laut.de-Kritik

Wenn sie nicht gestorben sind, langweilen sie noch heute.

Review von

"Es War Einmal". Ja, so fangen sie an, die Märchen. "Prosatexte, die von wundersamen Begebenheiten erzählen", lehrt Wikipedia. "Märchen sind eine bedeutsame und sehr alte Textgattung in der mündlichen Überlieferung." Mündlich überliefert: passt. Sehr alt: passt auch. Um die Bedeutsamkeit ist es bei Silla schon deutlich schlechter bestellt, und wer auf wundersame Begebenheiten wartet, der wartet vermutlich noch heute. Sofern er nicht gestorben ist.

Entweder handelt es sich bei Südberlin um ein sehr, sehr langweiliges Pflaster, oder Silla hat einfach weder das Auge für wundersame Begebenheiten noch die Fantasie, um sich welche auszudenken. Immerhin positiv: Die Berichterstattung aus dem Fitnessstudio, die "Vom Alk Zum Hulk" noch beherrschte, hat er wieder eingestellt. Das sollte doch Kapazitäten freischaufeln, um jetzt etwas zu erzählen, das über Warm-Up, Cardio und Ernährungstipps hinausreicht. Eigentlich.

Den Trainingserfolg trägt Silla gleich im Intro zur Schau, in dem er, flankiert von "Siiillaaaaa" jubilierenden Engelschören mit mordsmäßig breiter Brust aufmarschiert. Schnarrende Drums und johlendes Publikum komplettieren den pompösen Auftritt. Aus diversen Berichten zusammengeschnipselte Beweihräucherungen sollen vermutlich die Relevanz des Protagonisten unterstreichen. Was allerdings eine Einordnung als "vermutlich Deutschlands stärkster Rapper" wert ist, wenn man der Reportage, die sie vornimmt, ihre Hip Hop-Unbelecktheit drei Meilen gegen den Wind anmerkt, entscheide jeder für sich. Vermutlich etwa so viel wie "Sechs Kronen" in einem Magazin, das Wertungen unter vier kaum noch vergibt.

Egal, "Rap ist unser Weg und wird uns leiten". Direkt zurück auf die Straße nämlich, und schwupps sind wir "In Südberlin". "Storys aus dem Kiez gibt es zigtausend", stellt Silla da ganz richtig fest, vergisst darüber aber, ein Argument mitzuliefern, warum man sich seine "Geschichten aus der Gegend, die das Leben schreibt" dann auch noch anhören sollte. Aber wer braucht schon Argumente, "wo der Verstand oft irrt, doch die Gefühle nie". Willkommen im postfaktischen Zeitalter.

Den Verstand gilt es entsprechend bloß nicht überzustrapazieren. Silla verlegt sich entsprechend über weite Strecken auf das Rezitieren alter Weisheiten. "Selbst Ist Der Mann" (denke da wirklich bloß ich an Onanie?) wirkt trotz Fanfaren und Geklacker einigermaßen (gnihihi!) saftlos. "Yeah, ich hab' nichts dazugelernt!" Um darin einen feiernswerten Umstand zu entdecken, muss man vermutlich tatsächlich "Prototyp Neandertaler" sein, gutes Herz hin oder her.

Letzteres will Silla niemand absprechen. Er hat halt bloß nix mitzuteilen, weswegen er, diesmal mit Unterstützung von MoTrip, gleich die nächste Wandtattoo-Weisheit raushaut: "Die Beste Zeit Ist Jetzt". Ach, was. "Das Leben ist nicht fair zu uns gewesen", heult er rum, "doch wir heulen nicht rum." Hö? "Nach den Sternen greifen oder gleich das Ende seh'n / Wir könn' mehr erreichen, wenn wir ..." Na, wer errät es? Richtig: "Wenn wir über Grenzen geh'n."

Abgegriffener gehts kaum, wirrer allerdings schon: In etwa der Hälfte der Zeit habe ich nicht die leiseste Ahnung, was Silla zu sagen versucht. Seine teils wüst ausgewürfelten Thesen passen hinten und vorne nicht zusammen. "Echter Rap gedeiht nicht immer im Block", heißt es in "Aus Gutem Haus". Kurz zuvor noch: "Rap ist, wenn die Straße dich erzieht", etwas später: "Ich war einer von denen, die im Dreck wohnen." Hö?

"Blick zurück, auf eine wundervolle Jugendzeit": Glückwunsch dazu. Nächste Zeile: "Das ganze Scheißleid pack' ich in die Texte." Doppel-Hö? "Verdammt, ich seh' den Sinn nicht!" Ja, Mönsch, ich auch nicht. Macht aber nix, weil ich den Track - zusammen mit allen anderen auf diesem Album - schon vergessen habe, sobald er verklungen ist. Keine Handlung, keine nachvollziehbare Aussage, kein Beat, der irgendetwas Spezielles hätte, das im Gedächtnis bleibt, immer und immer wieder der gleiche Drumsound: Im Grunde ist das einzig Bemerkenswerte an diesem Album der enorme Mangel an Kreativität.

Halt, nein, das stimmt nicht: Ich erinnere mich außerdem an den Gedanken "Ogottogott, auch noch ein Trennungssong!", der mich bei "Aus Den Augen, Aus Dem Sinn" beschlich, an die sich aufdrängende Frage, warum denn bitteschön jede zweite Hookline heute Karen Firlej plärren darf, der neue Moe Mitchell offenbar, und ich erinnere mich an den richtig verzweifelten Wunsch "GEBT MIR DIESE KAREN FIRLEJ ZURÜCK!!!", als in "Über Den Dächern" David Pino losjault.

"Du warst eine Blume, aber Rosen, die verblühen." Im Hintergrund jodelt eine E-Gitarre. Aha. Sowas hören also die harten Rapjungs heute, wenn sie doch einmal weinen müssen? My ass. Wer ist überhaupt dieser Davin Pino jetzt wieder? "David Pino wird als der Newcomer der Deutschen Rock- und Popszene gehandelt." Zumindest von der Taunuszeitung, die schrieb das im Februar 2013. Falls Pino inzwischen seinen Durchbruch gehabt haben sollte: Danke, dass ich den verpassen durfte.

Es gibt wahrhaftig schlechtere Rapper als Silla, dessen Flow hin und wieder an den von Genetikks Karuzo erinnert. In "Ich Habe Torch Enttäuscht" macht er passagenweise sogar ganz brauchbar einen auf Tupac: Rein technisch geht das durchaus klar. Es hilft nur nicht viel, ohne Story und ohne Botschaft.

Der einzige wirklich amüsante Moment auf der ganzen Platte geht bezeichnenderweise auf das Konto eines der zahlreichen Gäste: Vega entert die Szenerie von "NLP (Nique La Police)" mit dem Bembel in der einen und der Glock in der anderen Hand: DAS ist doch endlich einmal ein Bild, das einen so schnell nicht mehr loslässt. Darauf en Schoppe in de Kopp.

Trackliste

  1. 1. Es War einmal
  2. 2. In Südberlin
  3. 3. Selbst Ist Der Mann
  4. 4. Die Beste Zeit Ist Jetzt feat. Karen Firlej
  5. 5. Aus Gutem Haus
  6. 6. Ich Habe Torch Enttäuscht
  7. 7. Aus Den Augen Aus Dem Sinn feat. Karen Firlej
  8. 8. Brennt Die Kirche ab
  9. 9. Tarnfarben feat. Karen Firlej
  10. 10. NLP (Nique La Police) feat. RAF Camora
  11. 11. Kein Ding Dikka feat. Moé
  12. 12. Sechs Kronen
  13. 13. Über Den Dächern feat. David Pino
  14. 14. Home Sweet Home
  15. 15. Gottlos feat. Remoe

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7 Kommentare mit 14 Antworten

  • Vor 11 Monaten

    Technisch auf Tupac sagt schon alles. Das ist wie optisch auf Biggie oder von der Sympathie her P-diddy-esque.

    Kurz: will eigentlich gar nichts mehr zu diesem "Künstler" sagen.

  • Vor 11 Monaten

    Ein völlig irrelevanter DeutschRapper!

    Wer Deutschrap hören will sollte mit folgendem anfangen:

    1. Bushido
    2. Kool Savas
    3. SSIO
    4. Favorite
    5. Haftbefehl
    6. Money Boy
    7. Xatar
    8. Dendeman
    9. DCVDNS
    10. Brutus Brutaloz

    Auf keinen Fall hören würde ich:

    1. Kollegah
    2. Samy Deluxe
    3. Fler (die Kartoffel)
    4. Farid Bang ("Nase")
    5. Die Atzen
    6. Kitty Kat
    7. Orgi 69
    8. Silla
    9. Kay One (VERRÄTER!!)
    10. SunDiego/Spongebozz

  • Vor 11 Monaten

    Ein völlig irrelevanter DeutschRapper!

    Wer Deutschrap hören will sollte mit folgendem anfangen:

    1. Bushido
    2. Kool Savas
    3. SSIO
    4. Favorite
    5. Haftbefehl
    6. Money Boy
    7. Xatar
    8. Dendeman
    9. DCVDNS
    10. Brutus Brutaloz

    Auf keinen Fall hören würde ich:

    1. Kollegah
    2. Samy Deluxe
    3. Fler (die Kartoffel)
    4. Farid Bang ("Nase")
    5. Die Atzen
    6. Kitty Kat
    7. Orgi 69
    8. Silla
    9. Kay One (VERRÄTER!!)
    10. SunDiego/Spongebozz

  • Vor 11 Monaten

    Moment mal: Vega steuert den amüsantesten Moment der Platte bei? Glaube, ich habe noch nie etwas Fieseres von dir gelesen. :lol:

    Für Silla habe ich weder Hate noch wirklich Mitleid übrig, aber es ist schon irgendwie traurig mit anzusehen, wie jemand, der eigentlich im letzten Jahrzehnt durchaus vielversprechend angefangen hat, nun auf einem für ihn immer weiter abflauenden Wellchen in Richtung Altersarmut surft und dabei von der unumgänglichen Autobiografie über das Fitness-Programm bis hin zu erbärmlichen Radio-Hit-Versuchen echt alles probiert. Und jetzt auch noch diese-Restaurant-Geschichte... Oh Mann.

    • Vor 11 Monaten

      tja. ich fand ihn nicht mal vielversprechend. und ich supporte nahezu fast alles, was orgi auch supportet :smug: sogar she-raw
      aber godsillas größte heldentat war tatsächlich der "Kampf" gegen "Panik45" ich glaube, es war panik. irgendwie einer der hellraisas oder deren umfeld. kaisa, der silla ja auch unterstützt, war auch dabei. einerseits silla mit gebrochenem arm und auf der anderen seite ein krasser psychoneger, der irgendwie der dreifache von silla war. aber damals war er ja noch kein fitnessrapper.
      naja, der hat den immer wieder umgeklatscht, silla ist wieder aufgestanden, hat sich noch eine gefangen, ist zu boden gegangen und ist immer wieder aufgestanden um sich wieder eine zu fangen. das video ging nicht lang und damals noch kaisaschnitt musste echt intervenieren, sonst hätte der silla tot geschlagen. aber beeindruckende nehmerqualitäten :uiui: das hat mir echt respekt abgenötigt. wenn ich auch sonst nichts respektiere, was silla so treibt

    • Vor 11 Monaten

      Das Video kennt doch - wie das Strumpfhosenfoto und das Video, wo Sido mit einer etwa 14-jährigen rumleckt - jeder, der damals ein bisschen Berlin-Rap verfolgt und einen Internetzugang hatte. :D

      Ich mochte "Übertalentiert", "Schmutzige Euros" und ein paar andere Releases, die so bis etwa "OrgiAnal Arschgeil" bei ILM erschienen sind, eigentlich ziemlich gern, jedenfalls in meiner Erinnerung. Auch die damalige BMW-Konstellation. Hatte irgendwie einen eigenen Charme im Vergleich zu den da schon oft glatten und austauschbaren Produkten von Aggro und EGJ. Aber das ist halt fast 10 Jahre her und inzwischen kann sich Silla echt mal verpissen.

    • Vor 11 Monaten

      ja :D :D :D ich habs an anderer stelle schon geschrieben... ich finde es erstaunlich, wie hartnäckig sich die karotten-geschichte hält, wo zumindest die chance besteht, dass es nicht stattgefunden hat, während dieses strumpfhosenfoto völlig untergegangen ist... da redet keiner mehr drüber. aber bözemann hatte glaubs damals noch keinen internetanschluss

    • Vor 11 Monaten

      was macht bözemann eigentlich zur zeit (außer ein hurensohn sein)?

  • Vor 11 Monaten

    superwack. deutscher rap is so wack. es ist nicht zu ertragen *loooool*

    • Vor 11 Monaten

      Danke, jetzt muss ich zu diesem Dreck Garnix mehr sagen.
      Wenn Baude nicht gerade wieder in der Vorhölle für Pattex-Freunde gefangen wäre, hätte ich vermutet, dass er neuerdings unter die Faker gegangen ist...so wird es wohl doch nur mal wieder Morphmolti sein. :D

    • Vor 11 Monaten

      molten faket nicht.

    • Vor 11 Monaten

      Stimmt, also war es Morph.
      Der ist mir sowieso schon sehr lange sehr suspekt, so vong Prinzip her.

    • Vor 11 Monaten

      habe ja immer noch den genrefremdi in verdacht, da er nach deinen letzten eskapaden ziemlich whuti wütend war. vllt sollte es dir ein fanal sein, deine oberochsereien mal etwas zurückzufahren!!!

    • Vor 11 Monaten

      Heyyyyy, Leute, ich bims. Wollte nur mal loswerden, dass ich euch alle voll gerne habe und das muntere Zusammensein mit euch genieße.

      Manback ist so ein bisschen der Epileptiker in der Runde und Toriyamafan das langsame Kind der Familie. Aber auch euch beiden kann ich noch was abgewinnen, deswegen beteilige ich mich in der Regel auch nicht am offenen Hate euch ggü.

      Selbst diese speedi-Geschichte war stets einseitig. Habe und hatte noch nie etwas gegen ihn oder seine Beiträge.

      In diesem Sinne: viel Glück dir und deiner Familie, meuri. Scheinst es ja zur Zeit nicht einfach zu haben, doch laut steht hinter dir. Ehrensache.

    • Vor 11 Monaten

      Molten gehören 3/4 aller Accounts dieser Seite.

      Als ob es Craze 2.0 braucht, der Plinsen blamiert sich auch so schon genug.

    • Vor 11 Monaten

      Mundi, du suchst doch nur nach Ablenkung von deinen langweiligen Vorlesungen. Gib dich nicht auf, studier einfach mal was ordentliches. :-)

    • Vor 11 Monaten

      Machs wie unser Freund Harald, studier in Ostdeutschland Ingenieurswissenschaften.

  • Vor 11 Monaten

    Fitnessrap beerdigt und hoffentlich auch die unsäglichen Boxen beerdigt..frage mich ob der Schrott darin ernst gemeint war..ansonsten irre langweiliger Typ der eigentlich nicht mehr genau weiß warum er Musik macht..