23. März 2009

"Deutsche Texte treffen ins Herz"

Interview geführt von

Wer die Neunziger erlebt und nie zu "Ohne Dich" geweint hat, der hat was falsch gemacht. Ja, die Rede ist von Selig, einer ehedem nicht ganz unwichtigen Rockkapelle aus Hamburg, die sich vor Urzeiten, respektive einer ganzen Dekade, aufgelöst hat.Und nun tatsächlich eine Reunion, noch dazu in Originalbesetzung? Was soll das denn, fragen sich einige, während Fans es kaum erwarten können, Meister Jan Plewka und seine Mannen wieder auf der Bühne zu erleben. Ach ja, ein neues Album ("Und Endlich Unendlich") gibt's obendrein. Nun aber mal Butter bei die Fische: Was ist schief gelaufen damals und woher rührt die neue Eintracht?

laut.de trifft Christian Neander (Gitarre) und Leo Schmidthals (Bass) im Münz Salon in Berlin-Mitte. Das Gespräch findet statt vor einem riesigen, grünen Kamin. Auch wenn dies zu den Temperaturen draußen passen würde, lodert leider kein Holz in dem prächtigen Rauchfang. Von kühler Atmosphäre kann trotzdem keine Rede sein, schließlich sind Christian und Leo stolz wie Bolle aufs vierte Studioalbum. Obwohl wir auch auf Schlaghosen zu sprechen kommen - das unprätentiös-legere Outfit der beiden hat so gar nichts Hippieeskes.

Im Pressetext zur neuen Platte steht: "Das neue Jahr beginnt mit einer musikalischen Sensation." Habt ihr selbst die Reunion als Sensation empfunden?

Leo: Ja, die Sensation ist tatsächlich, dass das geklappt hat. Wir wussten bis zu dem Moment, wo wir Musik gemacht haben, nicht ob das funktioniert. Ob wir noch was zu sagen haben und miteinander musizieren können. Das war wirklich die Sensation auch für uns, dass wir ohne Probleme da weitermachen konnten, wo wir aufgehört hatten.

Christian: Es war ein großes Glück. Jan hatte die Idee und uns angerufen. Dann haben wir uns außerhalb von Hamburg getroffen, ganz konspirativ, und mussten dann sehr viel miteinander sprechen. Es gab schon Sachen, die aufgeräumt werden mussten. Im September 2007 war das und bis Mai 2008 haben wir Gespräche geführt, Emails ausgetauscht. Dann haben wir gesagt: Wenn wir nicht probieren, zu musizieren, dann wissen wir sowieso gar nichts. Wir haben angefangen, alte Sachen zu spielen. Keiner wusste mehr, wie das geht, aber wenn du anfängst, geht es doch. Es war schwer zu verkraften, was da an Bilderfluten und Freude hochkam. Ein Feuerwerk. Ich habe mit vielen tollen Menschen Musik gemacht, aber die Konstellation bei Selig ist was ganz Besonderes.

Leo: Als wir zusammen gespielt haben, kam alles wieder: Bilder, Gerüche, Atmosphären. Es war eine tolle Mischung aus dem Jetzt und der Vergangenheit. Das Gerede vorher war wichtig, weil wir alle Streitigkeiten beseitigt und reinen Tisch gemacht haben. Man konnte sich wieder der Musik widmen. Zuvor aber mussten wir über die Trennung sprechen, auch wenn das nichts mit der Musik zu tun hat.

Damals, Ende der 90er, hieß es, der Erfolgsdruck und Medienrummel hätten zur Trennung geführt. War das so?

Christian: Wir waren einfach süchtig nach Auftritten, ein völliger Rausch, wir wollten die Welt bekehren.

Leo: Das war wie bei einer Droge, wenn du zu viel nimmst. Zu viel Selig.

Christian: Wir haben den Punkt verpasst, wo es zuviel wurde und wir uns tatsächlich ehemäßig auseinander gelebt haben. Wir haben es nicht geschafft, Stop zu sagen und unser Management hat nicht erkannt, dass das eine große Gefahr ist. Und dann war's irgendwann zu spät.

Und nach der Trennung hat jeder erst mal sein eigenes Ding gemacht? Jan hatte sich ja nach Schweden verkrümelt

Leo: Ich hab mich ganz zurückgezogen und andere Musik gemacht.

Christian: Ich war so traurig, dass sich Selig aufgelöst hat, dass ich dem weiter nachgejagt bin und eine andere Band hatte.

Kungfu?

Genau. Mit Tobi und Basti von Seeed. Die Tiefe aber wie bei Selig hat es leider irgendwie nicht gegeben.

"Wir haben damals viele Dinge abgelehnt aus politischer Korrektheit"


Früher hieß es immer, du, Christian, und Jan, ihr wärt die Keimzelle von Selig. Wart ihr beide auch bei der Reunion die treibende Kraft?

Christian: Nein, es war klar, dass wir alles gemeinsam machen. Da sind fünf Menschen, die dafür komplett gemeinsam verantwortlich sind.

Bei aller Freude tauchen im Netz auch Fragen auf wie "Wer braucht denn bitteschön eine Selig-Reunion"?

Leo: Es ist eigentlich ganz einfach: Wenn man es schafft, so eine Energie wieder entstehen zu lassen, wo wir Fünf sagen, das ist ja wirklich toll, dann lohnt sich das. Das haben wir geschafft: Jeder von uns jubelt, hurra, was haben wir für ne' tolle Platte gemacht. Ob die Leute das brauchen, kann ich nicht beurteilen. Für uns ist es ein Gewinn.

Christian: Ob das jetzt die Welt braucht, so weit würde ich nicht gehen. Aber für uns hat es Relevanz, die Platte ist herrlich geworden. Es klingt nach uns. Und es gibt so süße Kommentare zu "Schau Schau" (der ersten Single, Anmerk. d. Red.): "Ich hab im Radio ein Lied gehört, die Musik klang nach Euch, der Sänger klang nach Euch, das seid Ihr!" Das ist total berührend. Und ganz im Ernst: Wir haben mit nichts gerechnet, was bis jetzt passiert ist, ist total abgefahren. Das ist keine Koketterie.

Viele Fan-Kommentare im Netz gehen in die Richtung: Hoffentlich wird es so wie früher. Als gebe es eine Angst, dass ihr euch neu erfindet

Christian: Darum geht es auch gar nicht. Wir klingen einfach so, weil wir so sind. Und das was wir damals waren, hat nicht nur mit dem Sound, sondern auch mit unserer Leidenschaft und Energie zu tun. Dass wir jetzt wieder bemalt mit Schlaghosen da stehen, meinen die Fans wohl auch nicht.

Trotzdem: Welche Rolle spielt die Nostalgie beim neuen Album?

Christian: Überhaupt keine.

Leo: Es geht echt nach vorne. Die Musik ist jetzt entstanden und nicht rückblickend. Und wir haben schon auch Sachen ausprobiert. Auch wenn es nach Selig klingt.

Zum Beispiel?

Leo: "Die alte Zeit zurück" oder "Immer wieder", da geht schon eine andere Welt auf.

Christian: Aber wir können nichts machen. Es klingt dann doch immer irgendwie nach uns.

Gerade der Titel "Die alte Zeit zurück" riecht doch sehr nach Nostalgie?

Christian: Es ist eigentlich eher eine Warnung auch an uns selbst. Dass man Dinge ausprobiert und nicht denkt: Ach, früher war alles so schön.

Leo: Es ist eben nicht so, dass wir uns alte Zeiten zurückwünschen.

Hofft ihr, mit der Platte neue Fans und nicht nur Mittdreißiger zu erreichen?

Christian: Klar! Das wird auch spannend bei den Konzerten. Ich glaube, letztendlich hat Musik immer ne' Chance, wenn sie irgendwie brennt. In manchen unserer Texte spiegelt sich vielleicht nicht gerade das 16-jährige, hungrige Herz, aber Stücke wie "Die alte Zeit zurück" sind vielleicht ein Hinweis: Genauso will ich nicht werden.

In Selig-Porträts taucht meist der Begriff Grunge auf. Habt ihr euch überhaupt je als deutsches Äquivalent zu Bands wie Pearl Jam gesehen?

Leo: Eine gewisse Ähnlichkeit gab's schon. Wir haben damals viele Dinge abgelehnt aus politischer Korrektheit. Da waren wir voll drin. Wir wollten eine bestimmte Größe bei Konzerten nicht überschreiten und keine Absperrungen haben, auch wenn das manchmal blöd war. Man hätte Absperrungen haben müssen.

Christian: Eigentlich war der Grunge-Vergleich der verzweifelte Versuch, uns irgendwie einzusortieren. Natürlich gab es Parallelen: Gitarrenmusik, das Wahrhaftige. Und natürlich haben uns Bands wie Pearl Jam, Soundgarden, Nirvana sehr beeindruckt.

Was habt ihr damals noch alles abgelehnt?

Christian: "Wetten, Dass?", weil wir da nicht live hätten spielen können.

Leo: Das war kategorisch: Wenn wir im Fernsehen nicht live spielen können, dann machen wir's nicht.

Christian: Oder Bravo. Wir haben nur einen Selbstversuch gemacht mit denen. Während des Interviews sind wir nach und nach weggegangen, bis der Typ am Ende alleine da saß. Das war so lustig. Von Anfang an war das total angespannt, weil die wussten, dass wir Bravo scheiße finden. Ein völlig zickiges Ätz-Interview. Für beide Seiten totaler Schwachsinn. Wir haben einiges abgelehnt, unsere Plattenfirma hat total drunter gelitten.

Und wenn Thomas Gottschalk heute anrufen würde?

Leo: Man wäre nicht mehr so: Oh Gott!. Damals waren wir echt extrem.

"Den Hippie-Aspekt gab's auf jeden Fall"


Damals kursierte auch die seltsame Bezeichnung "Hippie-Metal", die angeblich von euch kam. Was war denn bei Selig Hippie und was Metal?

Christian: Den Hippie-Aspekt gab's auf jeden Fall. Das war aber auch eine selbstironische Art, uns zu kategorisieren. Ich find das klingt ganz gut.

Leo: Klingt so nach Happy.

Christian: Happy-Metal genau, mit Anleihen in der Grunge-Ära (lacht ).

Denkt ihr, dass Selig zu einer größeren Akzeptanz deutscher Texte im Rockkontext beigetragen haben?

Leo: Das war damals schon so, dass die Leute uns gefragt haben, warum singt ihr auf Deutsch. Das war was Neues. Es gab die Fantastischen Vier und es gab Nationalgalerie. Jedes Interview kam die Frage: Warum singt ihr auf Deutsch?

Christian: Die beiden Fragen: Wie seid ihr auf den Namen gekommen? Warum singt ihr auf Deutsch?

Leo: Man kann sich die Frage heute kaum noch vorstellen, weil sich das so etabliert hat. Jan hat eine tolle Art, die deutsche Sprache in den Rockkontext einzufügen, ohne dass man darüber stolpert. Wenn Ausländer unsere Sprache hören, denken die ja immer, man streitet sich. Jan arbeitet viel daran, dass das funktioniert.

Zeilen wie "Langeweile besäuft sich" sind ja fast in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen

Christian: Jan fällt das aber nicht nur zu. Er geht die ganze Zeit durch die Gegend und saugt auf. Das ist was ganz Besonderes bei ihm.

"Ich singe nicht von Highways sondern von der Autobahn" soll Jan mal gesagt haben. Muss man sich auch erst mal trauen

Christian: Deutsche Texte treffen dich viel schneller ins Herz.

Wen habt ihr mit der Kombination Rock plus deutsche Texte beeinflusst?

Christian: Silbermond haben gesagt, dass wir eine wichtige Band für sie waren. Das hört man recht häufig.

Habt ihr euch damals bewusst von der so genannten Hamburger Schule um Bands wie Blumfeld abgegrenzt. War euch das zu verkopft?

Christian: Wir waren nie da, immer auf Tour. Im Ernst.

Aber ihr habt das doch mitbekommen?

Christian: Wir haben das vor allem wahrgenommen, weil aus einer bestimmten Szene so komisch über uns geschrieben wurde. Da kam sehr viel Häme.

Leo: Bands aus dieser Richtung nehmen einen Preis an, um den dann abzulehnen. Und wir waren im Grunde genommen viel politischer, nur dass wir das nicht so an die große Glocke gehängt haben. Ich will aber kein altes Fass aufmachen.

Christian: Ich hatte auch das Gefühl, dass das eher von befreundeten Journalisten der Bands kam, als von den Bands selbst. Es gab ein paar Interviewer mit so einer Vorfreude, mit einer Lust, irgendwas zu versenken. Die kamen dann überhaupt nicht klar damit, dass wir nicht völlig stulle sind. Jan hat von einem Schreiber erzählt, der uns schlimm gedisst hat, fast schon als Lebenszweck, der dann irgendwann vor Jan einen Knicks gemacht und gesagt hat: Es tut mir Leid.

Das neue Album knüpft eher an die beiden ersten Platten als an eure dritte an. Habt ihr es bereut, "Blender" gemacht zu haben, es gab einige negative Kritiken?

Christian: Ne, also ich nicht.

(Leo überlegt)

Du guckst so nachdenklich?

Leo: Bisschen bereut vielleicht, dass wir nicht die Pause gemacht haben, die man vor "Blender" hätte machen können. Das hört man der Platte auch an, da ist einfach zu viel Druck auf dem Kessel.

Christian: Es ist eben eine Zustandsbeschreibung. Du kannst immer genau ablesen, wie es uns geht. Die erste Platte: Wir wollen die Welt erobern. Die Zweite: Tournee, Drogen, Miteinander. Und die Dritte: Uns geht’s nicht gut und tschüss.

Leo: Zusammengeschraubtes Sammelsurium, auch wenn tolle Lieder dabei sind. Da haben wir es verpasst, Pause zu machen. Und jetzt haben wir eben zehn Jahre ausgesetzt.

In diesen zehn Jahren habt ihr beide für so verschiedene Leute wie Echt oder Heinz Rudolf Kunze gearbeitet. Wie hat das die Platte beeinflusst?

Christian: Das schlägt sich so nieder, dass man ein Bewusstsein hat dafür, dass wir mit Selig etwas ganz Besonderes haben. Klar, wir haben auch viel gelernt, können jetzt Alben produzieren. Letztlich ist es aber einfach eine Selig-Platte.

Dein Gitarrenspiel erinnert zum Teil an die Red Hot Chili Peppers

Christian: Es gibt zwei Gitarristen, die mich zutiefst berühren: John Frusciante und Hendrix.

Und es stört dich nicht, wenn man sagt, das klingt wie Frusciante?

Christian: Ne, das freut mich.

Seid ihr überhaupt noch eine Hamburger Band?

Christian: Nur ich lebe in Berlin.

Trotzdem habt ihr das Album im Berliner Sommer aufgenommen. Hat das den Sound beeinflusst?

Leo: Auf jeden Fall. Christian hat ein tolles Studio in Berlin. Und wir hatten das Glück, dass wir da Zeit hatten und probieren konnten. Das hat so gebrannt, die fünf Leute zusammen. Und natürlich ist Berlin im Sommer super.

Was erwartet die Fans bei den Konzerten. Werden die alten Schlaghosen ausgepackt?

Christian: Genau, wir werden bemalt sein, freier Oberkörper und Schlaghosen (lacht)

Oder ist das nur ein Klischee, dass ihr früher Schlaghosen anhattet?

Christian: Nein, ne' Zeit lang auf jeden Fall. Wir haben die selbst bemalt. Das war, als Jan die Idee hatte, den Frühling zu begrüßen. Wieder so ein Super-Jan-Schachzug.

Apropos Jan. Wo wir hier unter uns sind: Habt ihr drunter gelitten, dass Jan stets im Mittelpunkt stand?

Christian: Im Gegenteil hab ich mir Sorgen gemacht, ob das für ihn gut ist. Und ich glaube auch, dass wir jetzt alle erschöpfende Interviews geben können.

Stimmt. Vielen Dank!

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