laut.de-Kritik

Der quietschbunte Köpenicker hat wieder voll getankt.

Review von

Die Zöpfe perfekt geflochten, die Bomber sitzt. Fast scheint es so, als wäre Romano nicht knapp zwei Jahre von der Bildfläche verschwunden. Doch als wäre nie etwas gewesen, macht der Köpenicker genau da weiter, wo er aufgehört hat.

Schon nach den ersten zehn Sekunden von "Copyshop" sollte klar sein, dass hier genau dieselbe Sparte bedient wird, die sich Romano mit seiner "Metalkutte" zu eigen gemacht hat. Bounciges Gebrumme trifft auf elipsenartige Sätze, die derart am Rhythmus vorbei vorgetragen werden, dass sie fast wieder den Takt treffen. Die Zöpfe vibrieren im clubtauglichen Bass, während ihr Träger die kleinen Geschichten von den noch kleineren Straßen Berlins erzählt und dabei Hymnen auf seine skurrile Subkultur verfasst. Schnell wird auch deutlich, dass Romano hier seine ganz persönliche Geschichte verarbeitet.

Denn neben Sektorgien auf einem entspannten Piano-Loop an der "Champagner Bar" mit Menschen, die in dem berauschenden Freiheitsgefühl kurz nach der Wende ihre ganz eigene Droge gefunden haben, erzählt der "König Der Hunde" auch nochmal den Fall der Mauer aus eigener Sicht. Statt aufs Klavier setzt Romano auf berstende Bässe im Tokyo Drift-Style, denn nichts liebt dieser Kerl scheinbar mehr als beißende Gegensätze. Möglicherweise erfahrungsbedingt: "In russischen Kasernen gibt's für nen Fuffi Handgranaten / die Eltern arbeitslos auf den Schulungs- und Kaffeefahrten / durch die Fensterritzen dringt ne kunterbunte Welt / vom ersten Westgeld wird ne Couch bei Quelle bestellt".

Selbstverständlich hat Romano auch wieder "Hits" dabei: Der Titelsong schraubt sich schon beim ersten Hören unvergesslich ins Hirn, wobei nicht sicher ist, ob das an dem übermäßig wiederholten Wort "Copyshop" liegt oder an der Ode auf den Ort einer längst vergangenen Zeit, an dem scheinbar nicht nur Papier kopiert wird. "Sag mir was du brauchst, wir ham alles da - Viagra, Placebos, das Rezept von Coca Cola". Oder auch "Anwalt", eine explodierende Eskalation zwischen "Gangnam Style" und "Harlem Shake", der einem zwielichtigen Gesetzesverdreher gewidmet ist: "Glasiger Blick, zurückgegelte Haare / sechsstellige Honorare, Goldkettchen und Hawaiihemd / mein Anwalt, der hat Talent / leicht verschwitzt, kurzer Atem / kommt ganz frisch gebräunt aus den Staaten - do you wanna have fun? Ruf meinen Anwalt an".

Viele Songs wollen offensichtlich gerne an den Erfolg von "Metalkutte" anknüpfen. Vielleicht liegt es aber auch am oftmals monotonen Vortrag Romanos, der es leider kaum schafft, aus seinem relativ simplen Reimschema, geschweige denn aus seinem sehr eigensinnigen Rhythmus auszubrechen. So wird man Songs wie "Copyshop", "Mutti" oder auch "Raupe" schnell überdrüssig, da sie sich stark ähneln.

Dabei hat Romano wirklich interessante Geschichten zu erzählen. Seine Songs handeln ausnahmslos von einem vergessenen Teil der Gesellschaft, der sich seinen eigenen Weg erst suchen muss. Ob der nun richtig ist oder nicht, scheint vollkommen wurst. Überhaupt, was ist schon richtig? Die Ellenbogenmentalität vieler sich gleichender Individuen oder quietschbunte Vögel, die die bedingungslose Liebe in sich tragen? Romano hat sich entschieden: "Ich liebe dich, auch wenn du anti alles bist / du sagst du magst mich nicht, und trotzdem lieb ich dich" ("Ja, Ich Will").

"Copyshop" hat zwei sehr starke Momente. "Nur In Meinem Kopf" erschafft mit langsamen Synthesizern eine düstere Atmosphäre und mündet im miesesten aller Trips: Paranoia. "Geh noch nicht, lass mich nicht allein / ich hab grad voll getankt und starr hypnotisch auf die Einbauwand". Ungebetene Gäste klopfen am Heizungsrohr und kriechen durch die Löcher in der Decke, denen nur mit der hell erleuchteten Taschenlampe beizukommen ist. "Schau in den Spiegel, hab vergessen wer ich bin / seh nur ne hässliche Grimasse, n Portrait mit Latexmaske / in Bad und Küche läuft der Wasserhahn - Waterboarding / kann mich grad nicht bewegen / am Stuhl gefesselt - Stephen Hawking".

Der zweite Moment stellt passenderweise das absolute Gegenstück dazu dar. Zusammen mit Maschine von den Ost-Rockern Puhdys kreiert Romano die (eigentlich ziemlich kitschige) Klavier-Ballade "Karl May". Einen Song über den Schmerz des Erwachsenwerdens, wenn einem bewusst wird, dass der einst so große Held namens Papa kein Häuptling eines Indianerstammes ist, sondern ein alter, wirrer Mann, der soweit weg vom Heldentum ist wie der wilde Westen von Berlin. Doch egal, ob man in Romano nun den großen Häuptling einer eigenen Kultur oder einen verwirrten Alten sieht - authentisch ist er alle mal. Und jemanden, der so sehr sein eigenes Ding lebt, kann man auch irgendwie nur schwer unsympathisch finden.

Trackliste

  1. 1. Copyshop
  2. 2. König der Hunde
  3. 3. Mutti
  4. 4. Champagner Bar
  5. 5. Raupe
  6. 6. Ufo Joe
  7. 7. Ja, Ich Will
  8. 8. Anwalt
  9. 9. Nur In Meinem Kopf
  10. 10. Tourizocke
  11. 11. Karl May

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