laut.de-Kritik

Die Brücken der Vergangenheit führen ins Nichts.

Review von

Getrieben von der Trauer über den Tod seiner Mutter Carrie im Jahr 2012 erschafft Sufjan Stevens eine intime Blase, die, losgelöst von Konvention und Zeitgeist, zur Aufrichtigkeit einlädt. Denn "Carrie & Lowell" ist gerade deshalb so effektvoll, weil es Ehrlichkeit und Direktheit vermittelt.

Ähnlich wie auf den Vorgängern "Illinois" und "The Age Of Adz" verleiht Stevens auch auf seinem siebten Solo-Album der Musik einen narrativen Rahmen. Die Platte handelt von den Tagen, in denen Sufjan, eigentlich bei seinem Vater aufgewachsen, seine Mutter Carrie und deren neuen Mann Lowell besuchte. Dieser Ausflug in die Kindheit stellt für Stevens eine ebenso wohlige wie wehmütige Erinnerung dar.

Der Mann aus Brooklyn verarbeitet diese Gedanken aus popmusikalischer Sicht zur richtigen Zeit. Was wurde dem Folk nicht alles angetan, nachdem er seit den 2000ern wieder en vogue war? Der Genrebegriff verkam in letzter Zeit immer mehr zur Plattitüde für weinerliches Gitarrengezupfe bärtiger Endzwanziger. Und Stevens? Der tritt ebenso unrasiert, aber ansonsten gar nicht konform auf: Er reagiert mit Reduzierung.

"Carrie & Lowell" besinnt sich auf die basalen Stärken des Folks. Meist nutzt Stevens einzig das Wechselspiel zwischen Akustikgitarre und seiner gedämpften Stimme. Die zweite Gitarrenspur setzt in den Songs eher sporadisch ein; genauso wie die dann immer nur kurz aufblitzende Batterie von Melodieinstrumenten an den hymnischen Stellen der Stücke. Letztere platziert Stevens geschickt – beispielsweise gegen Ende von "All Of Me Wants All Of You", wenn klar wird, warum unter anderem The National seine Musik lieben.

Orgeln, orchestral klingende Synthies, Voice-Overdubs und Hintergrund-Chöre: Stevens fährt in der Breite dann viel auf, doch entzieht er sich dem Kitsch genau dadurch, dass er diese Masse an Instrumenten stets nur kurz und stellenweise hinzuzieht. "Carrie & Lowell" sieht die künstliche Überladenheit von "Age Of Adz" als Bombast und flüchtet sich ins genaue Gegenteil – Kinderstube statt Kathedrale!

Bemerkenswert, dass Stevens auf dem gesamten Album fast ohne Percussion auskommt (einzelne Stellen in "I Should Have Known Better" oder "John My Beloved" einmal außen vor gelassen). Dies treibt einerseits die Musik selbst ins Andächtige, andererseits fordert Stevens so vom Hörer mehr Aufmerksamkeit ein. Und das scheint notwendig, schließlich wächst die Platte enorm, sobald man ihre stummen Raffinessen erkennt.

Als behaglicher, aber stetiger Taktgeber bleibt jenes Rauschen, das wie ein Wechselspiel der Gezeiten in jede Lücke fließt, die Stevens' Song-Konstruktionen lassen. Und diese kleinen Atempausen gönnt er sich an den richtigen Stellen. In "Eugene" betont Stevens dann in Dylan-Manier wiederholt: "I just wanted to be near you!" Die Nähe zwischen Einzelnen rückt in den Fokus. Der Punkt, an dem "Carrie & Lowell" ergreift, ist nämlich exakt der, an dem man feststellt, dass der 39-Jährige nicht für ein großes Publikum, sondern für sich selbst schreibt.

Diese Art von Intimität zeugt von der Hingabe Stevens' zu seiner Musik und zu seinen Eltern. Genau das macht "Carrie & Lowell" so interessant – neben Arrangements, die sich stets selbst reflektieren in Bezug darauf, was wirklich nötig ist. Stevens versteht es, diesen Blick ins Innere, den er dem Hörer gewährt, nicht als Exhibitionismus dastehen zu lassen. Man fühlt sich jedenfalls nie in die Rolle versetzt, voyeuristischer Beobachter Stevens' letzter Worte an seine Mutter zu sein. Man folgt regelrecht der Einladung zu einem Konzert in kleinstem Rahmen.

Stevens entfernt sich deshalb von generischem Indie-Folk, bildet aber ebenso eine komplett andere Stimmung ab, als beispielsweise noch mit "Illinois". Er verfällt nicht in Retro-Romantik. Er erkennt, dass die Brücken der Vergangenheit ins Nichts führen und schließt damit ab. Dies mag gut für seine eigene Gefühlswelt sein – und bewahrt Stevens selbst vor musikalischer Retardierung. So liegt die eigentliche Genialität von "Carrie & Lowell" in den prophetischen Zeilen von "I Should Have Known Better" vereint: "I should have known better / nothing can be changed / the past is still the past / the bridge to nowhere."

Trackliste

  1. 1. Death with Dignity
  2. 2. Should Have Known Better
  3. 3. All of Me Wants All of You
  4. 4. Drawn to the Blood
  5. 5. Eugene
  6. 6. Fourth of July
  7. 7. The Only Thing
  8. 8. Carrie & Lowell
  9. 9. John My Beloved
  10. 10. No Shade in the Shadow of The Cross
  11. 11. Blue Bucket of Gold

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3 Kommentare mit 30 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    ich hoere ja gerne leises aus diesem genre (bon iver etc). aber surfan stevens ist einfach so dermassen langweilig.

    • Vor 2 Jahren

      Kann ich so nicht unterschreiben. "Illinoise" immer noch eines meiner Lieblingsalben. Das neue Album ist schon ein paar Mal rotiert, finde ich bisher auch sehr gut. Hat aber tatsächlich auch langweiliges Zeug rausgebracht.

    • Vor 2 Jahren

      Ich mag Michigan, Illinoise und Age of Adz sehr gerne, aber hier würde ich 'reduziert' von meinen bisherigen Eindrücken her auch eher mit 'stinklangweilig' übersetzen.

      Scheint mir allerdings auch ein sehr stimmungssensibles Album zu sein, von daher warte ich bis zum Urteil auf mein nächstes depressives Schübchen...

    • Vor 2 Jahren

      langweilig? also bitte.

    • Vor 2 Jahren

      Sufjan Stevens generell als langweilig zu bezeichnen ist schon ein starkes Stück, bisher gefiel mir jedes Album in das er involviert war und da ich generell immer ein Fan von seinen ruhigeren Sachen war finde ich "Carrie & Lowell" auch sehr gut.
      Ist halt ein Album zum im Bett hören, wenn man keine Lust hat aufzustehen.

    • Vor 2 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 2 Jahren durch den Autor entfernt.

    • Vor 2 Jahren

      Find das ermüdendes, auf Kunst und Anspruch getrimmtes Hipstergeklimper. Death In June, Current 93, Ulver, Tenhi und :Of The Wand And The Moon: sind viel geiler.

    • Vor 2 Jahren

      Rome, Joni Mitchell und die Akustikparts bei Moonsorrow hab ich auch vergessen zu erwähnen.

    • Vor 2 Jahren

      Ich könnte auch sagen ich finde Steven WIlson geiler als Sufjan Stevens, aber wo ist die referenz?

    • Vor 2 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 2 Jahren durch den Autor entfernt.

    • Vor 2 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 2 Jahren durch den Autor entfernt.

    • Vor 2 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 2 Jahren durch den Autor entfernt.

    • Vor 2 Jahren

      Du hast deine Meinung, ist okay, aber ich könnte auch sagen es kommt nie wieder was an Bob Dylan ran, warum sollte ich noch Folk Musik hören.
      Ich kann die Einstellung nicht verstehen warum Leute immer sagen es gibt einen "besseren" Künstler in dem Genre. Letztendlich misst das doch jeder extrem subjektiv, und ich persönlich höre auch gerne mehr als den einen "besten" Künstler aus einem Genre...

    • Vor 2 Jahren

      Open your mind ;-), ich werde mir sicher auch mal Joni Mitchell anhören

    • Vor 2 Jahren

      Joni Mitchell ist auch anspruchsvoll, aber nicht so ein schrecklich bemühtes Geklimper für kleine, schüchterne Mädchen, wie Sun Kil Moon oder Bon Iver oder der ganze Schrott. Früher war das noch wirklich Poesie.

    • Vor 2 Jahren

      Aber ich höre mir Sufjans mal an. Vielleicht kann ich meinen Sturkopf auch mal ablegen.

    • Vor 2 Jahren

      Wer weiß, es bleibt geschmackssache, ich frage mich gerade ob du Sun Kill Moon je gehört hast, oder wie das in einen Satz zu Bon Iver passen soll, immerhin ist das die gleiche Band die in den 90ern noch als Red House Painters unterwegs waren und schüchternes kann ich darin wirklich nciht erkennen (ganz im Gegensatz zu Bon Iver, da kann ich diese Kritik verstehen)

    • Vor 2 Jahren

      Ok. Doofer Vergleich. Die Red House Painters hatten sogar mal ein paar brauchbare Sachen. Seine Folksachen finde ich aber too much. Wird aber nie bis auf Joni Mitchell mein Genre. So als Stilelement find ich's aber gut.

    • Vor 2 Jahren

      Joni Mitchell werde ich mir dann jedenfalls mal anhören, das kann ich schwer vergleichen. Bewusst kenne ich da nichts bis jetzt

    • Vor 2 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 2 Jahren durch den Autor entfernt.

    • Vor 2 Jahren

      Blue, Clouds und die Jazzplatte Mingus sind ihre besten, aber auch die anderen Alben sind super. Es gibt qualitativ wenig Ausfall.

    • Vor 2 Jahren

      Jazz klingt schon mal nach meinem Geschmack, danke für den Tipp!

    • Vor 2 Jahren

      Auf Mingus spielen auch Weather Report als Begleitband. Das muss gut sein.

    • Vor 2 Jahren

      Zumindestens wenn ich grad nicht auf den Bruckner- und Wagner-Trip bin. Das ist Musik die alle Zeit überdauert und auf Genres wie Doom Metal und Thrash Metal einen riesen Einfluss hatte.

    • Vor 2 Jahren

      Auch Empfehlenswert: Simon Joyner, der seinen Alternativ- Folk seit den 90ern im Untergrund durchzieht.

      https://www.youtube.com/watch?v=UVIHZ7_oFAM

    • Vor 2 Jahren

      @ tonitasten: vielleicht solltest du wirklich zuerst das album anhören, bevor du so einen mist verzapfst? ist ja nicht auszuhalten. und dann mit death in june und current 93 vergleichen.
      -
      für mich ist das album das highlight im neuen jahr bisher (trotz der neuen kendrick). die songs gehen einfach alle sehr tief, zudem hat er einfach ein gespür für schöne melodien. sich etwas mit dem hintergrund des albums befassen hilft natürlich. kann aber verstehen, dass das album nicht allen gefällt.

    • Vor 2 Jahren

      Ich hab es sogar gehört. Mir ist das bis auf paar nette Melodien viel zu seicht. Jedem das Seine. Da bleibe ich lieber bei meinen Gothic-Folk-Pappheimern. Chelsea Wolfe gefällt mir momentan da sehr gut (macht aber nicht nur Gothic-Folk).

    • Vor 2 Jahren

      Elliott Smith und Damien Rice find ich in dem Bereich Indie-Folk aber auch ganz gut. Hat bisschen mehr Schmackes.

  • Vor 2 Jahren

    Manche Songs auf dem Album kenn ich von der Werbung der Hypo Vereinsbank, Hamburg Mannheimer oder Sparkasse.

  • Vor einem Jahr

    Das Album ist so langweilig, dafür wäre eine Klage wegen Zwangsbetäubung fällig.
    Hat wieder irgendein Student des Sozialwesens im 93sten Semester hochgeschrieben und alle rennen hinterher.
    Gruselig!