laut.de-Kritik

Das einzige relevante Depeche Mode-Album 2017.

Review von

Synthie Pop. New Wave. Eighties. Dance Music. The Pop Album. Depechemodesk.

Die Schlagwortsammlung zum dreizehnten Ulver-Studioalbum reicht von Plattitüden über Unwahrheiten bis hin zu Neologismen der abenteuerlichsten Art und Weise. Dabei ist "The Assassination Of Julius Caesar" in erster Linie eines: Waschechter Ulver-Output. Mit allen liebenswürdigen Unberechenbarkeiten.

Und wenngleich inzwischen klar sein sollte, dass ein blinder Griff ins CD-Fach der Norweger absolute Scheuklappenfreiheit erfordert, markiert "The Assassination Of Julius Caesar" den wohl provokativsten Kreativsprung seit dem mittlerweile neunzehn Jahre alten Befreiungsschlag "The Marriage Of Heaven And Hell". Nach Psychedelic Rock, Kammermusik und einem kurzen Drone-Intermezzo mit Sunn O))) wirken die tanzbaren Darkwave-Momente des Vorabtracks "Nemoralia" zunächst erschreckend vitalisierend.

Hinter dauerhaft fluoreszierenden Synthesizer-Arpeggios und catchy Hooklines samt weiblichen Background-Vocals ("Rolling Stone") verbirgt sich aber weitaus mehr als ein bloßes Aufspringen auf den derzeit die Indie-Szene niedermähenden 80s-Revival-Zug. Die neue norwegische Eingängigkeit fußt in Wirklichkeit auf durchaus bekannten Qualitätsmerkmalen, die sich das Kollektiv im Laufe der letzten zwanzig Jahre zunehmend erarbeitet hat.

So entpuppen sich die eigentlich ach so elektronisch-treibenden Drums genau im richtigen Moment als analoges Herzstück der Platte. Zeigt sich einerseits im luftigen, "Wars Of The Roses"-artigen "So Falls The World" wie auch in der abschließenden "Perdition City"-Reminiszenz "Coming Home" – urban-morbides Sin-City-Flair inklusive.

Und auch wenn "The Assassination Of Julius Caesar" vom ersten Aufsetzen der Plattennadel an nach extrovertierter Abgrenzung vom vorherigen Semi-Live-Werk "ATGCLVLSSCAP" schreit: Ulver bedienen sich über weite Strecken den Errungenschaften ihres zunehmenden Daseins als Liveband. "Southern Gothic" trumpft mit knackigen Percussions, Hip-Hop-DJ und Dauerkollaborateur Ole Aleksander Halstensgård drängt die Klaviermotive von Tastenmann Tore Ylwizaker mit sphärischen Klangkaskaden mehr als einmal in den Hintergrund. Will heißen: Immer knapp am Kontrollverlust vorbei. Arten die Synthkaskaden mal nicht in erschreckend Shining (NOR)-artige Raserei aus (Outro "Rolling Stone"), setzen sich die Grundzutaten wahlweise zu delaylastigen Dub-Momenten ("Angelus Novus") oder herzerwärmend simplen Melo-Popsongs ("1969") zusammen.

Dabei hätten Ulver ganz andere Wege gehen können. Doch warum eine avantgardistische Elektro-Pop-Herangehensweise im Sinne Björks wählen, wenn sich das eigene Können problemlos mit den Großtaten von Bands wie Talk Talk in ihrer kommerzielleren Phase messen lassen kann? Wo neuzeitliche Künstler wie Trentemøller dem New Wave eher Tribut zollen denn weiterdenken, setzen Ulver erst richtig an. Natürlich spinnen die Norweger den Depeche Mode-Faden nicht wirklich endlos weiter, verlieren den selbigen aber eben auch nie – ganz im Gegensatz zu den Altmeistern.

Und so kommt es, dass "The Assassination Of Julius Caesar" einen nur von Track zu Track weiter ins eigene Netz einlullt, sondern einem obendrauf noch ein bedächtiges Dauergrinsen ins Gesicht zaubert. Weil wahres Herzblut manchmal doch so einfach erkennen ist. Weil sich auch Nicht-Fanboys eingestehen müssen, dass Ulver ein Händchen für scheinbar jedes Genre haben – und sich einen großen Spaß daraus machen, es immer wieder unter Beweis zu stellen.

Und weil man schlussendlich erkennt, zu was für einem außergewöhnlichem Sänger sich der ehemalige Black-Metal-Schreihals Kristoffer Rygg entwickelt hat. Lady Di, Manson Family, das päpstliche Attentat 1981 – selten zuvor erklangen die Schattenseiten der Popkultur derart verheißungsvoll und erotisch. Und so darf sich Mr. Gahan auch weiterhin gerne fragen, wo die verdammte Revolution bleibt. Ulver haben sie noch immer gefunden. Immer und immer wieder.

Trackliste

  1. 1. Nemoralia
  2. 2. Rolling Stone
  3. 3. So Falls The World
  4. 4. Southern Gothic
  5. 5. Angelus Novus
  6. 6. Transverberation
  7. 7. 1969
  8. 8. Coming Home

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8 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 5 Monaten

    Moderner aber etwas schwerfälliger Synthiepop (3/5). Bin froh das Depeche Mode dieses Album nicht aufgenommen haben. Die Beschreibung von Ulver hat mich aber neugierig gemacht. Band wird gecheckt!

    • Vor 5 Monaten

      Die von mir erwähnten "Perdition City" (düsterer Trip-Hop) und "Shadows Of The Sun (melancholischer Post-Rock mit dezenten Jazzeinsprengseln) dürften als hervorragender Einstieg taugen. Vieles dazwischen klingt bisschen abgehoben und künstlerisch ambitioniert, aber durchaus, wie bei der "Messe I.X-V.IX" sehr hörenswert. "Blood Inside" beherbergt wiederum mehr poppige Elemente, aber die müsste ich noch etwas genauer hören. Die ersten drei Alben sind noch im Black-Metal/Neo-Folk anzusiedeln.

    • Vor 5 Monaten

      Gestern habe ich mit "ATGCLVSCAP" angefangen. "Blood Inside" läuft gerade.

  • Vor 5 Monaten

    Handwerklich perfekter aber uninspirierter Bombast-Synthie-Pop mit starken Caligola-Anleihen. Bass-Wummer, tausendfach gehörte Melodielinien und Bumm-Tschak Rhythmen.
    Auch wenn das letzte Album schwach war, diesen Vergleich haben Depeche Mode nicht verdient.