laut.de-Kritik

Eine einzige Frechheit: Fremdscham vom Fließband.

Review von

Um es kurz zu machen: "Bei Meiner Seele" ist schlichtweg peinlich. So peinlich, dass die Platte stark an der Grenze zur Unverschämtheit kratzt. Nach den 50 Minuten Spielzeit bleiben nur zwei Erkenntnisse. Erstens: Xavier Naidoo hat endgültig keinerlei Ambitionen mehr, irgendetwas künstlerisch Wertvolles zu schaffen. Zweitens: Er hält seine Hörer für Idioten.

Dabei muss man nicht einmal eine hohe oder überhaupt irgendeine Meinung zu dem Mannheimer haben, um sich von seinem Fünftling beleidigt zu fühlen. "Bei Meiner Seele" ist derart lieblos, dabei aber so prätentiös und schleimig, dass es selbst Naidoo die Schamesröte ins Gesicht treiben sollte. Insbesondere, weil nur er alleine Schuld an diesem Tiefpunkt deutscher Popmusik trägt.

Denn musikalisch ist zumindest der Anfang der Scheibe durchaus hinnehmbar. Erst mit dem Radioballädchen "Der Letzte Blick" verliert die Platte endgültig an Saft und driftet in die Langeweile ab. Vorher bestimmt solider Soulpop die Richtung, nichts Weltbewegendes zwar, aber zumindest erträglich. Hier ein Reggae-Einschlag ("Autonarr"), dort ein verhältnismäßig ordentlicher Groove ("Bei meiner Seele (DJ Release Remix)"), dazu ein bisschen Rock ("Höchste Zeit"). Man muss so glatt nicht produzieren wie Popakademie-Student Jules Kalmbacher es getan hat, aber er tut damit wenigstens niemandem weh.

Im Gegensatz zu Xavier Naidoo mit seinen Texten. Zur Erinnerung: Wir reden hier von einem der erfolgreichsten und bekanntesten Musiker des Landes, der sich in populären Castingsendungen gerne als 'Doktor Ton' geriert. Angesichts des Songwritings auf "Bei Meiner Seele" geht Hartmut Engler als Professor durch. Naidoos Texte sind derart dümmlich und platt, dass sie wohl selbst für Pur zu billig wären.

In seinen besseren Momenten erzählt Naidoo zusammenhangloses Zeug wie in "Das Aufgebot", hinter dessen Sinn er wohl nicht einmal selbst gestiegen ist. Den Rest der Zeit produziert er Fremdscham am Fließband.

Dass Naidoo im Refrain des Titelsongs allen Ernstes "Liebe voll" auf "liebevoll" reimt, ist dabei schon fast nicht mehr der Rede wert. Zu diesem Augenblick ist man noch froh, dass er zur Abwechslung mal fröhlich weint und noch nicht über Gott gesungen hat. Tatsächlich spielt Religion auf "Bei Meiner Seele" keine Rolle. Es ist noch viel schlimmer.

Naidoo gründet in "Autonarr" so etwas wie eine eigene Sekte: "Im Auto fühle ich mich verbunden mit anderen Menschen / Ich nenne uns gerne die In-Car-Nation." Seine gefahrenen Kilometer teilt er in ein goldenes Punktesystem ein, erzählt er weiter. "Es gab Jahre da konnte man meine Punkte vom Weltall aus funkeln sehen." So weit, so unterirdisch. Naidoo scheint die meiste Zeit high durch die Gegend zu fahren.

Wenn er gerade nicht in seiner Karre sitzt, hält er sich offenbar für einen mörderisch erhabenen Frauenversteher. Zumindest entschuldigt er sich in "Höchste Zeit" einfach mal pauschal: "Und (sic!) ich weiß, dass es gar nicht geht / Würd ich mich gerne entschuldigen / Für alle Männer, die gewalttätig sind, lieblos, wortlos, brutal, sinnlos, brotlos, sprachlich fäkal." Dass er in der Strophe vorher noch über einen "Vaffanculo" schimpft und dessen Genitalien an einer Wäscheleine aufhängt – geschenkt. Denn er hat ja Recht: "Ihr seid Göttinnen, ihr bringt das Leben zur Welt / Wir sind nur eure Untermieter, vergebt uns." Wie poetisch.

Frauen, die darauf anspringen, möchte ich nicht mal kennen. In deren Welt gilt hanebüchener Schwachsinn wie "Ich bin dein stiller Teilhaber, ich bin dein Stiller." ("Stiller (Teilhaber)") wahrscheinlich wirklich als romantische Liebeserklärung.

Das alles würde ja noch als Trash durchgehen, wäre Naidoo nicht komplett humor- und ironiebefreit. Man ahnt es schon beim dritten Titel: Naidoo covert "Junge" von Die Ärzte und beraubt das Stück all seiner Schlitzohrigkeit. Selbst Heino hat den unterschwelligen Spott in seine Version gerettet, Naidoo hingegen singt in echter resignativer Enttäuschung. Er kann einfach nicht anders als lahm, bieder und ernst.

So ist es wenig verwunderlich, dass ausgerechnet das Stück am erträglichsten ist, auf dem Naidoo nur eine Nebenrolle spielt. Moses Pelham reißt die düstere Reunion "Deine Last" glücklicherweise fast komplett an sich. So entsteht kurz vor Schluss wenigstens noch einmal Atmosphäre – so man es denn bis dahin schafft.

Der Großteil der zurechnungsfähigen Hörer dürfte schon bei "Hört, Hört" um Fassung ringen: Naidoo hält sich wirklich für einen kantigen und provokanten Künstler. "Meine Stimme hat manche betört / Meine Worte haben viele verstört", singt er da. Und als würde er doch selbst ein wenig zweifeln, unterstreicht er nur eine Zeile später: "Meine Lieder haben viele gehört / Wahrscheinlich hab ich aber viele verstört."

Ein einziges Mal, lieber Xavier, hast du irgendjemanden verstört. Vor Kurzem erst, als du mit Kool Savas den potenziell homophoben Hidden Track von "Gespaltene Persönlichkeit" veröffentlicht hast. Wer so abgehoben ist, auf so etwas stolz zu sein, hält wahrscheinlich auch "Bei Meiner Seele" für einen großen Wurf.

Trackliste

  1. 1. Bei Meiner Seele (DJ Release Remix)
  2. 2. Höchste Zeit
  3. 3. Junge
  4. 4. Autonarr
  5. 5. Hört, Hört
  6. 6. Der Letzte Blick
  7. 7. Das Aufgebot
  8. 8. Phrasen Für Dich
  9. 9. So Schön Wie früher
  10. 10. Stiller (Teilhaber)
  11. 11. Woran Kann Ich Den Menschen Erkennen
  12. 12. Deine Last (feat. Moses Pelham)
  13. 13. Bei Meiner Seele

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55 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor einem Jahr

    @MrGoodkat (« Xavier Naidoo hat ebenfalls dazu beigetragen, dass die DFB-Elf in den letzten Jahren keinen Titel holen konnte. Wer Xavier Naidoo und Shakira als Motiviation und zum "heiß machen" benutzt, ist selber schuld.

    Und was hat der Welt- und Europameister Spanien genommen? Kasabian - Club Foot. SO gewinnt man Turniere! »):

    Wir hatten Andras Gaballier bei der Ski-WM... Jz ism ir endlich klar, warum wir so schlecht waren^^

  • Vor einem Jahr

    Da gebe ich auch mal meinen Senf dazu.

    Was mich etwas stört, das hier viele Leute offenbar den Künstler nicht mögen. Und ich finde man sollte keine Platten kommentieren, wenn man den Künstler per se nicht mag.

    Ich gehe ja auch nicht aufs Heino-Konzert in dem Wissen ich mag kein Heino und Volksmusik. Rufe da buh und gehe beim neuen Konzert wieder buh rufen.

    Das gilt auch für den Kritiker von Laut. Da klingt auch schon per se eine Abneigung durch. Man sollte also nur Leute Kritiken verfassen lassen, die auch was mit einem Künstler anfangen können.

    Welchen Wert hat sonst eine Kritik von einem der naidoo nicht mag, für einen der naidoo mag. Doch keinen.

    Das ist sonst einfach nur dummes Bashing. Sorry aber das musste mal sein.

    Zur Platte.
    Also ich mag Xavier Naidoo. Aber die Platte ist wirklich schlecht. Das ist die erste Platte, wo ich kein Lied gut fand.

    Die Texte sind belanglos. Klingt, wie Reinhard May der übers Apfelbäumchen singt. Stellenweise ist der gesagt echt nahe am Jaulen. Soul hört sich anders an. Vor allem Soul braucht Seele.

    Vielleich ist das auch eine Sammlung von B-C Songs, die Naidoo noch irgendwo rumliegen hatte.

    Fazit:
    Wer Naidoo mag, der sollte echt vorher unbedingt Probehören, um nicht Enttäuscht zu sein.

  • Vor einem Jahr

    Grosses Kompliment für solche Ahnungslosigkeit und für die Tatsache, dass der Kritiker auch überhaupt keine Scham zeigt, diese öffentlich zu machen. Genau solche Kritiker habe ich gefressen. Hipster-Typen, die beim schreiben eh nur alles dem Anti-Mainstream-Geschmack abgucken, Arcade Fire mit ner Mischung aus Klingelton-und Dreiakkordmusik oder die pseudointellektuellen Tocotronic als total den heissen Scheiss verkaufen und eh nur Platten, die nicht in dieses Muster fallen, anhören, um ihre eh schon festgefahrenen Vorurteile zu bestätigen. Auch inhaltlich grobe Fehler(die Aufzählung wäre müßig, denn es sind derer einfach zu viele), die auf das unprofessionelle Berufsethos des Schreibelings schließen lassen, alles nachzukauen, was andere längst schon mehrfach geschrieben haben. Wie Koto99 richtig schreibt,- wie kann man etwas kritisieren, von dem man schon im vorhinein weiß, dem jeweilen Künstler gebe ich keine Chance. Dann doch lieber so, wie Koto99 es beurteilt(da bin ich zwar anderer Meinung) aber diese Kritik ist wesentlich schlüssiger als der ganze Schmu, den Hilzendegen verzapft hat. Grausam. Tipp an die Redaktion, um nicht in den ewig gleichen Fahrwassern unterwegs zu sein, fragt Koto99, der ganz offensichtlich mehr Ahnung vom Kritisieren von Alben besitzt und schmeißt den Langerweiler raus.

    dude