Porträt

laut.de-Biographie

Shellac

Man müsste schon lange wühlen in den musikhistorischen Enzyklopädien dieser Welt, um auf eine Formation zu stoßen, die mit dem maximalen Minimalismus von Shellac auch nur annähernd vergleichbar wäre. Doch dazu weiter unten mehr. In Chicago, Illinois finden 1992 alle zusammen: Gitarrist/Sänger Steve Albini und Drummer Todd Trainer schließen sich mit dem wenig später dazustoßenden Bassisten Bob Weston zu einer bloß informell existenten Gruppe zusammen.

Albini? Richtig, da war was. Einer der größten Toningenieure des amerikanischen Indie-Undergrounds – Albini lehnt die Bezeichnung "Produzent" aus politischen Gründen ab -, seit den frühen Achtzigern bekannt durch die Noise-Combos Big Black und Rapeman und später berühmt geworden durch seine Arbeit an Nirvanas "In Utero", ist ein Drittel von Shellac. Dennoch kein lautstarker Bandgründungsmythos, keine Proklamation. Stattdessen Beschränkung in musikalischer wie kommerzieller Hinsicht.

Songs schreiben, spielen und veröffentlichen bedeutet für die drei Akteure vor allem Freizeitgestaltung. Von der tagtäglichen Arbeit im eigenen Kult-Tonstudio Electrical Audio mitunter gestresst, nutzt Workaholic Steve Albini Shellac als weiteres kreatives Ventil. Hier kann er sich zusammen mit dem zweiten Songwriter Weston, der im Übrigen seit der Zusammenarbeit mit Albini selbst zum vielgefragten Tontechniker aufsteigt, nach Herzenslust verausgaben.

Dabei entstehen skelettartig auf das Allernötigste reduzierte Noise-Songs. Reduced to the barebone. Keine Gimmicks, keine Elektronik, keine Strophe-Refrain-Schemata. Nur dieser rough-analoge knochentrockene Sound, den man so auch von ihren Arbeiten außerhalb des Bandkosmos' und von Teilen des Plattenroosters des Hausindies Touch And Go Records kennt. Ungewöhnliche, fast abseitige Taktarten gehören zum festen Repertoire ebenso wie schwere repetitive Riffs, ein überaus kantig-kauziger Gitarrenklang und Albinis surreale bis bissige Lyrics. Lärmender Mathrock zum unter die Haut fahren.

Der Hobbystatus bringt es außerdem mit sich, dass Shellac nichts auf die businessübliche Abfolge von Albumrelease und anschließender Tour geben. "You can expect the band to tour at its usual sporadic and relaxed pace" ist auch schon alles, was auf der Labelwebseite als Bandinfo abrufbar bereitliegt. Man macht eben, wenn Zeit und Lust vorhanden sind. So können dann durchaus sieben Jahre zwischen zwei Erscheinungen vergehen.

Die Zwischenräume füllen sie mit nur zu gerne mit mitunter kuriosen Aktionen abseits von jeglichem Geschäftsgebaren. An Halloween treten sie vermummt als Sex Pistols auf, widmen 2004 dem gerade verstorbenen John Peel spontan eine BBC Session, und wieder ein anderes Mal geben Shellac die Kuratoren der berühmten All Tomorrow's Parties. Dort eröffnet das Trio 2002 jeden Festivaltag höchstselbst mit einem Auftritt - in dem Wissen, dass die meisten Besucher vorrangig für Shellac angereist sind.

Eine bis heute trotz ihrer berühmten Mitglieder noch relativ überschaubare Fanbase verehrt ihre Antihelden auch im neuen Jahrtausend für derartige Aktionen: 1997 senden Albini, Weston und Trainer ein ganz besonderes Dankeschön an persönliche Bekannte. Die erhalten damals ein personalisiertes Exemplar des offiziell nie veröffentlichten Instrumentalalbums "The Futurist". Sämtliche 779 Einzelnamen der Beschenkten prangen seinerzeit auf dem Cover, und für den größtmöglichen Individualismusfaktor kreisen Albini und Co. auf jeder Ausgabe dieser vinylen Super-Limited Edition jeweils denjenigen des Beschenkten mit Filzstift ein. Ein Freundschaftsdienst und keine großen Worte. Darum geht es bei Shellac. Die Indieband als Selbstzweck.

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