laut.de-Kritik

Ein Bastard namens Pop.

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Wer nicht zufällig in München wohnt, mag mit dem Titel "Tour de France" in erster Linie Radrennen oder eine Elektronikband aus Düsseldorf assoziieren. Die bayerischen Landeshauptstädter und neuerdings auch die Berliner sind da schon einen Schritt weiter. Denn im Muffatcafé und im Roten Salon der Volksbühne präsentiert DJ Thomas Bohnet allmonatlich seine musikalischen Leckereien aus 40 Jahren französischer Popmusik.

Da animiert beispielsweise MC Solaars "Nouveau Western" zum Kopfnicken, nachdem gerade noch France Gall "Teenie Weenie Boppie" kreischte und kurz bevor Daft Punks "Da Funk" den Club zum Beben bringt. Diese Song-Reihenfolge wäre Bohnet natürlich weit zu abenteuerlich, tatsächlich lässt er eine gehörige Portion Feingefühl hinterm Mischpult walten, um die verschiedenen Stile nicht wehrlos aufeinander prallen zu lassen.

Schließlich geht es ihm nicht um eine wirre Form von Bastard Pop, sondern um den kompletten Bastard namens Pop, der in der benachbarten Musikszene wütet. Für "Le Tour" (der Name "Tour De France" war rechtlich nicht loszueisen) beschränkt sich Bohnet allerdings auf Songs der letzten sechs Jahre. Nicht ganz zu Unrecht, gibt es mit den "Le Pop"- oder "French Cuts"-Serien schon genug Sampler, die entweder ein bestimmtes Jahrzehnt oder ausschließlich ein Genre hochleben lassen.

Dass es Les Rita Mitsouko nicht aufs Bicyclette geschafft haben, macht der Opener von Dionysos schnell vergessen, ein smartes Stück Indie-Rock mit unnachahmlicher Frauen-Hookline. Statt MC Solaar droppt Mickey 3D seine Rhymes, pardon, ses rimes und seine Refrainzeile "Il faut que tu respire" ("Du musst tief durchatmen") gilt auf den dicht bevölkerten Dancefloors von Bohnets Party-Abenden einmal mehr.

Neben Nouvelle Chanson-Vertretern wie Dominique A featuret der Münchner DJ eine beachtliche Zahl an fröhlichen Ska-, Ragga- und Reggae-Pop-Stücken (Zebda, Les Hurlements D'Leo, N&SK), die aufzeigen, dass sich hinter dem Rücken Manu Chaos bereits eine ganze Riege an hochwertigen Künstlern formiert hat. Stellvertretend für den nicht geringen Prozentsatz afrikanischer Musiker in der französischen Kultur steht "Ya Rayah" des algerischen Sängers Rachid Taha.

Zu den Höhepunkten des Samplers gehören Rubin Steiners Elektro-Downbeats, denen alle Air-Fans mal ein Ohr leihen sollten und Lukas zarte Gitarrenakkorde in "Se Taire", die einen Chris Martin geradezu herauf beschwören.

Nicht zu vergessen "Fanny Ardant Et Moi" von Vincent Delerm, einem Mann, der bereits Songs über Charles Bukowski und Marie Trintignant verfasste. Hier ist er mit einer launigen Piano-Hommage an die Schauspielerin Ardant vertreten, die hierzulande vor allem als kühler Vamp im Kinoerfolg "8 Frauen" bekannt wurde. Ähnlich dem französischen Film, birgt auch die musikalische Szene in Frankreich hohes Begeisterungspotenzial, was einem "Le Tour" überzeugend nahe bringt.

Trackliste

  1. 1. Dionysos - Coiffeur D'Oiseaux
  2. 2. Mickey 3D - Respire
  3. 3. Dominique A - En Secret
  4. 4. Louise Attaque - J't'emmene au vent
  5. 5. Les Hurlements D'Leo - La Der Des Der
  6. 6. Zebda - Tomber La Chemise
  7. 7. N&SK - Ca L'Fait
  8. 8. Rachid Taha - Ya Rayah
  9. 9. Samia Farah - Les Temps Difficiles
  10. 10. Massilia Sound System - Toute Petite Danse
  11. 11. Tiken Jah Fakoly - Y'En A Marre
  12. 12. Rubin Steiner - Minellos (Part Two)
  13. 13. Luke - Se Taire
  14. 14. Vincent Delerm - Fanny Ardant Et Moi
  15. 15. Die Aeronauten - Poupée De Cire, Poupée De Son

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