laut.de-Kritik

Der Meilenstein des Neo-Prog kommt zu seiner live-haftigen Würdigung.

Review von

"Snow" markiert für Spock's Beard Alpha und Omega zugleich. Ein Anfang, ohne den die Bärte niemals zu neuen Ufern aufgebrochen wären und Neal Morse keine erfolgreiche Solokarriere gestartet hätte. Dabei steht die Band nach dem Split, der für alle, außer Neal, aus heiterem Himmel kommt, vor dem Aus. Nach der wundersamen Heilung seiner Tochter Jayda zum christlichen Glauben bekehrt, wendet sich Morse fortan dem Diktum zu, das ihm seine innere Stimme, aus seiner Sicht die Gottes, zu erklären sucht.

Sein Wunsch, die Band zu verlassen, um fortan die schon lange unter der Oberfläche brodelnde christliche Gesinnung textlich zu manifestieren, stößt bei seinen damaligen Kollegen auf taube Ohren. Was wenn er einer Schizophrenie aufgesessen sei und sich die Stimme nur einbilde? Auch die zu diesem Zeitpunkt erreichte Karriereleiter ist ein Argument gegen den Ausstieg. Aber Neal Morse lässt sich nicht beirren.

Seine Solokarriere hinterlässt aufgrund seiner unverkennbaren Handschrift einige markante Neoprog-Epen, aber die Genialität, die das Bärte-Kollektiv auszeichnete, bleibt oft aus. Es dauert immerhin fast 15 Jahre bis Morse mit seiner Hintermannschaft (The Neal Morse Band) wieder ein Album veröffentlicht, das den Spirit von "Snow" atmet ("The Similitude Of A Dream").

Auch Spocks Beard können sich in nahezu konstanter Besetzung mit Alan Morse, Ryo Okumoto, Dave Meros und Nick D'Virgilio etablieren, wenn auch nur im Mittelfeld der Neoprog-Liga. Da die Band nicht an einem langjährigen Twist zerfällt, nähern sich die einzelnen Protagonisten immer wieder an, ohne vollständig anzudocken. Auf "Testimony 2"  gastieren Spock's Beard, während Neal Morse auf "X" und "Nocturnes" als Songwriter aushilft und Alan Morse und Nick D'Virgilio als Mitwirkende bei dem 2014 gestarteten Morsefest auftreten.

Diese Institution gestattete es Neal Morse bislang, seine abendfüllenden Konzepte Live aufzuführen. Aufgehübscht mit großer Orchestration und Videoeinspielungen, kann man bereits die 2014er und 2015er-Festivals in der Nachlese bestaunen. Doch wer glaubt, damit sei das Ende der Fahnenstange erreicht, sieht sich getäuscht.

Zu "Snow" gab es seinerzeit keine Tour. Dennoch überraschte die Ankündigung, das Werk beim Morsefest 2016 in Gänze aufzuführen. Dieser 'Once In A Lifetime'-Abend wurde dadurch abgerundet, dass sich Spocks Beard in Originalbesetzung für diesen Abend reformierten, ergänzt mit dem aktuellen Sänger Ted Leonard und dem damaligen Drummer Jimmy Keegan sowie einer kleinen Bläsersektion.

Der Verfasser dieser Zeilen hätte es zwar gerne gesehen, wenn der Auftritt beim Night Of The Prog-Festival veröffentlicht worden wäre. Aber im Vergleich zur Morsefest-Fassung war dieser Gig trotz beeindruckender Kulisse qualitativ unterlegen.

Was bleibt zu "Snow" zu sagen? Das Teil ist ein Meisterwerk. Ein schlüssiges und süffiges Sujet, das Morse' Hinwendung zum christlichen Glauben teilweise offenlegt, aber genügend profane Anknüpfungsmöglichkeiten bietet. Das Epische in der Musik entspringt der leitmotivischen Behandlung wiederkehrender Themen, die in kompakte Songs eingebettet sind.

Der intime Rahmen von Morse' Heimatgemeinde reißt von den ersten Tönen der Ouvertüre mit, die Band präsentiert sich prächtig eingespielt. Kameraführung, Bild und Ton sind state of the art und ebnen die Bühne für das zweistündige Spektakel. Der erste Teil von "Snow" ist ein einziger Rausch. Kürzere Songs aufbauend auf wiederkehrenden Themen halten die Aufmerksamkeit hoch. Was Neal Morse von "Stranger In A Strange Land" bis "Wind At My Back" an Melodie-Einfällen auf seine Fans niederprasseln lässt, gehört mit zum Großartigsten, das die Musikhistorie zu bieten hat, und lässt jeden renommierten Pop-Songwriter vor Neid erblassen. Von hart bis zart und verfrickelt bis straight forward führt die Band durch die Story, wobei jeder Musiker seine Spots erhält und in diesen brilliert.

Nick erweist sich neben seinen famosen Drum-Parts als ausgezeichneter Sänger, der sich ein ums andere Mal mit Neal fantastische Duette liefert. Leonard veredelt den Kracher "The Devil's Got My Throat" mit seiner Sirene und Jimmy Keagan erweist sich als perfekter zweiter Drummer neben D'Virgilio. Müßig zu erwähnen, dass auch die Herren Okumoto, Alan Morse und Dave Meros die perfekte Balance zwischen Spielfreude, Spontaneität und sportlichem Ehrgeiz am Instrument auf die Bühne bringen.

Die zweite Hälfte fällt aufgrund der zunehmenden Sinnsuche etwas zerpflückter und nachdenklicher aus, aber nicht weniger eindringlich als die erste. Visuell mit Lichtshow und Projektionen und tontechnisch von Haus- und Hofproduzent Rich Mouser perfekt in Szene gesetzt, kommt dieser Meilenstein des Neoprog endlich zu seiner live-haftigen Würdigung.

Trackliste

CD1

  1. 1. Made Alive
  2. 2. Overture
  3. 3. Stranger In A Strange Land
  4. 4. Long Time Suffering
  5. 5. Welcome To NYC
  6. 6. Love Beyond Words
  7. 7. The 39th Street Blues (I'm Sick)
  8. 8. Devil's Got My Throat
  9. 9. Open Wide The Flood Gates
  10. 10. Open The Gates Part 2
  11. 11. Solitary Soul
  12. 12. Wind At My Back
  13. 13. Second Overture
  14. 14. 4th Of July
  15. 15. I'm The Guy
  16. 16. Reflection
  17. 17. Carrie

CD2

  1. 1. Looking For Answers
  2. 2. Freak Boy
  3. 3. All Is Vanity
  4. 4. I'm Dying
  5. 5. Freak Boy Part 2
  6. 6. Devil's Got My Throat Part 2
  7. 7. Snow's Night Out
  8. 8. Ladies Ans Gentlemen, Mister Ryo Okumoto On The Keyboards
  9. 9. I Will Go
  10. 10. Made Alive Again
  11. 11. Wind At My Back
  12. 12. June
  13. 13. Falling For Forever

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3 Kommentare

  • Vor 8 Tagen

    Ich wollte gerade Protest einlegen, sehe aber gerade, dass bei meinem Konzert in Paderborn im Oktober 2003 tatsächlich schon die "Feel Euphoria" draußen war. Also tatsächlich keine Tour explizit zu "Snow". Kann mich aber nur an die sachen bis "Snow" erinnern...

  • Vor 8 Tagen

    Übrigens zusammen mit "In Absentia" mein Einstieg in die neue progressive Musik. Zufällig auf einem Eclipsed-Sampler gehört und "Zack" infiziert!

  • Vor 8 Tagen

    Weiß nicht, wie die Bildqualität auf der BluRay ist, aber bei der DVD find ich sie nicht so dolle...Konzert ist aber über alle Zweifel erhaben; unglaublich, dass die Jungs es seit fast 16 Jahren nicht mehr zusammen getan haben