21. Oktober 2010

"Raabs Song Contest ist kein Wettbewerb"

Interview geführt von

Auch der Werktag eines Rockstars kann um 10 Uhr beginnen und um 18 Uhr enden. Selig nehmen die Acht-Stunden-Knochenmühle zur Promotion ihres neuen Albums jedoch gerne in Kauf.Als Arbeitsplatz wählen sie einen kleinen, altmodisch-plüschig ausgestatteten Salon, der sich gegenüber des Hotel-Empfangstresens befindet. Sänger Jan Plewka und Gitarrist Christian Neander begrüßen mich freundlich.

Ihr habt ja eine zehnjährige Pause gemacht, bevor 2009 wieder ein Lebenszeichen von Euch kam. Nun konnte es mit einem weiteren Werk anscheinend gar nicht schnell genug gehen. Wie fühlt ihr euch dabei, und warum jetzt zwei Platten hintereinander?

Jan: Wir sind wirklich sehr, sehr zufrieden mit diesem Album. Es war in Sachen Arbeit irgendwie das leichteste Selig-Album, das wir je geschrieben haben. Das liegt sicher daran, dass wir viel aufmunterndes Feedback erfahren haben, was die Aufnahme draußen fürs "Und Endlich Unendlich"-Album anging. Dazu diese enorme Emotionalität bei den Konzerten. Nach all dem, was 2009 und danach passierte, war das wie das Ein- und Ausatmen einer positiven Zeit. Aber die wollten wir nicht für uns allein behalten.

Christian: Als so schnell habe ich das gar nicht im Gefühl. Für uns ist das neue Album irgendwie zwingend nötig gewesen. Es fühlte sich schon richtig gut an, "Und Endlich Unendlich" zu machen. Ich kann mich auch daran erinnern, dass alle regelrecht traurig waren, als wir den letzten Ton dafür einspielten. Wir hätten ohne Pause weiter schreiben, weiter aufnehmen können.

Nach der Veröffentlichung haben wir ein halbes Jahr lang an weiteren Songs geschrieben und sind dann zum Aufnehmen nach Berlin gegangen. Wir hatten ein großes Haus mit separatem Eingang und separatem Ausgang, und das spiegelt sich auch auf der Platte wieder, eben mit dem Intro und Outro. Wir haben dort wie in einer WG gelebt und gearbeitet, praktisch in einem Raum. Mitsamt integrierter Küche und in gewissem Sinn haben wir da drin unsere Musik gekocht.

Trotz des allgegenwärtigen Selig-Stils schleichen sich auf dem neuen Album stärker als zuvor Pop-Elemente ein. In welcher Stil-Ecke seht ihr euch eigentlich selbst, bei all den Schubladen, in die man euch schon gesteckt hat?

Jan: Also, wir sind definitiv eine Rockband. Dort liegen unsere Grundwurzeln und deswegen haben wir uns damals überhaupt auch zusammengetan. Wir waren jung und wollten der Welt zeigen, dass es möglich ist, gute deutschsprachige Rockmusik zu machen, und das haben wir eben mit unseren Mitteln in Angriff genommen. Selig-Musik ist natürlich auch immer so etwas wie eine Art Zeitdokument.

Dann haben wir bei der dritten Platte versucht, den Zeitgeist mit elektronischen Elementen und all dem Zubehör zu übertrumpfen, sind gerade da auch verstärkt in den Pop-Bereich gegangen. Was dann letztendlich aber schiefging. Danach kam die zehnjährige Pause, und jetzt machen wir einfach das, was wir am Besten können. Es hat auch viel mit unterbewusster Inspiration zu tun. Wenn man jetzt auf der neuen Platte zum Beispiel Moog-Sounds hört, die an Pop erinnern, dann kommt die eigentliche Entscheidung dazu aus dem Unterbewusstsein, eben, weil es sich gut anfühlt und anhört.

"Hamburg war und ist eine Rock'n'Roll-Stadt"


Wie lief das eigentlich mit der Teilnahme an Raabs Song-Contest ab? Wird man dafür angesprochen oder meldet man sich selbst an?

Christian: Wir haben darum gebeten teilnehmen zu können, und das klappte auf Anhieb. Der Hintergrund dafür ist: Als Musiker bist du irgendwie immer auf einer Art Reise. Und dabei gibt es eben viele Stationen, an denen man sich eine Extra-Portion Adrenalin abholen kann. Unser Adrenalin-Spiegel war sehr hoch, als wir da auf der Bühne standen. Für uns ist das auch kein Wettbewerb. Da schauen Millionen Menschen zu, das ist es. Der erste oder dritte oder sonstige Platz steht bei so etwas auch nicht im Vordergrund. Das hat alles mehr mit dem Spaßfaktor zu tun.

Hier in Hamburg ist Frank Otto vom Ferryhouse-Label ein bekannter Name, der unorthodox und rührig an die Musikszene herangeht und sich sehr für Kunst und Kultur einsetzt. Er hat vor einiger Zeit in einem Interview die Hamburger Musikszene dahingehend kritisch beleuchtet, dass hier immer weniger stattfindet, was die sogenannte kleine Szene und die kleinen Künstler angeht. Im Gegensatz zu Prestige-Projekten wie die Elbphilharmonie. Liegt aus eurer Sicht tatsächlich so viel im Argen hier?

Christian: Ich glaube, man könnte hier sehr viel mehr machen. Es gibt ja den Pop-Kurs, eine Stiftung von Frank Otto. Wenn der Konzertveranstalter Eventim nicht gewesen wäre, hätte man so etwas schon längst eingestellt, denke ich. Sowas finde ich sehr schade. Wenn man bedenkt, dass gerade Hamburg eine so große Tradition besitzt, angefangen mit den Beatles damals, das war und ist schon eine Rock'n'Roll-Stadt.

Von Seiten der Politik kann man da ganz sicher mehr Akzente setzen. Allerdings kenne ich mich nicht zu 100% aus und weiß nicht, was in dem Bereich von politischer Seite aus so alles geplant ist. Doch was man so hört, geht eher in die Richtung, dass was zugemacht anstatt weiter gefördert wird.

Auch Leute wie Lindenberg sehen diese Entwicklung mit Sorge und haben dazu Stellung bezogen.

Christian: Das ist auch nicht nur auf den musikalischen Bereich bezogen. Es zieht sich über sämtliche Aspekte innerhalb der Kulturszene. Da muss sich Hamburg im Vergleich zu anderen Städten leider momentan etwas hinten anstellen. Die ganzen Künstler gehen momentan einfach lieber nach Berlin, nach Neukölln. Udo Lindenberg hat ja ebenfalls bereits gedroht "Ich verlasse das Atlantic und ziehe ins Adlon!"

Jan: Hamburg muss mit all seinem künstlerischen Potential aufpassen, und sollte - im positiven Sinne - auch gern etwas merkwürdig bleiben. Wie gesagt: Hamburg ist Rock'n'Roll. Aber das muss auch in oberen Führungsetagen so gesehen werden.

"Touren ist ein Schwebezustand"


Eine Sache, die sich in den vergangenen Jahren hier sehr positiv entwickelt hat, ist das Reeperbahn-Festival. Ist das Festival auch für euch interessant oder habt ihr dazu keine Verbindung?

Christian: Doch, in meinem Studio gab es in diesem Rahmen eine Songwriter-Werkstatt.

Jan: Ich bin gern dabei, gerade als Besucher. Ich habe da schon eine Menge tolle Konzerte gesehen. Ein besonderes, persönliches Erlebnis für mich gabs auf dem letzten Festival: Ich ging mit meiner Freundin am Lehmitz vorbei und da spielten sie in einem kleinen Lokal plötzlich "Hey Hey Hey" - also einen Selig-Song. Wir rein, und ich saß da die ganze Zeit grinsend am Tresen und hab' mich einfach nur tierisch gefreut.

St. Pauli oder HSV?

unisono: Beides! Beides! Zweimal erste Liga - was willst du mehr?

Wie versteht man sich eigentlich untereinander, wenn man auf Tournee ist? Gibt es da auf Dauer nicht auch Reibungspunkte?

Jan: Es ist ein Ausnahmezustand. Man kann sich das überhaupt nicht als wirkliches, reales Leben vorstellen, es ist immer wie eine Art Schwebezustand. Und wenn man erstmal begriffen hat, was das für ein großes Geschenk ist, was man damit erhalten hat, dann ist das wie eine heilige Zeit. Da geht man richtig drin auf, wir alle. Und wir lieben es, auf Reisen zu sein. Wir gehören eben zum fahrenden Volk!

Christian: Selig ist kein Klassentreffen, es ist wirklich eher eine Family. Blut ist dicker als Wasser, was uns angeht. Unter Brüdern lernt man es eben, das jeweilige Ego zu akzeptieren. Wir wollen niemanden verbiegen, sondern sehen den jeweils Anderen als eigenständige Person. Wir sind ja alle zusammen älter geworden.

Bei euren Texten habe ich oft den Eindruck von 'Harte Schale - weicher Kern'. Trifft das zu?

Jan: Es geht darum, Empfindungen und Emotionen auszulösen. Ums Erforschen und um all das, was das Leben ausmacht. Das Schönste dabei für dich als Künstler ist, wenn diese Empfindungen auch wahrgenommen werden, und irgendwie auch eine heilende Kraft auslösen. Für das Live-Publikum genauso wie für die Leute, die das zuhause hören. Es ist auch ein bisschen Alchemie dabei. Man muss aus schlechten Zeiten auch gute machen können.

Wer spielt eigentlich die Mundharmonika auf "Wirklich Gute Zeit"?

Christian: Hier! Das war ich. First Take! Das Ganze war sehr spontan. Irgendwann sagte ich: "Stopp mal, haben wir eine Mundharmonika hier? Ich hab' da eine Idee!" Und dann haben wirs gleich in einem Rutsch eingespielt.

Abschließend: Wie seht ihr die Entwicklung deutschsprachiger Musik im Allgemeinen im Vergleich zu eurem Start?

Christian: Es ist wundervoll, was sich getan hat! Damals, als wir angefangen haben, fragten uns die Reporter in erster Linie: "Warum singt ihr nicht auf englisch?". Sowas taucht schon längst nicht mehr auf. Heutzutage ist es möglich, sich in allen Musiksparten in der Muttersprache auszudrücken. Du kannst Rap nehmen, du kannst Drum'n'Bass nehmen, ach, eigentlich alles. Das, was jetzt abläuft, ist im musikalischen Bereich die Welt, von der wir früher geträumt haben. Irgendwie fühlt es sich an, als ob man die eigenen, alten Visionen von damals heute wirklich umsetzen kann.

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