten Gitarrenspiel vom perfekt zueinander passenden Wechselgesang von Hill und Gibbons. Dem eher rauchigen Organ des Klampfers setzt der Basser einen schönen, klaren Kontrapunkt entgegen. Ein Stilmittel, das die Band in ihrer weiteren Karriere leider zu selten verwendete.

Außer um Sex und Damen aus dem horizontalen Gewerbe ("La Grange", "Precious And Grace") geht es auf dem Album auch um ungewohntere Themen: So erzählt Gibbons von einem Späßchen der anderen Sorte, bei dem man froh sein kann, nicht besoffen auf den Straßen von Texas aufgegriffen zu werden: "Master Of Sparks" beschreibt die Unsitte, Betrunkene in einem Metallkäfig zu stecken und diese Konstruktion an einem Truck zu befestigen. Wenn bei entsprechender Geschwindigkeit das Metall anfängt, Funken zu sprühen wähnt man sich als "Master Of Sparks". Sehr witzig.

Das locker vor sich hin groovende "Shiek" fährt eine andere Schiene. "I met a shiek from Mozambique, who led me to the Congo. He dreamed to go to Mexico and sample a burrito." Dazu passen passen Rasseln und ein etwas derangiert vor sich hin quäkender Billy, der offensichtlich druff zu sein scheint.

Mit "Hot, Blue And Righteous" und dem finalen Schunkler "Have You Heard" huldigen ZZ Top noch ausgiebigst dem Blues in seiner reineren Form, wohingegen "Precious And Grace" mit den oben Erwähnten Klassikern mühelos mithalten kann. Die verschobene Rhythmik und der hysterisch klingende Sololauf von Gibbons sind jedoch nicht unbedingt massenkompatibel.

Den Titel "Little Ol' Band From Texas" haben sie sich über die Jahre zwar bewahrt, sie kokettieren damit immer wieder. Aber "little" war nach "Tres Hombres" im ZZ Top-Universum gar nichts mehr: Ab Juli 1973 ging es für das Trio steil.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Waitin' For The Bus
  2. 2. Jesus Just Left Chicago
  3. 3. Beer Drinkers & Hell Raisers
  4. 4. Master Of Sparks
  5. 5. Hot, Blue And Righteous
  6. 6. Move Me On Down The Line
  7. 7. Precious And Grace
  8. 8. La Grange
  9. 9. Shiek
  10. 10. Have You Heard?

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